Die wahren Kosten des amerikanischen Gefängnisapparats: eine Billion Dollar jährlich

Von Catherine Long
20. September 2016

Ein neuer Bericht der Washington University in St. Louis, Missouri, führt detailliert die sozialen und wirtschaftlichen Kosten auf, die für die Inhaftierung von zwei Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten anfallen. Die Studie unter dem Titel „The Economic Burden of Incarceration” (Die wirtschaftliche Belastung durch Inhaftierung) vom Concordance Institute for Advancing Social Justice schätzt die Kosten für Individuen, Familien und die Gesellschaft.

In den Vereinigten Staaten gibt es gegenwärtig mehr inhaftierte Menschen als irgendwo sonst auf der Welt, und zwar sowohl in der pro-Kopf-Relation als auch in absoluten Zahlen. Die Zunahme der Gefangenenzahlen seit 1980 ist schwindelerregend: von etwa 490.000 in allen Einrichtungen stieg die Summe auf zwei Millionen im Jahr 2014. Die im Haushalt veranschlagten Kosten des föderalen und bundesstaatlichen Gefängnissystems betragen 80 Milliarden Dollar pro Jahr.

Die Studie der Washington University hält diese Summe für weit untertrieben. Berücksichtigt man alle sozialen Auswirkungen, die die Entfernung so vieler Menschen aus dem ökonomischen und gesellschaftlichen Leben für einen solch langen Zeitraum nach sich zieht, so liegen die wahren Kosten laut der Studie näher an einer Billion Dollar.

Die Autoren leiten ihre Studie mit den Worten ein: „Die Schätzung der sozialen Kosten von Inhaftierung ist problematisch, da es schwierig ist, die Auswirkungen der Inhaftierung von den Auswirkungen der Armut zu unterscheiden.“ Die „Belastung“ besteht aber in jedem Fall in der Massenarmut von Millionen Menschen. Die sozialen Konsequenzen der Inhaftierung – lebenslange Einkommenseinbußen aufgrund verschlechterter Jobaussichten, Schwinden der Arbeitsfähigkeiten und -kenntnisse und der Verlust sozialen Kapitals – werden auf zwischen 1,9 bis 4,9 Milliarden Dollar jährlich geschätzt, abhängig vom Ausbildungsniveau.

Die Zahlen wurden für die Studie bewusst niedriger angesetzt, sodass die sozialen Kosten tatsächlich wohl weit über einer Billion Dollar liegen. Statistiken aus der Studie sind schockierend. Die Kindersterblichkeit steigt um 40 Prozent, wenn ein Elternteil inhaftiert ist. Die Kosten für verlorene Kinderleben pro Jahr werden auf 1,2 Milliarden Dollar jährlich geschätzt. Die Schulabbruchquote von Kindern und Jugendlichen mit inhaftiertem Elternteil liegt um zehn Prozent höher als im Durchschnitt – in absoluten Zahlen handelt es sich um 62.731 Kinder pro Jahr. Dreißig Prozent der Fälle neuer Pflegeunterbringung für Kinder gehen darauf zurück, dass vermehrt Frauen in Haft geraten: Es gibt eine atemberaubende Steigerung in der Zahl der weiblichen Gefangenen um 716 Prozent seit den 1980er Jahren.

Die Studie nimmt all die Kosten auf, die den Familien durch monatliche Besuche, Zwangsräumungen, Umzüge und Scheidungen entstehen. Die kumulierten Aufwendungen, die den Familien entstehen, betragen 27 Milliarden Dollar jährlich. Ebenfalls eingerechnet werden die wirtschaftlichen Kosten der psychologischen Auswirkungen von Inhaftierungen. Die lebenslangen finanziellen Einbußen aufgrund von Depression, posttraumatischer Belastungsstörung und Ängsten, an denen Häftlinge leiden, werden im Ganzen auf 10,2 Milliarden Dollar im Jahr geschätzt.

Diese kumulierten Summen demonstrieren im finanziellen Maßstab die menschlichen Kosten der Inhaftierung. Obwohl die durchschnittliche Haftzeit laut Studie 2,25 Jahre beträgt, steigern wirtschaftliche und hautfarbenbezogene Ungleichheiten, die auf das Strafmaß einwirken, diese Zahl erheblich. Strafen für „Wirtschaftskriminalität“ werden gewöhnlich unter geringen Sicherheitsmaßnahmen und in kurzen Zeiträumen abgebüßt. Gemäß dem „Transactional Records Clearinghouse“ (TRAC – Abrechnungsstelle geschäftlicher Aufzeichnungen), ist die Rate der Ermittlungen wegen Wirtschaftskriminalität in den vergangen zwanzig Jahren um 92 Prozent zurückgegangen. Richter, die mit Wirtschaftskriminalität befasst sind, nutzen ihren „Ermessensspielraum“ hinsichtlich der Strafzumessungsrichtlinien voll aus und entscheiden regelmäßig auf deutlich kürzere Strafen.

Mittellose Angeklagte ohne angemessenen Beistand bekennen sich in der Hoffnung auf Milde häufig schuldig. Eine Studie von Megan Stevenson in Baltimore fand heraus, dass „nur 51 Prozent derer, die für eine Kaution von 500 Dollar oder weniger aufkommen mussten, in der Lage waren, das erforderliche Minimum von zehn Prozent zu bestreiten, um innerhalb von drei Tagen frei zu kommen.“ Verurteilungen für Kleinkriminalität wie Drogenbesitz können sich durch obligatorische Mindeststrafen und die „Drei-Verstöße-Regelung“ in lebenslange Haftstrafen verwandeln. In Louisiana, einem der ärmsten Bundesstaaten, verbüßen 91,4 Prozent der schwarzen Häftlinge, die keine Gewaltverbrechen begangen haben, aufgrund ebendieser Gesetze lebenslange Haftstrafen ohne Berufungsmöglichkeit.

Die „Hyperinhaftierung“, wie die Studie dies nennt, wird kritisiert, weil sie „unnötig, kontraproduktiv und unerschwinglich teuer“ sei. Der Finanzkrach von 2008 „unterstreicht die finanzielle Untragbarkeit der Hyperinhaftierung,“ das heißt die föderale und bundesstaatliche Belastung durch fortgesetzte Finanzierung der Haft- und Gefängnisanstalten. Diese Kosten werden von Henrichson und Delaney, die in der Studie zur Frage der „wirtschaftlichen Belastung“ zitiert werden, als Haushaltsposten wie „Sozialleistungen, Kapitalkosten, Gefangenenausbildungsdienste oder Krankenhausversorgung für Insassen“ identifiziert. Die Ausgaben für Häftlingsunterkunft, Ausbildung und Gesundheitsvorsorge werden als zu teuer erachtet. Für die herrschenden Eliten ist jeder Cent an Kapital, der nicht zur Wall Street zurückkehrt, eine Belastung.

Warum schossen in den letzten 40 Jahren die Gefangenenzahlen so in die Höhe? Seit den 1980er Jahren wurde der Lebensstandard der Arbeiter von allen Seiten angegriffen: Deindustrialisierung, Globalisierung der Wirtschaft und Finanzmarkt-Kapitalismus, Clintons Sozialstaatsreform, Bushs wiederholte Kürzungen der Sozialprogramme, Obamas Einschnitte bei der Wohnungshilfe und bei Lebensmittelkarten sowie die landesweite Erosion der öffentlichen Bildungsfinanzierung.

Langzeitarbeitslosigkeit ist weiterhin ein großes Problem. Laut Zahlen vom Juli dieses Jahres verbleibt die Langzeitarbeitslosigkeit auf 25 Prozent der Gesamtarbeitslosigkeit. Die Verzweiflung unter den Armen speist sich aus den wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen, denen sie seit Generationen ausgesetzt sind.

Kriminalität an sich ist ein gesellschaftliches Phänomen. Kleinkriminelle Delikte wie Diebstahl, Bandenkriminalität und kriminelle Geschäftemacherei sind das direkte Ergebnis kapitalistischer Ausbeutung und der Zerstörung „seriöser“ Arbeitsplätze und langfristiger Jobperspektiven. Wenn Menschen keine ordentliche Arbeit finden können, dann wenden sie sich anderen wirtschaftlichen Möglichkeiten zu, um zu überleben. Haben sie einmal diesen Bereich betreten, dann gibt es keinen Ausweg mehr aus dem Teufelskreis von Gerichtsverhandlungen, Haft und Gefängnis, in welchem sie weiter brutalisiert und entfremdet werden.

Wie die meisten solcher akademischer Studien diskutiert indessen auch dieser Report zur wirtschaftlichen Belastung durch Inhaftierungen nicht die weitergehende Bedeutung der Erkenntnisse. In den Schlussfolgerungen findet sich die flüchtige Kritik, dass das amerikanische Gefängnissystem vielleicht zu groß sei, es gehe „über das hinaus, was sozial optimal ist.“ Diese lasche Phrase zeigt, welche Scheuklappen sich die Autoren des Berichts aufgesetzt haben. Zwar dokumentieren sie die gigantischen Ausmaße des amerikanischen Kerkers, doch wenden sie sich nie der Frage zu, welche Art von sozialen Spannungen eigentlich einen solch abstoßenden scheußlichen Zwangs- und Unterdrückungsapparat bedingen.

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