Nach Erdbeben in Nepal: Wachsende Wut über Untätigkeit der Regierung

Von W.A. Sunil
30. April 2015

Wie der nepalesische Katastrophenstab am Dienstag ankündigte, hat das schwere Erdbeben am Samstag, in dem verarmten Land mindestens 5.057 Todesopfer gefordert, fast 10.000 Menschen wurden verletzt.Acht Millionen Menschen und 39 der 75 Distrikte Nepals waren direkt von dem Erdbeben betroffen. Unter den verzweifelten Überlebenden wächst die Wut über das langsame Tempo der staatlichen Rettungsarbeiten und fehlende Hilfe.

Das Erdbeben hat verheerende Schäden angerichtet. Foto: Krish Dulal.

Die Zahl der Todesopfer steigt weiter an. Am Dienstag wurde das Dorf Ghodatabela nördlich der Hauptstadt Kathmandu von einer Schlamm-, Eis- und Schneelawine überschüttet. Mindestens 250 Menschen werden vermisst.

Das Erdbeben, das am 25. April den Westen von Nepal und Kathmandu erschütterte, hatte eine Stärke von 7,8 auf der Richter-Skala. Auch Indien (72 Tote), Tibet (25) und Bangladesch (2) waren betroffen. Am Mount Everest wurden mindestens achtzehn Touristen und Bergsteiger getötet. Nach ersten Schätzungen könnten sich die Kosten für die entstandenen Schäden auf bis zu zehn Milliarden Dollar belaufen.

Der nepalesische Premierminister Sushil Koirala von der Kongresspartei erklärte am Dienstag gegenüber Reuters, die Zahl der Todesopfer könnte noch auf 10.000 ansteigen. Dieses Erdbeben wäre damit das verheerendste seit dem Beben von 1934, das 8.500 Todesopfer gefordert hatte. Koirala erklärte, seine Regierung sei auf das Schlimmste vorbereitet.

Allerdings leben hunderttausende von Überlebenden noch immer zusammengepfercht in provisorischen Lagern oder campieren aus Angst vor Nachbeben im Freien. Selbst an den notwendigsten Dingen wie Nahrung und Trinkwasser fehlt es. Wie UNICEF am Sonntag erklärte, brauchen fast eine Million Kinder dringend Hilfe.

Rameshwor Dangal, ein hochrangiger Vertreter der Katastrophenhilfe, gab zu, dass der Regierung noch kein vollständiges Bild vom Ausmaß der Zerstörung in hunderten von Dörfern hat. Er erklärte, die Zahl der Todesopfer werde aufgrund des geringen Tempos der Rettungsarbeiten und des Mangels an Nahrung, Trinkwasser, Medizin und Unterkünften noch weiter ansteigen.

Die völlig unzureichend ausgerüsteten und personell unterbesetzten Krankenhäuser sind mit der hohen Zahl von Opfern heillos überfordert. Ärzte führen Operationen und andere medizinische Behandlungen in ungeeigneten Räumen durch. Ein Neurochirurg erklärte auf CNN: „Ich habe auf der Welt schon vieles gesehen, aber so schlimm wie hier war es noch nirgendwo. Wir brauchen so schnell wie möglich mehr Vorräte und mehr Personal.“

In den ländlich geprägten Distrikten ist die Lage der Einwohner am schlimmsten. Viele Dörfer sind wegen ständiger Erdrutschen und schlechtem Wetter nur schwer zu erreichen. Überlebende versuchen mit Spitzhacken und Schaufeln oder mit den bloßen Händen, Menschen aus eingestürzten Gebäuden zu befreien.

Laut der New York Times wurden im Distrikt Gorkha, nahe dem Epizentrum des Erdbebens, 90 Prozent aller Gebäude „völlig zerstört“.

Anil Giri suchte zusammen mit etwa zwanzig Freiwilligen nach zweien seiner Freunde, die unter Trümmern verschüttet sind. Er erklärte der Zeitung: „Die Regierung hat nichts für uns getan. Wir müssen die Trümmer selbst mit den bloßen Händen wegräumen.“

Tulachan, ein Bauarbeiter und Ladenbesitzer, sagte: „Ich glaub nicht, dass die Regierung irgendwas tut... Sie hat nur dieses Zelt geliefert, aber alles andere mussten wir uns von unseren Nachbarn organisieren. Sie sehen ja, wie viele Menschen Not leiden.”

In Nepal kommt es häufig zu schweren Erdbeben. Mehrere aktuelle Studien haben ein schweres Erdbeben in der Region um Kathmandu vorausgesagt. Laut NBC hatten sich nur eine Woche vor der Katastrophe 50 Seismologen und Soziologen in der Hauptstadt getroffen, um darüber zu diskutieren, wie man sich auf solches Ereignis vorbereiten könne.

Der Seismologe James Jackson von der Universität Cambridge erklärte: „Es war ein Albtraum, der irgendwann wahr werden musste. Physikalisch und geologisch gesehen ist genau das passiert, womit wir gerechnet haben.“

Die nepalesische Regierung und die Großmächte, welche über die nötigen Mittel verfügen, sich auf Erdbeben vorzubereiten und schnell zu handeln, haben diese und zahlreiche andere wissenschaftliche Einschätzungen jedoch völlig ignoriert. Genau genommen wurde im Vorfeld nichts unternommen, um Millionen von Nepalesen zu schützen.

Grundsätzlich haben die sogenannten demokratischen Regierungen, die nach dem Sturz der Monarchie 2006 an die Macht gekommen sind, nichts für die Arbeiterklasse und die Armen getan. Das verarmte Land belegt auf dem Human Development Index Platz 145 von 187 aufgeführten Ländern.

Die nepalesischen Maoisten, die zehn Jahre lang einen Guerillakrieg gegen die Monarchie geführt hatten, schlossen sich 2007 dem bürgerlichen Establishment an und versprachen der Bevölkerung „Demokratie und Wohlstand“. Stattdessen setzten sie die von den internationalen Banken geforderten Sparmaßnahmen durch. Die Folge waren wachsende Arbeitslosigkeit, Armut und soziale Ungleichheit im ganzen Land.

Die USA, China, Indien und weitere Länder haben Nepal Hilfe zugesagt. US-Verteidigungsminister Ashton Carter erklärte am Montag in New York bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit US-Außenminister John Kerry und seinem japanischen Amtskollegen, die USA würden zwei C17-Transportflugzeuge der Luftwaffe mit Such- und Rettungsmannschaften nach Nepal schicken. Kerry erklärte außerdem, die USA würden ihr Hilfspaket für Nepal von einer Million Dollar auf neun Millionen erhöhen.

Das Hauptanliegen der Großmächte, vor allem der USA, ist es, die Katastrophe auszunutzen, um ihren politischen und militärischen Einfluss in Nepal auszuweiten. Das Land liegt strategisch günstig zwischen China und Indien und ist ein wichtiges Element in Washingtons „Pivot to Asia“, eine strategische Offensive mit dem Ziel, China diplomatisch zu isolieren und militärisch einzukreisen.

Entsprechend dieser Manöver lobte der amerikanische Botschafter in Indien, Richard Verma, die indische Modi-Regierung für ihre Reaktion auf die Katastrophe in Nepal.

Verma erklärte: „Indien hat in den letzten Wochen seine Fähigkeit bewiesen, als globale Führungsmacht aufzutreten, erst im Jemen, jetzt in Nepal. Wir sind dankbar, wir sind beeindruckt, wir sind inspiriert. Und weil wir unsere Zusammenarbeit ausweiten, benutzt Indien [amerikanische] Flugzeuge der Typen C-17 und C-130 an den Fronten, an denen es reagiert. Wenn sich unsere Beziehung weiter entwickelt, werden wir noch mehr gemeinsam tun können.“

Indien und China haben Rettungsmannschaften nach Nepal geschickt. Neu-Delhi schickte letzten Samstag vier Flugzeuge mit 300 Katastrophenhelfern und Militärhubschrauber. Am gleichen Tag entsandte China eine 62-köpfige Such- und Rettungsmannschaft und vier Flugzeuge mit 170 Soldaten.

Der Grund für diese Reaktionen ist nicht Anteilnahme angesichts der Tragödie in Nepal. Sie sind vielmehr ein weiterer Ausdruck der wachsenden geopolitischen Spannungen in der Region, die sich durch Washingtons Konfrontation mit China verschärft haben.

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