Ebola in Amerika

17. Oktober 2014

Jede neue Entwicklung in dem Ebola-Ausbruch in den Vereinigten Staaten enthüllt nur noch deutlicher den inkompetenten, gleichgültigen und verantwortungslosen Charakter der offiziellen Reaktion Amerikas auf diesen nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation "fraglos schwersten akuten Gesundheitsnotfall in der modernen Geschichte".

Am Mittwoch gaben amerikanische Regierungsvertreter bekannt, dass eine zweite Krankenschwester des Texas Health Presbyterian Hospital, die an der Behandlung des verstorbenen Ebola-Patienten Thomas Eric Duncan beteiligt war, positiv auf die Krankheit getestet worden ist. Nachdem sie der Krankheit ausgesetzt war, durfte sie noch zweimal in einem kommerziellen Passagierflugzeug von Dallas nach Cleveland und zurück fliegen. Anschließend meldete sie, sie habe während des Rückfluges Fieber gehabt.

Am Dienstag enthüllte die National Nurses United, die größte Pflegergewerkschaft in den USA, dass die Schwestern im Krankenhaus von der Verwaltung die Anweisung bekommen hatten, den gebürtigen Liberianer Duncan mit teilweise nicht verhüllten Gesichtern und Hälsen zu pflegen. Sie wurden angewiesen, die unzureichende Schutzkleidung durch medizinisches Klebeband über ihre enthüllte Haut auszugleichen.

Trotz Protesten der Schwestern wurde Duncan stundenlang in einem gemeinsamen Wartebereich mit anderen Patienten untergebracht, die sich möglicherweise bei ihm hätten anstecken können. Seine Laborproben gingen ungeschützt durch das Rohrpostsystem des Krankenhauses und haben möglicherweise das ganze System verseucht. Die Schwestern, die Duncan mit unzureichender Schutzkleidung behandeln mussten, sollten danach ihren normalen Dienst im Krankenhaus verrichten und haben damit möglicherweise andere Patienten infiziert.

Diese empörenden Verstöße gegen grundsätzliche Ebola-Eindämmungsprotokolle geschahen, nachdem Duncan ein zweites Mal im Krankenwagen eingeliefert worden war, da Familienmitglieder den Verdacht hatten, er habe sich mit der Krankheit angesteckt.

Am Mittwoch reagierte Präsident Obama auf wachsende Besorgnis und Kritik, indem er einen Fototermin mit Vertretern seines Kabinetts inszenierte, darunter mit Verteidigungsminister Chuck Hagel und der nationalen Sicherheitsberaterin Susan Rice. Er gab eine kurze, oberflächliche Erklärung ab und beantwortete keine Fragen der Presse - ein eindeutiger Versuch der Schadensbegrenzung.

Man darf nichts, was Obama oder ein anderer Regierungsvertreter sagt, glauben. Ihnen ist es am Wichtigsten, ihre Verantwortung für die Katastrophe zu vertuschen, nicht jedoch, das zu tun, was notwendig ist, um die Bevölkerung zu schützen.

Die ersten bekannten Opfer der Nachlässigkeit der Krankenhausleitung und der Regierung sind die Pflegerinnen und Pfleger, deren Leben leichtsinnig aufs Spiel gesetzt wurde. Die Gleichgültigkeit gegenüber der Sicherheit und Gesundheit dieser Arbeiter zeigt, wie viel der herrschenden Klasse am Wohlergehen der Gesamtbevölkerung gelegen ist.

Dies ist nicht das erste Mal, dass ein Notfall die Tatsache enthüllt, dass die Gesundheit und die sozialen Bedingungen der breiten Bevölkerung für diejenigen, die in Amerika wirtschaftliche und politische Macht haben, völlig ohne Belang sind.

Die faktische Zerstörung einer amerikanischen Großstadt durch Hurrikan Katrina vor neun Jahren hat enthüllt, dass keinerlei Vorsichtsmaßnahmen zur Bewältigung der Auswirkungen einer schweren Überschwemmung in einer Region bestanden, die in der Vergangenheit immer wieder unter Wasser gestanden hatte, oder um das Leben der Arbeiter von New Orleans zu schützen. Die Katastrophe selbst hatte deutlich schockierende Armut enthüllt und die verspätete, planlose und völlig unzureichende Reaktion der Regierung führte zu fast zweitausend Todesopfern.

Nur fünf Jahre später hat die massive Ölpest im Golf von Mexiko, die durch die Explosion der Bohrinsel Deepwater Horizon ausgelöst wurde, wieder einmal die kriminelle Nachlässigkeit der Konzerne und die Komplizenschaft der Regierung enthüllt. BP hatte diese Katastrophe durch Einsparungen und unsichere Methoden selbst verschuldet, und die staatlichen Regulierungsbehörden hatten das Unternehmen dabei unterstützt. Die Verantwortung für die Beseitigung der Ölpest wurde dem Unternehmen übertragen, das überhaupt für die Katastrophe verantwortlich war.

Dazwischen und seither gab es zahllose Explosionen von Werken, Brände, Bergwerksunglücke und Industrieunfälle in Städten in ganz Amerika.

Die herrschende Klasse Amerikas und ihre politischen Strohmänner wie Obama sehen Fragen nach der Sicherheit und dem Wohlergehen der amerikanischen Bevölkerung als Ärgernisse. Sie hindern die Wirtschaft daran, noch größere Gewinne zu machen, und die Reichen und Superreichen, noch größere Vermögen anzuhäufen.

Wie jeder andere Aspekt der sozialen Infrastruktur Amerikas wurde auch das Gesundheitssystem durch jahrzehntelange Haushaltskürzungen und Profitabschöpfung der Pharma- und Versicherungskonzerne und der Krankenhausketten geschwächt.

Es war zwar seit Jahrzehnten bekannt, dass ein Ausbruch von Ebola in den USA möglich wäre, aber es wurde nichts unternommen, um sich angemessen darauf vorzubereiten. Kein Impfstoff wurde produziert. Stattdessen wurden die Mittel, die gebraucht würden, um Probleme im Gesundheitswesen anzugehen, für Kriege und Eroberungen im Ausland ausgegeben, um die amerikanische Finanzaristokratie noch reicher zu machen.

Anfang der Woche erklärte die Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation, Margaret Chan, der Grund, warum noch kein Impfstoff gegen Ebola entwickelt wurde, sei, dass "eine vom Profit motivierte Industrie nicht in Produkte investieren kann, für die die Märkte nicht zahlen können."

Dr. Francis Collins, der Vorsitzende des amerikanischen nationalen Gesundheitsamts National Institute of Health, sagte der Washington Post, es könnte bereits einen Impfstoff gegen Ebola geben, wenn es im Bereich der medizinischen Forschung keine Kürzungen in Milliardenhöhe gegeben hätte.

Diese Katastrophen enthüllen nicht nur den Bankrott und das Versagen einer Regierung, sondern des kapitalistischen Profitsystems selbst. Die Unterordnung aller sozialen Bedürfnisse, darunter des Gesundheitswesens, unter das Profitstreben der Konzerne und der geldgierigen herrschenden Elite, sowie die irrationale Spaltung der Welt in rivalisierende Nationalstaaten, macht die rationale und gesellschaftlich vorteilhafte Entwicklung und den sinnvollen Einsatz der Produktivkräfte unmöglich. Stattdessen konzentriert sich in den Händen einiger Weniger ein obszöner Reichtum, während den Massen grundlegende Sozialleistungen gestrichen werden und die Armut steigt.

Ein ernsthafter Kampf gegen die Ausbreitung der Ebola-Epidemie in Afrika und ihre Ausbreitung in die USA oder andere Länder erfordert:

* Die Einrichtung eines internationalen Teams aus Ärzten, Wissenschaftlern und Gesundheitsexperten, das den von Konzernen beherrschten Regierungen die Kontrolle über die Reaktion auf die Krise entzieht. Dieses Team wird einen weltweiten Plan entwickeln und muss alle notwendigen Ressourcen haben - egal wie viele Milliarden Dollar dies sein werden - um alle bereits Infizierten zu behandeln und die Ausbreitung der Krankheit zu verhindern.

*Ein staatlich finanziertes Forschungsprogramm, das völlig unabhängig von den Profitinteressen der Gesundheitsindustrie, der Pharmakonzerne und der großen Versicherungskonzerne ist, um einen Impfstoff gegen Ebola möglichst schnell zu entwickeln und erhältlich zu machen, als ersten Schritt zur Ausrottung dieser und anderer Infektionskrankheiten, die mit Armut verknüpft sind.

Das ist nicht nur eine wissenschaftliche Aufgabe. Es ist eine politische Frage.

Es ist notwendig, die angemessenen Schlüsse aus dem Ebola-Ausbruch und den Katastrophen zu ziehen, die ihm vorausgingen. Die Durchsetzung einer rationalen und menschenwürdigen Antwort auf die Ebola-Krise, wie auf alle anderen sozialen Übel, die einer Gesellschaft innewohnen, die auf Ausbeutung basiert, erfordert einen Kampf der Arbeiterklasse zur Umgestaltung der Gesellschaft auf sozialistischer Grundlage. Statt privatem Profitstreben müssen die gesellschaftlichen Bedürfnisse befriedigt werden. Dazu gehört auch, das Profitmotiv aus der Medizin auszuschließen und allen Menschen das soziale Recht auf eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung zu garantieren.

Andre Damon

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