VW-Abgasskandal: Jetzt auch Porsche und Audi unter Betrugsverdacht

Von Dietmar Henning
5. November 2015

Der Abgasbetrug bei Volkswagen weitet sich aus. Dienstagabend teilte VW mit, es seien weitere „Unregelmäßigkeiten“ bei Abgaswerten festgestellt worden. Davon könnten etwa 800.000 Fahrzeuge betroffen sein. Der Hinweis, bei den betreffenden Fahrzeugen handele es sich „ganz überwiegend“ um solche mit Dieselmotoren, bedeutet, dass nun auch Benzinmotoren unter Manipulationsverdacht stehen.

Die illegale Software, die VW in mindestens 11 Millionen Dieselmotoren einbaute, hatte das Ziel, den Ausstoß von Stickoxid (NOX) kleinzurechnen, um die Grenzwerte v. a. in den USA einzuhalten. Allein in Europa müssen 8,5 Millionen Diesel-Fahrzeuge zurück in die Werkstätten und so umgerüstet werden, dass die gesetzlichen Grenzwerte beim Stickoxid künftig eingehalten werden. Bei den in den USA verkauften Autos dürfte dies aufgrund der niedrigeren Grenzwerte nicht zu bewerkstelligen sein. VW hatte sich ja gerade für die Software-Manipulation entschieden, um die Investitionen in die Entwicklung sauberer Motoren einzusparen.

Bei den nun genannten Benzin- und Diesel-Fahrzeugen geht es um den Ausstoß des klimaschädlichen Kohlendioxid (CO2) und damit auch um den Spritverbrauch. Kohlendioxid gilt als Hauptgrund für die Erderwärmung.

In Deutschland berechnet sich die Kraftfahrzeugsteuer seit einigen Jahren nach den CO2-Emissionen. Je geringer der Ausstoß, desto geringer die Steuern. Eine Folge – neben den klimatischen und gesundheitlichen Auswirkungen – der von VW jetzt zugegebenen Betrügereien bei Benzin- und Dieselmotoren dürften zu niedrig festgesetzte Kfz-Steuern sein.

„Bei der CO2-Zertifizierung einiger Fahrzeugmodelle wurden zu niedrige CO2- und damit auch Verbrauchsangaben festgelegt“, umschreibt Volkswagen den Betrug. Um welches Ausmaß der Abweichungen es sich dabei handelt, konnte oder wollte der Autokonzern nicht preisgeben. Ein VW-Sprecher versuchte zu beschwichtigen und erklärte, die Zahl der betroffenen Motoren sei gering.

Nach VW-Angaben kommen alle betroffenen Motoren aus dem Stammwerk in Wolfsburg und wurden in mehreren Marken verbaut. Es gehe um Autos der VW-Typen Polo, Golf und Passat, bei der VW-Tochter Audi um die A1- und A3-Modelle, bei Skoda um den Octavia und bei Seat um den Leon und den Ibiza. Außerdem habe es bei einem Benzinmotor mit Zylinderabschaltung Auffälligkeiten gegeben, sagte der VW-Sprecher. Bei den Dieselmotoren seien 1,4-, 1,6- und 2,0-Liter-Varianten betroffen.

Das Eingeständnis zu den falschen CO2-Angaben ist das neueste, aber aller Voraussicht nach nicht das letzte Kapitel im Abgasbetrug. Zum Wochenbeginn hatte die US-Umweltbehörde EPA neue Vorwürfe wegen vermuteten Manipulationen bei weiteren Diesel-Fahrzeugen aus dem VW-Konzern erhoben.

Nach Darstellung der US-Regierung hat VW auch die Abgastests von Drei-Liter-Dieselmotoren geschönt. Diese wiederum werden auch in Fahrzeuge der VW-Töchter Porsche und Audi eingebaut. Bereits seit Ende September prüfe die EPA zahlreiche Diesel-Fahrzeuge, ob sie die US-Abgasvorschriften nicht nur im Testbetrieb auf dem Rollenstand, sondern auch auf der Straße einhalten.

Obwohl die Tests noch laufen, sieht die US-Umweltbehörde bereits jetzt „klare Beweise für zusätzliche Verstöße“. So habe der Konzern auch große Geländewagen mit der Manipulationssoftware ausgestattet. Betroffen seien 10.000 Fahrzeuge, darunter der VW Touareg des Jahres 2014, der Porsche Cayenne der Modellreihe 2015 und die 2016er Modelle des Audi A6 Quattro, des A7 Quattro, des A8 und des Q5. Nach Darstellung der EPA bewirke die Software, dass die Motoren der Autos im Straßenbetrieb bis zu neun Mal mehr Schadstoffe abgeben als auf dem Prüfstand.

Sollte das stimmen, dürfte dies verheerende Auswirkungen haben. Allein Porsche verkauft ein Viertel seiner Autos in die USA.

VW widersprach umgehend. „Die Volkswagen AG betont, dass keine Software bei den 3-Liter V6-Diesel-Aggregaten installiert wurde, um die Abgaswerte in unzulässiger Weise zu verändern.“ Das Unternehmen versicherte einmal mehr, es werde mit der EPA „vollumfänglich kooperieren“, um alles „rückhaltlos aufzuklären“.

Auch Audi dementierte. „Unsere Software ist gesetzeskonform“, sagte Konzern-Sprecher Udo Rügheimer. Das Programm erkenne nicht, ob ein Auto auf dem Testprüfstand stehe, um dann wie bei den 2-Liter- Dieselmotoren die Daten über Emissionsausstöße herunterzufahren, erläuterte er. Vielmehr reagiere die Software auf ganz unterschiedliche Situationen und passe die Motorleistung und auch den Mechanismus zur Abgasreinigung je nach Fahrstil und -Situation an. Ein Audi-Sprecher erklärte: „Für uns sind das gängige Software-Bestandteile.“ Audi wisse daher nicht, wie die EPA zu den Messwerten gekommen sei.

Lediglich einen „Kommunikationsfehler“ räumte der Konzern ein. Es hieß, man habe die Behörden „unzureichend über die Konfiguration der völlig legalen Software AECD“ in neuen Diesel-Fahrzeugen informiert.

Der Porsche-Konzern zeigte sich in einer Erklärung „überrascht“. Bislang hätten alle vorliegenden Informationen ergeben, dass der Porsche Cayenne Diesel die US-Vorschriften voll erfülle. Ein Konzernsprecher teilte mit, dass es um etwa 3.000 Dieselfahrzeuge von Porsche gehe.

Am Mittwoch gab Porsche dennoch bekannt, dass der Verkauf von Dieselmodellen des Cayennes in Nordamerika vorerst ausgesetzt werde. Dabei handle es sich um eine freiwillige Maßnahme, betonte Porsche.

VW-Konzernchef Matthias Müller erklärte abermals, man wolle „schonungslos und vollständig aufklären“. Sollten tatsächlich auch Porsche Manipulationen bei den Abgaswerten nachgewiesen werden, könnte das für VW-Chef Müller schlecht enden. Er war fünf Jahre lang Porsche-Chef, bevor er im September die Nachfolge von Martin Winterkorn als VW-Konzernchef antrat.

Nach und nach kommt heraus, dass die „legalen Tricksereien“, um die Abgaswerte niedrig zu halten, nahtlos in Betrug übergehen. Seit Jahren kritisieren Umweltinstitute, dass die Autohersteller – nicht nur VW – ganz legal „täuschen“ und dabei immer weiter gehen.

Die europäische Umweltorganisation „Transport und Environment" (T&E) und die Forschungsorganisation ICCT ermittelten, dass die Abweichung zwischen Herstellerangaben und Straßen-Testbetrieb im Jahr 2001 noch bei acht Prozent, im vergangenen Jahr dagegen schon bei durchschnittlichen 38 bis 40 Prozent lagen. Der neue VW-Golf landete in einem aktuellen Ranking mit 42 Prozent Abweichung auf einem Platz im Mittelfeld. Mercedes, PSA (Citroen, Peugeot) und GM (Opel) schnitten darin noch schlechter ab als der VW-Konzern.

Die Betrügereien, die mit Sicherheit nicht nur beim VW-Konzern aufgedeckt werden, gefährden Hunderttausende von Arbeitsplätzen in der Autoindustrie. Nachdem VW im letzten Quartal zunächst 6,7 Milliarden Euro an Rücklagen für die Kosten des Abgasbetrugs zurückgelegt hatte und daher einen Verlust von 3,5 Milliarden Euro vermeldete, rechnet der Konzern nun allein durch die Fälschungen bei den Angaben des CO2-Ausstoßes mit weiteren 2 Milliarden Euro an Kosten. Schätzungen gehen von 30 bis nahezu 100 Milliarden Euro an Gesamtkosten aus, die nun auf VW zukommen.

Die VW-Aktie brach am Mittwoch zum Handelsbeginn an der Frankfurter Börse um mehr als zehn Prozent ein. Sie lag knapp über der 100-Euro-Marke. Im Frühjahr war die VW-Aktie noch mehr als 250 Euro wert. Die Aktienbesitzer verlangen nun ein radikales Sparprogramm. Sie wollen ihr an der Börse verlorenes Geld über Arbeitsplatzabbau und Lohnsenkungen aus der Belegschaft wieder herauszupressen.