Der Amoklauf von München und die Amerikanisierung der deutschen Gesellschaft

Von Christoph Vandreier und Peter Schwarz
24. Juli 2016

Der Amoklauf von München hat in ganz Deutschland Bestürzung und Anteilnahme ausgelöst. Es war eine abscheuliche Tat. Am späten Freitagnachmittag erschoss ein 18-jähriger Täter in einem McDonald's-Restaurant und einem gutbesuchten Einkaufszentrum neun vornehmlich junge Menschen und verletzte 27 weitere, zehn von ihnen schwer.

Die Polizei reagierte massiv. Sie zog 2300 Sicherheitskräfte in der Stadt zusammen, darunter Spezialeinheiten aus anderen Bundesländern, die Antiterroreinheit der Bundespolizei GSG9 und das österreichische Einsatzkommando Cobra, und setzte gepanzerte Fahrzeuge und Hubschrauber ein. Wie am Samstag bekannte wurde, hatte Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen auch den Einsatz der Bundeswehr erwogen und eine Feldjäger-Einheit der Bundeswehr in Bereitschaft versetzt, obwohl ein solcher Einsatz verfassungswidrig ist.

Die Sicherheitskräfte legten die 1,5 Millionen-Stadt München buchstäblich lahm. Der Hauptbahnhof wurde abgesperrt, der Bahn- und U-Bahn-Verkehr eingestellt und Tram-Fahrer angewiesen, Fahrgäste zum Verlassen der Fahrzeuge aufzufordern und in die Depots zu fahren. Tausende landeten so auf der Straße, ohne Möglichkeit nach Hause zu fahren. Und das obwohl die Polizei die Bevölkerung aufforderte, aus Sicherheitsgründen ihre Wohnungen aufzusuchen. Erst als eine spontane Initiative unter dem Hashtag #offenetür die Münchener aufforderte, Gestrandete in ihre Wohnung aufzunehmen, entspannte sich die Lage.

In der Panikstimmung, die der massive Polizeieinsatz auslöste, häuften sich Meldungen über weitere Schießereien in der Stadt – und erwiesen sich allesamt als falsch. Die Polizei registrierte zwischen 18 und 24 Uhr 4310 Notrufe, so viele wie sonst in vier Tagen.

Als die Polizei schließlich am Samstag bekannt gab, es handle sich um einen klassischen Amoklauf eines Einzeltäters ohne politischen Hintergrund und ohne Bezug zum Islamischen Staat, machte sich „so etwas wie Erleichterung“ breit, wie die in München erscheinende Süddeutsche Zeitung schreibt. Viele hatten nach den Anschlägen von Nizza und Würzburg offenbar befürchtet, es werde sich nun, ähnlich wie in Frankreich, ein Teufelskreis entwickeln, in dem sich Terroranschläge, Staatsaufrüstung, der Abbau demokratischer Rechte und das Anwachsen ultrarechter Kräfte gegenseitig hochschaukeln.

Doch auch der Amoklauf eines Einzelnen wirft grundlegende gesellschaftliche und politische Fragen auf. Man kann eine derart brutale Tat eines Jugendlichen nicht losgelöst von der allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen verstehen. Der massive Polizeieinsatz in München sowie die Reaktion vieler Medien und Politiker zeigen außerdem, dass dieses tragische Ereignis missbraucht wird, um eine Law-and-Order-Kampagne zu rechtfertigen.

Der 18-jährige Täter David S., der sich nach dem Amoklauf selbst umbrachte, besitzt einen deutschen und einen iranischen Pass und ist in Deutschland aufgewachsen. Er wohnte mit seinen Eltern in der Maxvorstadt, einer wohlhabenderen Neubausiedlung, in der es aber auch Sozialwohnungen gibt. Der Vater soll als Taxifahrer arbeiten. Die Familie wird von Nachbarn als bodenständig beschrieben. David galt als ruhig. Er soll Probleme in der Schule gehabt haben und litt, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte, an einer depressiven Erkrankung.

In seinem Zimmer fand die Polizei Unterlagen, die darauf hindeuten, dass er sich mit früheren Amokläufen in Deutschland befasste. Da am Freitag der fünfte Jahrestag des Attentats von Anders Breivik in Norwegen war, dem 77 Menschen zum Opfer fielen, gehen die Ermittler davon aus, dass ein Zusammenhang besteht.

Es gibt auch Hinweise darauf, dass David S. über einen gefakten Facebook-Account unter dem Namen „Selina Akim“ Jugendliche in das McDonald's-Restaurant einlud, in dem er seinen Amoklauf begann, seine Tat also sorgfältig plante und vorbereitete. Acht seiner neun Opfer waren zwischen 14 und 20 Jahre alt.

Über die Motive und Gründe der Tat ist bisher nur wenig bekannt. In einem Wortwechsel mit einem Anwohner, der den vermutlichen Täter filmte, schreit dieser: „Wegen euch bin ich gemobbt worden sieben Jahre lang. Und jetzt musste ich mir eine Waffe kaufen, um euch alle abzuknallen.“

Der Amoklauf von München ist zwar nicht der erste in Deutschland. 2002 tötete ein Jugendlicher an einer Erfurter Schule 17 Menschen. Vier Jahre später folgte ein ähnlicher Fall in Emsdetten. Im gleichen Jahr stach ein minderjähriger Berliner 30 Menschen in der U-Bahn nieder. 2009 tötete ein 17-Jähriger 15 Menschen in Winnenden und erst in der letzten Woche griff ein 17-Jähriger Reisende in einem Regionalzug bei Würzburg mit einer Axt an. Trotzdem galt die Häufung derartiger Gewalttaten bisher vor allem als ein amerikanisches Phänomen.

Laut der Website „Gun Violence Archive“ gab es in den USA allein im Juni dieses Jahres 18 Massenmorde mit Schusswaffen. Im Jahr 2014 registrierte das US-Bundeskriminalamt 8124 Tötungsdelikte mit Schusswaffen. In den USA kommen etwa genauso viele Menschen durch Schusswaffen ums Leben wie durch Autounfälle.

Die World Socialist Web Site hat immer wieder aufgezeigt, dass die Ursache dieser regelmäßig wiederkehrenden Massengewalt „in der Fäulnis und der bösartigen Krise des amerikanischen Kapitalismus“ liegt. So wiesen wir vor einem Monat auf den Zusammenhang zwischen dem Massaker von Orlando, dem 49 Besucher einer Schwulenbar zum Opfer fielen, und den von den USA geführten Kriegen, der Militarisierung des gesellschaftlichen Lebens und den ständigen Angriffen auf die Arbeiterklasse hin.

„Die Auswirkungen dieser täglichen Realität innerhalb der Vereinigten Staaten kann man schwerlich übertreiben“, schrieben wir. „Besonders die instabilsten Teile der Gesellschaft bekommen sie zu spüren. Politische Reaktion, nationaler Chauvinismus, immigrantenfeindlicher Rassismus – die rückständigsten Stimmungen werden systematisch kultiviert, um eine Politik imperialistischer Kriege und der Verelendung der Arbeiterklasse durchzusetzen.“

Eine ähnliche gesellschaftliche Entwicklung findet auch in Deutschland statt. Als David S. geboren wurde, zog die Bundeswehr in ihren ersten Kriegseinsatz in Jugoslawien. Als er 16 wurde, verkündete die Bundesregierung das „Ende der militärischen Zurückhaltung“. Inzwischen beteiligt sich die Bundeswehr am Nato-Aufmarsch gegen Russland und an 16 Auslandseinsätzen, unter anderem im Irak und in Syrien. Auch die Innenpolitik ist zunehmend vom Militarismus geprägt.

Im vergangenen Jahr konnte David S. zudem miterleben, wie Flüchtlinge aus dem Nahen Osten von den Münchener Bevölkerung willkommen geheißen und dann von Politikern verteufelt wurden. Die Kampagne gegen die „Willkommenskultur“, die vor allem von der bayrischen Landesregierung geführt wurde, dürfte auf einen psychisch labilen Jugendlichen, der sich gemobbt fühlt und eine iranischen Hintergrund hat, nicht ohne Auswirkungen geblieben sein. Natürlich führen solche Umstände nur in Extremfällen zu einer derart brutalen Tat. Aber ohne sie wäre die Tat nicht denkbar.

Politik und Medien haben auf den Amoklauf von München reagiert, indem sie eine beschleunigte Militarisierung der Gesellschaft und einen weiteren politischen Rechtruck fordern. Sie überschlagen sich in Lobeshymnen auf den massiven Polizeieinsatz und verlangen einen weiteren Ausbau der Sicherheitskräfte.

So erklärte Bundeskanzlerin Merkel an die Polizei gerichtet: „Sie waren und sind im besten Sinne Helfer und Beschützer der Bürgerinnen und Bürger.“ SPD-Chef Sigmar Gabriel twitterte, die Polizei habe „Großartiges“ geleistet.

Die AfD forderte bereits die vollständige Schließung der Grenzen für Flüchtlinge, als die Hintergründe der Tat von München noch völlig unklar waren. Ihr Vorsitzender in Sachsen-Anhalt, André Poggenburg, äußerte seine Abscheu für Merkel und die „Linksidioten, die Mitverantwortung tragen“.

Einige Unions-Politiker stießen ins gleiche Horn. Der CSU-Bundestagsabgeordnete Florian Hahn erklärte über Twitter, zur „Herstellung der Sicherheit im öffentlichen Raum“ brauche man für die nächsten Tage die Bundeswehr. Und der Dresdener CDU-Politiker Maximilian Krah schrieb: „Ich bin in München. Das muss der Wendepunkt sein: Die Willkommenskultur ist tödlich. Es geht um unser Land!“

Die Süddeutsche Zeitung sieht darin „einen äußerst beunruhigenden Vorgeschmack auf den Wahlkampf im nächsten Jahr“. Wenn sich die Weltlage in den nächsten Monaten nicht schlagartig beruhige, werde „Sicherheit“ das „Mega-Thema“ der Bundestagswahl sein. „Und zwar die innere wie die äußere Sicherheit, weil das eine vom anderen nicht mehr zu trennen ist.“

Das heißt, die Zeitung geht davon aus, dass sich auch der deutsche Wahlkampf „amerikanisieren“ und Formen annehmen wird wie in den USA, wo sich ein faschistischer Immobilienmogul und eine Politikerin mit engsten Verbindungen zur Wall Street und zum Pentagon eine schmutzige Schlammschlacht um das Präsidentenamt liefern.