Der bevorstehende Kampf der US-Autoarbeiter

21. Juli 2015

Vergangene Woche wurden in Detroit die Verhandlungen zwischen der Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) und General Motors (GM), Ford und Fiat Chrysler (FCA) über neue Tarifverträge für 140.000 Arbeiter eröffnet. Die alten Verträge der Beschäftigten mit einer Laufzeit von vier Jahren laufen am 14. September aus.

Die Eröffnung der Gespräche in den gemeinsamen Räumlichkeiten der UAW bei GM und der UAW bei Chrysler fand in einer grotesken Atmosphäre der Einheit von UAW und Management statt. Die Repräsentanten beider Seiten trugen identische Hemden, die mit den Logos des Unternehmens und der Gewerkschaft verziert waren. Die Atmosphäre war derartig inzestuös, dass UAW-Präsident Dennis Williams und der Vorstandschef von Fiat Chrysler, Sergio Marchionne, den rituellen Handschlag übersprangen und sich stattdessen vor laufenden Kameras umarmten.

„Unser Ziel für GM ist, dass das Unternehmen floriert. Unser Ziel für die Aktionäre und Konsumenten ist deren Gewinn und für alle UAW-Mitglieder, dass diese am Erfolg ihrer Leistungen beteiligt werden“, schwärmte Williams am Montag. Eine Erklärung der UAW feierte die „Zusammenarbeit zwischen der UAW und General Motors“, die GM „im Jahr 2014 in Nordamerika einen geschätzten Profit von 6,6 Milliarden Dollar“ einbrachte.

Derartige Erklärungen können nur von einer Organisation kommen, die den Interessen der Arbeiterklasse durch und durch feindlich gegenüber steht.

Die hoch bezahlten Funktionäre der UAW haben zweifellos ihren Anteil am Wohlstand eingefahren. Williams kommt in den Genuss eines Gehalts von etwa 324.400 Dollar, das er von der UAW, für seine Tätigkeit in Aufsichtsräten und aus gemeinsamen Investmentfonds bezieht. Bei den Autoarbeitern, die angeblich von der UAW vertreten werden, sieht die Situation vollkommen anders aus.

Die langjährig Beschäftigten leiden unter einer zehnjährigen Nullrunde, die zusammen mit der Beseitigung von Anpassungen an die steigenden Lebenshaltungskosten einen 25-prozentigen Absturz der Reallöhne zur Folge hatte. Jene etwa 40.000 Arbeiter, die nach 2007 auf der Basis des von der UAW ausgehandelten und verhassten zweistufigen Lohnsystems angestellt wurden, werden derart schlecht bezahlt, dass sie sich die Autos, die sie selbst gebaut haben, nicht leisten können.

Obwohl die Autokonzerne seit dem Abschluss des Tarifvertrags von 2011 Profite in Höhe von 73 Milliarden Dollar in Nordamerika angehäuft haben, haben sie und die Investmentfirmen der Wall Street keinerlei Absicht, locker zu lassen. Im Gegenteil verlangen sie radikale Einschnitte bei der Gesundheitsvorsorgung, eine ständige Beschleunigung der Arbeitsprozesse und den permanenten Wegfall von Anhebungen des Basislohns zugunsten von Bonuszahlungen, die an die Produktivität und den Profit gebunden sind.

Um den Arbeitern solche Zugeständnisse abzuringen, halten die Autokonzerne den Beschäftigten erneut die Pistole an die Schläfe und bedrohen sie mit Massenentlassungen und Werksschließungen. Am Vorabend der Tarifverhandlungen kündigte der Ford-Konzern an, er werde die Produktion mehrerer Modelle vom derzeitigen Produktionsstandort in Michigan nach Mexiko verlagern, wodurch die Arbeitsplätze von 4.000 Arbeitern im Einzugsgebiet von Detroit bedroht sind.

Am Dienstag sagte Marchionne, dass die Kosten des FCA-Werks in Toledo im Bundesstaat Ohio immer noch zu hoch seien, um dem Werk den Zuschlag für die Produktion eines neuen Modells des Jeep Wrangler zu geben. Das Schicksal von 6.500 Autoarbeitern hänge daran, dass die UAW ihnen neue Zugeständnisse abnötige.

Die Autokonzerne genießen die uneingeschränkte Unterstützung der Obama-Regierung, die die Zerschlagung der Löhne bei der „Rettung“ von GM und Chrysler durchsetzte und damit einen Präzedenzfall für Lohnkürzungen in der gesamten Wirtschaft schuf. Unter Obama fiel der Anteil der Arbeiter am Nationaleinkommen auf den niedrigsten Wert seit Beginn der Aufzeichnungen in den 1950er Jahren, während der Anteil der Unternehmer seinen kometenhaften Aufstieg fortsetzte, der in den 1980er Jahren begonnen hatte.

Es wäre für Autoarbeiter ein schwerer und gefährlicher Fehler zu denken, dass die UAW unter Druck dazu gebracht werden könnte, ihre Interessen zu vertreten. Die Arbeiter müssen nur auf die letzten dreieinhalb Jahrzehnte schauen, um zu sehen, dass die UAW eine Unternehmensgewerkschaft ist.

Seit den späten 1970er Jahren steckten die Autokonzerne Milliarden von Dollar in gemeinsame Programme, die von der UAW geleitet wurden, und schufen damit neue Einkommensquellen für die Gewerkschaftsfunktionäre. Dafür waren diese bei der Zerstörung von hunderttausenden Arbeitsplätzen und dem Ausverkauf von Löhnen, Sozialleistungen und Arbeitsbedingungen behilflich.

Ein neuer juristischer Rahmen musste für das System von sozialpartnerschaftlichen Komitees von Arbeitnehmervertretern und Management sowie für Finanzierungspläne geschaffen werden, weil diese gegen Bestimmungen des Wagner Acts von 1935 verstießen. Dieses Gesetz verbot Unternehmern, Organisationen der Beschäftigten zu dominieren oder Gewerkschaften Geld zu geben.

Anders als in der Darstellung der wirtschaftshörigen Medien, die versuchen, die Arbeiter an der Nase herumzuführen, gibt es bei den aktuellen Verhandlungen keine Parteien, die einander feindlich gegenüber stehen. Die UAW fungiert, in enger Verbindung zur Demokratischen Partei und zum Staat, als Agentur der Unternehmen. Ihr hauptsächliches Anliegen besteht darin, ihr Einkommen zu sichern, insbesondere vor dem Hintergrund der „Recht auf Arbeit“-Gesetze in Michigan und Indiana, die mit Sicherheit zu einem Massenaustritt von beitragszahlenden Mitgliedern führen werden.

Zu diesem Zweck hat Williams bereits seine Unterstützung für die Schaffung einer „dritten Kategorie“ von Arbeitern signalisiert, die nur noch zehn Dollar pro Stunde verdienen sollen. Die UAW bietet außerdem an, ihren viele Milliarden Dollar schweren Rentenfond auszuweiten, sodass dieser auch aktive Beschäftigte und sogar Angestellte einschließt, um die Unternehmen von der Verpflichtung zu entlasten, für die Gesundheitsversorgung aufzukommen. Gleichzeitig würde dies den Gewerkschaftsfunktionären noch höhere Investitionsmittel zur Verfügung stellen.

Je offensichtlicher und tiefer die Klassenspaltung wird, umso mehr leugnen die Gewerkschaftsfunktionäre und ihre politischen Unterstützer den Klassenkampf. Doch der Klassenkampf hat sich nicht in Luft aufgelöst. In den letzten vier Jahrzehnten wurde er aufgrund des Verrats der Gewerkschaften in den USA und auf der ganzen Welt nur von einer Seite aus geführt. Die Folge war ein katastrophaler Rückschritt der gesellschaftlichen Position der Arbeiterklasse und ein gewaltiges Anwachsen des Reichtums von Unternehmensbossen und Bankern.

Wenn die Autoarbeiter einen weiteren Ausverkauf verhindern wollen, müssen sie für eine unabhängige Mobilisierung der Basis gegen die Unternehmen und gegen deren Diener in der UAW kämpfen. Der Rahmen für diesen Kampf muss durch den Aufbau von Aktionskomitees hergestellt werden, die sich unabhängig von den Gewerkschaften organisieren. Diese Komitees werden die Aufgabe haben, die Kommunikation zwischen den Werken zu organisieren und Vorbereitungen für einen uneingeschränkten Kampf zur Beseitigung des Zwei-Stufen-Lohnsystems und zur Sicherung des Rechts auf einen gutbezahlten und sicheren Arbeitsplatz für alle Arbeiter zu treffen.

Während der kommenden zwei Monate wird die Socialist Equality Party (SEP) eine aggressive Kampagne durchführen, um die Fragen zu klären, mit denen die Autoarbeiter konfrontiert sind, und beim Aufbau dieser unabhängigen Kampforganisationen helfen. Entscheidend ist, dass die SEP eine neue politische Orientierung und eine Strategie anstrebt, um die Kämpfe der Autoarbeiter und der ganzen Arbeiterklasse zu führen.

Im Gegensatz zum Nationalismus der UAW besteht die SEP darauf, dass die Arbeiter in den USA die weltweiten Autokonzerne nur durch die Vereinigung mit ihren Brüdern und Schwestern in Mexiko, Kanada und auf der ganzen Welt bekämpfen können.

Im Gegensatz zum Ziel der UAW, die Profite der Unternehmen zu vergrößern, hält die SEP daran fest, dass Armut, Ungleichheit und Krieg nur dann ein Ende gemacht werden kann, wenn das Wirtschaftsleben auf sozialistischer Grundlage zur Befriedigung der Bedürfnisse der weltweiten Produzenten neu organisiert wird – und nicht im Interesse jener Parasiten, die die Wirtschaft und die Regierung dominieren. Wir treten dafür ein, dass die globale Autoindustrie in Gemeineigentum überführt und unter die demokratische Kontrolle der Arbeiterklasse gestellt wird. Die Autoindustrie muss reorganisiert werden, um sichere und erschwingliche Verkehrsmittel zu produzieren und den Autoarbeitern einen guten Lebensstandard zu gewährleisten.

Um dafür zu kämpfen, müssen Arbeiter sich als unabhängige politische Kraft in Opposition zur Obama-Regierung und zu den von den Unternehmen kontrollierten Demokraten und Republikanern organisieren. Wir fordern Autoarbeiter dazu auf, mit der Socialist Equality Party in Kontakt zu treten und diesen Kampf aufzunehmen.

Jerry White