Die 66. Internationalen Filmfestspiele Berlin

Alone in Berlin: Neuverfilmung von Falladas Jeder stirbt für sich allein

Teil 3

Von Bernd Reinhardt
5. März 2016

Hans Falladas Roman Jeder stirbt für sich allein über ein Berliner Arbeiterehepaar, das nach dem Fronttod ihres Sohnes 1940 mittels Postkarten zum Widerstand gegen den Krieg und Hitler aufrief, wurde mehrfach verfilmt und ist seit seiner Übersetzung ins Englische vor einigen Jahren weltbekannt geworden. Der große Erfolg zeugt von einem starken Interesse an der Zeit des Faschismus und einem Bedürfnis nach authentischer Geschichte.

Bekanntlich lag Fallada nichts daran, den realen Fall der Hampels aus dem Berliner Wedding zu rekonstruieren, die 1943 von den Nazis hingerichtet wurden. Er benutzt ihn, um Menschen unterschiedlicher Milieus im Nationalsozialismus zu schildern, die sehr verschieden auf das Regime reagieren, vor allem ihre Angst, aber auch ihr Denunziantentum, ihre Anpassung und Rücksichtslosigkeit. Der Widerstand von Otto und Elise Hampel – im Roman Otto und Anna Quangel --, den Fallada lose aufgreift, ist ein Beweis gegen die in der Nachkriegszeit und immer wieder verbreitete These von der deutschen Kollektivschuld.

Es sind oft Figuren aus dem Kleinbürgertum und des sozialen Niedergangs, die sich bewusst in den Dienst der Nazis stellten. Da ist der ruinierte Kneipenbetreiber Persicke, der dank der NSDAP wieder Boden unter die Füße bekam. Zwei seiner Söhne sind inzwischen bei der SS. Sein jüngster, Baldur, ist Anwärter für die Napola, einer staatlichen Eliteschule für den Führernachwuchs. Auch der Sohn der Briefträgerin Frau Kluge ist bei der SS. Als sie jedoch erfährt, dass er zu denen gehört, die an der Front auf bestialische Weise jüdische Kinder umbringen, bricht sie jeden Kontakt ab. Er ist nicht mehr ihr Sohn.

Ihren Mann Enno hat sie lange schon hinausgeworfen. Er hält es bei keiner Arbeit aus und verwettet sein Geld bzw. das der Frauen, die ihn gerade aushalten, beim Pferderennen. Mit Politik will er nichts zu tun haben. Aber er kennt einen jüdischen Arzt, der aus Angst jeden arbeitsunfähig schreibt, der es verlangt. In den Betrieben herrscht eine enorme Arbeitshetze. Wer den Eindruck erweckt, er widme nicht seine ganze Arbeitskraft dem Endsieg, kann sich schnell im KZ wiederfinden.

Der arbeitslose Kleinkriminelle Emil Barkhausen, der skrupellos Leute erpresst und sich nicht scheut, sie an die Gestapo zu verraten, ist sich der Ursachen der Angst bewusst: „Die meisten Menschen haben heute Angst, eigentlich alle, weil sie alle irgendwo, irgendwas Verbotenes tun und immer fürchten, jemand weiß davon.“ Nachdem Otto Quangel vom Tod seines Sohnes erfahren hat und gegenüber Barkhausen seiner Trauer Luft macht, versucht dieser ihm sofort mit Hinweis auf das drohende KZ, Geld abzupressen.

Falladas differenziertes Bild vom Alltag unterm Hakenkreuz zeigt die Unhaltbarkeit der Behauptung Goldhagens und seiner Anhänger, alle Deutschen hätten Hitler unterstützt und seien für die Vernichtung der Juden eingetreten. Auch die Neuverfilmung Alone in Berlin (Regie: Vincent Perez) unterstützt das nicht. „Ich wollte diese Angst darstellen, die es in der Luft gibt. Es ist eine Luft, die so dick ist, dass man sie mit der Schere schneiden könnte“, so der Regisseur.

Gestapo-Kommissar Escherich (Daniel Brühl) lässt sich Zeit bei der Suche nach dem Ursprung der Karten der Quangels. Er ist überzeugt: Die Postkarten werden keine Verbreitung finden. Jeder wird sie bei der Polizei abgeben, aus Angst, nicht aus Führertreue. Am Ende des Films steht symbolhaft das hochgezogene Fallbeil. Das folgende Bild zeigt eine Arbeitermietskaserne mit unzähligen leeren Fenstern.

Im Roman hat diese Angst eine Vorgeschichte. Nahezu jeder erwachsene Mensch hatte in der Weimarer Zeit ganz selbstverständlichen Kontakt zu Menschen, die später im NS-Regime als Volksfeinde galten. KPD und SPD waren Massenparteien mit Millionen von Mitgliedern und Sympathisanten: Arbeiter, Handwerker, Intellektuelle, Journalisten, Künstler, darunter viele Juden. Juden gab es in allen Gesellschaftskreisen. Jeder erwachsene Mensch war in der NS-Zeit an irgendeiner Stelle angreifbar, wenn man nur hartnäckig in seiner Vergangenheit herum wühlte.

Bezeichnend ist die Roman-Szene zwischen dem prominenten Filmschauspieler und seinem Anwalt. Der Schauspieler ist dankbar, dass er unter Hitler weiterspielen darf. Denn seine früheren Regisseure waren oft Juden. Er hatte auch in pazifistischen Filmen gespielt. Der Anwalt ist ein alter Schulfreund. Als der Filmstar im Hausflur eine von Quangels Karten findet und sie dem Anwalt zeigt, erwachen plötzlich Angst und Misstrauen. Jeder überlegt, ob der andere ihm nicht eine Falle stellen will. Sie geben die Karte bei einem NSDAP-Funktionär ab, und ihre gemeinsame Wut richtet sich nun gegen den Kartenschreiber.

Dieser konkrete gesellschaftliche Mechanismus der Angst, die Lebensnähe und Differenziertheit des Romans sind es, die dem Film fehlen. Er konzentriert sich ganz auf das Ehepaar Otto und Anna Quangel, sehr einfühlsam gespielt von Brendan Gleeson und Emma Thompson. Die Umgebung gerät dabei in den Hintergrund, wirkt steril und kulissenhaft. Viele wichtige Episoden des Romans fehlen. Charaktere wurden gestrichen oder geglättet. Der KPD-Widerstand im Untergrund, in dessen Umfeld einige Figuren Falladas angesiedelt sind, wurde sorgfältig aus dem Film verbannt.

In einem regelrecht falschen Licht erscheint die wichtige Geschichte der Persickes. Ihre Führerverherrlichung geht im Roman einher mit einer tiefen sozialen Verachtung gegenüber allen, die schwächer sind als sie. Der jugendliche Sohn Baldur tut sich dabei besonders hervor. Perez macht aus dem fanatischen HJ-Führer Baldur einen recht harmlosen Jugendlichen in HJ-Uniform, der verlegen wird, als die alte jüdische Frau Rosenthal ihn daran erinnert, dass er als Kind immer gern ihren Kuchen aß.

Die Romanfigur Escherich ist interessant. Man kann ihn sich auch als Kriminalisten der Weimarer Republik vorstellen. Fallada lässt keinen Zweifel daran, dass dessen soziale Gleichgültigkeit, seine Jägernatur den Ausschlag gab für die Nazikarriere. Emotionslos und mit Ausdauer jagt er sein „Wild“, den unbekannten Kartenschreiber. Seinen Mord an Enno Kluge betrachtet er zynisch als Akt der Humanität, als handele es sich um den Gnadenschuss bei einem verletzten Tier.

Im Film ist der soziale Zynismus Escherichs weniger deutlich. So bekommt die Figur etwas unangenehm Tragisches. Man könnte denken, allein die Angst vor seinem gewalttätigen Vorgesetzten bringt ihn dazu, Kluge zu ermorden. Bevor der Kommissar der gefürchteten Geheimen Staatspolizei am Ende Selbstmord begeht, nun selbst ein Gejagter, wirft er die Postkarten der Quangels aus dem geöffneten Fenster seines Büros. Sollen die ins Freie flatternden Karten, mit denen der Film schließt (im Roman existiert die Szene nicht), eine späte moralische Einsicht andeuten?

Jede bisherige deutsche Verfilmung des Fallada-Stoffs wurde einem bestimmten Zeitgeist angepasst. In der westdeutschen Verfilmung von 1975 war Anna, ganz im Sinne der damaligen Frauenbewegung, der stärkere Charakter und Initiator der Karten. Die ausführliche DDR-Verfilmung 1970 (drei Teile) musste Zugeständnisse an die staatliche Zensur machen. Otto Quangel wurde politische Unreife bescheinigt, weil er sich nicht dem politischen Widerstand der stalinistischen KPD anschloss, sondern als unpolitischer Einzelgänger handelte.

Die neue deutsch-französische Produktion entsteht in einer Zeit, in der ultra-rechte Bewegungen wie der FN in Frankreich oder Pegida und AfD in Deutschland auf dem Vormarsch sind, und staatliche Gewalt zunehmend den Alltag bestimmt. Zweifellos ist der Film eine besorgte Reaktion darauf. Heutige Jugendliche, so Daniel Brühl in der Pressekonferenz, sollten die Geschichte der Quangels kennen.

Dem kann man hinzufügen: Heutige Jugendliche sollten die Geschichte des Nationalsozialismus kennen und genau studieren, warum viele Arbeiterfamilien wie die Quangels in ihrem Widerstand isoliert waren, hatten doch die großen Arbeiterparteien SPD und die stalinistische KPD vor dem Nationalsozialismus kapituliert und versagt.

Zu den bemerkenswerten Szenen des Films, gehört jene, die auf die soziale Ungleichheit im NS-Staat hinweist, als Anna Quangel, Mitglied der NS-Frauenschaft, eine wohlhabende „Volksgenossin“ (Katharina Schüttler) in ihrer Luxuswohnung aufsucht und sie auffordert, wie alle anderen der allgemeinen Arbeitspflicht nachzukommen. Diese ist hell empört über die Anmaßung. Ihr Mann, ein höherer NSDAP-Funktionär sorgt dafür, dass Anna aus der NS-Frauenschaft entlassen wird.

Es klingt wie Verwunderung, wenn Daniel Brühl erklärt, das Neue an der Verfilmung sei, dass es keine ausgesprochenen Nazis gibt. Wirklich gibt es auch bei Fallada keine Figur, die den alten, verbreiteten Naziklischees vom irrationalen „Rassenwahn“ und individueller, sadistischer Lust, Menschen zu quälen, entspricht.

Was den Nazi-Jugendlichen Baldur Persicke und andere kleinbürgerliche Figuren auszeichnet, die man sich gut bei Pegida oder dem FN vorstellen könnte, ist jene soziale Haltung, die Trotzki kurz nach der Machtübernahme der Nazis 1933 in dem Artikel „Portrait des Nationalsozialismus“ treffend beschrieb: „Was wäre zu tun, damit alles besser werde? Vor allem die niederdrücken, die unten sind.“

Man spürt im Film neue Akzente. Er schließt nicht aus, dass es viele gab, die so dachten wie das Ehepaar Quangel. In Erinnerung bleibt das Bild einer Straßenbahn voller Arbeiter. Alle schauen nachdenklich, mitten unter ihnen Otto Quangel. Doch Perez letztliche Bemühung, Falladas realistischen Roman zu einem pazifistischen Appell an Zivilcourage umzumodeln, kann nicht überzeugen.

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