Germanwings-Absturz: Tathergang klärt sich auf, Motiv bleibt offen

Von Christoph Dreier
3. April 2015

Zehn Tage nach dem Absturz des Germanwings-Flugs 4U9525 haben die Bergungskräfte den Flugschreiber des Airbus 320 am Donnerstag gefunden. Der Staatsanwalt von Marseille, Brice Robin, hält die Daten darauf für verwertbar.

Die Blackbox habe etwa 500 Parameter aufgezeichnet. Dazu gehörten Daten zu der Geschwindigkeit, der Flughöhe, den Triebwerken, dem Handeln der Piloten und den verschiedenen Steuerformen des Flugzeugs. „Das sind für uns unerlässliche Fakten, um die Wahrheit festzustellen“, sagte Robin.

Bisher konnte nur der Stimmenrekorder des Cockpits ausgewertet werden. Dessen Aufzeichnungen lassen darauf schließen, dass der Copilot Andreas Lubitz eine Toilettenpause des Piloten nutzte, um diesen aus dem Cockpit auszuschließen und die Maschine unter seine Kontrolle zu bringen. Nach Angaben der französischen Staatsanwälte belegen die Aufnahmen, dass Lubitz den Kurs der Maschine absichtlich änderte und sie auf eine Felswand lenkte. Dabei soll er ruhig geatmet und möglicherweise eine Sauerstoffmaske getragen haben.

Diese Annahmen könnten durch die zweite Blackbox belegt werden. Die Ermittler erhoffen sich insbesondere Informationen darüber, wann und von wem der Sinkflug genau eingeleitet wurde. Außerdem könnten die Aufzeichnungen aufklären, ob der Copilot den Kapitän tatsächlich bewusst ausschloss oder etwa ein technischer Defekt des Schließmechanismus vorlag. Auch Erkenntnisse zu weiteren technischen Problemen sind denkbar.

Unabhängig vom Flugschreiber präsentierte die Staatsanwaltschaft Düsseldorf am Donnerstag neue Ermittlungsergebnisse, die darauf hinweisen, dass Andreas Lubitz die mutmaßliche Tat im Voraus geplant hat. Am Donnerstag teilte die Behörde mit, in der Wohnung des Copiloten sei ein Tablet gefunden worden sei, das diesem habe zugeordnet werden können. Der Browserverlauf vom 16. bis zum 23. März habe diverse einschlägige Suchanfragen enthalten.

Zum einen habe sich Andreas Lubitz mit „medizinischen Behandlungsmethoden befasst, zum anderen über Arten und Umsetzungsmöglichkeiten einer Selbsttötung informiert“. Weiter berichtete die Staatsanwaltschaft: „An mindestens einem Tag hat sich der Betreffende darüber hinaus über mehrere Minuten mit Suchbegriffen über Cockpittüren und deren Sicherheitsvorkehrungen auseinandergesetzt.“

Während sich der Tatverdacht damit verdichtet, bleibt das Motiv noch weitgehend ungeklärt. Am Montag hatte die Düsseldorfer Staatsanwaltschaft bekannt gegeben, die Ermittlungen im persönlichen und beruflichen Umfeld von Andreas Lubitz hätten keine „tragfähigen Hinweise über ein mögliches Motiv“ geliefert.

Allerdings gibt es Hinweise auf massive psychische Probleme. Vor der Erlangung des Pilotenscheins war Andreas Lubitz laut Ermittlern für einen längeren Zeitraum mit vermerkter Suizidalität in psychotherapeutischen Behandlung. „Im Folgezeitraum und bis zuletzt haben weitere Besuche bei Fachärzten für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie mit entsprechenden Krankschreibungen stattgefunden, ohne dass dabei allerdings Suizidalität oder Fremdaggressivität attestiert worden ist“, heißt es in einer Presseerklärung der Staatsanwaltschaft.

Am Dienstagabend teilte die Lufthansa mit, dass Andreas Lubitz die unternehmenseigene Flugschule in Bremen nach einer Unterbrechung seiner Ausbildung 2009 über eine „abgeklungene schwere depressive Episode“ informiert habe. Anschließend habe er die Ausbildung wieder aufgenommen. Zu diesem Zweck habe er sich einer erneuten psychiatrischen Untersuchung unterzogen, in der keine anhaltenden Auffälligkeiten festgestellt worden seien. Die Lufthansa-Tochter Germanwings sei aus Datenschutzgründen nicht über die Krankengeschichte informiert worden, sagte ein Sprecher des Konzerns.

Die Ermittler der Staatsanwaltschaft hatten schon bei der Durchsuchung der Wohnung zerrissene Krankschreibungen gefunden, die auch den Tag des Absturzes umfassten. Offenbar wollte Andreas Lubitz gesundheitliche Probleme vor seinem Arbeitgeber verbergen.

Über den Typ der Erkrankung hat es in der Presse einige Spekulationen gegeben, die bisher aber nicht bestätigt werden konnten. So erklärte die Bild-Zeitung mit Verweis auf Ermittler, dass Lubitz zehn Tage vor der Tat in einen Autounfall verwickelt gewesen sei. Anschließend habe er sich wegen Sehproblemen untersuchen lassen.

Nach Informationen des Fernsehsenders CNN, der sich auf einen nicht benannten Beamten einer europäischen Regierung beruft, hat der Copilot eine langjährige Freundin gehabt, die über dessen psychischen Probleme informiert gewesen sei.

Die 26-Jährige habe aber „die Ausmaße der Probleme nicht gekannt“. Das Paar sei „optimistisch“ gewesen, die gesundheitlichen Schwierigkeiten des Germanwings-Piloten gemeinsam bewältigen zu können. Auch nach Angaben von Spiegel-Online ist die Freundin davon ausgegangen, dass sich Lubitz auf dem Weg der Besserung befunden habe.

Gerade angesichts solcher offenbar stabilen sozialen Beziehungen und beruflicher Integration sind die Hinweise auf schwere psychische Probleme noch keine Erklärung für die mutmaßliche Tat. Die Diagnose einer Depression oder einer bipolaren Störung, wie sie bei Andreas Lubitz angenommen wird, mag zwar mit Selbstmordplänen einhergehen, steht aber in keinem direkten Zusammenhang zu der gezielten und geplanten Tötung von 149 völlig unschuldigen und größtenteils völlig unbekannten Menschen.

Der Depressionsforscher und ehemalige Leiter des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München, Prof. Florian Holsboer, erklärte am Montag in der Sendung „hart aber fair“, dass es zwar Fälle, gebe, in denen als depressiv diagnostizierte Menschen einen erweiterten Suizid begingen, bei dem sie nahe Angehörige mit in den Tod rissen. Dies sei bei dem Germanwings-Flug aber nicht der Fall gewesen. „Depressive begehen gerade nicht solche Taten“, sagt er und verweist darauf, dass eine Wahnidee eine Rolle gespielt haben könnte.

Der Suizidologe Thomas Bronisch erklärte, dass selbst im Falle eines Wahns solche Handlungen sehr selten seien. „Wenn man die Gesamtzahl der Schizophrenen nimmt, ist der Anteil derer, die eine schwerwiegende Straftat oder Tötung begehen, geringer als jener in der Durchschnittsbevölkerung. Es gibt also gar keine Fakten, dass psychisch gestörte Menschen grundsätzlich gefährlicher sind“, sagte er.

Selbst wenn einschlägige Diagnosen des Copiloten vorlägen, wären sie nur die Beschreibung eines Zustands, aber keine Begründung der Tat. Die Tötung von 149 unschuldigen Menschen entzieht sich einer simplen Bestimmung. Sie lässt sich letztlich nur im Zusammenhang mit dem Zustand einer zutiefst verrohten und dysfunktionalen Gesellschaft erklären.

Umso bemerkenswerter ist es, wie Politik und Medien diesen verstörenden Gewaltakt nutzen, um schnelle Lösungen zu präsentieren, die schließlich auf eine Aufrüstung des Staatsapparats hinauslaufen.

Während der Fall des Germanwings-Absturzes gerade die Grenzen von Sicherheitsmaßnahmen aufgezeigt hat, kündigte der deutsche Innenminister Thomas de Maizière am Donnerstag an, eine Ausweispflicht auf allen innereuropäischen Flügen zu prüfen. Der Absturz habe deutlich gemacht, wie wenig man über die Passagiere wisse, so der Minister.

Noch weitgehender sind Forderungen nach einer Aufweichung der Schweigepflicht von Ärzten. So forderte der CDU-Verkehrsexperte Dirk Fischer eine Lockerung für sensible Berufe: „Piloten müssen zu Ärzten gehen, die vom Arbeitgeber vorgegeben werden. Diese Ärzte müssen gegenüber dem Arbeitgeber und dem Luftfahrtbundesamt von der ärztlichen Schweigepflicht entbunden sein“, sagte er der Rheinischen Post.

Der Präsident der Pilotengewerkschaft Cockpit, Ilja Schulz, wandte sich in der Rheinischen Post scharf gegen solche Pläne. „Wenn mein Arzt von der Schweigepflicht entbunden ist, werde ich ihm gegenüber kein Problem ansprechen, weil immer die Angst vorm Fluglizenzentzug mitschwingt“, so Schulz. „Besteht die Schweigepflicht, kann der Arzt dagegen echte Hilfe anbieten.“

Auch der Präsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, sprach sich gegen eine Lockerung aus. „Die ärztliche Schweigepflicht ist ebenso wie das verfassungsrechtlich geschützte Patientengeheimnis ein hohes Gut und für alle Bürgerinnen und Bürger in Deutschland ein Menschenrecht“, sagte Montgomery.

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