Kursverluste der Deutschen Bank: Droht ein „zweites Lehman Brothers“?

Von Nick Beams
28. September 2016

Die Aktie der Deutschen Bank fiel am Montag um 7,5 Prozent, eine Reaktion auf Berichte im Focus, wonach Bundeskanzlerin Angela Merkel Staatshilfen für die Bank ausgeschlossen hatte. Das US-Justizministerium hatte im Zusammenhang mit der Hypothekenkrise von 2008 eine Strafzahlung in Höhe von 14 Milliarden Dollar (12 Milliarden Euro) gegen die Bank verhängt.

Laut Focus vom vergangenen Freitag hatte die Kanzlerin Staatshilfen kategorisch ausgeschlossen und dies dem Vorsitzenden der Bank, John Cryan, in einem Gespräch deutlich gemacht.

Der Kurseinbruch ließ die Aktie auf den tiefsten Stand seit 1983 fallen, obwohl Cryan öffentlich erklärt hatte, die Bank habe nicht um Beistand der Regierung im Rechtsstreit mit dem amerikanischen Justizministerium gebeten. Die Aktie der Bank, über deren finanzielle Schieflage immer wieder berichtet wird, hat seit einem Jahr 55 Prozent an Wert verloren.

Der Financial Times zufolge steht die Bank bei der Marktkapitalisierung auf Platz 78 der internationalen Banken, „etwas unter Malaysias Public Bank und Brasiliens Itausa Investimentos Itau.“

Im August stufte der Internationale Währungsfond die Deutsche Bank als schwächstes Glied im Weltfinanzsystem ein. Inzwischen hat sich ihre Position durch die Forderung des US-Justizministeriums weiter verschlechtert.

Die Höhe der Strafzahlung beträgt das Dreifache der für solche Zwecke gebildeten Rücklage der Bank. Sollte die Zahlung in voller Höhe geleistet werden müssen, „gerät die Bank finanziell in Lebensgefahr“, heißt es in einem Bericht der BBC. Der Marktwert des Instituts beträgt 18 Mrd. Dollar (14 Mrd. Euro). Selbst die Halbierung der Strafzahlung würde eine „ernste Situation“ bedeuten.

Die Probleme der Bank nehmen schon das ganze Jahr über zu, und ihre finanzielle Lage führte während den Marktturbulenzen im Januar und Februar, als weltweit die Bankaktien abstürzten, zu Beunruhigung. Im Februar versicherte Cryan Mitarbeitern und Investoren, dass die Bank „grundsolide“ aufgestellt sei.

Doch seither wurde die Lage nur noch schlimmer, weil die Versuche, die Bank durch Kostensenkungen profitabler zu machen, nicht von Erfolg gekrönt waren. Dann kam die Entscheidung des US-Justizministeriums hinzu. Sie löste Befürchtungen aus, geplante Geschäfte, die hohe Gewinne erwarten ließen, würden sich zerschlagen, weil Geschäftspartner nicht mehr mit der Bank verhandeln wollen und ihre Erträge durch die Negativ-Schlagzeilen sinken.

Sollte die Bundesregierung die Bank nicht stützen, schrieb der britische Daily Telegraph, hätten andere Banken und Finanzinstitute bei Geschäften mit der Deutschen Bank ein sehr ungutes Gefühl. „Seit 2008 wissen wir: Geht das Vertrauen in eine Bank verloren, gerät sie in die allergrößten Schwierigkeiten. Falls die Deutsche Bank untergeht, erscheint es immer wahrscheinlicher, dass sie auch Merkel mit in den Abgrund reißt – und den Euro gleich mit dazu.“

Wie Aasgeier kreisen Hedgefonds bereits um das Bankhaus und tätigen Leerverkäufe von Aktien der Deutschen Bank in der Erwartung eines raschen Wertverfalls.

Unabhängig von der endgültigen Höhe der Strafzahlung ist die Bank höchstwahrscheinlich auf eine Kapitalerhöhung angewiesen. Da stößt sie allerdings auf Schwierigkeiten, denn die Niedrig- und Negativzinspolitik der Europäischen Zentralbank hat die Geschäftsmodelle aller großen Banken empfindlich getroffen. CNBC, ein Wirtschafts- und Finanznachrichtensender in den USA, kommentierte: „Wie wollen Sie an mehr Geld kommen, wenn Ihre Gewinne sinken?“

Die Unruhe um die Deutsche Bank drückt besonders scharf die krisenhafte Entwicklung des gesamten europäischen Bankensystems aus, eine Folge der Finanzkrise von 2008. Mario Draghi, Chef der Europäischen Zentralbank, sprach am Montag von einer „Überkapazität an Banken in Europa“. Die Regierungen sollten gesetzliche Voraussetzungen für eine Konsolidierung schaffen.

„Wollen wir wirklich ein System, das nur durch eine Reihe von Insolvenzen die passende Größe erhält? Banken in Europa sollten stark und profitabel sein und Überkapazitäten sind eben ein Grund für mangelnde Profitabilität“, sagte Draghi.

Ein Ende der Deutschen Bank würde weite Kreise ziehen. Ihre Verflechtungen mit anderen Banken und Finanzinstituten würden das gesamte europäische Finanzsystem in Mitleidenschaft ziehen und auch weltweite Auswirkungen haben. Niemand kennt das ganze Ausmaß der Folgen, doch einige Beobachter haben bereits von einem „zweiten Lehman“ gesprochen, eine Anspielung auf den Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers, der den weltweiten Finanzkrach von 2008 auslöste.

Das italienische Bankensystem wäre der erste Kandidat für eine schwere Krise. Etwa 360 Milliarden Euro an faulen Krediten stehen in den Büchern. Das ist das Vierfache im Vergleich zu 2008 und macht 17 Prozent aller ausstehenden Kredite aus.

Die Krise um die Deutsche Bank sorgt nicht nur für wachsende wirtschaftliche Probleme. Sie ist auch politisch bedeutsam. Bezeichnenderweise wurde die Strafe nicht von der Börsenaufsicht verhängt, sondern von einem amerikanischen Regierungsorgan, dem Justizministerium.

Auch die Höhe der Strafe zeigt in diese Richtung: „Das Justizministerium fordert von der Deutschen Bank das Zehnfache dessen, was es von amerikanischen Banken verlangt hat“, äußerte Davide Serra, Gründer des Hedgefonds Algebris Investments LLP, gegenüber der Financial Times.

Die Strafe wurde inmitten zunehmender politischer und wirtschaftlicher Spannungen zwischen den USA und der Europäischen Union, insbesondere Deutschland verhängt. Die Entscheidung der EU, gegen Apple eine Steuernachzahlung von 13 Milliarden Euro zu verhängen, führte bei US-Firmen und dem US-Finanzministerium zu einem Sturm der Entrüstung.

Dem Streit um Apple folgten Aussagen von deutscher und französischer Seite, die die Verhandlungen über das von den USA angestrebte Transatlantische Freihandelsabkommen (TTIP) praktisch beendet haben. Die USA betrachten TTIP und das transpazifische Abkommen TPP, das für Asien gilt, aber China ausschließt, als entscheidend, um ihre globale wirtschaftliche Vormachtstellung zu festigen.

Doch Anfang September erklärte Finanzminister Sigmar Gabriel die Verhandlungen praktisch für gescheitert: „Als Europäer können wir den amerikanischen Forderungen natürlich nicht nachkommen.“

Die Krise um die Deutsche Bank weist auf zwei zusammenhängende Prozesse hin. Zum einen sind die Widersprüche des globalen Finanzsystems, die sich vor acht Jahren explosionsartig entluden, keineswegs gelöst. Sie bestehen fort und haben sich weiter zugespitzt. Zweitens wird das globale Wirtschafts- und Finanzsystem zunehmend zum Schlachtfeld, auf dem sich alle Nationen gegenseitig bekämpfen, auch wenn die Regierungschefs bei jedem Wirtschaftsgipfel Zusammenarbeit geloben.

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