UAW bereit, über neuen Niedriglohntarif für Autoarbeiter zu sprechen

Von Jerry White
4. April 2015

Am 24.-25. März fand in Detroit der Sondergewerkschaftstag der United Auto Workers (UAW) zur Tarifrunde statt. Er hat verdeutlicht, dass der Kampf der 139.000 General Motors-, Ford- und Chrysler-Arbeiter für die Verbesserung ihres Lebensstandards und ihrer Arbeitsbedingungen einen entschlossenen Kampf nicht nur gegen die Autobosse, sondern auch gegen die UAW selbst erfordert.

Da die Unternehmen seit der Umstrukturierung von GM und Chrysler durch die Obama-Regierung im Jahr 2009 Gewinne von 76 Milliarden Dollar gescheffelt haben, erwarten die Fabrikarbeiter signifikante Verbesserungen, nachdem sie seit Jahrzehnten von der Gewerkschaft gezwungen wurden, Verschlechterungen hinzunehmen.

Insbesondere wollen die Arbeiter das verhasste zweistufige Lohnsystem abschaffen, aufgrund dessen 40.000 der nach 2007 eingestellten Arbeiter kaum noch die Hälfte des Stundenlohns von 28 Dollar der sogenannten Alt-Arbeiter verdienen, sowie nur minderwertige Gesundheits- und Rentenleistungen erhalten. Auch die Alt-Beschäftigten, die seit zehn Jahren keine Lohnerhöhung mehr bekommen haben, erwarten, für ihr verlorenes Einkommen entschädigt zu werden. Das schließt jährliche Lohnerhöhungen und die Anpassung an die Lebenshaltungskosten ein.

Unter diesen Voraussetzungen posierten UAW-Präsident Dennis Williams und andere Gewerkschaftsfunktionäre auf dem Gewerkschaftstag als Gegner des zweistufigen Lohnsystems, obwohl sie keine spezifischen Forderungen für die anstehenden Verhandlungen erhoben, um die aktuellen Vereinbarungen zu ersetzen.

In einer Rede nach der anderen, sprachen Williams und andere hohe Führungskräfte vom „Überbrücken der Kluft“, einem schwammigen Begriff, der den Eindruck erwecken soll, als ob die Kluft zwischen den Arbeitern der ersten und der zweiten Stufe, sowie zwischen den Automobilarbeitern und den Konzernchefs verringert werden solle. Sergio Marchionne, der Chef von Fiat und Chrysler, wird beispielsweise für 2014 voraussichtlich 72 Millionen US-Dollar einstreichen.

Erschwerend kommt für den UAW-Apparat die Gefahr eines Massenaustritts von Mitgliedern hinzu, sobald die von den Republikanern unterstützten „Recht auf Arbeit“-Gesetze in Michigan, Indiana, Wisconsin und anderen Staaten in Kraft treten, wenn die Tarifverträge mit Detroits drei großen Autoherstellern auslaufen. Diese Gesetzte machen die Gewerkschaftsmitgliedschaft und Beitragszahlungen auch in gewerkschaftlich organisierten Betrieben freiwillig.

Als der Gewerkschaftstag begann, enthüllte Bloomberg, dass GM und Ford die UAW bitten wollen, die Schaffung einer dritten Stufe von sogenannten gering qualifizierten Autoarbeitern zu bewilligen, denen noch niedrigere Löhne als aktuellen Arbeitern der zweiten Stufe gezahlt würden. Ein nicht namentlich genannter Sprecher der beiden Autohersteller sagte, dass die dritte Stufe notwendig sei, um den Kostenvorteil Fiats von fast 10 Dollar pro Stunde zu kompensieren. Fiat hat mit 44 Prozent, verglichen mit 23 Prozent bei Ford und 17,5 Prozent bei GM, den höchsten Anteil an Arbeitern der zweiten Stufe in der Industrie.

In seiner Grundsatzrede, erklärte der UAW-Präsident demagogisch: „Es gibt schon zu viele verdammte Stufen“. Die von der Wirtschaft kontrollierten Medien reagierten auf Williams Aussagen mit der Behauptung, der Vorschlag einer dritten Stufe sei ein Rohrkrepierer, der von der UAW sofort abgelehnt worden sei.

Bloomberg veröffentlichte am 27. März einen Meinungsartikel mit dem Titel „Detroit täuschte UAW mit Drittklasse Jobs“. Die Autorin Megan McArdle erklärte in dem Artikel, der Testballon sei eine „Trumpfkarte“, um den Forderungen nach einem Ende des zweistufigen Systems entgegenzuwirken, das, wie sie sagte, „keinesfalls zur Disposition steht“. Eine dritte Stufe sei jedoch „eine Idee, deren Zeit noch nicht gekommen ist und wahrscheinlich nie kommen wird“.

Kaum war der Gewerkschaftstag beendet, ließ Williams durchblicken, dass für die Gewerkschaft die Zeit sehr wohl gekommen sein könnte, eine noch stärker ausgebeutete Unterklasse von Arbeitnehmern zu schaffen.

Williams sprach am 25. März gegen Ende des Kongresses auf einer Pressekonferenz. In Übereinstimmung mit einer von der UAW im Jahr 2011 erlassenen antidemokratischen Verordnung, befahl die UAW Reportern der World Socialist Web Site die Pressekonferenz zu verlassen, bevor Williams sprach, um die Enthüllung des Verrats der Automobilarbeiter zu verhindern.

Der WSWS war es jedoch möglich, eine Tonbandaufzeichnung der Pressekonferenz zu erlangen. In dieser kam es zu folgendem Wortwechsel:

Ein Reporter der Detroit News: „Sie haben eine niedrige Stufe erwähnt, die GM und Ford wollen, und gesagt 'es gibt schon zu viele verdammte Stufen'. Ist das nun komplett vom Tisch?“.

Williams: „Ich habe es ernst gemeint. Wie viele verdammte Stufen brauchen wir wirklich? Ich habe nichts dagegen, wenn wir über neue Tätigkeiten sprechen, die dazukommen und es müssen nicht unbedingt die OEMs (Original Equipment Manufacturers) oder die Presswerke oder die Motorenproduktion sein, aber wenn es eine Komponente oder so etwas ist, werden wir darüber reden. Ich bin voll und ganz für den Ausbau des Geschäfts, wenn das Sinn macht. Aber wir müssen genau überlegen, was wir tun. Man kann Arbeiter nicht immer weiter spalten und erwarten, dann noch hochwertige Arbeitskräfte und ein qualitativ hochwertiges Produkt zu haben.“

Mit anderen Worten, trotz allem öffentlichen Leugnen, das die Automobilarbeiter täuschen soll, ist die UAW voll und ganz bereit, über eine dritte Stufe zu sprechen.

In Wirklichkeit schuften bereits eine dritte und sogar eine vierte Stufe von Leiharbeitern ohne die geringste Arbeitsplatzsicherheit oder Gesundheits- und Pensionsleistungen für kaum mehr als den Mindestlohn. AP schrieb dazu: „In der Gegend von Detroit ist bereits in mehreren General Motors Fabriken eine dritte Lohnstufe für eine geringe Anzahl von Arbeitern vorhanden, die Akkus zusammenbauen und Teile in der richtigen Reihenfolge am Band platzieren, die in die Fahrzeuge eingebaut werden. Ohne die untere Stufe wäre die Arbeit vielleicht nach Mexiko oder in ein anderes Land mit niedrigeren Lohnkosten vergeben worden.“

In ihrer Forderungsresolution für 2015 unter dem Titel „Überbrückung der Kluft für temporäre Beschäftigte und Beschäftigte mit Zeitvertrag“ sagt die UAW, diese Arbeitnehmer „sollten direkt vom Arbeitgeber beschäftigt und in unseren Tarifgruppen untergebracht werden, sodass sie auch den Schutz und Nutzen gewerkschaftlicher Vertretung und von Tarifverträgen haben“. Mit anderen Worten will die UAW, dass temporär Beschäftigte und Arbeiter mit Zeitvertrag von ihren Hungerlöhnen auch noch Gewerkschaftsbeiträge für das Privileg des „Schutzes und Nutzens gewerkschaftlicher Vertretung“ zahlen.

Im vergangenen Jahr handelte die UAW einen Vertrag mit dem Autozulieferer Lear Seating in Hammond (Indiana) aus, der fast die Hälfte der Belegschaft in eine neue Kategorie von „Sub-Montagearbeitern“ verwandelte. Diese Arbeiter werden 11 bis 12 Dollar pro Stunde verdienen, d.h. sogar noch weniger als die Arbeiter der zweiten Stufe. Währenddessen wurden die Spitzenlöhne der „Altarbeiter“ auf 21,58 Dollar begrenzt. Im Rahmen der neuen Vereinbarung würden sich die Arbeiter der zweiten Stufe, die nicht in die niedrigere Gehaltsgruppe verschoben wurden, nach vier Jahren für den Spitzenlohn qualifizieren.

Da die neue Schicht von Arbeitern angeblich nicht genau die gleiche Arbeit wie ihre höher bezahlten Kollegen verrichten, behauptet die UAW zynisch, den Grundsatz „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ aufrechtzuerhalten.

Als die UAW in der so genannten „Transformationsvereinbarung“ im Jahr 2007 zum ersten Mal dem zweistufigen System zustimmte, war es zunächst für „Nebentätigkeiten“ gedacht, einschließlich bestimmter Bearbeitungsverfahren, Vormontage, Inspektion, einige Stanzfunktionen, Materialhandhabung, Lagerung und das Fahren von LKWs.

Diese Regelung, behauptete die UAW, sollte eine vorübergehende Maßnahme zur Unterstützung der Automobilunternehmen sein, damit sie ihre finanziellen Schwierigkeiten überstehen konnten. Mit der von der Obama-Regierung erzwungenen Insolvenz und Restrukturierung von GM und Chrysler stimmte die UAW jedoch im Jahr 2009 den Forderungen des Weißen Hauses zu, für alle zukünftig eingestellten Arbeiter Löhne der zweiten Stufe zu zahlen. Als Belohnung wurde der UAW die Kontrolle über einen milliardenschweren Gesundheitsversorgungsfond für Rentner gegeben, der jüngsten direkten Geldüberweisung der Autofirmen an ihre UAW-„Partner“.

In einer Kolumne über die Verhandlungen bemerkte der Detroit News Kolumnist Daniel Howes: „Während die Delegierten fordern, der neue Vertrag solle 'die Kluft schließen' zwischen Arbeitern der ersten und der zweiten Stufe, sprechen die Oberen in der Gewerkschaftszentrale, die sich regelmäßig mit den Autobossen treffen, von 'der Überbrückung der Kluft'“. Das ist mehr als Semantik, schreibt Howe, denn Williams und die UAW verstehen, dass die zweite Lohnstufe, die im Jahr 2007 von der UAW ausgehandelt wurde „neue Investitionen in US-Fabriken tragfähig gemacht, zurückgehende UAW Beitragszahlungen in schwierigen Zeiten gestärkt und die Rückholung der Produktion von Autos und Lastwagen ermöglicht hat, die andernfalls in Fabriken im Ausland gegangen wäre“.

Während der Verhandlungen prahlte UAW Vizepräsident Jimmy Settles tatsächlich, dass Ford mehrere Produktionen aus China, Mexiko und der Türkei in Fabriken in Michigan und Ohio rückverlagert habe. Dies bringe mehr als 3.000 neue beitragszahlende Mitglieder, sagte er. Mit anderen Worten: die Lohnkürzung für Automobilarbeiter steht im Zentrum der „Wachstumsstrategie“ der UAW.