Günter Grass 1927-2015

Eine Würdigung

Von Sybille Fuchs, Wolfgang Weber und Peter Schwarz
18. April 2015

Günter Grass, der am 13. April im Alter von 87 Jahren starb, zählt zu den herausragendsten deutschen Schriftstellern. Er war ein großartiger Erzähler, und das gilt auch für Werke, die weniger gelungen sind als die große Danzig-Trilogie.

Günter Grass 2006

Zu seinen Vorbildern zählen Alfred Döblin, James Joyce und andere Erzähler der klassischen Moderne. Zusammen mit Siegfried Lenz, Heinrich Böll und Uwe Johnson war er eine entscheidende Stimme in der deutschen Nachkriegsliteratur und hat wesentlich dazu beigetragen, die Traumata der Geschichte des 20. Jahrhunderts literarisch aufzuarbeiten und zu deuten.

Mit seinem epischen Werk, allen voran seinem Debutroman Die Blechtrommel, hat Grass nicht nur seinen Weltruhm begründet. Dass er sich immer wieder zu aktuellen politischen Fragen zu Wort meldete, unbequeme Fragen stellte und Antworten gab, mit denen er in den Medien und bei Politikern auf heftigen Widerspruch stieß, steht in engem Zusammenhang mit seinem künstlerischen Schaffen.

Mit seinem zeitkritischen Blick auf die Gesellschaft und die Geschichte bemühte er sich, den Schleier des Vergessens und Vertuschens zu zerreißen, den das bundesrepublikanische Establishment darüber verbreiten wollte. Es zeugt von seiner Standfestigkeit, dass er nicht nur in der Adenauerära, als sich viele alte Nazis auf den höchsten Ebenen von Staat und Wirtschaft tummelten, sondern auch noch als über 80-Jähriger mit den Mächtigen anlegte und deren Hass auf sich zog.

Es ging Grass als Erzähler wie als kritischer Moralist und Mahner immer wieder darum, auf die ungelösten Probleme der Vergangenheit aufmerksam zu machen. Dabei greift er in seinen Werken zu drastischer Groteske und Komik, bei der einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Schon in seinem ersten und bedeutendsten Roman Die Blechtrommel werden diese künstlerische Achse und die vielfach gebrochene Erzählweise deutlich.

Die Blechtrommel

Der „Trommler“ Oskar Matzerath befindet sich 1954 als 30-Jähriger in einer Heil- und Pflegeanstalt, in der er seine Lebensgeschichte zu Papier bringt. Diese Geschichte beginnt mit der drastisch komischen Zeugung seiner Mutter unter den vier Röcken der Kaschubin Anna Bronski durch den polnischen Freiheitskämpfer und Brandstifter Josef Koljaiczek und umfasst den Zeitraum vom Beginn der 20er Jahre bis in die Nachkriegszeit.

Die Episoden, Erlebnisse und Abenteuer Oskars werden nacheinander erzählt. Oskar berichtet dabei manchmal aus Sicht des Autors und spricht von sich in der dritten Person, manchmal in der Ich-Form. Immer wieder fällt nebenbei eine Bemerkung, die die Geschichte historisch einordnet, aber eigentlich mit der Handlung nichts zu tun hat. So spielt das Kapitel „Unterm Floß“ 1899, während in Südafrika „Ohm Krüger seine buschigen englandfeindlichen Augenbrauen bürstete“.

Der „Held“ kommt als „hellhöriger Säugling“ zur Welt, seine „geistige Entwicklung“ ist schon bei der Geburt „abgeschlossen“ und muss „sich fortan nur bestätigen“. Schon unmittelbar nach der Geburt beobachtet er einen Falter, der um eine brennende Glühbirne schwirrt. Das Geräusch, das dieser macht, nimmt er als ein Trommeln auf der Glühbirne wahr. Seine Mutter verspricht, ihm zum dritten Geburtstag eine Trommel zu schenken, ein Versprechen, das sie einhalten wird. Oskar wird zum Trommler. Gleichzeitig verweigert er am dritten Geburtstag weiteres Wachsen und distanziert sich von der Welt der „Erwachsenen“.

„Heute sagt Oskar schlicht: Der Falter trommelte… Schließlich schlägt der Mensch auf Pauken, Becken, Kessel und Trommeln. Er spricht von Trommelrevolvern, vom Trommelfeuer, man trommelt jemanden heraus, man trommelt zusammen, man trommelt ins Grab. Das tun Trommelknaben, Trommelbuben… Ich darf an den Großen und Kleinen Zapfenstreich erinnern.“

Als er die Trommel erhält, entschließt er sich, „auf keinen Fall Politiker und schon gar nicht Kolonialwarenhändler zu werden, vielmehr einen Punkt zu machen, so zu verbleiben – und ich blieb so, hielt mich in dieser Größe, dieser Ausstattung viele Jahre lang.“ Eine klare Absage an seinen kleinbürgerlichen Vater und späteren Nazi-Parteigenossen Alfred Matzerath, der ihm den Laden vererben wollte, und eine dezente Anspielung auf einen, der sich entschloss, Politiker zu werden.

Der kleine Oskar betätigt sich höchst subversiv, wenn er zum Beispiel durch sein Trommeln unter der Tribüne bei einem großen Naziaufmarsch die Kapelle vollkommen durcheinanderbringt und schließlich alle zu tanzen anfangen. Eine Szene, die kongenial in der Verfilmung von Volker Schlöndorff dargestellt wird.

Aber auch seine Stimme, die er erhebt, wenn man ihm seine Trommel wegnehmen will, kann Oskar höchst wirkungsvoll einsetzen, um den Lauf der Dinge und die Absichten von Personen zu verändern. Er kann Frequenzen erzeugen, die Glas zum Springen bringen, eine Kunst, die er nicht nur zur Notwehr, sondern später auch einsetzt, um im Fronttheater Soldaten zu amüsieren und seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Vielfach hat man in der Blechtrommel einen Entwicklungsroman gesehen, aber eigentlich ist es ein Anti-Entwicklungsroman. Zwei Jahrzehnte lang „entwickelt“ sich Oskar nicht, er ist vielmehr ein scharfer Beobachter und scheinbar kindlich naiver Kommentator des Lebens der Erwachsenen, seiner kleinbürgerlichen Umgebung und der Zeitläufte, in die sie sich mehr oder weniger hineinziehen lassen und in denen sie mitschuldig werden an den nationalsozialistischen Verbrechen und dem Krieg, die sie nicht verursacht aber auch nicht verhindert haben.

Oskar trommelt dagegen an, aber auch er sieht sich als Mitschuldigen – z. B. am Tod seines Onkels oder möglichen Vaters Jan Bronski, der an der Verteidigung der polnischen Post in Danzig gegen die Nazis teilnimmt und anschließend erschossen wird. Grass verarbeitet hier nach eigenem Bekunden ein eigenes Erlebnis; er habe sich schuldig gefühlt, weil er als 13-Jähriger nicht nach den Gründen für das Schicksal seines Onkels gefragt habe, der wie Jan Bronski bei diesem Ereignis erschossen wurde.

Grass‘ Sprache

Grass‘ Sprache ist voller Anklänge an Barock, Klassik und Grimms Märchen, ist lebendig und zupackend. In seiner surrealen Erzählweise vermischt er reale Zeitgeschichte, drastisch grotesk geschilderte Episoden, scharf gezeichnete Charaktere, derbe Erotik, sinnliche Genüsse aller Art mit Unwahrscheinlichkeiten, die aber eine höhere oder dahinterliegende Wahrheit verdeutlichen. Dabei bedient er sich einer breit gefächerten Metaphorik und Allegorien, die oft aus dem Tierreich stammen.

Bronzeskulptur Der Butt von Günter Grass in Sønderborg (Foto Roland Steinebach)

Ganz offensichtlich ist dies in dem dritten Band seiner Danzig-Trilogie, Hundejahre. Da werdenHunde und Vogelscheuchen zu Symbolen für menschliches Handeln. Es geht um Hitlers Hund und seinen berühmten Stammbaum, und damit um eine Persiflage der NS-Rassenpolitik.

In der Rättin geht es um die von Menschen durch Kriege und Umweltzerstörung erzeugte Apokalypse und gleichzeitig um eine Anspielung auf die widerliche Klassifizierung der Juden als „Ratten“ durch die Nazis.

Tiere spielen auch in der bildenden Kunst von Grass eine wichtige Rolle. Ursprünglich hatte er ein Praktikum als Steinmetz absolviert und Bildhauerei und Grafik studiert. Er schuf bis ins hohe Alter Skulpturen und hinterließ ein umfangreiches graphisches Werk. Seine Bücher illustrierte er vielfach selbst. Zuletzt arbeitete er an einer von ihm illustrierten Neuausgabe der Hundejahre.

Seine Herkunft als bildender Künstler half ihm sicher auch, einen neugierigen, unverstellten Blick auf die gesellschaftliche Wirklichkeit zu bewahren. Das grenzte ihn von den misanthropischen und pessimistischen Stimmungen einer Zeit ab, in der Adorno erklären konnte, man dürfe nach Auschwitz keine Gedichte mehr schreiben, Musik nicht schön sein durfte und die bildende Kunst nicht unverständlich genug sein konnte.

Grass blieb als Grafiker und Bildhauer gegenständlich. Das Abstrakte, wie es zu seiner Zeit an der Düsseldorfer Kunstakademie vielfach als die angemessene moderne Kunst propagiert wurde, lehnte er ab. Auch den Fettecken, Filzhüten und Honigpumpen seines Düsseldorfer Ateliernachbars Josef Beuys, der zum Star der westdeutschen Kunstszene aufsteigen sollte, konnte er nichts abgewinnen.

In einem lesenswerten Gespräch mit der Zeit sagte er vor einem Jahr über Beuys: „Ja, er war im Nebenatelier. Lief auf Jesuslatschen und war anthroposophisch angehaucht. Viele Jahre später habe ich ihn wiedergetroffen; er war ein umgänglicher Typ. Aber wenn er anfing über Philosophie zu reden – ein Stuss! Ich habe schöne Zeichnungen von ihm gesehen. Honigpumpe und irgendwelche Badewannen – nichts für mich.“

Der Butt und Das Treffen in Telgte

Der Butt nimmt das Grimmsche Märchen vom Fischer und seiner Frau Ilsebill zum Ausgangspunkt, um eine Geschichte der Menschheit und ihrer Hybris zu erzählen, wobei er die verschiedenen Rollen von Mann und Frau und ihren jeweiligen Beitrag zum Fortschritt und zum möglichen Untergang der Menschheit aufs Korn nimmt.

Das Treffen in Telgte, gestaltet von Günter Grass

Gleichzeitig geht es ums Kochen, worauf schon der erste Satz verweist: „Ilsebill salzte nach.“ Kochen, Essen und Genießen spielen ebenso wie die Erotik im gesamten Werk von Grass eine wichtige Rolle, was auch auf die kulinarischen Neigungen des Autors verweist. Für Grass haben Ernährung, Essen und Kochen nicht nur in der Geschichte der Menschheit eine große Bedeutung, es geht auch um ihre kommunikative und symbolische Bedeutung.

Grass war Mitglied der Gruppe 47, bei der er auch 1958 aus seinem damals noch unvollendeten Roman Die Blechtrommel vorlas. Dieser literarischen Vereinigung hat er mit seinem Schlüsselroman Das Treffen in Telgte ein grandioses Denkmal gesetzt. Er verlegt das Treffen in die Zeit des Barock, genauer in das Jahr 1647. Die Ansiedelung des Treffens im Barockzeitalter ist nicht zufällig. Die Parallelen zu den 1950er Jahren liegen auf der Hand. Es geht darum, mit den Mitteln der Dichtkunst ein Verständnis und eine Orientierung in den Wirren der Zeit zu finden, zu begreifen, was geschehen ist und einen Ausweg zu suchen.

Es treffen sich aus allen Teilen Europas und des zerstückelten, von den grausamen Feldzügen des Dreißigjährigen Krieges geplagten Deutschlands anreisende Dichter mit dem sehnlichen Wunsch, etwas für den Frieden zu tun. Eingeladen hat Simon Dach, Professor für Dichtkunst an der Universität Königsberg. Er steht für den Organisator der Gruppe 47, Hans Werner Richter, dem das Buch gewidmet ist. Auch den anderen Teilnehmern, allesamt mit großer Kenntnis ihrer historischen Bedeutung geschildert, hat Grass unverkennbar Züge von Mitgliedern der Gruppe 47 verliehen.

Grass selbst scheint sich in der Figur von Gelnhausen (Grimmelshausen) abgebildet zu haben. Der umtriebige Autor des Simplicius Simplicissimus sorgt dafür, dass die Gruppe in der kleinen westfälischen Stadt Telgte Unterkunft findet. Ihr ursprünglich gebuchtes Gasthaus in Oesede ist von schwedischen Truppen besetzt. Im vom Krieg einigermaßen verschonten Telgte steht ihnen das von der Geliebten Gelnhausens Libuschka (der auch von Bertolt Brecht in der Mutter Courage wiederbelebten Landstörzerin) geführte Gasthaus zur Verfügung. Unter der Leitung von Simon Dach lesen sich die Poeten, die teilweise mit ihren Verlegern gekommen sind, gegenseitig ihre Manuskripte vor.

Wie bei der Gruppe 47 wird über die mitgebrachten Texte diskutiert und die Lage und Situation der deutschen Sprache nach den Jahren des Krieges erörtert. Zwischendurch wird gespeist und getrunken, einige der Jüngeren verbringen ihre Nächte mit den Mägden auf dem Dachboden. Nach etlichen Verwicklungen und Zerwürfnissen einigt man sich auf einen gemeinsamen Friedensaufruf.

In seiner Schlussrede sagt Simon Dach: „Und wenn man sie steinigen, mit Hass verschütten wollte, würde noch aus dem Geröll die Hand mit der Feder ragen.“ Die Hand mit der Feder ziert auch den von Grass gestalteten Buchumschlag. Auchwenn schließlich alles in Flammen aufgeht, konnten die Dichter sich auf die eigentliche Aufgabe der Literatur und Dichtung – nicht ohne das klärende Eingreifen des Musikers Heinrich Schütz – besinnen.

Das Symbol der Hand mit der Feder drückt aus, dass die Sprache jenseits aller religiösen und politischen – aber auch literarischen – Differenzen, die das Land zerreißen und die Menschen entzweien, ein einigendes Band ist. Diese Hochschätzung der Sprache und ihrer Fähigkeit zur Verständigung über das Leben verbindet den Autor Grass mit dem Barock.

Grass Verhältnis zur SPD

Grass‘ gesellschaftliches Engagement vertrug sich nicht mit politischer Enthaltsamkeit. Seit 1961 unterstützte er die Wahlkämpfe Willy Brandts, zu dem er auch nach seiner Wahl zum Bundeskanzler enge Beziehungen unterhielt. 1970 begleitete er Brandt auf seiner Polenreise und wurde Zeuge seines Kniefalls am Denkmal des Warschauer Ghettos, der zum Symbol für die neue Ostpolitik wurde. Grass begriff diese Politik als Schritt zur Versöhnung und unterstützte sie nach Kräften.

Auch ein Misstrauen gegen jede revolutionäre Veränderung der Welt brachte Grass zur SPD. Er hatte in seiner Jugend die Indoktrination durch die Nazis erlebt und kannte den Kommunismus nur in seiner stalinistisch entarteten Form. Dieses Weltbild habe sich herausgebildet, als er für einige Wochen gemeinsam mit kleinen Nazis, verbitterten KPD-Mitgliedern und alten Sozialdemokraten auf einer Zeche unter Tage arbeitete, berichtete er: „Weiter lernte ich dort im Kalibergwerk, ohne Ideologie zu leben“, schrieb er. „Noch hatte ich die Morgenfeiern der Hitlerjugend im Ohr, diese allsonntäglichen Vereidigungen auf die Fahne, aufs Blut und auf den Boden natürlich, und schon lockten die Kommunisten mit ähnlich verstaubten Requisiten aus den Rumpelkammern ihrer Ideologie. Als gebranntes Kind hielt ich mich vorsorglich an meine wortkargen Sozialdemokraten, die weder vom Tausendjährigen Reich noch von der Weltrevolution faselten…“ (Werke, Bd.X; Darmstadt und Neuwied, 1987; S. 30)

An der Auffassung, die Gesellschaft lasse sich nur allmählich und in kleinen Schritten verändern, hielt Grass Zeit seines Lebens fest. Im Mai letzten Jahres bezeichnete er sich in dem bereits zitierten Zeit-Gespräch als „lebenslustigen Pessimisten“, der wisse, dass man behutsam vorgehen müsse. „Bei den Menschen Veränderungen zu bewirken ist ein langer Weg. Aber er muss begangen werden.“

Trotzdem war sein Verhältnis zur SPD stets ambivalent. Er trat der Partei erst 1982 bei und verließ sie zehn Jahre später wieder aus Protest, weil die SPD auf eine Welle ausländerfeindlicher Ausschreitungen mit der Einschränkung des Asylrechts reagiert hatte. Im Gegensatz zur SPD, die sich immer weiter nach rechts bewegte, hielt Grass an seinen demokratischen und antimilitaristischen Überzeugungen fest, auch wenn er deshalb heftig angefeindet wurde.

Das zeigte sich 1990 in seiner Reaktion auf die deutsche Wiedervereinigung. Im Gegensatz zu Willy Brandt, der den nationalen Begeisterungstaumel unterstützte und anheizte, reagierte Grass kritisch und mit großen Vorbehalten.

Ein weites Feld

Grass widmete der Wiedervereinigung den Roman Ein weites Feld, der zu seinen stärksten gehört. Er spielt in der Zeit zwischen Mauerfall und Wiedervereinigung und schlägt einen Bogen zur deutschen Geschichte seit 1848.

Grass schätzte die Wiedervereinigung nicht als Ergebnis einer von unten, vom Volk bestimmten Bewegung ein, sondern als Folge einer bürokratischen Initiative aus dem Apparat der DDR heraus. Er stellt die deutsche Einheit von 1990 in die Kontinuität der Reichsgründung von 1871 unter der Führung von Bismarck und seiner Polizei- und Militärbürokratie. Er bezieht sich dabei immer wieder auf Theodor Fontane, der die Reichsgründung in seinen Romanen zunehmend kritisch beobachtet hatte.

Grass zieht eine Parallele zwischen der Allgegenwart und Arroganz der Obrigkeit, der alten Adelsklasse und der aufsteigenden Schicht neureicher Unternehmer, Bankiers, Händler und Spekulanten, die Fontane angeprangert hatte, und den Schnäppchenjägern, Spekulanten und Banken, die die deutsche Einheit zu einem überfallartigen Bereicherungsfeldzug nutzten und sich mithilfe der Treuhand des Grunds, der Immobilien und der Betriebe im Osten bemächtigten.

Protagonisten des Romans sind der ehemalige DDR-Bürger Theo Wuttke, einst Vortragsredner des DDR-Kulturbundes zum Thema Theodor Fontane, jetzt Aktenbote in der Treuhandanstalt, der sich aber weiterhin mit Theodor Fontane identifiziert und sich daher Fonty nennen lässt, und sein „TagundNachtschatten der Obrigkeit“, der ewige Spitzel Hoftaller, der sich ebenfalls mit einem historischen Vorbild, einem Agenten der preußischen Geheimpolizei im 19. Jahrhundert identifiziert. Beide spazieren durch Berlin, die Mark Brandenburg, die Braunkohlemondlandschaften der Lausitz und fachsimpeln dabei über das Werk Fontanes, streiten heftig über die Akteure der Wiedervereinigung, ihre ideologischen Waffen und ihre Opfer, die Grass vor allem in der Bevölkerung der ehemaligen DDR sieht.

Eine Schlüsselszene des Romans ist die Hochzeit von Fontys Tochter kurz nach der Währungsunion im Ostberliner Stadtteil Prenzlauer Berg, zu der die ganze Verwandtschaft aus Ost und West zusammen kommt.

Fontys Sohn Friedel, der nach dem Mauerbau im Westen geblieben war und 1968 in der Studentenbewegung mit der Mao-Fibel gewedelt und Che-Guevara-Poster verbreitet hatte, bevor er zum Leiter eines theologischen Verlags aufstieg, hält feurige Reden gegen „diese Verbrecher“ im Osten, die „die Jugend versaut“ hätten, über die Schuld, die Schriftsteller und Intellektuelle der DDR auf sich geladen hätten, weil sie sich „sich dem Unrechtsstaat zur Verfügung“ stellten. Doch dann stellt sich heraus, dass es Friedel wie einer ganzen Reihe anderer westdeutscher Hyänen lediglich darum geht, die Eigentumsansprüche seines Verlags auf das Grundstück des ehemaligen Stammhauses in Magdeburg durchzusetzen.

Fontys künftiger Schwiegersohn, ein protzender Bauunternehmer aus dem Westen, ist der Auffassung, dass „die Menschen in der DDR“ vom Anfang bis zum Ende „wie in einem KZ gelebt“ hätten – und gelangt zum Schluss, dass der mecklenburgische Grundstücksmarkt als Ergebnis der „Kommandowirtschaft“ total unterentwickelt sei.

„Was heißt hier Unrechtsstaat! Innerhalb dieser Welt der Mängel lebten wir in einer kommoden Diktatur!“ antwortet Fonty – und löst damit in den großen Massenmedien und ihren Feuilletons einen Sturm der Entrüstung aus. Sie stürzen sich wie eine Meute Hunde auf Grass und beschuldigen ihn, die Verbrechen des DDR-Regimes und das Leiden seiner Opfer zu verniedlichen. Marcel Reich-Ranicki gibt sich bedauerlicherweise dazu her, das Buch auf dem Titelblatt des Spiegel zu zerreißen.

In Wirklichkeit enthält der Roman – seiner ganzen Logik entsprechend – scharfe Kritik an dem Polizeistaatsmethoden des Stalinismus in der DDR. Grass zeichnet jedoch in farbig-fesselnden Bildern ein drastisch-realistisches Bild der deutschen Gesellschaft nach der Wiedervereinigung: die Gesellschaft ist nicht harmonisch vereint, sondern sozial tiefer zerrissen und gespalten als je zuvor, die „Einheit“ ist nur als Zwangsjacke, als Obrigkeitsstaat übergestülpt.

Rückblickend auf die heftigen Auseinandersetzungen um sein Buch stellte Günter Grass 2009 in einem Gespräch mit der Zeit fest, dass die „Schwarzseherei“, die ihm damals vorgeworfen wurde, „von der Realität noch übertroffen worden“ sei. „Was wir heute als große Finanzkrise erleben, dieser Raubtierkapitalismus, begann sich damals schon abzuzeichnen.“

Ein zeitloses Thema des Romans ist die Rolle und Verantwortung von Intellektuellen, Schriftstellern und anderen Künstlern in der Gesellschaft. Von einem sehr prinzipiellen und auch menschlichen Standpunkt aus verteidigt Grass DDR-Künstler und Schriftsteller wie Christa Wolf gegen die ideologischen Vernichtungsfeldzüge der „westlichen Sieger“. Auch wenn sie manchmal keinen anderen Ausweg gesehen hatten, als sich mit den Herrschenden zu arrangieren, haben sie nach Auffassung des Nobelpreisträgers mit ihren immer zweifelnden, reflektierenden Werken einen großartigen Beitrag zur Kunst und damit zum Verständnis der Menschen über ihre Welt beigetragen.

Gnadenlos rechnet Grass jedoch mit den wirklich stiefelleckenden Lakaien der stalinistischen Bürokratie wie Hermann Kant, dem ehemaligen Präsidenten des DDR-Schriftstellerverbandes, ab. Er lässt ihn von Fonty mit Hohn und Spott überschütten: „Der Kantsche Zynismus als kategorischer Imperativ“.

Gegen den Strom

Ende der 1990er Jahre näherte sich Grass der SPD noch einmal an. Er unterstützte 1998, 2002 und 2005 die Wahlkämpfe von Gerhard Schröder, mit dem er in engem persönlichem Kontakt stand. 1999, inzwischen Nobelpreisträger, rechtfertigte er sogar den Kosovokrieg, und später unterzeichnete er eine Anzeige zur Verteidigung der Hartz-Gesetze. Doch das änderte nichts daran, dass er in scharfen Konflikt mit den Vertretern der herrschenden Eliten geriet, die sich wieder dem Militarismus zuwandten – was Grass entschieden ablehnte.

Bereits 2003 hielt er eine brennende Rede gegen den Irakkrieg der USA, den er als „völkerrechtswidrig“, „Unrecht des Stärkeren“ und „Nachhall aus barbarischer Zeit“ brandmarkte. „Verstört, ohnmächtig, aber auch voller Zorn sehen wir dem moralischen Niedergang der einzig herrschenden Weltmacht zu, ahnend, dass dem organisierten Wahnsinn eine Folge gewiss ist: die Motivierung zu anschwellendem Terrorismus, zu weiterer Gewalt und Gegengewalt“, sagte Grass damals in klarer Voraussicht.

Er beklagte, dass die Vereinigten Staaten zum Zerrbild ihrer selbst würden, und protestierte „gegen das brutal ausgeübte Unrecht des Stärkeren, gegen die Einschränkung der Meinungsfreiheit, gegen eine Informationspolitik, wie sie vergleichsweise nur von totalitären Staaten praktiziert wird, und gegen jene zynische Rechnung, nach der der Tod vieltausender Frauen und Kinder hinzunehmen ist, wenn es um die Wahrung ökonomischer und machtpolitischer Interessen geht.“

Damals lehnte die Regierung Schröder eine deutsche Beteiligung am Irakkrieg ab, was Grass – zu Unrecht – als grundsätzliche Opposition gegen den Krieg interpretierte. Doch als er 2006 in seinen Erinnerungen Beim Häuten der Zwiebel berichtete, dass er bei Kriegsende als 17-Jähriger in die Waffen-SS eingezogen worden war, fiel neben der Pressemeute auch die SPD über ihn her.

Wir kommentierten damals: „Die Angriffe auf Grass sind ebenso bombastisch wie verlogen. Sie stehen in keinem Verhältnis zu den bekannt gewordenen Tatsachen und sind eindeutig politisch und ideologisch motiviert.“ Grass habe der bundesdeutschen Gesellschaft, die ranghohe Nazis in führenden Staatsämtern beschäftigte, einen unverfälschten Spiegel des Dritten Reichs vorgehalten. „Das wurde Grass nie verziehen und hat ihm bleibende Feindschaften eingetragen. … All jene, denen er zu nahe getreten, deren selbstzufriedene Ruhe er gestört hat, heulen jetzt triumphierend auf. Endlich, so der Tenor, ist der weltberühmte Schriftsteller von seinem hohen moralischen Ross gefallen; er hatte kein Recht, uns zu kritisieren und uns einen Spiegel vorzuhalten.“

Als der 84-Jährige dann 2012 das Gedicht „Was gesagt werden muss“ veröffentlichte, das der „Atommacht Israel“ vorwarf, sie gefährde mit ihren Drohungen gegen den Iran „den ohnehin brüchigen Weltfrieden“, steigerten sich die Angriffe zu ohrenbetäubender Lautstärke. Die Flut von Beschimpfungen, Verleumdungen und Beleidigungen, die sich auch aus sogenannten „seriösen“ Medien über den Autor von Weltruf ergossen, sprengten alles bisher Dagewesene. Er wurde als Antisemit beschimpft, der ins NPD-Blatt National-Zeitung passe, und mit Hitlers Propagandaminister Josef Goebbels verglichen.

Grass ließ sich nicht einschüchtern. In seinem letzten Interview, das er am 21. März der spanischen Zeitung Al País gab, griff er die Ukraine-Politik der Westmächte scharf an. „Wir laufen Gefahr, die gleichen Fehler wie früher zu begehen“, warnte er. „Ohne dass es uns bewusst wäre, könnten wir auf einmal in einen Weltkrieg hineingeraten, als würden wir schlafwandeln.“

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