Der VW-Skandal

Von Peter Schwarz
23. September 2015

Der Skandal um manipulierte Abgaswerte von Diesel-Fahrzeugen in den USA hat den Volkswagen-Konzern in eine tiefe Krise gestürzt.

Dem neben Toyota weltgrößten Autobauer drohen Strafzahlungen bis zu 18 Milliarden Dollar, hohe Kosten für den Rückruf fast einer halben Million Autos, mögliche Schadenersatzansprüche sowie ein schwerer Imageverlust. Das US-Justizministerium hat strafrechtliche Ermittlungen gegen die Verantwortlichen eingeleitet und ein Ausschuss des US-Kongresses hat eine Anhörung zum VW-Skandal angekündigt.

Der Konzern hat inzwischen zugegeben, dass die Beschuldigung der amerikanischen Umweltbehörde EPA zutrifft, er habe die amerikanischen Kunden und Behörden gezielt getäuscht. „Lasst es uns deutlich sagen: Unser Unternehmen war unehrlich“, sagte der Amerika-Chef von VW, Michael Horn, bei der Vorstellung des neuen Passat in New York. „Wir haben es total verbockt.“

VW hat ein hohes Maß an krimineller Energie aufgewandt, um die Abgaswerte zu manipulieren. Eine speziell entwickelte Software sorgte dafür, dass ein Auto erkannte, wenn es auf dem Prüfstand getestet wurde, und automatisch in einen schadstoffarmen Sparmodus schaltete. Nach Ende des Tests schaltete es dann in den normalen Straßenmodus zurück, bei dem der Ausstoß giftiger Stickoxide um das zehn- bis vierzigfache höher ist.

Die niedrigen Abgaswerte dienten VW als Verkaufsargument auf dem US-Markt, wo der Anteil an Diesel-Fahrzeugen im Unterschied zu Europa mit einem Prozent äußerst gering ist. Die meisten Käufer entschieden sich für ein Diesel-Auto von VW oder Audi, weil sie im Gegensatz zu den ebenfalls abgasarmen aber schwerfälligen Hybrid-Fahrzeugen asiatischer Anbieter angeblich Umweltfreundlichkeit mit sportlichen Motoren verbanden.

Das Ausmaß des Skandals ist noch gar nicht abzusehen. Der Verdacht liegt nahe, dass VW nicht nur in den USA, sondern auch anderswo die Abgaswerte manipulierte. Deutschland, die Schweiz, Frankreich und Südkorea haben inzwischen angekündigt, Dieselfahrzeuge ebenfalls auf Manipulationen zu untersuchen.

Am Dienstag gab VW bekannt, dass die Manipulationssoftware in deutlich mehr Fahrzeugen eingebaut worden sei, als bisher bekannt. Der Motorentyp EA 189, bei dem „eine auffällige Abweichung zwischen Prüfstandswerten und realem Fahrbetrieb festgestellt“ wurde, befinde sich in weltweit elf Millionen Fahrzeugen. Der Aktienkurs von VW, der bereits am Montag um einen Fünftel gefallen war, verlor darauf weitere 23 Prozent. Das entspricht einem Wertverlust von 27 Milliarden Euro seit Beginn der Abgasaffäre.

Außerdem stellt sich die Frage, ob auch andere Konzerne die Abgaswerte manipulieren. Neben VW bieten auch BMW und Mercedes sowie viele andere europäische und asiatische Konzerne Dieselfahrzeuge an. „Die Angst vor einem Flächenbrand in der deutschen Auto-Industrie ist an diesem Montag mit Händen zu greifen. Ist VW ein Einzelfall? Oder sind sie nur die ersten, die ertappt wurden?“ fragte die Süddeutsche Zeitung.

Experten warnen, dass der VW-Skandal den Verlust von zahlreichen Arbeitsplätzen nach sich ziehen könnte. In Deutschland hängt jeder siebte Arbeitsplatz direkt oder indirekt von der Autobranche ab. Die relativ teuren deutschen Autos konnten sich auf dem Weltmarkt halten, weil sie im Ruf standen, technisch hochwertig und verlässlich zu sein. Dieser Ruf gerät nun in Gefahr.

Ungeklärt ist auch, wer von der Manipulation wusste. Viele Kommentare halten es für unwahrscheinlich, dass sie ohne Wissen des Vorstandsvorsitzenden Martin Winterkorn möglich war, der den Konzern seit 2007 leitet. Winterkorn ist wie seine beiden Vorgänger Bernd Pischetsrieder und Porsche-Enkel Ferdinand Piëch ein Technik-Experte und kein Finanzmanager. Er soll über die technischen Einzelheiten der VW-Fahrzeuge bis ins Detail informiert gewesen sein.

Winterkorn hatte erst im Frühjahr einen Machtkampf gegen Ferdinand Piëch gewonnen, der seit 2002 den Aufsichtrat leitete und zu den Hauptaktionären von VW zählt. Piëch trat darauf aus dem Aufsichtsrat zurück. Auf der Aufsichtsratsratssitzung vom kommenden Freitag sollte der Vertrag von Winterkorn um zwei Jahre verlängert werden. Das steht nun wieder in Frage. Dem Konzern steht ein weiterer Machtkampf an der Spitze bevor.

Viele Kommentare bezeichnen die Dreistigkeit, mit der VW Behörden und Kunden täuschte, nicht nur als kriminell, sondern auch als „unglaublich dumm“. Man habe absehen können, dass der Schwindel auffliegen werde und ein ungeheurer Imageschaden die Folge sei.

Das trifft sicher zu. Aber VW ist kein Einzelfall. In den vergangenen Jahren häuften sich die Skandale, bei denen Großkonzerne Probleme verheimlichten und die Öffentlichkeit täuschten. Dabei ging es nicht nur um Abgaswerte, sondern um technische Mängel, die zahlreiche Todesopfer forderten.

So hatte General Motors fast zehn Jahre lang ein Problem mit der Zündung vertuscht, das zum plötzlichen Abschalten des Motors und zum Ausfall der Sicherheitssysteme führte, bevor der Konzern 2,6 Millionen Fahrzeuge in die Werkstatt zurückrief. Die Folge: Mindestens 124 Tote und 275 Verletzte. Als US-Konzern musste GM allerdings nur die lächerliche Summe von 900 Millionen Euro als Entschädigung an die Opfer bezahlen.

Der japanische Zulieferer Takata geriet ins Visier des US-Justizministeriums, weil er weltweit mehrere Dutzend Millionen Fahrzeuge mit defekten Airbags ausstattete. Mindestens acht Menschen wurden durch explodierende Airbags getötet und mehr als hundert verletzt. Toyota musste in den USA 1,2 Milliarden Dollar Strafe zahlen und mehrere Millionen Fahrzeuge zurückrufen, weil diese unbeabsichtigt beschleunigten. Mindestens fünf Menschen verloren dabei das Leben.

Im Automobilbereich wurden in jüngster Zeit gewaltige technische Fortschritte erzielt. Neue Technologien und digitale Steuerung haben sowohl die Sicherheit wie die Umweltfreundlichkeit von Autos deutlich verbessert. Automatisch gesteuerte Elektroautos sind keine Utopie mehr. Doch dieser technische Fortschritt gerät ständig in Konflikt mit einem irrationalen Gesellschaftssystem, das jeden Aspekt des Lebens dem Profithunger einer kleinen Finanzaristokratie unterwirft.

Die Skrupellosigkeit und kriminelle Energie, mit der VW und die anderen großen Autokonzerne um globale Marktanteile kämpfen, sind ein Ausdruck davon. Sie finden ihre politische Entsprechung in den brutalen Kriegen, mit denen die Großmächte ihre Machtbereiche erweitern, ganze Länder zerstören und Millionen in die Flucht treiben.

Die Kehrseite dieser Entwicklung sind die nicht endenden Angriffe auf die Rechte und Löhne der Arbeiter. Sie werden damit begründet, dass man international konkurrenzfähig bleiben müsse. In den USA sind die Reallöhne im Rahmen der Restrukturierung der Autoindustrie unter der Obama-Regierung auf das Niveau der 1930er Jahre gesenkt worden. In Deutschland wurde dasselbe durch die Auslagerung ganzer Produktionsbereiche in osteuropäische Niedriglohnländer und den systematischen Einsatz von Zeit- und Werksarbeit erreicht.

Ihren besten Verbündeten finden die Konzerne bei ihren Angriffen auf die Arbeiter unter den Gewerkschaften und Betriebräten, die ihre Aufgabe genauso wie das Management darin sehen, die Wettbewerbsfähigkeit „ihres“ Unternehmens gegen die internationale Konkurrenz zu verteidigen.

VW spielt dabei eine Vorreiterrolle. Der Konzern dient als Vorbild für die spezifisch deutsche Form der Sozialpartnerschaft. Nirgendwo sonst ist die Symbiose zwischen Anteilseignern, Management und Gewerkschaften so eng. Winterkorn verdankt seinen Posten zu einem großen Teil dem Betriebsratschef Bernd Osterloh und der IG Metall, deren ehemaliger Vorsitzender Berthold Huber bis vor wenigen Tagen den Aufsichtsrat leitete.

In den USA rebellieren die Autoarbeiter nun gegen die Angriffe der Konzerne und geraten dabei in scharfen Konflikt mit der Gewerkschaft UAW. Die Arbeiter von VW müssen sich mit ihren amerikanischen Kollegen solidarisieren. Nur ein gemeinsamer internationaler Kampf für den Sozialismus, für die Reorganisation der Gesellschaft nach den vorhandenen sozialen Bedürfnissen statt privaten Profitinteressen, kann die kriminellen Methoden der Unternehmen und den drohenden Arbeitsplatzabbau stoppen.

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