„Tannbach“ und die deutsch-deutsche Nachkriegsgeschichte

Von Sybille Fuchs
29. Januar 2015

Der ZDF-Dreiteiler „Tannbach – Schicksal eines Dorfes“, der Anfang des Jahres hohe Einschaltquoten erzielte, versucht an den großen Erfolg der Trilogie „Unsere Mütter, unsere Väter“ von 2013 anzuknüpfen, die die Verstrickung fünf junger befreundeter Deutscher in die Verbrechen des Nazi-Regimes zum Thema hatte. Am Schicksal der Einwohner eines kleinen Dorfes an der deutsch-deutschen Grenze soll die Geschichte der deutschen Teilung in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg exemplarisch gezeigt werden.

Die Fernsehserie, schreibt ZDF-Programmdirektor Norbert Himmler, „erzählt, wie alles anfing: von unseren Wurzeln im Nachkriegsdeutschland beider Republiken, der DDR im Osten und der BRD im Westen“. Diesem Anspruch wird sie allerdings nicht gerecht. Trotz teilweise hervorragender Leistungen der Schauspieler erstarrt sie in altbekannten Klischees und Vorurteilen, die sie zum Teil auf geradezu peinliche Weise bedient.

Anna (Henriette Confusius) an der Grenze in Tannbach (Bild ZDF)

Zu krampfhaft wirkt das Bemühen der Drehbuchautoren Josephin und Robert von Thayenthal, sowohl den „Blick der Westdeutschen auf den Osten“ wie „die Interpretationsmuster und Feindbilder“ der Ostdeutschen kritisch zu hinterfragen. Durch das angeblich „objektive Bild“ schimmert überall die Auffassung, die seit dem Untergang der DDR die offizielle Propaganda beherrscht: Dass im Osten Deutschlands eine totalitäre Diktatur die andere ablöste, die der ersten an Brutalität und Grausamkeit in Nichts nachstand. Die Drehbuchautoren selbst sprechen von den „beiden großen deutschen Diktaturen des 20. Jahrhunderts“.

Diese Gleichsetzung zweier völlig unterschiedlicher Regime – der Nazi-Diktatur, die im Interesse des deutschen Kapitals die Arbeiterbewegung zerschlug, den Zweiten Weltkrieg entfesselte und Millionen Juden, Sinti, Roma, Behinderte und Kriegsgefangene ermordete, und der stalinistischen Diktatur, die zwar Großgrundbesitz und Industrie verstaatlichte, aber die Arbeiterdemokratie unterdrückte, um die Herrschaft einer privilegierten Bürokratie zu sichern – macht jeden Ansatz zu einer realistischen, lebendigen Darstellung zunichte. Statt Charaktere zeigt „Tannbach“ Stereotypen.

Die Amerikaner, die das Dorf zuerst besetzen, sind großzügig, wohlwollend und cool. Die Sowjets, die die Amerikaner später ablösen, fallen wie asiatische Horden über die wehrlose Dorfbevölkerung her. Der erste Auftritt sowjetischer Soldaten am Ende des ersten Teils endet damit, dass sie einen unschuldigen Greis, eine Mutter und ein Kind erschießen, nur weil sie ein Hitlerporträt in einer Schublade gefunden haben. Dieses Muster zieht sich durch den ganzen Film hindurch.

Der Versuch, dieses einseitige Bild durch den Auftritt zweier „guter“ Kommunisten zu korrigieren, macht die Sache nicht besser. Die beiden – der aus dem russischen Exil zurückgekehrte Kommunist Konrad Werner (Ronald Zehrfeld) und der Sohn eines von den Nazis ermordeten Kommunisten, Friedrich Erler (Jonas Nay) – wirken in ihrem idealistischen Glauben an eine bessere Zukunft naiv und unglaubwürdig.

Die Autoren des Films sind sich ihrer eigenen Vorurteile derart unbewusst, dass sie sogar solche aus der Nazi-Zeit reproduzieren. Von den beiden jugendlichen Freunden, die aus dem zerstörten Berlin nach Tannbach fliehen, wird der Nicht-Jude Friedrich Erler sesshafter Bauer, der Jude Lothar Erler dagegen Schmuggler. Die Autoren sollten sich dafür schämen.

Der Morgen nach dem Krieg

Tannbach ist ein fiktives Dorf an der thüringisch bayerischen Grenze. Als reales Vorbild dient das oberfränkisch-thüringische Mödlareuth, das 1945 durch die Grenze zwischen der amerikanischen und der russisch besetzten Zone geteilt wurde. Das Dorf, in dem nur wenige Familien leben, wird von den Amerikanern „Little Berlin“ genannt. Der kleine Bach zwischen beiden Ortsteilen heißt tatsächlich Tannbach. Gedreht wurde der Dreiteiler jedoch im tschechischen Besno.

Mit hohem Aufwand wurde akribisch versucht, die Szenerie, Kostüme und Requisiten in allen Details möglichst historisch korrekt zu gestalten. Dass in der Gegend von Mödlareuth kein Hopfen angebaut und auch nicht Oberbayrisch gesprochen wird, hat wohl vor allem Einheimische und Kenner der Gegend gestört.

Die Handlung des ersten Teils, „Der Morgen nach dem Krieg“,beginnt in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs. Kurz bevor die Amerikaner in den Gutshof des Grafen Georg von Striesow (Heiner Lauterbach) einfahren, lässt ein junger SS-Offizier (David Zimmerschied) die Gräfin (Natalie Wörner) erschießen, weil sie sich weigert ihren Mann zu verraten, der als Deserteur aus dem Krieg zurückgekehrt ist.

Kurz vor ihrem Tod hat die Gräfin eine Gruppe von Ausgebombten und Flüchtlingen aufgenommen, die dem Geschehen hilflos zuschauen.

Denunziert worden war der Graf vom Großbauern Franz Schober (Alexander Held), einem überzeugten Nazi, der sich alsbald mit all seinem Insiderwissen den Amerikanern andient. Der SS-Mann, ein unehelicher Sohn von Schober, wird von seiner eigenen Mutter (Martina Gedeck) den Amerikanern ausgeliefert. Der Graf, der seine Frau hätte retten können, wenn er sich der SS gestellt hätte, kommt in französische Kriegsgefangenschaft.

Einige fanatisierte Männer vom Volkssturm und Hitlerjungen, von SS-Leuten angetrieben, setzen ihr Leben aufs Spiel, versuchen die Amerikaner aufzuhalten und erschießen einige von ihnen.

Aber die amerikanische Besatzung dauert nur kurz. Thüringen wird der sowjetisch besetzen Zone zugeschlagen, während Bayern bei den Amerikanern bleibt. Sowjetische Truppen übernehmen das Dorf. Später kehren amerikanische Truppen in den westlichen Teil zurück und es wird in der Mitte geteilt.

Im Gegensatz zu den Amerikanern, die sich als streng, aber relativ wohlwollend zeigen, werden die Sowjetsoldaten als zügellose Gewalttäter dargestellt, die sich für die von deutschen Truppen begangenen Grausamkeiten rächen, vergewaltigen und plündern.

Erst im dritten Teil der Trilogie wird kurz deutlich, was die deutschen Truppen im Osten gemacht haben. Da schreit der spät heimgekehrte erstgeborene Sohn von Schober dem Grafen ins Gesicht, dass er selbst, bevor er desertierte, solche Massaker befohlen habe. Zur Vergeltung für die Erschießung deutscher Soldaten waren ganze Dorfbevölkerungen – Männer, Frauen und Kinder – als Partisanen erschossen worden.

Zu den stärksten Szenen im ersten Teil gehört die Vorführung eines Films über die Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald durch die Amerikaner, an der die Dorfbewohner teilnehmen müssen.

Im Zentrum der weiteren Handlung stehen die Tochter des Grafen Anna (Henriette Confusius) und der Arbeiterjugendliche Friedrich Erler (Jonas Nay) aus Berlin, die sich ineinander verlieben und darauf hoffen, dass sie einer neuen, besseren Zeit entgegengehen, einer Zeit, in der es „kein Oben und kein Unten und keinen Krieg mehr“ geben wird.

Das war eine Hoffnung, die 1945 viele Millionen Menschen auf der ganzen Welt mit ihnen teilten, aus der sie aber sehr unterschiedliche Schlüsse für sich selbst zogen.

Die Mutter Friedrichs, Liesbeth Erler (Nadja Uhl), deren Mann als Hitlergegner im Konzentrationslager umgekommen ist, hat einen jüdischen Jungen(Ludwig Trepte), dessen Eltern deportiert wurden, versteckt und als ihren zweiten Sohn aufgezogen. Sie möchte die schlimme Zeit am liebsten vergessen, nach Amerika gehen und ihre Familie mitnehmen.

Die Eltern der Gräfin, immer noch überzeugte Nazis und ehemalige Brauereibesitzer aus Zwickau, haben ihre Flucht über die von Nazifunktionären in Zusammenarbeit mit dem Vatikan organisierte „Rattenlinie“ nach Argentinien vorbereitet und wollen die Enkelin Anna mitnehmen, aber diese lehnt ab.

Die Enteignung

Im Zweiten Teil, „Die Enteignung“, geht es um die Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone. Großgrundbesitzer mit mehr als 100 ha Fläche, sowie Landbesitzer, die NSPAP-Mitglied waren und Kriegsverbrechen begangen haben, werden entschädigungslos enteignet, das Land in 5 ha große Tranchen aufgeteilt und unter sogenannten „Neubauern“ verteilt.

Was im Film nicht deutlich wird, ist die reaktionäre und verbrecherische Rolle, die der überwiegende Teil der „Junker“ im Kaiserreich, in der Weimarer Republik und bei der Machtübernahme der Nationalsozialisten gespielt hat. Stattdessen wird Graf Georg von Striesow (überzeugend gespielt von Heiner Lauterbach) als jemand dargestellt, der eigentlich nicht so schlimm war und die Enteignung seiner Ländereien als schlimmste Ungerechtigkeit empfindet.

Aus der französischen Gefangenschaft zurückgekehrt, will er nicht begreifen, dass seine Tochter Anna Friedrich geheiratet hat und mit ihm die 5 ha Land bewirtschaftet, die ihnen aus dem ehemaligen Besitz der Familie zugeteilt wurden.

Mein Land, dein Land

Im dritten Teil „Mein Land, dein Land“ leben Anna und Friedrich auf ihrem kleinen Bauernhof, der sie und ihr Kind kaum ernähren kann. Lothar trägt durch seinen Schmuggel als Grenzgänger und Schwarzmarkthändler wesentlich zum Lebensunterhalt der Familie bei.

1948 kommt es im amerikanischen Sektor zum Prozess gegen den Altnazi Schober vor der Spruchkammer. Er wird trotz seiner Rolle bei der Erschießung von Annas Mutter nur als Mitläufer eingestuft.

Vier Jahre später, 1952, während des Kalten Krieges, errichtet die DDR einen Grenzzaun durch ganz Deutschland. Er geht mitten durch Tannbach, das innerhalb der fünf Kilometer breiten Schutzzone hinter dem Zaun liegt. Die gesamte Bevölkerung des Ostteils wird verschärften Sicherheitsbestimmungen unterworfen.

In dieser Zeit kommt Liesbeth zu Besuch aus Amerika und schwärmt von New York, wo jeder sagen könne, was er wolle, und es „egal ist, ob jemand Jude oder Katholik ist oder sich einen Knopf an die Backe näht…“ Sie bestreitet, dass irgendjemand einen Krieg wolle: „Ihr redet Euch das nur ein.“

Gestützt auf den Film käme niemand auf die Idee, dass die USA gerade erst einen Krieg gegen Korea mit 5 Millionen Opfern geführt hatten, in der McCarthy-Ära Hetze, Zensur und Berufsverbote gegen Linke ausübten und dass Afroamerikaner brutaler Verfolgung und Rassendiskriminierung ausgesetzt waren.

In Tannbach wird ein junger Grenzschutzsoldat der DDR von westlichen Posten erschossen, was zu einer Verschärfung der Grenzsicherung führt. Alle als nicht hundertprozentig regimetreu geltende Menschen werden aus dem unmittelbaren Grenzbereich umgesiedelt oder ins Gefängnis gesteckt, wenn sie sich dem Umsiedlungsbefehl widersetzen.

Landrat Konrad Werner, ein idealistischer Kommunist, hält zunächst schützend die Hand über die Erlers, als sie wegen Lothars Aktivitäten wie viele andere Familien in unmittelbarer Grenznähe ins Fadenkreuz der immer mächtiger werdenden Staatssicherheit geraten. Lothar wird von ostdeutschen Grenzschützern erschossen, als er auf illegalem Weg an der Taufe des Kindes von Anna und Friedrich teilnehmen will, die auf Wunsch der Mutter in der Kirche im Westen stattfindet. Er hat zwar schon westliches Gebiet erreicht, als ihn der Schuss in den Rücken trifft. Die Stasi verbreitet jedoch, er sei vom westlichen Grenzschutz erschossen worden.

Nach der Taufe bleibt Liesbeth im Westen. Die Familie ist endgültig getrennt. Der Landrat wird nach Berlin abberufen. Er verabschiedet sich von Friedrich mit den Worten: „Die Idee von einer gerechteren Welt ist nicht schlecht, Rückschläge gehören leider dazu. Neue Ordnungen brauchen Zeit.“ Anna empfängt ihren deprimierten Mann Friedrich mit den Worten: „Ich bin stolz auf dich. Ich glaub an das hier, ich glaub an all das, was wir uns hier aufgebaut haben, das ist unser Zuhause.“

Dieser offene, aber wenig glaubhafte Schluss soll offenbar die Absicht der Filmemacher stützen, dass sie die Probleme und die Sichtweisen von Ostdeutschen und Westdeutschen objektiv dargestellt haben.

Die DrehbuchautorenJosephin und Robert von Thayenthal schreiben zu den zahlreichen Fragen, die die im Film behandelte Epoche aufwirft: „Antworten wird das Fernsehen nicht geben können, vielleicht aber ein Gefühl dafür, wie Menschen fühlen, denken und handeln, wie sie sich entwickeln, verhärten, wie sie sich in Situationen der Macht oder der Angst verhalten.“

Diese Aussage macht das Dilemma deutlich, in dem sich Fernsehproduktionen bewegen, die den Anspruch haben, gleichzeitig zu unterhalten und aufzuklären. Das Vermitteln von „Gefühlen“ reicht zum Verständnis der Geschichte nicht aus. Die unterschiedlichen Standpunkte und Erfahrungen werden nebeneinander gestellt und bleiben unverstanden, weil die historischen Hintergründe dabei im Dunkeln bleiben.

Was „Tannbach“ vollkommen ausblendet, ist die historische Rolle der Kommunistischen Partei, die unter dem Einfluss Stalins für die Niederlage der deutschen Arbeiterklasse und Hitlers Aufstieg an die Macht mit verantwortlich war.

Auf Grund der zum Teil hervorragenden Darstellenden kommt es zwar immer wieder zu eindrucksvollen Szenen, aber letztlich kann „Tannbach“ auch filmisch nicht befriedigen. Vergleicht man den Dreiteiler z. B. mit Edgar Reitz’ Filmepos„Heimat“, ist die Darstellung der Charaktere und ihre Verstrickung in die Zeitumstände oft geradezu platt und in vielen Fällen unglaubhaft. Aber das ist eher die Schuld des Drehbuchs, nicht so sehr der Regie oder der Schauspieler und Schauspielerinnen.

Um sich ein präziseres Bild über die unmittelbare Nachkriegszeit zu machen, ist der von Arte am 13. Januar ausgestrahlte Dokumentarfilm „Frühjahr 1945“ weit besser geeignet. Die drei Folgen von „Tannbach“ und die dazugehörige Dokumentation sind derzeit noch in der ZDF-Mediathek zu sehen.

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