USA: Fiat Chrysler Arbeiter in Detroit von Entlassungen bedroht

Von Jerry White
9. April 2016

Im Fiat-Chrysler-Montagewerk in Sterling Heights (Michigan) sorgt eine Management-Mitteilung für erhebliche Unruhe. In dem Detroiter Vorort soll die zweite Schicht gestrichen und 1420 Arbeitsplätze vernichtet werden. Die Arbeiter sehen darin den Auftakt zu weiteren Entlassungen in der gesamten Autoindustrie.

Fiat Chrysler Automobiles (FCA) verweist auf sinkende Verkaufszahlen beim Mittelklassemodell Chrysler 200. Am Mittwoch gab das Management bekannt, es werde im Juli mit Entlassungen in dem riesigen Werk beginnen, das seit dem 1. Februar vorübergehend geschlossen war. Ein Sprecher erklärte, der Stellenabbau sei notwendig, um die Produktion besser an die Nachfrage anpassen zu können.

Arbeiter beim Schichtwechsel in Warren

Viele Autoarbeiter in der Detroiter Region äußern jetzt die Sorge, dass die Auswirkungen der Entlassungen – von denen 120 das benachbarte Presswerk von Sterling Heights betreffen – in der gesamten Region zu spüren sein werden.

So befürchten Arbeiter im Warren-Truck-Montagewerk, dass viele kurzfristig beschäftigte Kollegen, darunter die Teilzeitbeschäftigten und die Leiharbeiter, jetzt entlassen werden und ihre Existenzgrundlage verlieren.

Die Stellenstreichungen sind die ersten Entlassungen in der US-Autoindustrie, seitdem Obama General Motors und Chrysler nach der Insolvenz im Jahr 2009 hat umstrukturieren lassen. Nach den tiefen Einschnitten bei Löhnen und Leistungen, die die Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) im Gegenzug für die Rettung durch das Weiße Haus durchsetzte, stellten FCA, General Motors und Ford 40.000 Arbeiter zum halben Lohn der alten Belegschaft ein.

Seither haben die Autoverkäufe Rekordzahlen erreicht, und die Vereinigten Staaten sind zum Profitzentrum der globalen Autobauer geworden. Gründe dafür waren der Nachholbedarf nach dem Finanzcrash von 2008, der niedrige Benzinpreis und relativ niedrige Finanzierungskosten, wie z.B. Subprime-Autokredite.

In Europe, Lateinamerika und in wachsendem Maße auch in China sah die Marktlage für Autobauer in dieser Zeit schlechter aus. Industrieanalysten warnen aber auch in den USA immer lauter vor einem Rückgang beim Autoabsatz und vor „Überkapazitäten“. Es ist der Auftakt zu einem Aderlass in diesem Industriezweig, wie bereits in der Stahl-, Bergbau- und Energieindustrie, wo Zehntausende Arbeitsplätze verloren gingen.

Das ist Teil eines globalen Prozesses: In allen Ländern lassen transnationale Unternehmen und Regierungen die Arbeiterklasse für die kapitalistische Krise bluten. In China sind etwa 1,6 Millionen Stahlarbeiter und Bergleute mit dem Verlust ihrer Arbeitsplätze konfrontiert. Der in Indien ansässige Tata-Konzern hat Massenentlassungen und Walzwerkstillegungen angekündigt, die in Großbritannien zum Ende der Stahlproduktion führen könnten. Gleichzeitig könnte eine Fusion von Thyssen Krupp mit Salzgitter oder mit Tata auch in Deutschland zehntausende Stahlarbeitsplätze kosten. Die Übernahme von Virgin America durch Alaska Airlines in dieser Woche deutet auf eine neue Fusionswelle auch in der globalen Luftfahrtbranche hin, was ebenfalls zu Stellenabbau führen wird.

Der globale Angriff auf Arbeitsplätze und Löhne ist zur treibenden Kraft im Klassenkampf geworden. Seit Jahresbeginn streiken Arbeiter in China, Stahlarbeiter bei ArcelorMittal und Nissan-Beschäftigte in Mexiko, Autobauer bei Tata Nano in Indien und viele Arbeiter mehr.

Der Anstieg der offiziellen Beschäftigtenquote in den USA ist vor allem auf ein Rekordtief des aktiven Teils der Bevölkerung zurückzuführen, und auf die Zunahme der Teilzeit- und Leiharbeit. Auch sind die meisten neuen Arbeitsplätze Niedriglohnjobs. Dabei gehörten die Fabrikarbeiter einst zu dem am besten bezahlten Teil der Arbeiterklasse. Heute jedoch verdient ein Viertel der Fabrikarbeiter knapp zwölf Dollar die Stunde oder weniger.

Die Vernichtung von Arbeitsplätzen bei Fiat-Chrysler bestätigt die Warnungen der World Socialist Web Site vom letzten Herbst, als wir erklärten, dass der vierjährige Tarifvertrag, den die UAW durchsetzte, dazu beitragen werde, Arbeitsplätze zu zerstören, Löhne zu senken und die Arbeitsbedingungen zu verschlechtern.

Schichtwechsel in Sterling Heights

Im September 2015 hatten FCA-Arbeiter den ersten Vorschlag der UAW mit einer Zwei-zu-eins-Mehrheit zurückgewiesen und damit zum ersten Mal seit 33 Jahren einen von der UAW unterstützten nationalen Tarifvertrag abgelehnt. Daraufhin heuerte die Gewerkschaft eine Public-Relations-Firma an, um eine zweite Vereinbarung durchzudrücken. Die Gewerkschaft behauptete, diese enthalte „Produktzusagen“ und eine Vereinbarung zur „Arbeitsplatzsicherheit“, gegen zukünftige Entlassungen.

Im Autoworker Newsletter der WSWS hieß es, der FCA-Vorstandschef Sergio Marchionne mache „kein Geheimnis daraus, dass er aus der FCA einen attraktiveren Partner für eine Megafusion machen will. Er will ‚Überkapazitäten‘ beseitigen und Investitionskosten aufteilen. Das wird eine weitere Konsolidierung der globalen Automobilindustrie auf Kosten von Zehntausenden von Arbeitsplätzen in Gang setzen.“

Und zum Versprechen der UAW auf Arbeitsplatzsicherheit schrieben wir: „Es enthält eine Ausweichklausel, die die Schließung, den Verkauf oder die Ausgliederung von Geschäftsfeldern erlaubt, wenn sich Bedingungen ergeben, die ‚außerhalb der Kontrolle der Firma liegen‘. Dazu gehören auch ‚marktbezogene Auftragsrückgänge oder eine wesentliche wirtschaftliche Verschlechterung‘.“

Die Behauptung, das zweistufige Lohnsystem werde abgeschafft, und die schlechter bezahlten Arbeiter würden ab 2023 Spitzenlöhne bekommen, macht keinen Sinn, wenn sie ihren Job bis dahin schon verloren haben. Die Tarifverträge erlauben den Einsatz einer größeren Zahl von befristeten und Teilzeit-Arbeitskräften, die nach Belieben eingestellt und gefeuert werden können.

In ihrer Reaktion auf die Ankündigung von Sterling Heights hat die UAW klargemacht, dass sie nichts unternehmen wird, um zu verhindern, dass die Arbeiter auf der Straße landen. Der Vizepräsident der UAW, Norwood Jewell, nannte die Ankündigung „bedauerlich, aber nicht unerwartet“. Jewell hat im letzten Jahr 155.459 Dollar verdient, plus zusätzliche Vergünstigungen, und sein Sohn steht ebenfalls mit einem Verdienst von 117.196 Dollar auf der Gehaltsliste der Gewerkschaft.

Jewell erklärte: „FCA ist nicht das einzige Unternehmen, dem der stagnierende Kleinwagen-Markt zu schaffen macht. Das Unternehmen hat eine Ausweitung der Kapazitäten geplant, um mehr Lkws und Geländewagen zu bauen. Ich glaube, das wird sich langfristig für unsere Mitglieder und das Unternehmen positiv auswirken.“ Der Abbau von Arbeitsplätzen bei FCA war natürlich „nicht unerwartet“, und zwar aus dem Grund, weil die UAW Hand-in-Hand mit den Unternehmen arbeitet, um Arbeitsplätze und Arbeitskosten zu reduzieren.

Marchionne droht damit, die gesamte Kleinwagenproduktion auszulagern. Er will nur die besonders profitable Kleintransporter- und Geländewagen-Produktion in den amerikanischen Fabriken belassen. Die Modelle Chrysler 200 und Dodge Dart werden wahrscheinlich in Niedriglohnfabriken nach Mexiko verlegt. Anfang der Woche kündigte Ford an, für die Kleinwagen-Produktion ein neues, 1,6 Milliarden teures Montagewerk im mexikanischen Staat San Luis Potosi zu bauen.

Die UAW lehnt jeden gemeinsamen Kampf der US-amerikanischen, kanadischen und mexikanischen Arbeiter gegen die globalen Unternehmen ab. Deshalb verbreitet sie einmal mehr das nationale Gift des Chauvinismus nach dem Motto „Kauft amerikanisch“, um nebenbei noch ihre Komplizenschaft mit den Unternehmen zu vertuschen. In einem Gastkommentar für die New York Times Anfang der Woche verurteilte UAW-Präsident Dennis Williams das Nordamerikanische Freihandelsabkommen (NAFTA) und andere Handelsabkommen, weil sie den Unternehmen erlaubten, „Hunderttausende von Arbeitsplätzen auszulagern“ und die amerikanischen Löhne zu senken. Die Löhne in Mexiko seien niedrig, erklärte er, weil dort, anders als in den USA, „die Betriebsgewerkschaften stärker als mit den Arbeitern mit den Arbeitgebern verbündet sind“.

Es gibt kaum eine Organisation auf diesem Planeten, die stärker „mit den Arbeitgebern verbündet“ ist als die UAW. Seit vierzig Jahren stützt sie sich auf die korporatistische Perspektive, der zufolge Arbeiter keine von den Autobossen unabhängigen Interessen hätten. Um die Unternehmen mit Sitz in den USA „konkurrenzfähiger“ und profitabler zu machen, hat sie Streiks praktisch verboten und jegliche Arbeiter-Vertretung in der Fabrik aufgegeben. Sie fungiert als industrielle Polizeitruppe, die Arbeitsdisziplin, Arbeitshetze und brutale Ausbeutung durchsetzt.

Obendrein ist das gegen Mexiko gerichtete Geschimpfe der UAW völlig zynisch. In einem Artikel der Mitarbeiterzeitung der Autoindustrie, der Detroit News, weist der Kolumnist Daniel Howes auf die „gespielte Empörung“ der UAW hin. Er bekennt, dass eins der „schmutzigen kleinen Geheimnisse“ des Tarifvertrags vom letzten Jahr darin besteht, dass „Ford tatsächlich die Zustimmung der Gewerkschaft dazu bekommen hat, die Kleinwagenproduktion nach Mexiko zu verlegen“.

Mittlerweile ist es die Hauptstrategie der UAW, das Unternehmen dazu zu bewegen, die Montage von größeren Fahrzeugen wieder in die USA zu verlegen. Dazu bietet sie an, die Produktionskosten zu senken, mit anderen Worten, die Löhne und Sozialleistungen der amerikanischen Arbeiter zu kürzen.

Der Kampf zur Verteidigung sicherer und gut bezahlter Arbeitsplätze erfordert eine globale Strategie, um die Arbeiter überall auf der Welt zu vereinigen. Das bedeutet, den wirtschaftlichen Nationalismus und die korporatistische „Partnerschafts“-Politik der UAW zurückzuweisen und eine mächtige politische Bewegung aufzubauen, die für den Sozialismus kämpft. Dazu gehört die Verstaatlichung der Banken und der wichtigsten Industriezweige unter der demokratischen Kontrolle und dem kollektiven Eigentum der Arbeiterklasse.