Die Ablehnung des Tarifvertrags bei Fiat Chrysler

3. Oktober 2015

Mit überwältigender Mehrheit haben die Autoarbeiter in den USA den Tarifvertragsentwurf abgelehnt, den der Präsident der Gewerkschaft United Autoworkers (UAW), Dennis Williams, und Fiat Chrysler-Chef Sergio Marchionne vor gut zwei Wochen vorgelegt hatten. Am Donnerstag gab die UAW offiziell bekannt, dass 65 Prozent der Arbeiter den Vertrag abgelehnt haben, wobei in vielen Werken der Prozentsatz der „Nein“-Stimmen noch weit höher lag.

Dieses Abstimmungsergebnis ist ein Meilenstein in der Entwicklung des Klassenkampfs in den Vereinigten Staaten. Zum ersten Mal seit 33 Jahren haben die Autoarbeiter einen nationalen Tarifvertrag abgelehnt. Sie haben sich nicht beeindrucken lassen von den vereinten Bemühungen der Autokonzerne, der UAW und der wirtschaftsfreundlichen Medien, die versuchten, ihn mit Lügen, Drohungen und Einschüchterung durchzudrücken. Der Vertrag sieht die Ausweitung des verhassten Zweiklassenlohnsystems vor, leitet scharfe Angriffe auf die Gesundheitsversorgung der aktuell beschäftigten Arbeiter ein und bereitet den Weg für einen weiteren Stellenabbau in der amerikanischen Autoindustrie.

Die Ablehnung ist der Beginn einer Gegenoffensive gegen die ständigen Angriffe der letzten Jahrzehnte, beginnend 1979 mit dem Tarifvertrag bei Chrysler, der zum ersten Mal Zugeständnisse an die Autokonzerne machte, bis zur erzwungenen Insolvenz und der Umstrukturierung der Autoindustrie durch die Obama-Regierung in 2009. In dieser Zeit haben die Organisationen, die sich selbst Gewerkschaften nennen, jeden Anspruch aufgegeben, Widerstand zu organisieren und erfüllten nicht einmal mehr die grundlegenden Funktionen, die traditionell mit Gewerkschaften assoziiert wurden.

Seit Ende der 1970er Jahre versuchen alle Gewerkschaften, jede offene Opposition gegen die Diktate der Konzerne und der Regierung zu unterdrücken. Tarifverträge wurden zu einem Synonym für Zugeständnisse an die Unternehmer. Steigende Produktivität schlug sich nicht mehr in höheren Löhnen nieder und außertarifliche Zulagen wurden massiv abgebaut. Das war ein wichtiger Faktor für den verheerenden Niedergang der Lebensbedingungen der Arbeiterklasse im ganzen Land.

Die Arbeiter in den Autowerken kennen nur noch Zugeständnisse. Wut und Frustration haben ihren Widerstandswillen gestärkt.

Diese Veränderung im Bewusstsein hat zu der gewaltigen Opposition bei Fiat Chrysler geführt. Die Gewerkschaften haben sich den Arbeitern so sehr entfremdet, dass die UAW-Führung von der Ablehnung des Vertrags völlig überrascht wurde. Nach dem „Nein“ der Belegschaften stellen die Gewerkschaft und ihre Verbündeten in den Medien das Debakel als ein Problem der Öffentlichkeitsarbeit dar, als handele es sich um eine Kommunikationspanne.

Die Kommentare in den Medien empören sich unaufhörlich über die Rolle der „sozialen Medien“ in der Tarifauseinandersetzung, womit sie die breite Diskussion unter den Arbeitern über den Vertrag meinen, zu der der Autoworker Newsletter der WSWS, der täglich von Tausenden Autoarbeitern gelesen wurde, viele Anregungen gab. Er sagte die Wahrheit über den Vertrag, widerlegte die Lügen der UAW und entlarvte die Verschwörung von UAW und Konzernleitung gegen die Arbeiter.

Seit der Ablehnung des Vertrages diskutieren Konzernleitung, UAW und Obama-Regierung intensiv darüber, wie sie auf die Rebellion der Arbeiter reagieren sollen. Ungeachtet des Votums der Arbeiter wollen sie ihre Ziele unbedingt durchsetzen. Deshalb gewinnt die Frage, wie ein von Fabrikkomitees organisierter und koordinierter Kampf weitergeführt werden muss, enorme Bedeutung.

Leo Trotzki, einer der Führer der Oktoberrevolution und Gründer der Vierten Internationale, erklärte vor mehr als 75 Jahren die Bedeutung von Fabrikkomitees für die Entwicklung des Klassenkampfes. Trotzki, der dem Konservatismus der Gewerkschaften selbst dann äußerst kritisch gegenüber stand, als sie sich in großen Klassenschlachten engagierten, rief dazu auf, solche Komitees in jedem Betrieb aufzubauen. Dazu schrieb er im Gründungsdokument der Vierten Internationale von 1938:

„Die hauptsächliche Bedeutung der Ausschüsse liegt jedoch darin, dass sie zum Kampfzentrum für diejenigen Arbeiterschichten werden, die von der Gewerkschaft gewöhnlich nicht erfasst werden.“ Fabrikausschüsse, so Trotzki, „[leiten] eine wenn nicht direkt revolutionäre, so doch vorrevolutionäre Periode zwischen der bürgerlichen und der proletarischen Herrschaft ein.“ Die Fabrikkomitees leiten also einen Kampf der Arbeiterklasse gegen das kapitalistische System ein.

Seit dies geschrieben wurde, haben die Gewerkschaften eine gewaltige Degeneration durchgemacht, insbesondere in den letzten vier Jahrzehnten. Diese Organisationen, die selbst in der Zeit ihrer größten Erfolge die Arbeiterklasse dem kapitalistischen System unterordneten, reagierten auf die Globalisierung der Produktion und den Niedergang des amerikanischen Kapitalismus, indem sie sich mehr und mehr in die Leitung der Unternehmen integriert haben.

Die UAW und der Gewerkschaftsdachverband AFL-CIO als Ganzes können nicht mehr als Arbeiterorganisationen bezeichnet werden. Sie fungieren als Polizei zur Kontrolle der Belegschaften, die die Forderungen der Unternehmen durchzusetzen bestrebt ist und vertreten die Interessen der privilegierten Mittelschicht, die die Gewerkschaften führt.

Die World Socialist Web Site und die Socialist Equality Party haben frühzeitig erkannt, dass die Entwicklung eines Kampfs der Arbeiterklasse unweigerlich die Form eines Zusammenstoßes mit den Gewerkschaften annehmen wird. Der Aufruf des Autoworker Newsletter zur Bildung von Fabrikkomitees durch die Belegschaften zielt darauf ab, die Diktatur der Gewerkschaften über die Belegschaften zu überwinden und alles zu tun, um die unabhängige Initiative der Arbeiter zu fördern.

Diese Perspektive ist machtvoll bestätigt worden. Die kleinbürgerlichen und pseudolinken Organisationen, die es strikt ablehnen, die Autorität der Gewerkschaften in Frage zu stellen, sind politisch entlarvt. Sie verurteilen die WSWS immer wieder als „sektiererisch“, weil sie nicht mit dem Gewerkschaftsapparat und der Demokratischen Partei zusammenarbeitet. Als „sektiererisch“ betrachten sie den Kampf für die politische Unabhängigkeit der Arbeiterklasse, die nur zu erreichen ist, wenn sich die Arbeiter aus dem Würgegriff der Gewerkschaften befreien.

Die Rebellion der Autoarbeiter ist ein Ausdruck der Wiederkehr des Klassenkampfes in den USA und hat große internationale Bedeutung. Die amerikanische herrschende Klasse, die nach globaler Vorherrschaft strebt, steht im eigenen Land einer zunehmend zornigen, feindseligen und revolutionären sozialen Kraft gegenüber. Dieser Prozess muss und wird zunehmend offene politische Formen annehmen, die sich gegen die Grundlagen der Klassenherrschaft und des kapitalistischen Systems selbst richten.

Joseph Kishore