13 Millionen Menschen in Deutschland sind armutsgefährdet

Jeder Sechste in Deutschland gilt als armutsgefährdet. Das entspricht 16,1 Prozent der Bevölkerung wie das Statistische Bundesamt gestern mitteilte. Bei Alleinerziehenden sind sogar 35,2 Prozent von Armut gefährdet und bei Alleinlebenden sind es 31,9 Prozent.

Als armutsgefährdet gilt, wer inklusive staatlicher Sozialleistungen, wie Kinder- oder Wohngeld weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens der Bevölkerung des Landes zur Verfügung hat. In Deutschland beginnt Armut bei einem Haushaltsnettoeinkommen von 979 Euro im Monat für einen Einzelhaushalt und bei 2056 Euro für eine Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren.

Im gleichen Jahr stieg der Anteil der von Armut betroffenen Kinder in Deutschland in der Altersgruppe unter 15 Jahren auf 15,7 Prozent. 1,64 Millionen Jungen und Mädchen in Deutschland sind auf Hartz IV angewiesen.

Ein Bericht des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen UNICEF von dieser Woche zeigt außerdem, dass 76,5 Millionen Kinder in den reichen Ländern (dazu zählen die Länder der OECD und der Europäischen Union) in Armut leben. Damit hat die Zahl der in Armut lebenden Kinder in den genannten Ländern seit Beginn der Finanzkrise im Jahr 2008 um 2,6 Millionen zugenommen.

Nach einem Bericht des Berliner Tagesspiegel müssen 2,35 Millionen Menschen in Deutschland neben ihrem Hauptberuf noch einen Minijob ausüben, um über die Runden zu kommen.

„Arm trotz Jobwunder“ titelt die Berliner Zeitung und berichtet, dass sich das Phänomen „working poor“ rasch ausbreitet. Deutschland hat seit der Einführung der so genannten Arbeitsmarktreformen durch die rot-grüne Bundesregierung vor zehn Jahren einen rasch wachsenden Niedriglohnsektor. Viele Menschen sind prekär beschäftigt. So sind Arbeitnehmer mit einer befristeten Stelle sehr häufig armutsgefährdet, hier liegt der Anteil bei 17 Prozent, erläutert der Forscher Eric Seils von der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, der Daten von Eurostat ausgewertet hat.

Auch viele Schein-Selbstständige sind armutsgefährdet, die beispielsweise am Bau tätig sind, in sozialen Einrichtungen oder in der Medienbranche arbeiten. Für viele dieser prekär Beschäftigten ist es äußert schwierig auch nur das Nötigste für den Lebensunterhalt zu finanzieren. Oft reicht es kaum für die Krankenversicherung, von einer Altersvorsorge ganz zu schweigen.

Nach einer Studie des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes liegt der Anteil der Nichtsparer bei denjenigen, die weniger als 1000 Euro monatlich zur Verfügung haben bei über 50 Prozent. Bei einer kürzlichen Umfrage sagten 16 Prozent der Befragten, dass sie finanziell nicht dazu in der Lage seien Geld zurückzulegen.

Während sich die Angst, in Armut abzurutschen, in immer weiteren Kreisen der Bevölkerung ausbreitet, können sich die oberen zehn Prozent über wachsende Einkommen und Vermögen freuen.

Anders als bei den unteren Einkommensschichten werden die oberen zehn Prozent allerdings nicht korrekt in den Statistiken erfasst. Die Daten über die Einkommensungleichheit beruhen meistens auf der Datenbank des Sozio-ökonomischen Panels des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung sowie freiwilligen Haushaltsbefragungen der Europäischen Zentralbank. Personen mit hohem Einkommen und Vermögen sind aber selten bereit, ihr Einkommens- und Vermögenszahlen offen zu legen. Daher geben die Statistiken, die das Auseinanderdriften von Arm und Reich ausdrücken sollen, nicht das wahre Ausmaß der Ungleichheit an.

So beschreibt das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung, dass nicht nur die freiwilligen Befragungen zu ungenauen Ergebnissen führen. Auch Kapitaleinkommen von Unternehmen, die einbehalten und nicht an die Eigentümer ausgezahlt werden, führen zur Verschleierung des wirklichen Privatvermögens.

Denn seit 2009 werden diese einbehaltenen Gewinne durch das Unternehmen mit der Abgeltungssteuer direkt versteuert, kommen aber den Anteilseignern zu Gute, die meist zu den sehr Reichen gerechnet werden können. Diese Privatanleger müssen diese Kapitalerträge nicht mehr in ihrer Steuererklärung aufführen.

Die Abgeltungssteuer beträgt nur etwa 25 Prozent während der Spitzensteuersatz für die Privatanleger 45 Prozent betragen würde, mit dem Solidaritätszuschlag sogar 47,48 Prozent. Die Differenz der Besteuerung erhöht kontinuierlich das Gesamtvermögen der Privatanleger.

Da auch keine Vermögenssteuer mehr erhoben wird gibt es in Deutschland keine Statistik, die das wirkliche Einkommen und Vermögen der oberen zehn Prozent widerspiegelt. Nach einer Berechnung des Sozio-ökonomischen Panels betrug das Nettovermögen des reichsten Prozents der Haushalte im Jahre 2012 etwa 1,4 Millionen Euro pro Kopf. Das entspricht dem 80-fachen des mittleren pro Kopf Einkommens in diesem Jahr. Im Jahr 2002 lag das Verhältnis noch beim 50-fachen.

Im Herbst vergangenen Jahres veröffentlichte das Manager-Magazin eine Rangliste der Superreichen und zeigte auf, dass das Vermögen der Top 100 in den vorangegangenen zwölf Monaten um 5,2 Prozent auf den Rekordwert von 336,6 Milliarden Euro gestiegen ist. Insgesamt leben in Deutschland 135 Milliardäre und, laut einer Studie der Credit Suisse, 1,7 Millionen Dollarmillionäre.

Die Schere zwischen Arm und Reich driftet weiter auseinander.

Die Zahlen über wachsende Armut und Armutsgefährdung sind eine Anklage an die Regierung und alle Bundestagsparteien. Mit Hilfe von Bankenrettungsprogrammen im Umfang von mehreren Hundert Milliarden Euro auf der einen und drastischen Sparprogrammen auf der anderen Seite haben sie in den vergangenen Jahren eine massive Umverteilung des gesellschaftlichen Vermögens von unten nach oben organisiert.

Aber auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) trägt ein hohes Maß an Verantwortung für die wachsende Armut und soziale Krise. Nicht nur unterstützt der DGB seit Jahren die unsoziale Politik der Bundesregierung, er spielte bei der Einführung von Niedriglöhnen und Sozialabbau eine Schlüsselrolle. Unter nahezu allen Tarifverträgen und Betriebsvereinbarungen über Lohnsenkung und Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen steht die Unterschrift von Gewerkschaftsbürokraten.

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