Foto-Essay: Freiwillige in französischem Flüchtlingslager sprechen mit der WSWS

Von Jill Lux und Toby Reese
16. März 2016

Die Bedingungen, unter denen hunderttausende von Flüchtlingen vor den Kriegen im Nahen Osten und Afrika leben müssen, sind ein Armutszeugnis für die europäische Gesellschaft. In den Lagern fehlt es an grundlegendem wie Wasser, Strom, Nahrung und medizinischen Vorräten, und sie sind vollständig von freiwilliger Unterstützung und Spenden abhängig. In vielen europäischen Staaten gelten die Lager als „illegal”. 

Das Flüchtlingslager im französischen Grand-Synthe ist einer der schlimmsten Orte, an denen Flüchtlinge landen können. Hier leben etwa 2.500 Flüchtlinge und jeden Tag kommen etwa 50 neue hinzu – oft Familien mit Kindern, Alten und schwangeren Frauen. Von hier aus versuchen viele, als blinde Passagiere in LKWs nach England zu kommen und dort Asyl zu erhalten.

Reporter der WSWS sprachen mit Joel Sames, der als freiwilliger Helfer in einem dieser Lager arbeitet.

Über die hygienischen Verhältnisse im Lager sagte er: „Ärzte ohne Grenzen [MSF] sind hier, aber das Problem ist die lange Wartezeit. Manchmal warten Kranke drei Stunden lang. Es besteht die Gefahr, dass sich die Masern ausbreiten. In Calais, dem größeren Lager in der Nähe, gibt es einen bestätigten Fall von Masern [...] Abgesehen davon sind die hygienischen Bedingungen schrecklich, die perfekte Brutstätte für jede Art von Krankheit. Es gibt viele Ratten. Wenn man nachts rausgeht, sieht man viele Ratten am Boden, groß wie Karnickel.“

Obwohl die Temperaturen oft unter den Gefrierpunkt sinken, schlafen die Menschen in dünnen Zelten im dicken Schlamm zwischen Müll und Fäkalien. Die Flüchtlinge haben zu wenig Nahrung und nur eine rudimentäre medizinische Versorgung. Wegen der Kälte fangen sie sich Krankheiten wie Lungenentzündung ein. Die Infrastruktur ist improvisiert und ungenügend. Es gibt nur 32 Toiletten, 48 Duschen, zwei Leitungen mit sauberem Wasser und eine unzuverlässige Stromleitung.

Joel erzählt: „Sie [MSF] sorgen für die Infrastruktur, aber es dürfte mehr vorhanden sein, um sicherzustellen, dass die Leute ordentliche Zelte und Heizgeräte haben. Aber ich denke, es sind hauptsächlich die Beamten, die eine angemessene Versorgung unmöglich machen, weil sie kontrollieren, was ins Lager kommt. Zum Beispiel blockiert die Polizei die Straße.“

Anfangs versuchte die Stadt Grande-Synthe, den Abfall zu entsorgen, um die Rattenplage einzudämmen. Doch der französische Staat weigerte sich nicht nur, die Bedingungen im Lager zu verbessern, sondern hat am Eingang auch Polizisten stationiert, um das Eintreffen von Zelten und Baumaterial zu unterbinden.

Joel erklärte, das Lager werde täglich größer, „aber es gehen auch Leute, weil die Bedingungen so furchtbar sind, und versuchen, andere Wege zu finden. Einige sind nach Belgien gegangen und jeden Tag versuchen einige, nach England zu kommen. Die meisten sitzen im Lager fest, weil sie für sich keine Zukunft in Frankreich sehen. Einige sagen, selbst wenn Frankreich ihnen Asyl gewähren würde, würden sie nicht bleiben. Ich habe sie gefragt: 'Warum könnt ihr nicht in Frankreich bleiben? Warum riskiert ihr euer Leben und das eurer Familie durch die schrecklichen Bedingungen in diesem Lager?' Sie erzählen mir, Leute kämen aus den Asylzentren in Frankreich zurück und erzählten schreckliche Geschichten darüber, dass sich dort niemand um sie kümmert. Für diese Leute gibt es in Frankreich keine Zukunft.“

Joel beschrieb Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und den Flüchtlingen im Lager: „Sie [die Flüchtlinge] werden am Eingang überprüft. [...] Manchmal machen sie [die Polizisten] sich über die Flüchtlinge lustig. Zum Beispiel lassen sie die Flüchtlinge in strömendem Regen kein Feuerholz ins Lager bringen. Wenn das Feuerholz zu groß ist, behaupten sie, es könnte als Bauholz benutzt werden. Deshalb mussten die Flüchtlinge es im strömenden Regen in kleine Stücke sägen, während die Polizisten Witze über sie machten.“

Auf die Frage, warum Flüchtlinge aus ihrer Heimat fliehen, antwortete er: „Ich glaube, weil der Krieg schon so viele Jahre dauert und die Lage immer schlimmer geworden ist. Ich glaube, sie haben einfach die Hoffnung auf eine bessere Zukunft in ihrem Land verloren.

Viele von ihnen waren Binnenvertriebene, andere kommen aus Nachbarländern wie dem Libanon, der Türkei und Jordanien. Sie hofften immer, dass der Krieg ende und dass sie zu ihren Häusern, ihren Familien, Freunden und ihrem alten Leben zurückkehren könnten. Aber ich glaube, irgendwann haben sie gemerkt, dass das nicht passieren wird. Immer mehr Parteien und Länder machen [bei dem Krieg] mit und ich glaube, das hat diese Welle ausgelöst. Plötzlich war da diese Aufbruchstimmung.“

Das Lager befindet sich an einer Fernstraße in der Nähe eines LKW-Rastplatzes. Ein Teil der neuen Insassen sind in das Lager gekommen, um von dort aus zu versuchen, nach England zu kommen.

Nachdem in letzter Zeit zahlreiche Flüchtlinge in dem Lager angekommen sind, plant die Gemeinde Grande-Synthe den Bau eines neuen „legalen“ Lagers. Laut MSF wird es in diesem Lager 500 Zelte geben, die „groß genug für fünf Menschen“ sein sollen, sowie „ausreichend“ Toiletten und Duschen (126 Toiletten und 66 Duschen). Das neue Lager soll bis zu 2.500 Menschen beherbergen.

Die Einwanderer trauen sich nicht, sich in dem neuen Lager zu registrieren, die meisten lehnen eine Verlegung ab. Die französische Regierung hat in Calais bereits ein Lager mit biometrischen Kontrollen und hohen Zäunen eingerichtet, um die Zerstörung des bestehenden Flüchtlingslagers in Calais zu rechtfertigen.

                                               

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