Nach Bombenanschlag in New York wird die Nationalgarde mobilisiert

Von Patrick Martin
21. September 2016

Zehntausende Polizisten und Soldaten wurden nach den Bombenanschlägen vom Samstagabend im New Yorker Stadtteil Chelsea in Manhattan mobilisiert. Bei dem Anschlag waren 29 Menschen verletzt worden. Eine weitere Bombe wurde vier Blocks weiter entdeckt und ohne weitere Schäden entschärft.

Zum ersten Mal in der amerikanischen Geschichte übernahm die New Yorker Polizei praktisch die Kontrolle über das gesamte Telefonnetz: Sie schickte an Millionen Handys im Großraum New York eine SMS mit den Daten des Verdächtigen Ahmad Khan Rahami. Er soll die beiden Bomben gelegt haben.

Der 28-jährige afghanische Amerikaner wurde am Montagmorgen verhaftet. Ein Barbesitzer hatte ihn in Linden, New Jersey, in einem Hauseingang schlafend vorgefunden und die Polizei alarmiert. Rahami wurde festgenommen, wobei es nach Aussage der Polizei zum Schusswechsel kam. Rahmani wurde von mehreren Schüssen getroffen, und auch zwei Polizisten erlitten Schussverletzungen, aber offenbar wurde niemand ernstlich verletzt.

Wie US-Sicherheitsbehörden den Medien erklärten, stand Rahami nicht unter Beobachtung und unterhielt offenbar keine bekannten Verbindungen mit einer ausländischen Terrororganisation, obwohl er in den letzten Jahren mehrfach nach Afghanistan und auch in andere Länder gereist war. In Anbetracht der prekären wirtschaftlichen Lage seiner Familie ist zumindest unklar, wie er dazu in der Lage war.

Nach Aussage der Polizei ist Rahami für insgesamt vier Vorfälle im Zusammenhang mit Bomben im Laufe des Wochenendes verantwortlich. Dies ist zunächst ein versuchter Bombenanschlag am Samstagmorgen auf einen Fünf-Kilometer-Wohltätigkeitslauf in Seaside, New Jersey, ungefähr achtzig Kilometer südlich von New York City. Außerdem zwei weitere Anschlagsversuche in Chelsea, wobei die eine Bombe nicht detonierte. Hinzu kam, dass er fünf Explosionskörper in einem Abfalleimer in Elizabeth deponierte, die jedoch nicht explodierten und am Sonntagmorgen aufgefunden wurden.

Es ist noch nicht bekannt, ob Rahami Helfer hatte. Sein Vorgehen war höchst amateurhaft: Die meisten Bomben gingen nicht hoch, die Ziele wurden ohne politische oder gesellschaftliche Bedeutung ausgewählt, das Bemühen, Überwachungskameras aus dem Weg zu gehen, war erfolglos, und am Ende führte eine breite Spur von Hinweisen direkt zum Täter. Dies lässt vermuten, dass es sich beim Bombenleger nicht um einen ausgebildeten Terroristen, sondern eher um eine verwirrte Persönlichkeit handelt.

Rahami kam 1995 im Alter von sieben Jahren in die USA, als seine Familie Schutz vor dem Bürgerkrieg in Afghanistan suchte. Dort kämpften damals von den USA unterstützte, rivalisierende Islamistenmilizen um die Vorherrschaft. Eine dieser Milizen, die Taliban, übernahm ein Jahr später die Macht.

Die Einwandererfamilie Rahami hatte offenbar einen schweren Stand. Sie führte ein Brathähnchen-Restaurant in Elizabeth, New Jersey, einem Arbeitervorort von New York City, wo neben dem Vater mehrere seiner Söhne arbeiteten. Mindestens einmal musste der Vater Bankrott anmelden, und er versuchte über die Runden zu kommen, indem er das Restaurant 24 Stunden am Tag offenhielt.

Ahmad Rahami schloss die High School ab und besuchte zwei Jahre lang ein Community College, erreichte jedoch nicht sein Ziel, einen Abschluss in Strafrecht zu machen. Freunden und Bekannten zufolge, schien er völlig integriert zu sein und interessierte sich mehr für Autos als für Religion. Nach einem langen Besuch in Afghanistan 2012 ließ er sich dann aber einen Bart wachsen, trug traditionelle Kleidung und betete häufig.

Aber nach wie vor gab es keinerlei Hinweise auf eine politische oder religiöse Radikalisierung. Rahami arbeitete weiter im Familienrestaurant. 2014 wurde er unter dem Vorwurf häuslicher Gewalt festgenommen, aber die Beschuldigungen wurden fallengelassen. Der einzige weitere bekannte Zusammenstoß mit der Staatsmacht war ein Strafmandat der Verkehrspolizei.

Für Rahamis Tat hat niemand die Verantwortung übernommen, nicht einmal der IS, der doch im Falle des Massakers in San Bernardino, Kalifornien, das Täter-Ehepaar als „Soldaten“ für sich in Anspruch nahm. Am gleichen Samstag hat der IS sich zu einem Messerangriff eines somalischen Amerikaners in St. Cloud, Minnesota, bekannt. Der Unterschied mag daher rühren, dass der Angreifer von St. Cloud erschossen wurde, während Rahami überlebt hat und in der Lage ist, für seine Taten eine andere Begründung zu liefern.

Bei einer Pressekonferenz am Montagnachmittag, als Rahami festgenommen worden war, erklärte der New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio: „Wir suchen nach keiner weiteren Person.“ Der stellvertretende FBI-Chef William Sweeney sagte auf der gleichen Pressekonferenz: „Es gibt keine Hinweise auf eine Terrorzelle in der Region.“

Wie De Blasio erklärte, wird die größte Mobilisierung von Polizei und Nationalgarde in der Geschichte der Stadt trotzdem fortgesetzt, weil Dutzende Staats- und Regierungschefs und andere ausländische Politiker in der kommenden Woche in der Stadt sind, um an einer UN-Generalversammlung teilzunehmen. Mehr als tausend Mitglieder der New York State Police und der Nationalgarde verstärken die 36 000 Polizisten der New York City Police, die im ganzen Stadtgebiet verteilt im Einsatz steht. „Rechnen sie mit einer sehr großen Polizeipräsenz. Sie wird größer sein denn je“, sagte de Blasio.

Noch ist völlig unklar, welche Verbindungen zwischen den Bombenanschlägen von Chelsea und dem internationalen Terrorismus bestehen könnten. Aber die Präsidentschaftskandidaten beider großen Parteien, die Demokratin Hillary Clinton und der Republikaner Donald Trump, ließen es sich nicht nehmen, sofort auf den Zug aufzuspringen und die Beinahe-Tragödie in Manhattan für militaristische Propaganda und eine weitere Schlammschlacht auszunutzen.

Trump beschuldigte Immigranten und die Einwanderung insgesamt, verantwortlich für die Anschläge zu sein. „Dumme“ Führer weigerten sich, die Grenzen der USA zu schließen. In einer dreißigminütigen Hetzrede am Montagmorgen auf Fox & Friends verurteilte Trump den mäßigen Anstieg der Einwandererzahl, die die Obama-Regierung in die USA lassen will. Obama plant eine Steigerung von 85 000 in 2016 auf 110 000 Einwanderer in 2017.

Trump wies die Einschätzung der US-Sicherheitsdienste zurück, dass die Bombenanschläge in New York City nicht aus dem Ausland organisiert worden seien. „Ich glaube, es gibt viele ausländische Verbindungen“, sagte er. „Ich glaube, es ist eine Gruppe. Es gibt viele, viele Gruppen, weil wir diesen Leuten erlauben, in unser Land zu kommen und unser Land zu zerstören und es für die Menschen unsicher zu machen.“ Er beklagte zudem die Tatsache, dass die Polizei angeblich kein Racial Profiling gegen Terrorverdächtige anwenden dürfe.

Clinton hielt eine nicht ganz so aggressive, aber keineswegs weniger reaktionäre Rede. Sie meinte, Trumps Vorschlag, keine Muslime mehr ins Land zu lassen, schwäche die militärischen Operationen der USA im Nahen Osten, die von der Kooperation muslimischer Verbündeter wie Saudi-Arabien abhingen.

Sie berief sich dabei auf mehrere ehemalige Geheimdienstmitarbeiter und Mitarbeiter der Sicherheitsdienste. Diese haben Trump angegriffen und sind in einigen Fällen auf Clintons Seite übergelaufen, weil sie ihrer Meinung nach die geeignetere „Oberkommandierende“ des amerikanischen Imperialismus ist. Clinton behauptete, Trump besorge das Geschäft des IS. „Man versucht, das Geschehen zu einem Krieg gegen den Islam zu machen, statt zu einem Krieg gegen Dschihadisten und gewalttätige Terroristen“, behauptete sie und fügte hinzu: „Trumps Geschrei und Ausdrucksweise hilft unseren Gegnern.“

Keiner der beiden Kandidaten und niemand in ihren wirtschaftsfreundlichen Parteien hat eine Antwort auf die wachsende Spirale von Krieg und Zerstörung im Nahen Osten, außer dass sie noch mehr Krieg und Zerstörung fordern. Das wird unvermeidlich die Bedingungen für mehr Terroranschläge in den USA schaffen, sei es von Organisationen wie dem IS und al-Qaida oder von desorientierten Einzeltätern, wie es der Möchtegern-Bombenleger von Chelsea offenbar war.

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