Wirtschaftskrieg lässt Auto-Verkäufe in Russland zurückgehen

Von Jan Peters
1. Oktober 2014

Die im Zuge der Ukraine-Krise verhängten Sanktionen gegen Russland und der Krieg im Nahen Osten lassen die deutsche Wirtschaft schrumpfen. Das deutsche Brutto-Inlandsprodukt (BIP) sank im zweiten Quartal um 0,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Auch die Investitionen, die Geschäfts- und Exporterwartungen sanken.

Besonders betroffen ist die Automobilindustrie, die ihre Hoffnungen lange Zeit auf die Märkte in China, den USA und Russland gesetzt hatte, nachdem die Sparprogramme, mit denen die europäischen Regierungen auf die Finanzkrise 2008 reagierten, die europäischen Markt hatten einbrechen lassen. Nun ist der Verkauf von Neuwagen in Russland stark zurückgegangen. Nachdem bereits der Rückgang des Autoabsatzes in Europa Werksschließungen und die Vernichtung von Arbeitsplätzen zur Folge hatte, sind nun in Russland und in Europa erneut Tausende Arbeiter vom Verlust ihres Arbeitsplatzes bedroht.

Die Neuwagenverkäufe in Russland sind im ersten Halbjahr um neun Prozent zurückgegangen. Wegen Reallohnverlusten und dem schwachen Rubel, der seit Jahresbeginn um 20 Prozent abgewertet wurde, können sich viele Russen schlichtweg keinen Neuwagen leisten.

Auf dem russischen Markt verkauft der Hersteller Avtovaz mit seiner Marke Lada die meisten Autos. 2013 waren dies über 456.000 Fahrzeuge, das entspricht einem Marktanteil von 20 Prozent. Lada verliert allerdings seit Jahren an Bedeutung. Im Vergleich zu 2012 fanden 2013 gut 15 Prozent weniger Ladas einen Käufer.

Den zweitgrößten Anteil auf dem russischen Markt hat das Hersteller-Gespann Renault-Nissan, das über direkte und indirekte Beteiligungen auch fast 50 Prozent am Autobauer Avtovaz hält. Im vergangenen Jahr hat Renault über 210.000 Autos in Russland verkauft, was einem Marktanteil von gut acht Prozent entspricht. Zwei südkoreanische Hersteller, Kia (knapp 200.000 verkaufte Autos) und Hyundai (181.000), belegen auf dem russischen Markt die nächsten Plätze.

Nach Überzeugung des Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer wird sich der russische Automarkt noch schlechter entwickeln als zu Beginn des Jahres: „In Russland muss man mit gut 20 Prozent Markteinbruch in der zweiten Hälfte des Jahres rechnen.“

Der PKW-Absatz aller deutschen Hersteller schrumpfte in Russland bis Ende Juli um 14 Prozent auf gut 286.000 Einheiten. Volkswagen will die Jahresproduktion in seinem Werk Kaluga, das 190 Kilometer südwestlich von Moskau liegt, von geplanten 150.000 auf 120.000 Fahrzeuge zurückfahren. Dort werden die Modelle Polo, Tiguan, Skoda Fabia und Octavia produziert. Die Opel-Group, zu der jetzt auch Chevrolet gehört, hat ebenfalls Verluste zu verzeichnen. Opel verlor bis Ende Juli dieses Jahres 17, Chevrolet 23 Prozent.

Die Opel-Gruppe beschäftigt in Russland etwa 4.000 Arbeiter, davon knapp 2.000 in St. Petersburg. Dort will Opel rund 500 Arbeitsplätze abbauen, da die Verkäufe des Opel Astra und des Chevrolet Cruze rückläufig sind. Den Arbeitern will Opel freiwillige Abfindungsangebote anbieten. Andere Fahrzeuge der GM-Gruppe kommen aus den Werken der russischen Partner Avtotor und GAZ in Kaliningrad und Nischni Nowgorod. Opel unterhält auch ein Joint Venture mit Avtovaz. So wird der Chevrolet Niva im Hauptsitz von Avtovaz in Togliatti hergestellt.

Wegen dem Wirtschaftskrieg zwischen Russland auf der einen und der Europäischen Union und den USA auf der anderen Seite ist davon auszugehen, dass noch mehr Arbeitsplätze in der Automobil- und der Zulieferindustrie in der EU vernichtet und nach Russland verlagert werden. In den letzten Jahren geschah dies vor allem, weil man durch die Produktion vor Ort Zölle umgehen und die schlechten Arbeitsbedingungen und niedrige Bezahlung der russischen Autoarbeiter ausnutzen wollte.

Nun reagieren die Hersteller zusätzlich auf den sinkenden Wechselkurs des Rubels. Seine Abwertung veranlasst die ausländische Autoindustrie, mehr in Russland zu produzieren, da der Einkauf jenseits der Grenze immer teurer wird und es daher günstiger ist, von inländischen Zulieferern mehr Komponenten zu beziehen. Bruno Ancelin, Vertreter des Avtovaz-Großaktionärs Renault, erklärte dazu: „Die Abwertung des Rubels zwingt uns, die Lokalisierung zu verstärken.“

Nach Unternehmensangaben produziert die Opel-Gruppe beispielsweise schon jetzt rund 90 Prozent der Autos, die in Russland verkauft werden, auch im Land.

Sonderwirtschaftszonen spielen in dieser Hinsicht eine wichtige Rolle. Ende August wurde in der Sonderwirtschaftszone Alabuga in Tatarstan, etwa 1.000 Kilometer östlich von Moskau, ein großes Investitionsprojekt in Betrieb genommen. Dort werden im Auftrag von Ford Soller, einem Joint Venture des amerikanischen Autoherstellers und der russischen Soller-Gruppe, und dem türkischen Unternehmen Coskunoz Karosserieteile gefertigt. Eine weitere Sonderwirtschaftszone soll im Fernen Osten eingerichtet werden. Hier soll ein Joint Venture von Mazda und der Soller-Gruppe die Produktion von Mazda-Modellen übernehmen.

Der Vorsitzende des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft, Eckhard Cordes, zeichnete schon vor drei Monaten im Zeit-Online-Interview ein düsteres Bild der wirtschaftlichen Aussichten: „So massiv hätte ich die Eintrübung nicht erwartet. Die deutschen Ausfuhren in die Ukraine und nach Russland sind in den ersten vier Monaten des Jahres eingebrochen. Der Export in die Ukraine ging um rund ein Drittel zurück, was 500 Millionen Euro entspricht. Die Ausfuhren nach Russland sanken um 14 Prozent oder 1,7 Milliarden Euro.“

Auf die Frage, wie viel Arbeitsplätze dies in Deutschland gefährde, sagte er: „Wenn sich das Jahr so weiterentwickelt wie bislang, können 25.000 Stellen in Gefahr sein. Das dürfte querbeet alle Branchen betreffen – von der Automobilindustrie bis zum Maschinenbau.“

Noch schlimmer wird es kommen, wenn EU und USA weiter den Konflikt mit Russland schüren und den Wirtschaftskrieg verschärfen. Der russische Präsident Wladimir Putin hat bereits harte Gegenmaßnahmen angekündigt. Sein Berater Andrej Beloussow erklärte, dass ein Sanktionspaket in der Schublade liege, darunter befinde sich auch die Überlegung, die Einfuhr von Autos aus dem Westen zu begrenzen. Bereits Anfang August hatte Russland in einer ersten Antwort auf die Sanktionen einen Einfuhrstopp für westliche Lebensmittel verhängt.

Obwohl Deutschland, Europa und die USA vereint gegen Russland agieren, wachsen die Spannungen zwischen ihnen aufgrund unterschiedlicher wirtschaftlicher und geopolitischer Interessen.

Die Unternehmensberaterfirma Roland Berger gelangte in einer ausführlichen Analyse vom September 2014 zum Schluss, dass die Auswirkungen der Wirtschaftssanktionen Deutschland am härtesten träfen, da Russland für Deutschland der elftwichtigste Handelspartner sei.

Mit annähernd 77 Milliarden Euro lag das deutsche Handelsvolumen mit Russland 2013 etwa halb so hoch wie das Handelsvolumen mit Frankreich (164 Mrd. Euro), China (141 Mrd. Euro) oder den USA (137 Mrd. Euro). Die Exporte nach Russland machten mehr als drei Prozent der deutschen Gesamtexporte aus. Auch für die EU sei Russland wichtig. Die USA seien dagegen „von den Sanktionen praktisch überhaupt nicht betroffen, was auch ihre harte Haltung im Sanktionsstreit erklärt“.