Perspektive

US-Armee entwirft Blaupause für dritten Weltkrieg

Amerikanische Politiker und Medien stecken im Moment in einer Debatte mit zunehmend scharfem Ton über die Strategie, die im jüngsten US-Krieg im Nahen Osten zur Anwendung kommt. In dem Zusammenhang hat die United States Army ein neues Dokument mit dem Titel Army Operating Concept (AOC) herausgebracht, das eine „Vision künftiger bewaffneter Konflikte“ darlegt.

Dieses Dokument hat äußerst bedrohliche Implikationen. Es ist das jüngste in einer ganzen Reihe, in denen das Pentagon die Präventivkriegsstrategie ausarbeitet, die 1992 enthüllt worden war. Damit ist der Einsatz von Krieg als Mittel zur Zerstörung potentieller geopolitischer und ökonomischer Rivalen gemeint, bevor diese mächtig genug werden, um der amerikanischen Vorherrschaft auf dem Globus gefährlich zu werden.

Das neue Dokument wurde auf der Konferenz der Association of the United States Army (AUSA) in dieser Woche offiziell vorgestellt. Auf dieser Konferenz kommen jedes Jahr hohe Offiziere und Vertreter des Verteidigungsministeriums zusammen, halten Reden und führen Podiumsdiskussionen. Begleitet wird das Ganze von einer riesigen Waffenverkaufsshow der Rüstungsproduzenten, die ihre neuesten Waffensysteme vorstellen und um lukrative Aufträge des Pentagon buhlen.

Düstere Warnungen begleiteten die diesjährige Tagung, weil die Sequesterkürzungen eine Verringerung der Truppenstärke bewirken könnten. General Raymond Odierno, Stabschef der Armee, sagte am Montag auf der AUSA-Konferenz zu Reportern, er beginne, „sich über unsere Gesamtstärke Sorgen zu machen“, und bedaure inzwischen, dem Kongress 2012 gesagt zu haben, die Armee könne mit 490.000 aktiven Soldaten auskommen.

Neben den 490.000 Aktiven gibt es 350.000 Nationalgardisten und 205.000 Reservisten. Daraus ergibt sich eine Gesamttruppenstärke von weit über einer Million Soldaten, was vom Pentagon als die „Total Army“ bezeichnet wird. Die Antwort auf die Frage, warum General Odierno eine solche gigantische Truppe als unzureichend betrachtet, findet sich in dem neuen Army Operating Concept (AOC), einem verantwortungslosen und gefährlichen Dokument, das eine Strategie des totalen Kriegs auf dem ganzen Planeten beschreibt, inklusive in den Vereinigten Staaten selbst.

In Bezug auf die aktuelle Debatte über “Bodentruppen” macht das Dokument klar, dass eins für die oberste Heeresführung außer Frage steht: Bodentruppen werden zum Einsatz kommen, und zwar massenhaft.

Gleich zu Beginn erklärt das AOC seine “Vision” der von der Armee in den kommenden Jahren zu führenden Kriege. Im Stil des ehemaligen Verteidigungsministers Donald Rumsfeld über die „unbekannten Unbekannten“ heißt es in dem Dokument: „Die Armee wird in unbekannter Umgebung operieren. Der Feind ist unbekannt, die Geographie ist unbekannt und die Koalitionen sind unbekannt.“

Die einzige logische Erklärung für dieses paranoide Szenarium ist, dass jedes Land außerhalb der eigenen Grenzen als potentieller Feind betrachtet wird. Ausgehend von der Prämisse, dass die Umgebung, die Feinde, die Geographie und die Koalitionen künftiger Kriege unbekannt seien, braucht die amerikanische Armee eine Strategie für Krieg gegen alle Länder und alle Völker. Diese Strategie leitet sich von dem unausgesprochenen, zugrunde liegenden Imperativ ab, dass der US-Imperialismus die Hegemonie über den ganzen Planeten, seine Märkte und Reichtümer ausübt, und dass er bereit ist, jeden Rivalen zu vernichten, der ihm im Weg steht.

In dem Dokument heißt es unverblümt, der “Charakter bewaffneter Konflikte“ werde in erster Linie von „Veränderungen in der geopolitischen Landschaft aufgrund von Konkurrenz um Macht und Reichtum“ abhängig sein. Solche Kriege um imperialistische Vorherrschaft sind für die Armeeführung ausgemachte Sache.

Das strategische Ziel der Armee ist laut dem Dokument “überwältigende Überlegenheit”, die es als „Anwendung von Fähigkeiten oder den Einsatz von Methoden“ definiert, „die es einem Gegner unmöglich machen, effektiv zu reagieren“.

Was sagen diese Worte aus? Im Fall einer Konfrontation mit einer anderen Nuklearmacht bedeuten sie eine Erstschlags-Doktrin mit Massenvernichtung. Im Fall der Unterwerfung und Beherrschung anderer Weltgegenden bedeuten sie massive Bodeneinsätze, um breiten Widerstand zu unterdrücken und eine militärische Besetzung zu erzwingen.

Es ist bezeichnend, dass nach mehr als zehn Jahren von “globalem Krieg gegen den Terror”, in dem der Kampf gegen die angeblich allgegenwärtige Bedrohung durch al-Qaida die vorrangige Mission des amerikanischen Militär- und Geheimdienstapparats war, die „transnationalen Terrororganisationen“ weit unten auf der Liste der Armee-Prioritäten auftauchen.

An erster Stelle stehen konkurrierende Mächte, mit China an der Spitze und Russland an zweiter Stelle. Im Fall Chinas äußert sich das Dokument ernsthaft besorgt über die „Modernisierungsbemühungen der Streitkräfte“ dieses Landes. Diese zielen nach Aussage des Dokuments darauf ab, „Stabilität entlang seiner Peripherie zu bewahren“. Das zu verhindern, ist das amerikanische Militär entschlossen. Chinas militärische Bemühungen, heißt es, „beleuchten die Notwendigkeit von weit vorne positionierten und regional engagierten Armeeeinheiten“ und von „Armeeeinheiten mit Boden-Luftfähigkeiten und Fähigkeiten in den Bereichen, Marine, Weltraum und Cyberspace“.

Auf der Grundlage der jüngsten Ereignisse in der Ukraine beschuldigt das Dokument Russland der Entschlossenheit, sein Territorium auszudehnen und seinen Einfluss auf der eurasischen Landmasse geltend zu machen. D.h. es beschuldigt Russland genau der strategischen Ziele, die der amerikanische Imperialismus selbst verfolgt. Nur eine machtvolle Stationierung amerikanischer Bodentruppen könne russisches „Abenteurertum“ in die Schranken weisen, „nationale Macht etablieren und Einfluss in politischen Konflikten ausüben“.

Als nächstes knöpft sich das Papier “regionale Mächte“ vor, als erstes den Iran. Auch dieser wird beschuldigt, „sein Militär umfassend zu modernisieren“. Wie es im Dokument heißt, hätten „die iranischen Aktivitäten zusammengenommen das Potential, die regionalen Ziele der USA zu stören“, d.h. sie beeinträchtigten die unangefochtene US-Hegemonie im Nahen Osten und über seine Energiereserven. Die iranischen Aktivitäten, so die Schlussfolgerung, „heben die Notwendigkeit hervor, dass die Armee im Feld effektiv bleibt gegen Nationalstaaten wie auch gegen Netzwerke von aufständischen Guerillaorganisationen“.

Das Dokument beschränkt seine “Vision” von zukünftigen militärischen Operationen nicht auf Kriege im Ausland, sondern schließt auch die Notwendigkeit ein, „auf Krisen in der Heimat zu reagieren und sie zu kontrollieren“. Solche Szenarien beschreibt es als „ein einzigartiges Einsatzgebiet für die Vereinten Streitkräfte und die Armee“. Die Mission der Armee innerhalb der Vereinigten Staaten umfasst, so das Dokument, „Unterstützung der zivilen Behörden im Verteidigungsfall“.

Das AOC-Dokument ist ein drastischer Beleg dafür, dass das Militär Amok läuft. Diese strategischen Konzeptionen beinhalten weit fortgeschrittene Vorbereitungen auf einen dritten Weltkrieg. Verbunden ist das mit der Errichtung einer Militärdiktatur in den USA selbst in allem, nur nicht dem Namen nach.

General Odiernos Klagen über die Truppenstärke werden sich nicht mit ein paar kleineren Korrekturen am Budget des Pentagon durch den Kongress aus der Welt schaffen lassen. Die Kriegsführung, die die Armee im Auge hat, wird sich ohne eine massive militärische Mobilisierung nicht realisieren lassen. Sie erfordert die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht.

Schon die Gründer der Vereinigten Staaten hatten wiederholt ihr Misstrauen in eine stehende Armee zum Ausdruck gebracht. Das Militär in seiner heutigen Form und seine Pläne für globale Kriegsführung ist eine entsetzliche moderne Realisierung ihrer schlimmsten Alpträume. Das in Kraft-Setzen dieser Doktrin des totalen Kriegs ist vollkommen unvereinbar mit demokratischen Rechten und einer verfassungsmäßigen Regierung in den Vereinigten Staaten. Es erfordert die Unterdrückung jeder politischen Opposition und aller sozialen Kämpfe der amerikanischen Arbeiterklasse.

Im politischen Establishment der USA und seinen beiden Parteien existiert keine einzige ernsthafte Opposition, die sich dagegen wehrt, dass die Militarisierung des Lebens in der so genannten „Heimat“ zur letzten Konsequenz getrieben wird. Die zivile Kontrolle über das Militär ist inzwischen ein toter Buchstabe. Die Politiker beugen sich regelmäßig den Generalen, in der Außen- wie in der Innenpolitik.

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