Nach der Zustimmung zum Fiat-Chrysler Vertrag:

Der Weg vorwärts für die Autoarbeiter

27. Oktober 2015

Die Autoarbeitergewerkschaft United Autoworkers (UAW) hat bekannt gegeben, dass der Tarifvertrag mit Fiat Chrysler (FCA) von einer Mehrheit der FCA-Arbeiter angenommen worden sei. Das eröffnet die nächste Runde im Kampf gegen die Verschwörung des Unternehmens, der Gewerkschaft und der Regierung gegen die Arbeiterklasse.

Zwar muss jedes Abstimmungsergebnis, das die UAW verkündet, mit Vorsicht genossen werden. Aber in der Tat war zwischen der Abstimmung über den ersten Vertragsentwurf, der mit großer Mehrheit abgelehnt wurde, und der zweiten Abstimmung ein Umschwung spürbar. Das lag nicht daran, dass der zweite Entwurf große Verbesserungen beinhaltet hätte. Der zweite Vertrag weist nach wie vor wesentliche Elemente auf, die der Konzern von Anfang an durchsetzen wollte, vor allem die dauerhafte Senkung des Grundlohns durch Ausweitung des Zwei-Klassen-Lohnsystems und durch die Verdrängung von älteren, besser bezahlten Arbeitern. Hinzu kommen weitere Verschlechterungen, die in dem ersten Entwurf nicht enthalten waren, wie die Verdopplung des Anteils von noch niedriger bezahlten Zeitarbeitern.

Die Zustimmung zum Tarifvertrag ist das Ergebnis einer wüsten Lügen- und Einschüchterungskampagne der UAW mit Unterstützung der Konzerne, der Medien und der Regierung. Tausende Arbeiter, die mit Ja gestimmt haben, haben der Jubelkampagne der UAW und ihrer New Yorker PR-Agentur BerlinRosen durchaus keinen Glauben geschenkt. Sie haben für einen Vertrag gestimmt, von dem sie wussten, dass er ein Ausverkauf ist, weil sie kein Vertrauen hatten, dass die UAW einen besseren Vertrag aushandeln würde. Ohne eine klar ausgearbeitete Alternative, ohne eigene Organisation waren sie, als die UAW mit Arbeitsplatzverlusten drohte, für die wirtschaftliche Erpressung anfällig.

Die Ratifizierung des Vertrags schafft aber nicht die historische Tatsache aus der Welt, dass die Basis in den letzten Wochen erstmals seit 1982 einen von der UAW vorgelegten nationalen Tarifvertrag abgelehnt hat. Diese Abstimmung war ein erster Ausdruck davon, dass in den Vereinigten Staaten der Klassenkampf wieder aufbricht. Er nimmt die Form einer beginnenden Rebellion gegen die Gewerkschaften an.

Die Wut, die sich in der Arbeiterklasse angestaut hat, wird bald wieder ausbrechen. In der Autoindustrie wird sich der Fokus jetzt auf General Motors und Ford verlagern, wo die UAW versucht, einen ähnlichen Deal durchzudrücken, der an die spezifischen Bedürfnisse dieser Firmen angepasst ist. Im Tarifkampf bei GM feuerte der Konzern am Freitag die Eröffnungssalve ab, als er bekannt gab, in dem Montagewerk Lake Orion vor Detroits Toren würden 500 Arbeiter entlassen.

FCA wird derweil damit beginnen, seine Umstrukturierungspläne mit Werksschließungen und Entlassungen voranzutreiben. Und nicht nur in der Autoindustrie spitzt sich der Konflikt zu: Auch die Stahlarbeiter arbeiten inzwischen seit fast zwei Monaten mit einem unzulässig verlängerten Tarifvertrag. Die Gewerkschaft United Steelworkers (USW) verschanzt sich hinter verschlossenen Türen mit den Stahlbossen und plant, die Löhne einzufrieren und die Gesundheitskosten zu senken. Ähnliche Bedingungen drohen zehntausenden Telekommunikationsarbeitern, Lehrern, Postlern und anderen Teilen der Arbeiterklasse.

Nicht nur die Autobauer, sondern alle Arbeiterinnen und Arbeiter müssen die wichtigen politischen Lehren aus der Tarifauseinandersetzung bei FCA ziehen, um sich auf das nächste Stadium im Kampf vorzubereiten.

Als erstes ist es notwendig, die Schlussfolgerungen über den Charakter der UAW und aller Gewerkschaften zu ziehen. Selbst viele Arbeiter, die die UAW-Führung scharf kritisierten, hielten zum Teil an der Hoffnung fest, dass das überwältigende „Nein“ bei der Abstimmung über den ersten Ausverkauf die Gewerkschaft zwingen würde, es beim zweiten Versuch besser zu machen. Diese Hoffnung erwies sich als Illusion. Aber selbst wenn der zweite Vertrag niedergestimmt worden wäre, wäre der Kampf gegen Armutslöhne und die Zerstörung von Renten, Gesundheitsversorgung und Arbeitsbedingungen dennoch weiter gegangen. Das Unternehmen und die Gewerkschaft hätten ihre Verschwörung mit doppelter Stärke fortgesetzt.

Es gibt ein ganzes Netzwerk von örtlichen Gewerkschaftsfunktionären und „Kritikern“, die ihre gesamte Energie darauf konzentrieren, die organisatorische Kontrolle der UAW und des Dachverbandes AFL-CIO zu verteidigen. Gruppen wie die „Autoworker Caravan“ behaupten in ihren Zeitungen Labor Notes und SocialistWorker, dass Arbeiter die UAW zum Kampf zwingen könnten, indem sie Druck auf die Bürokratie ausübten. Sie posieren als Gegner der Gewerkschaftsführung, aber sie lehnen jede Äußerung des demokratischen Willens von Arbeitern gegen den Gewerkschaftsapparat völlig ab.

Die Erfahrung bei FCA hat einmal mehr gezeigt, dass die UAW keine „Arbeiterorganisation“ mehr ist, die auf den Druck ihrer Mitglieder reagiert. Sie ist ein Arm der Konzerne und der Regierung, der speziell dafür da ist, den Widerstand der Arbeiter zu unterdrücken. Nicht nur die UAW, sondern der gesamte offizielle Gewerkschaftsapparat hat in den vergangenen Jahrzehnten alles dafür getan, jeden Kampf gegen die Konzerne und Banken zu sabotieren. Insoweit es einen Interessenunterschied zwischen den Unternehmen und den Gewerkschaften gibt, so haben sie als wohlhabende Parasiten an ihrer Spitze ihre eigenen Geschäftsinteressen. Die UAW bemüht sich zum Beispiel intensiv darum, sich selbst als Krankenversicherungskonzern zu etablieren.

Während der ganzen Tarifauseinandersetzung hat der Auto Newsletter der WSWS für die Bildung von Basis-Fabrikkomitees geworben. Diese Forderung erhielt breite Unterstützung. Der Kampf für diese Komitees muss jetzt vertieft und erweitert werden. So müssen unabhängige Organisationen in jedem Betrieb aufgebaut werden, um die Arbeiter bei GM, FCA und Ford zusammenzuschließen, Verbindungen zu Autoarbeitern international aufzunehmen und in Kontakt mit der ganzen Arbeiterklasse zu treten.

Damit dieser Kampf erfolgreich sein kann, muss er von einer klaren politischen Perspektive angeleitet sein. Viele tausend Autoarbeiter, die täglich den Autoworker Newsletter gelesen und verfolgt haben, wie er den Vertragsentwurf und die Rolle der UAW entlarvte, fragen sich nun, wie die WSWS in der Lage war, den Gang der Ereignisse so klar vorherzusehen. Die Antwort ist, dass die Analyse der WSWS in einem Verständnis des politischen und ökonomischen Rahmens begründet ist, in dem der heutige Kampf stattfindet.

Die reaktionäre Rolle der Gewerkschaften liegt in ihrer pro-kapitalistischen und nationalistischen Perspektive begründet. Selbst auf der Höhe des Nachkriegsaufschwungs, als die Arbeiter durch Streiks und andere Arbeitskämpfe noch merkliche Verbesserungen erreichen konnten, sorgten die Gewerkschaften dafür, die Arbeiterklasse dem Profitsystem unterzuordnen. Je mehr es mit dem amerikanischen Kapitalismus in den 1970er Jahren abwärts ging, verlegte sich die Wirtschafts- und Finanzelite darauf, Amerika zu deindustrialisieren und den Reichtum von unten nach oben umzuverteilen. Alles, was sich die Arbeiter in harten Auseinandersetzungen erkämpft hatten, wird ihnen wieder genommen. Diese Entwicklung hat sich seit dem Kollaps der Wall Street 2008 weiter beschleunigt.

Die Gewerkschaften reagierten auf diese Entwicklungen, indem sie sich immer direkter in das Unternehmensmanagement integrierten. Die zunehmend globale Produktion veranlasste sie dazu, die Arbeiter der verschiedenen Länder immer stärker gegeneinander in Stellung zu bringen. Heute ist die soziale Ungleichheit größer als je zuvor seit der Großen Depression, und die Gewerkschaften bestehen darauf, dass es keinen „Interessengegensatz“ zwischen der Arbeiterklasse und den Unternehmen gibt, selbst wenn diese von den Arbeitern „Opfer“ verlangen, um die Profitabilität und Konkurrenzfähigkeit der Unternehmen in den USA zu steigern.

Das ist auch kein rein amerikanisches Phänomen. In jedem Land sind die offiziellen pro-kapitalistischen Gewerkschaften zu erbitterten Feinden der Arbeiterklasse geworden.

Die Gewerkschaften unterstützen das kapitalistische System in den USA mittels ihres Bündnisses mit der Demokratischen Partei. Die Demokraten verteidigen genau wie die Republikaner die Interessen der herrschenden Klasse. In der Autoindustrie spielte das Weiße Haus 2009 die entscheidende Rolle, als der Konkurs von General Motors und Chrysler organisiert wurde. Das Manöver diente dazu, das Zwei-Klassen-Lohnsystem auszudehnen und andere Angriffe auf die Arbeiter durchzusetzen. In die aktuelle Tarifauseinandersetzung war die Obama-Regierung nicht offen involviert, aber es besteht kein Zweifel, dass sie ständig in engen Konsultationen mit der UAW und den Autokonzernen steht. Sie könnte jederzeit durch „Schlichtung“, oder, falls das nicht funktioniert, durch Polizeiunterdrückung eingreifen, falls die Opposition der Arbeiter außer Kontrolle geraten sollte.

Die Arbeiterklasse kommt weltweit in Konflikt mit dem kapitalistischen System. Die grundlegende Frage ist: In wessen Interesse wird die Gesellschaft organisiert? Im Interesse der Wirtschaftsbosse und der Investoren an der Wall Street? Oder im Interesse der großen Mehrheit der Bevölkerung? Wird die Gesellschaft weiter den Profitinteressen der geldgeilen Finanzaristokratie untergeordnet, oder gelingt es der Arbeiterklasse, die Weltwirtschaft auf sozialistischer Grundlage umzustrukturieren, d.h. zugunsten der gesellschaftlichen Bedürfnisse, statt des privaten Profits?

Die Arbeiterklasse muss sich gegen die Konzerne, die Gewerkschaften und das kapitalistische System international zusammenschließen. Das erfordert allerdings den Aufbau einer neuen sozialistischen und revolutionären Führung in der Arbeiterklasse. Wir fordern alle Autoarbeiter und alle anderen Arbeiter, die den Autoworker Newsletter gelesen und unterstützt haben, dazu auf, das Programm der Socialist Equality Party zu studieren und sich zu entscheiden, den Kampf für den Sozialismus aufzunehmen.

Joseph Kishore

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