Brasilianische Autoarbeiter streiken gegen Massenentlassungen

Von Armando Cruz
9. September 2015

Eine Welle von Massenentlassungen in der brasilianischen Autoindustrie zwingt die brasilianischen Autoarbeiter in einen Kampf zur Verteidigung ihres Lebensunterhalts und ihrer Arbeitsstandards. Das internationale Kapital und seine Partner in der Regierung von Präsidentin Dilma Rousseff von der Partido dos Trabalhadores (Arbeiterpartei, PT) wollen ihre Arbeitsplätze vernichten, um die Profite der Unternehmen zu sichern.

Brasiliens Wirtschaft ist von den „Schwellenländern“ am stärksten vom Ende des sogenannten „Rohstoffbooms“ betroffen, den der Abschwung in China ausgelöst hat. China hat die USA in den letzten zehn Jahren als wichtigsten Handelspartner Brasiliens abgelöst. Die Autoindustrie bekam die Wirtschaftskrise, die Lateinamerikas größte Wirtschaft in diesem Jahr in die Rezession gestürzt hat, mit voller Wucht zu spüren.

In der brasilianischen Autoindustrie, die von riesigen multinationalen Konzernen wie GM, Mercedes-Benz und Volkswagen dominiert wird, wurden bisher allein in diesem Jahr 38.700 Stellen abgebaut. In allen Fällen wird als Rechtfertigung der Rückgang der Verkäufe an die Endverbraucher genannt, der wiederum eine Folge der steigenden Arbeitslosenquote ist. Im letzten Quartal stieg diese auf 8,3 Prozent. Ein weiterer Faktor ist der Rückgang der Exporte nach Argentinien, das sich ebenfalls in einer Wirtschaftskrise befindet.

Die 38.700 Arbeitsplätze, die bisher in der Autoindustrie abgebaut wurden, machen laut der brasilianischen Tageszeitung Folha de S. Paulo elf Prozent des gesamten in diesem Jahr verzeichneten Arbeitsplatzabbaus aus.

In den letzten zehn Jahren galt das Land als aufstrebender Spitzenstandort der Autoindustrie. Internationale Autoriesen investierten in Brasilien, nicht zuletzt wegen der „politischen Stabilität“, für welche die PT-Regierungen unter dem früheren Präsidenten und ehemaligen Vorsitzenden der Metallarbeitergewerkschaft Luiz Inacio Lula da Silva (2003-2011) und unter der derzeitigen Präsidentin Dilma Rousseff garantierten.

Jetzt, da die PT-Regierung durch den Korruptionsskandal bei Petrobras gründlich diskreditiert ist und die Wirtschaft in die Rezession stürzt, suchen die multinationalen Konzerne andere Märkte. Mexiko hat Brasilien vor kurzem als größten Autoproduzenten in Lateinamerika abgelöst.

Am 7. August gab Mercedes-Benz als letztes Unternehmen einen Arbeitsplatzabbau bekannt. 1.500 Entlassungen sollen in dem LKW- und Buswerk in Sao Bernando do Campo durchgeführt werden. Das Werk liegt in dem Teil des Industriegebietes von Sao Paulo, das als „ABC“ bekannt ist.

Das Unternehmen forderte seine Arbeiter in einem Kommuniqué auf, „gemeinsame Opfer“ zur Erhaltung aller 10.000 Arbeitsplätze in der Fabrik zu akzeptieren. Laut der Webseite Metalurgicos.org.br hatte das Unternehmen die Entscheidung gefällt, nachdem die Gewerkschaft die Forderung abgelehnt hatte, ihre Mitglieder noch einmal über den Vorschlag abstimmen zu lassen, durch eine Lohnsenkung von zehn Prozent, die Halbierung der für nächstes Jahr vorgesehenen Lohnanpassung und weitere Zugeständnisse „Arbeitsplätze zu retten“. Die Gewerkschaft beharrte darauf, dass diese Vorschläge bereits von 74 Prozent der Belegschaft abgelehnt worden waren.

Jose Djalma de Souza, 41, einer der Mercedes Benz-Arbeiter, der nach zwölf Jahren in dem Werk entlassen wurde, erklärte gegenüber Brasil de Fato, das Unternehmen hätte es sich angesichts der riesigen Profite, die es bis vor kurzem gemacht hat und der Produktivität der Arbeiter leisten können, auf die Entlassungen zu verzichten. „Man fühlt sich völlig allein, ohne festen Boden unter den Füßen“, erklärte er und äußerte die Hoffnung, er könnte seinen Arbeitsplatz wegen seines neugeborenen Sohnes zurückbekommen. Etwa 2.000 Familien sind von der größten Massenentlassung seit 1998 betroffen - damals hatte VW 4.000 Arbeiter entlassen.

Am 24. August traten etwa 7.000 Mercedes Benz-Arbeiter in den Streik. Fast alle 10.000 Beschäftigten zeigten in den folgenden Tagen durch ihre Beteiligung an Demonstrationen und Straßenblockaden Solidarität mit den Entlassenen. Inzwischen erhielten weitere Arbeiter Entlassungstelegramme, da das Unternehmen entschied, dass weitere 500 Arbeiter bereits „überflüssig“ seien.

Der Streik endete am 31. August, nachdem die Arbeiter den Vorschlag der Gewerkschaft akzeptierten, die entlassenen Arbeiter wieder einzustellen und ihre Arbeitsplätze für zwölf Monate zu sichern. Im Gegenzug wurde jedoch der Lohn für alle Arbeiter um zwanzig Prozent gekürzt. Die Hälfte dieser Reduzierung wurde vom staatlichen Programm zum Schutz von Arbeitsplätzen (PPE) aufgefangen.

Die Gewerkschaft, die von dem korporatistischen Betriebsrat in Deutschland unterstützt wird, stellte das Ergebnis ihrer Verhandlungen als „einzig mögliches Ergebnis“ dar. „In einer Krise versucht man immer das Möglichste, um keine Arbeiter zu entlassen, aber das ist nicht immer möglich“, erklärte der deutsche Gewerkschaftsbürokrat Michael Brecht, Vorsitzender des Gesamtbetriebsrates der Daimler AG, des Mutterkonzerns von Mercedes Benz.

Am 8. August kündigte General Motors 500 Entlassungen in seinem Werk in Sao Jose dos Campos an. Im vorherigen Monat hatte das Unternehmen bereits weitere 500 Entlassungen im Werk Sao Caetano do Sul angekündigt.

Die entlassenen GM-Arbeiter erhielten ihre Kündigungsschreiben kurz vor dem brasilianischen Vatertag. Daraufhin besetzten 250 Arbeiter wütend das lokale Gewerkschaftshaus und forderten eine Erklärung. Zwei Tage später begannen 5.200 Arbeiter einen unbefristeten Streik, dessen Ziel die Rücknahme der Entlassungen war. In den ersten vier Tagen des Ausstandes drangen einige Arbeiter in das Werk ein und führten einen Sitzstreik durch.

In dem Werk in Sao Jose dos Campos werden die Modelle S10 und Trailblazer hergestellt, außerdem Motoren, Getriebe und Zubehör für den Export.

GM behauptete, es habe „alles in seiner Macht stehende“ getan, um Entlassungen zu verhindern, darunter kollektive Werksferien, freiwillige Abfindungsangebote und freiwillige Kurzarbeit“. Diese Maßnahmen reichten jedoch angesichts des Rückganges der Nachfrage in Brasilien (etwa 30 Prozent im Vergleich zum letzten Jahr) nicht aus. Das Unternehmen erklärte in einer Stellungnahme, die Entlassungen sollen „die Belegschaften des Unternehmens auf die Realitäten der derzeitigen Marktlage einstimmen, um die Wettbewerbsfähigkeit und Lebensfähigkeit des Unternehmens wiederherzustellen.“

In den folgenden Tagen wurden weitere Arbeiter per Telefon oder sogar über Whatsapp-Nachrichten über ihre Entlassung informiert. Die Zahl der Entlassungen stieg auf über 700. Bei einem Treffen mit Gewerkschaftsmitgliedern versuchten Vertreter des Unternehmens die Beschäftigten zu täuschen und erklärten, es werde (nach diesen Entlassungen) keine weiteren geben. Die Arbeiter, die vor dem Werk auf Streikposten standen, diffamierten sie.

Die Arbeiter blockierten außerdem wichtige Fernstraßen mit brennenden Reifen. Sie wurden von VW-Arbeitern unterstützt, die ebenfalls gegen Entlassungen streikten, sowie von Studenten der Universität.

Die Arbeiter waren vom Ergebnis der Verhandlungen zwischen der Gewerkschaft und dem Unternehmen zutiefst enttäuscht.

Den entlassenen Arbeitern werden für fünf Monate vorübergehend die Arbeitsverträge ausgesetzt. Wenn der Arbeiter zum Ende dieser Periode entlassen wird, erhält er eine Abfindung in Höhe von einem viermonatigen Grundgehalt. Allerdings werden den Entlassenen weder weitere Beschäftigungsstabilität noch eine Rückkehr an den Arbeitsplatz garantiert.

Da kein Ende des Rückgangs der Autoverkäufe und der Wirtschaftskrise in Sicht ist, wird GM vermutlich beschließen, nicht nur diese Arbeiter zu entlassen, sondern noch weitere. Das Tarifabkommen sieht außerdem vor, dass GM ein Programm auflegt, das Arbeiter, die das Unternehmen als „überflüssig“ betrachtet, zur „freiwilligen Kündigung“ anhält.

Die Versuche der Gewerkschaften, die PT-Regierung durch Druck zu zwingen, Gesetze zu unterzeichnen, die für sichere Arbeitsverhältnisse sorgen, haben eine Sackgasse erreicht und dienen hauptsächlich dazu, Illusionen in die diskreditierte Rousseff-Regierung zu schüren.

Diese nationalistische Strategie zielt auch darauf ab, die brasilianischen Autoarbeiter von der Tatsache abzulenken, dass die internationalen Autoarbeiter in den globalen Konzernen und Investoren einen gemeinsamen Feind haben, der sie zwingen will, für eine Krise zu bezahlen, für die sie nicht verantwortlich sind. Dieser Feind wird von seinen Partnern in Regierung und Gewerkschaften unterstützt, die ein System verteidigen, das die arbeitende Bevölkerung in die Armut treibt, um seine Profite zu schützen.

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