Wachsende soziale Ungleichheit in Deutschland: Ärmere Hälfte besitzt nur ein Prozent

Von Denis Krassnin
30. Januar 2016

In diesem Jahr steht die Veröffentlichung des fünften „Armuts- und Reichtumsberichts“ an, den die Bundesregierung durch das Ministerium für Arbeit und Soziales erstellen lässt. Er soll drei Schwerpunktthemen enthalten: „Auswirkungen atypischer Beschäftigungsformen auf die berufliche Entwicklung und Erwerbseinkommen im Lebensverlauf, die Relevanz sozialräumlicher Segregation [zunehmende „Getthoisierung“ Armer in Städten etc.] sowie Reichtum“.

Zum Stichwort Reichtum zeigen vorab veröffentlichte Zahlen zum Jahr 2013, die die Passauer Neue Presse Anfang der Woche aufgriff: die ungleiche Verteilung der Vermögen der Haushalte nimmt stetig zu. Die obersten zehn Prozent besitzen mehr als die Hälfte (51,9 Prozent) des Reichtums. Die ärmere Hälfte wiederum besitzt gerade einmal ein Prozent.

Seit dem Beginn der rot-grünen Koalition unter Gerhard Schröder (SPD) vor nunmehr 18 Jahren hat sich diese Entwicklung der sozialen Ungleichheit massiv verschärft. So besaß 1998 die untere Hälfte noch 2,9 Prozent. Ihr geringer Anteil schrumpfte also um zwei Drittel, während sich der Zuwachs bei den Reichen in den letzten Jahren auf mehr als sechs Prozent belief.

Wie bei solchen statistischen Erhebungen üblich, spiegeln diese Zahlen nicht die ganze, gesellschaftliche Wahrheit wider. In Wirklichkeit ist die soziale Ungleichheit in Deutschland noch weitaus größer.

So erfasst etwa die „Einkommens- und Verbrauchsstichprobe“ (EVS) des Statistischen Bundesamtes, auf der die jüngst veröffentlichten Zahlen basieren, weder Millionäre noch Milliardäre. In Deutschland sollen 2014 laut dem Wohlstandsbericht der Beratungsfirmen Capgemini und RBC Wealth Management 1,14 Million Menschen leben, die mehr als eine Million Dollar Vermögen aufweisen.

Diese kleine Schicht der Bevölkerung nimmt aber generell nicht an Befragungen zum Vermögen (wie der EVS) teil. Zumindest nicht genügend, um gesicherte statistische Daten zu gewinnen. Ermittelt werden Geld- und Sachvermögen, Kredite und Schulden sowie Einkommen etwa aus Erwerbstätigkeit und staatlichen Sozialleistungen. Erkenntnisse zu Haushaltseinkommen über 18.000 Euro monatlich sind zu selten, weswegen sie in der Erhebung wegfallen.

Darüber hinaus fällt es Statistikern schwer, genaue Daten über Kapitaleinkommen zu erheben. Die Süddeutsche Zeitung (SZ) stellt beispielsweise fest, dass „Kapitaleinkommen wie Zinsen, Dividenden oder Spekulationsgewinne, die vor allem wohlhabenden Haushalten zufließen“, lückenhaft erfasst sind. Darauf hätten kürzlich Studien der Europäischen Wirtschaftsforschung und der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hingewiesen.

Das Arbeitsministerium, so die SZ, habe außerdem darauf Aufmerksam gemacht, „dass Deutschland im internationalen Vergleich [sozialer Ungleichheit] eher schlecht abschneidet, weil der Anteil der Grund- und Immobilienbesitzer an der Bevölkerung im Vergleich zum Euro-Raum geringer ist“. Ferner hätten junge Erwachsene zwar schon einen eigenen Haushalt, könnten aber noch kein Vermögen aufbauen.

Neben den Ausführungen des Ministeriums ist eine andere, gewichtigere Tatsache entscheidend für das Anwachsen der sozialen Ungleichheit: die große Mehrheit der Bevölkerung kann sich nicht an den Finanzspekulationen der Banken und Börsen beteiligen. Außerdem haben befristete Verträge, Zeitarbeit und andere atypische Beschäftigungen gravierende Auswirkungen auf die Vermögensverteilung.

Trotz der oben beschriebenen Verschleierung der realen, sozialen Verhältnisse machen die veröffentlichten Zahlen klar, dass gerade auch in Deutschland die soziale Ungleichheit ein enormes Ausmaß erreicht hat. Teile der herrschenden Eliten sind darüber zunehmend besorgt. In einem Kommentar in der Süddeutschen Zeitung bemerkte etwa Heribert Prantl Anfang der Woche, dass es „nicht in Ordnung“ sei „wenn wenige fast alles und sehr viele fast nichts haben“. Die Ungleichheit dürfe „ein gewisses Maß nicht überschreiten, sonst geht sie über in Unfreiheit“, warnte er.

Auch der Leitartikel in der aktuellen Ausgabe des Spiegel stellt fest, dass „die Kluft zwischen Arm und Reich in der industrialisierten Welt längst wieder jenes obszöne Ausmaß zu erreichen [droht], wie in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts, als der US-Romancier F. Scott Fitzgerald seinen ‚Großen Gatsby‘ schrieb“.

Besorgt wirf der Spiegel der „politischen Elite des Westens“ vor, dass sie zwar viel über Ungleichheit rede, aber kaum etwas dagegen tue. Er greift die Reaktion der „Reichen und Mächtigen“ auf die jüngste Oxfam-Studie auf und zeichnet ein besorgtes Bild von den unkontrollierten Auswüchsen des Kapitalismus.

So melde die Entwicklungsagentur Oxfam jedes Jahr im Januar, „dass eine kleiner werdende Zahl Superreicher über einen größeren Teil des weltweiten Vermögens verfügt. Aktuell sollen es 62 Milliardäre und Multimilliardäre sein, die rund die Hälfte des weltweiten Kapitals besitzen“. Anschließend träfen sich dann die internationalen Eliten „regelmäßig zu ihrem glamourösen Gipfel im schweizerischen Davos“, um zu beklagen, „dass sie wieder ein Stück reicher und mächtiger geworden sind [und] bedauernd festzustellen, dass sich dagegen nichts machen lässt.“

Der Spiegel attestiert: „Man muss kein Marxist sein, um die Konzentration von Kapital und Macht auf beiden Seiten des Atlantiks als ‚neofeudal‘ zu bezeichnen.“

Man muss auch kein Marxist sein, um zu wissen, dass soziale, geopolitische und wirtschaftliche Widersprüche, auf welche die herrschenden Eliten keine Antwort haben außer Aufrüstung, Abbau demokratischer Rechte und Krieg, große, soziale Kämpfe mit revolutionären Implikationen provozieren werden. Genau diese Furcht steckt hinter den besorgten Kommentaren in den bürgerlichen Medien.

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