Autozulieferer Mahle will Lohnkürzungen erpressen

Von Michael Regens
7. März 2015

In der deutschen Autoindustrie scheint sich der Trend fortzusetzen, das auf Rekordprofite der Unternehmer Rekordangriffe auf die Beschäftigten folgen. Beim Autozulieferer Mahle geht die Abwärtsspirale aus erpressten Zugeständnissen, kurzfristiger Standortsicherung und Profitmaximierung in eine neue Runde.

Ende Januar sickerten Informationen an die Presse durch, dass das Mahle-Management Lohnkürzungen von insgesamt 15 Prozent fordere. Im Detail soll es eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit von 35 auf 40 Stunden bei gleichem Lohn, eine starke Senkung oder Streichung von Urlaubs- und Weihnachtsgeld, eine Verschiebung von Tariferhöhungen und eine Erhöhung der Leiharbeiter-Quote geben. Im Gegenzug wäre das Unternehmen laut Gesamtbetriebsrat bereit, für drei Jahre auf Kündigungen zu verzichten. Sollte es zu keinem neuen Vertrag kommen, droht das Management damit, hunderte Mitarbeiter zu entlassen und ganze Werke zu schließen.

Um den Druck auf die einzelnen Werke möglichst groß zu halten, hat das Mahle-Management bisher keine konkreten Standorte benannt, denen eine mögliche Schließung droht. Aus Unternehmenskreisen verlautete lediglich, dass „aus wirtschaftlicher Sicht die Zukunft verschiedener Standorte gefährdet“ sei. Jedoch berichtete das Handelsblatt Ende Februar, dass die Fabriken in Gailsdorf (350 Stellen) und Rottweil (300 Stellen) im Visier stünden, da sie laut Konzernaussagen Verluste machen sollen. Ebenfalls in dem Bericht erwähnt wird das Werk im südbadischen Wiesental, obwohl es laut Aussage von Betriebsräten rund neun Millionen Euro Gewinn pro Jahr erwirtschaftet.

Mahle, mit Unternehmenssitz in Stuttgart, ist mit rund zehn Milliarden Euro Umsatz der viertgrößte Autozulieferer in Deutschland und gehört zu den 20 größten der Welt. Weltweit beschäftigt das Unternehmen mehr als 63.500 Mitarbeiter, davon über 14.000 in Deutschland.

Hintergrund der jüngsten Offensive des Managements ist das Auslaufen eines von der IG Metall ausgehandelten Vertrags zur sogenannten Beschäftigungssicherung in den deutschen Werken am 30. Juni 2015. Mahle will einen neuen Vertrag nur unterzeichnen, wenn die Lohnkosten an mehreren Standorten gesenkt werden. Ansonsten verlagere man die Produktion ins Ausland. In Osteuropa, so hieß es von Mahle, produziere man billiger.

Seit 2005 haben Betriebsrat und IG Metall schon drei Verträge zur Standort- und Beschäftigungssicherung unterzeichnet, die jedes Mal zu einer Verschlechterung der Löhne und Arbeitsbedingungen führten und dem Unternehmen Millionenbeträge einsparten. Den Mitarbeitern wurde immer mit der Verlagerung der Produktion ins Ausland gedroht, falls sie keine Zugeständnisse machten.

Die seitherige Entwicklung des Unternehmens zeigt, wohin die von den Mitarbeitern erpressten Gelder flossen. In den vergangenen zehn Jahren hat Mahle insgesamt 20 Unternehmen übernommen, angefangen mit der Cosworth Technology Ltd. 2005. Es folgten weitere Übernahmen in den Jahren 2009, 2010, 2012 und 2013. 2014 häuften sich dann die Übernahmen. Im Januar kaufte der Konzerne alle Anteile am indischen Kolben-Joint-Venture Mahle IPL Ltd. und kurze Zeit später die Mehrheit am slowenischen Elektromotorenbauer Letrika mit 2.400 Mitarbeitern, 240 Millionen Euro Umsatz und sieben Standorten in Slowenien, Bosnien-Herzegowina, Weißrussland, China und Brasilien.

Parallel zur Expansion des Unternehmens stiegen die Verbindlichkeiten gegenüber Kreditinstituten stark an. Im Geschäftsjahr 2013 lagen diese laut Geschäftsbericht bei über einer Milliarde Euro und machten damit 17,1 Prozent der Bilanzsumme des Unternehmens aus.

Jüngst, am 24. Februar 2015, wurde bekannt, dass Mahle den Zulieferer Delphi Automotive für 727 Millionen Dollar (ca. 650 Millionen Euro) übernimmt. Die Klimatechniksparte von Delphi beschäftigt rund 6.700 Mitarbeiter an weltweit 13 Standorten in Nord- und Südamerika, Europa und Asien und erzielte 2014 einen Umsatz von 1,6 Milliarden US-Dollar.

Diese Forderungen der Kreditgeber und Banken sowie die hunderte Millionen an Übernahmekosten sollen jetzt wieder von der Belegschaft eingetrieben werden.

Auch insgesamt geht es dem Unternehmen mehr als gut. Im Jahr 2013 erwirtschaftete es einen Jahresüberschuss von 236 Millionen Euro. Die Dividende der Mahle GmbH stieg von 5 Prozent im Jahr 2012 auf 7,1 Prozent im Jahr 2013. Für 2014 liegen noch keine genauen Zahlen vor. Jedoch setzte der Konzern im ersten Halbjahr 2014 fast 5 Milliarden Euro um und erzielte einen Betriebsgewinn von 217 Millionen. Auf das Jahr hochgerechnet dürfte dies ein neuer Rekord sein. Die Stuttgarter Zeitung kommentierte dazu: „Mahle steht wirtschaftlich gut da; 2014 könnte sogar ein Rekordjahr gewesen sein.“

Entgegen der offiziellen und öffentlichen Darstellung, setzt das Management von Mahle voll auf die Zusammenarbeit mit der IG Metall und ihren Betriebsräten. Von insgesamt 27 Mitgliedern des Aufsichtsrats sind 13 entweder Funktionäre der IG Metall oder freigestellte Betriebsräte.

Zu den Auserwählten zählt unter anderem Bernd Hofmaier-Schäfer, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrats der Mahle GmbH Gruppe Deutschland und stellvertretender Vorsitzender des Europäischen Betriebsrats des Mahle-Konzerns. Ebenso darunter sind Kai Steffen Bliesener, ehemaliger Pressesprecher der IG Metall in der Bezirksleitung in Stuttgart, Uwe Meinhardt, Geschäftsführer der IG Metall in Stuttgart und Jürgen Kalmbach, Vorsitzender des Betriebsrats des Werks Stuttgart. Außerdem sitzen der Geschäftsführer des Gesamtbetriebsrats der Mahle Gruppe Deutschland, Manfred Steidle, und Patryk Krause, Gewerkschaftssekretär der IG Metall in Stuttgart im Aufsichtsgremium.

Wie es im Bericht des Aufsichtsrats vom 16. April 2014 heißt, wurde „der Aufsichtsrat während des Geschäftsjahres durch mündliche und schriftliche Berichte der Geschäftsführung sowie im Rahmen von Sitzungen regelmäßig, zeitnah und umfassend über die [..] Lage und die Geschäftsentwicklung der Gesellschaft und des Mahle Konzerns sowie seiner Geschäftsbereiche unterrichtet.“

Presseberichte, wonach die IG Metall oder oberen Betriebsräte sich überrascht zeigten, sind daher kaum glaubwürdig. Vielmehr ist es so, dass die IG-Metall-Zentrale selbst in engen Verhandlungen darüber mit der Mahle Geschäftsführung steht, wie man die Angriffe gegen den Widerstand der Beschäftigten am Effektivsten durchsetzen kann. In den vergangenen zehn Jahren waren Verträge über Beschäftigungssicherung das Mittel der Wahl.

In diesem Zusammenhang müssen auch der von der IG Metall organisierte Aktionstag an allen 29 Mahle-Standorten am 19. Februar sowie die einstündigen Arbeitsniederlegungen an den betroffenen Werken Rottweil, Gailsdorf und Wiesental gesehen werden. Diese gehören zum „Geschäft“ der IG Metall und sollen lediglich die Beschäftigten davon abhalten, sich eigenständig gegen die Angriffe des Managements zu organisieren.