Stress und Arbeitshetze bei Opel

Von Marianne Arens
25. April 2015

Mitte April wurde der Opelarbeiter Viktor Uselmann (47) vor dem Amtsgericht Rüsselsheim vom Vorwurf der Körperverletzung freigesprochen. Schon einen Tag zuvor hatte das Darmstädter Arbeitsgericht seiner Kündigungsschutzklage stattgegeben.

Über dreihundert Kollegen hatten mit ihrer Unterschrift gefordert, dass Uselmann wieder eingestellt werden müsse. Er arbeitet schon 25 Jahre bei Opel und ist gewählter Vertrauensmann.

Zu seiner Entlassung hatte ein Zwischenfall am 18. September 2014 geführt. An diesem Morgen war ein Arbeiter seiner Gruppe wegen Krankheit ausgefallen, und Uselmann und der Gruppensprecher, Georg Lippok (43), gerieten in Streit darüber, wer dessen Arbeit in der Rotation mitmachen müsse.

Hierzu muss man wissen, dass ein Gruppensprecher nicht etwa der Sprecher einer Produktionsgruppe nach außen ist, sondern eine Art Vorarbeiter mit Überwachungsfunktion. Er ist für das Erreichen der Ziele zuständig, muss dafür sorgen, dass Personal und Material am Ort sind, und wenn einer fehlt, übernimmt er dessen Funktion am Band, bis ein Ersatzmann kommt.

Lippok musste also zunächst die Arbeit des fehlenden Kollegen übernehmen, geriet aber bei der Rotation mit Uselmann aneinander. Nach Aussage von Zeugen kam es zu einem kurzen aber heftigen Streit mit Handgreiflichkeiten.

Zwei Tage später griff die Rechtsabteilung den Vorfall auf und stellte Uselmann mit sofortiger Wirkung von der Arbeit frei. Einen Monat später, am 21. Oktober, erhielt er die fristlose Kündigung der Adam Opel AG. Gleichzeitig wurde Gruppensprecher Lippok ermutigt, Uselmann privat wegen Körperverletzung zu verklagen.

Im Zivilprozess am 15. April plädierte die Staatsanwältin vor dem Amtsgericht Rüsselsheim auf Freispruch, da in zwei Verhandlungstagen keine Beweise für eine Körperverletzung vorgelegt worden seien. Am Tag zuvor hatte Uselmann auch vor dem Darmstädter Arbeitsgericht Recht bekommen. Demzufolge muss die Adam Opel AG den fristlos gekündigten Vertrauensmann weiter in Rüsselsheim beschäftigen und ihm alle Bezüge seit Oktober 2014 nachzahlen.

Beide Gerichtsprozesse haben deutlich gemacht, dass die Arbeit in der Autoproduktion bei Opel-Rüsselsheim von starkem Stress und wachsender Belastung geprägt ist. „Offenbar herrscht bei Opel ein raues Betriebsklima“, sagte die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer.

Ein Meister, der vor dem Amtsgericht Rüsselsheim ausführlich zu Wort kam, bestätigte dies in seiner Aussage. Auf Nachfrage nannte er Gründe für die gereizte Stimmung und das „raue Klima“ am Band. Der Rotationsprozess sei sehr anspruchsvoll. Die einzelnen Arbeitsprozesse seien sehr unterschiedlich, und nur wenige Mitarbeiter könnten auf allen Stationen eingesetzt werden. Darüber hinaus gebe es sogenannte „Schweinestationen“, das heißt Arbeitsplätze, die außerordentlich anstrengend und gesundheitsbelastend sind. Oft würden Leute aus Gesundheitsgründen, oder weil sie anders eingesetzt seien, ausfallen, und dann müsse die Arbeit von andern zumindest zeitweise mitgemacht werden. Er berichtete auch, dass Arbeiter, die in Rente gehen, nicht ersetzt und leere Stellen vermehrt mit schlecht eingearbeiteten Zeit- und Leiharbeitern besetzt werden.

Die miesen Arbeitsbedingungen bei Opel-Rüsselsheim sind kein Einzelfall. In den meisten andern Autowerken und Betrieben ist es nicht besser. Bei Opel wurde sie Situation durch Werksschließungen, Entlassungen und Produktionsverdichtung, sogenannte „Optimierung“, in den letzten Jahren ständig verschärft.

Der Opel-Konzern versucht damit, seine Position am hart umkämpften Automarkt zu behaupten. Auf die Schließung des Werks in Antwerpen 2010 folgte Ende 2014 die Schließung von Opel-Bochum mit dreitausend Entlassungen. Seither müssen die Rüsselsheimer Arbeiter neben dem Insignia auch den Zafira bauen, teilweise auf denselben Produktionsstraßen.

Der Kampf um die Wettbewerbsfähigkeit wird auf den Knochen der Arbeiter ausgetragen. Am Band wird im Stehen, bei anhaltendem Lärm und unter Zeitdruck gearbeitet, was Schlafstörungen, Krankheit und ein „böses Alter“ verursacht. Dies belegte kürzlich eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), in der es heißt, dass ältere Schichtarbeiter in der Autoproduktion deutlich öfter erkranken als andere Beschäftigte.

Der Stress in der Produktion wird durch das Verhalten der Gewerkschaft und der Betriebsräte noch erhöht. Sie stehen nicht auf Seiten der Arbeiter, sondern des Opel-Managements, und sie teilen uneingeschränkt die Ziele des Opel-Vorstands.

Dies gilt besonders für den gegenwärtigen Gesamtbetriebsratsvorsitzenden, Dr. Wolfgang Schäfer-Klug. „Unsere Wachstumsstrategie war immer eine Kernforderung von Betriebsrat und IG Metall“, sagte er vor kurzem der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in einem Interview mit der Überschrift „Wir sind wieder die Gewinner“. Für den Vorstandsvorsitzenden Karl-Thomas Neumann hat Dr. Schäfer-Klug ausschließlich Schmeichelei und begeistertes Lob übrig. Unter dessen Management habe sich „Entscheidendes positiv verändert“, so der Betriebsratschef. „Das merken wir Beschäftigten auch ganz persönlich.“

Die IG Metall und ihre Betriebsräte spalten die Arbeiter nach Standorten und spielen sie gegeneinander aus. Sie haben die Schließung von Opel-Bochum im sogenannten „Mastertarifvertrag“ unterstützt, jede Art von Kampfmaßnahmen verhindert und die Arbeiter in Bochum systematisch isoliert. Auch der wachsende Druck auf die Produktionsarbeiter in Rüsselsheim ist das direkte Ergebnis der konzernfreundlichen und profitorientierten Politik der Gewerkschaft, die eng mit dem Vorstand zusammenarbeitet.