Der Massenmord in Charleston

20. Juni 2015

Der Massenmord an sechs Frauen und drei Männern in einer afroamerikanischen Kirche in Charleston im US-Bundesstaat South Carolina am Mittwochabend ist der schreckliche Ausdruck einer zutiefst kranken Gesellschaft.

Der vermeintliche Schütze, der 21-jährige Dylann Roof aus Columbia in South Carolina, war offenbar von Rassenhass und rechtsradikalen, nationalistischen Stimmungen getrieben. Kurz bevor er seine Opfer kaltblütig erschoss, soll er ihnen zugerufen haben: „Ihr vergewaltigt unsere Frauen und ihr übernehmt unser Land. Ihr müsst weg!“

Auf seiner Facebook-Profilseite hatte Roof ein Bild von sich selbst in einer Jacke mit Abzeichen der Flaggen Südafrikas und Rhodesiens aus der Apartheid-Ära veröffentlicht. Der Anti-Defamation League zufolge wird vor allem die südafrikanische Flagge von 1928 von rechtsradikalen Kreisen in aller Welt „als Symbol der Überlegenheit der Weißen“ benutzt.

Das gesamte politische Establishment hat in äußerstem Maße heuchlerisch und verlogen reagiert. Die unmittelbaren politischen und psychologischen Beweggründe hinter Roofs Tat mögen diese oder jene gewesen sein, aber ein solcher Mord geschieht in einem ganz bestimmten politischen und gesellschaftlichen Kontext.

Die offensichtlichste Heuchelei versprühten führende politische Repräsentanten South Carolinas. Mehrere Politiker der Republikanischen Partei von South Carolina sind als Mitglieder des offen rechtsradikalen Council of Conservative Citizens (CCC), bekannt, dem Nachfolger des alten White Citizens Council, der „respektablen“ Version des Ku Klux Klan in den 1950er und 1960er Jahren.

Die Republikanische Gouverneurin von South Carolina, Nikki Haley, erklärte am Donnerstag, “das Herz und die Seele des Staates seien durch die Tat gebrochen”. 2014 verteidigte sie das Hissen der könföderierten Sezessionisten-Fahne aus dem Bürgerkrieg über dem Staatsparlament mit der Begründung, „nicht ein einziger Konzernchef“ habe sich bei ihr darüber beschwert.

Präsident Barack Obama bekundete am Donnerstag seine „tiefe Trauer über die sinnlosen Morde“ in Charleston. Obama fuhr fort: „Jeder solcher Tode ist eine Tragödie. Jede Schießerei mit mehreren Opfern ist eine Tragödie.“ Der Präsident meinte, dass „wir als Land uns an einem bestimmten Punkt mit der Tatsache konfrontieren müssen, dass diese Art von Massengewalt in anderen entwickelten Ländern nicht vorkommt.“

Ja, aber wann genau ist dieser Punkt erreicht? Obama und seine Vorgänger George W. Bush und Bill Clinton mussten immer wieder solche Gewalttaten kommentieren. Wenn der Präsident eine Erinnerung braucht, was alleine in seiner Amtszeit passiert ist, sind hier einige Beispiele: im April 2009 das Massaker an dreizehn Menschen in einem Bürgerzentrum für Einwanderer in Binghampton, New York; der Mordversuch an der Abgeordneten Gabby Giffords und der Mord an sechs weiteren Personen in Tuscon, Arizona im Januar 2011; der Massenmord in einem Kino in Aurora, Colorado im Juli 2012; der Mord an sechs Menschen und die Verwundung von vier weiteren in einem Sihk-Tempel in Oak Creek, Wisconsin im August 2012 durch einen Rassisten; die Ermordung von 26 Menschen, darunter zwanzig Kindern, in Newton, Connecticut im Dezember 2012; und es noch gibt viele weitere.

Jedes Mal nach solchen Mordtaten durchsucht ein Teil der Medien die Heiligen Schriften nach Erleuchtung und bekundet, dass die Tragödie die Existenz des „Bösen“ beweise und vermutlich auch den Sündenfall des Menschen. Ein weiterer, liberalerer und eher offizieller Teil verkündet, dass schärfere Waffengesetze auf mysteriöse Weise alle Probleme lösen würden. Und ein dritter seufzt über die „Sinnlosigkeit“ des Ganzen und zuckt kollektiv mit den Schultern. Das Herumgestochere im Nebel in den offiziellen Kommentarspalten ist ein Anzeichen für den moralischen und politischen Bankrott der gesellschaftlichen Ordnung Amerikas.

Natürlich hat jede dieser tragischen Episoden ihr irrationales Element, wie auch die jüngste. Roof ließ offenbar eine ältere Frau am Leben, weil, wie er ihr anvertraute, „ich jemanden brauche, der überlebt“ – ein Hinweis darauf, dass er plante, sich selbst zu töten. „Und du wirst der einzige Überlebende sein.“

Aber die Behauptung der Medien, dass solche Massenmorde unerklärbar seien, ist eine eigennützige Lüge. Die Kommentatoren, Obama und die politische Klasse werden und können sich „nicht mit dem Phänomen konfrontieren“, weil schon der Versuch, die verschiedenen Massaker wirklich zu untersuchen, den Schleier über der Realität des amerikanischen Lebens lüften würde und vor allem die Atmosphäre von gnadenloser Gewalt und Aggression sichtbar werden ließe, die von beinahe zwanzig Jahren fast ununterbrochen andauernden Kriegen geschaffen worden ist.

Die vermeintliche Tat Roofs, der offenbar eine psychisch kranke und desorientierte Persönlichkeit war und unter den Einfluss konföderierter und rassistischer Propaganda kam, hat rassistische Untertöne. Aber, bei allen Unterschieden, ist er wirklich so ein anderer gesellschaftlicher Typ als der jugendliche Mörder an der Columbine High School 1999 oder als Seung-Hui Cho, der südkoreanische Einwanderer, der im April 2007 auf dem Virginia Tech Campus 32 Menschen ermordete und siebzehn verwundete? Oder wie James Eagan Holmes, der Schütze von Aurora in Colorado und die ganzen anderen?

Welche psychologischen und soziologischen Züge haben die verschiedenen Täter gemeinsam? Ist es nicht eine weit fortgeschrittene soziale Entfremdung, große Erbitterung gegenüber anderen Menschen, Selbsthass, Isolation, allgemeine Verzweifelung und ein Hang zu extremer Gewaltanwendung zur Lösung ihrer tatsächlichen oder eingebildeten Probleme?

Diese Tendenzen treten viel zu häufig und viel zu zerstörerisch zutage, um lediglich als persönliche Verfehlungen abgetan werden zu können. Sie haben offensichtlich tiefere gesellschaftliche Ursachen. Sie spiegeln ein schreckliches Elend wider, die Mentalität von Personen, die ständig unter einer dunklen Wolke leben, die keine Hoffnung in die Zukunft haben und die sicher sind, dass alles nur schlimmer wird. Schaut Euch nur das Facebook-Photo von Dylann Roof an, wenn ihr eine Vorstellung von dieser Trübseligkeit und Verzweiflung bekommen wollt!

Die Generation Roofs hat, anders als jede andere in der amerikanischen Geschichte, nichts kennengelernt als Krieg und die ständige Zunahme von sozialer Ungleichheit. Wenn wir mal die Phantasien der Medien über das Leben in Amerika mit Verachtung beiseite lassen, in denen so getan wird, als ob die Dinge niemals besser lagen – schließlich haben die Jugendlichen doch Facebook, Twitter und iPhones –, so hat keine Generation in der modernen Zeit solch schwere und entmutigende Bedingungen erlebt. Der Kapitalismus, die Unterordnung jedes Aspekts des Lebens unter die Profitinteressen und den privaten Reichtum der Wirtschaftselite, ist der Kern des Problems.

Die amerikanische herrschende Elite möchte uns glauben machen, dass andauernder Krieg, Aggression und die Drohung mit noch mehr katastrophalen Kriegen, die Teil des Kampfs der USA für globale Vorherrschaft sind, keine Auswirkungen haben. Gewalt und Töten sind das Tagesgeschäft des amerikanischen Militärs und der Geheimdienste. US-Beamte und Politiker diskutieren abgebrüht wie Mitglieder der Mafia, angebliche Terroristen zu „töten“ oder „Bedrohungen“ für die „nationalen Interessen Amerikas zu eliminieren“. Morde, ob mit Drohnen oder mit anderen effizienten modernen Mitteln, sind zur banalen Routine geworden. Der Präsident trifft sich, wie wir wissen, jeden Dienstag mit seinen Beratern, um die „Todeslisten“ zu aktualisieren.

Jemand wie Roof, falls er sich als Schuldiger herausstellen sollte, hat sein Leben lang nichts anderes gekannt, als diese ständige und schlimmer werdende Gewalt. Und das nicht nur in Übersee. Die Polizei in den USA hat einen Freifahrtschein erhalten, das Feuer auf unschuldige Zivilisten zu eröffnen und sie zu töten. Erst vor zwei Monaten tötete in North Carolina nur zehn Meilen von der Stelle des Massenmords am Mittwoch entfernt ein Ortspolizist Walter Scott kaltblütig mit fünf Kugeln in den Rücken.

Die Krise der amerikanischen Gesellschaft erreicht einen Wendepunkt. Es kann nicht so weitergehen. Roofs Reaktion ist die ungesunde, verquere Reaktion eines verschwindend geringen Teils dieser Generation. Massen von Jugendlichen und Arbeitern werden auf die Krise rational und fortschrittlich reagieren und sich gegen die Kriminellen und Lügner an der Macht und ihr verrottetes wirtschaftliches und gesellschaftliches System wenden.

David Walsh