Interview mit David North, Autor von "Ein Vierteljahrhundert Krieg. Amerikas Griff nach der Weltherrschaft 1990–2016", stößt auf großes Interesse

Von unserem Reporter
1. Oktober 2016

Am Mittwoch, den 27. September, führte die World Socialist Web Site ein Online-Interview mit David North, dem Vorsitzenden der internationalen Redaktion der WSWS, über sein jüngst veröffentlichtes Buch A Quarter Century of War: The US Drive for Global Hegemony, 1990-2016. Das Interview wurde über Facebook ausgestrahlt.

Interview with David North on “A Quarter Century of War"

Die WSWS-Reporter Andrea Peters und Andre Damon moderierten das Interview, das eine ganze Reihe von Fragen behandelte, die North in seinem Buch diskutiert. Er zeigte außerdem auf, in welcher Beziehung diese Fragen zur aktuellen politischen Entwicklung stehen.

Das Interview stieß auf großes Interesse und wurde bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Artikels fast 8.000 mal angesehen. Norths Bemerkungen ermunterten Zuhörer zu einer lebhaften Diskussion in der Kommentarspalte. Der Autor beantwortete eine Reihe von Zuhörerfragen direkt im Interview.

Peters hob eingangs hervor, dass das Buch und dessen zentrales Thema, die massive Ausweitung der Militäroperationen der USA seit 1991, „enorm zeitgemäß“ seien. Dies gelte insbesondere vor dem Hintergrund der wachsenden „Gefahr einer direkten Konfrontation“ mit Russland und China, die sich direkt aus den weltweiten Militärinterventionen Washingtons ergebe.

Zu Beginn seiner Bemerkungen machte North darauf aufmerksam, dass die Zeitspanne seit 1991 „nicht allein chronologisch, sondern auch faktisch“ eine eigenständige Periode darstellt. Er wies darauf hin, dass in seinem jüngsten Buch Ein Vierteljahrhundert Krieg. Amerikas Griff nach der Weltherrschaft 1990–2016 die Argumente eines seiner früheren Bücher Die Russische Revolution und das Unvollendete 20. Jahrhundert weiterentwickelt werden. Der Titel dieses früheren Buchs war eine Antwort auf das Konzept des „kurzen 20. Jahrhunderts“, wie es der Historiker Eric Hobsbawm entwickelt hatte. Hobsbawm hatte geschrieben, dass das 20. Jahrhundert mit der Auflösung der Sowjetunion im Jahr 1991 seinen Abschluss gefunden habe und damit eine Periode von Kriegen und Revolutionen zu Ende gegangen sei.

Im Gegensatz dazu argumentiert North, dass die Periode, die der Auflösung der Sowjetunion folgte, auch weiterhin eine Epoche von „Kriegen und Revolutionen“ bleibt und damit in grundsätzlicher Kontinuität zur vorangegangenen Periode steht.

North wies im Interview darauf hin, dass „dem Ende der Sowjetunion 1991 … eine Welle des Triumphgeheuls folgte“. Diese habe auf der Behauptung basiert, das Ende des Kalten Kriegs sei ein „Neuanfang, durch den die Konflikte der Vergangenheit überwunden worden seien.“

Diese Behauptung „können wir heute, nach einem Vierteljahrhundert, kritisch überprüfen“, sagte North. „Was wir heute beobachten ist nicht das Ende der Geschichte, sondern die Wiederholung genau jener Konflikte, die die Katastrophen des 20. Jahrhunderts hervorgebracht haben, nur in größerem Maßstab.“

Es sei beeindruckend, sagte Peters, dass das Buch wie aus einem Guss wirke, obwohl es aus „einer Sammlung von Reden, Artikeln und Korrespondenzen aus den Jahren zwischen 1990 und 2016“ bestehe. Sie wies darauf hin, dass North schon im Jahr 1991 geschrieben hatte, dass der erste Golfkrieg für den Beginn eines explosiven Ausbruchs der militärischen Gewalt der USA steht, der die USA letztendlich mit Russland und anderen konkurrierenden Mächten in Konflikt bringen wird.

North erklärte daraufhin, dass diese Analyse auf der Grundlage der theoretischen Arbeit des Internationalen Komitees der Vierten Internationale basiere, dem er seit mehr als vierzig Jahren als führendes Mitglied angehöre.

Wer in der Tradition des Marxismus und der Vierten Internationale arbeite, sagte North, „hat den Vorteil, sich auf dieses umfangreiche politische, theoretische und intellektuelle Erbe stützen zu können. Dieses Erbe ist vor allem mit Leo Trotzki verbunden.“

Damon bat North, die Frage zu kommentieren, warum North in Reden und Vorlesungen wie beispielsweise From Preventive War to World Domination [Vom Präventivkrieg zur Weltherrschaft] eine so große Betonung auf den kriminellen Charakter der amerikanischen Außenpolitik lege, insbesondere in Bezug auf die Doktrin des „Präventivkriegs“.

North verwies auf die Rede, die er 2004 am Trinity College in Dublin hielt und in der er erklärt hatte, dass die Führung eines Angriffskriegs illegal sei. Für dieses fundamentale Verbrechen seien die führenden Architekten der Außenpolitik der Nazis während der Nürnberger Prozesse der Jahre 1945/46 angeklagt und verurteilt worden.

North kommentierte außerdem den Zusammenhang zwischen politischer Analyse und Praxis. „Wir sind der Ansicht, dass es eine objektive Realität gibt, die entdeckt und verstanden werden kann“, sagte er. „In dem Maße, wie es möglich ist, die objektive Realität zu verstehen, ist es auch möglich, eine politische Linie zu formulieren, auf deren Grundlage wir im Interesse der Arbeiterklasse eingreifen können.“

In der zweiten Hälfte des Interviews sprach North über die Implikationen, die sich aus der Analyse in seinem Buch für die heutige Politik ergeben.

North verwies auf die Debatte der beiden amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Hillary Clinton und Donald Trump am 26. September und warnte davor, dass hinter den Kulissen dieser abstoßenden Schlammschlacht, eine Verschärfung des Kriegskurses vorbereitet wird. Welcher Kandidat letztendlich gewählt werde, sei dafür nicht von Bedeutung.

In seiner Antwort auf die Frage eines Zuhörers, wie man die Arbeiterklasse dazu bewegen könne, den Kampf gegen Krieg aufzunehmen, sagte North: „Kommende Ereignisse werden eine enorme Rolle beim Wiederaufleben von politischem Bewusstsein und von Klassenbewusstsein spielen.“ Er fügte hinzu, dass „die größte Gefahr in der heutigen Zeit“ darin bestehe, „dass eine enorme Kluft existiert ... zwischen der sehr realen Gefahr eines Krieges, sogar eines Atomkrieges, und der Tatsache, dass diese Gefahr von vielen noch nicht wahrgenommen wird.“

„Wir werden in Zukunft eine enorme politische Radikalisierung beobachten können. Dabei handelt es sich um einen objektiven Prozess“, sagte er. „Die spontane Entwicklung dieser Radikalisierung führt jedoch nicht automatisch zu einem marxistischen oder sozialistischen Bewusstsein … Dies erfordert einen bewussten und organisierten Kampf für die Entwicklung von marxistischem Bewusstsein … unter Bedingungen, in denen die objektive Situation einen immer größeren Teil der Bevölkerung dazu bringen wird, sich für Politik zu interessieren.“

North schloss seine Bemerkungen mit einem Hinweis auf die Bedeutung der Konferenz „Sozialismus versus Kapitalismus und Krieg“ am 5. November. Er machte darauf aufmerksam, dass ein Video zur Bekanntmachung der Konferenz fast 50.000 mal angesehen wurde, was auf die Tatsache hindeute, dass ein verbreitetes Interesse an einem echten Kampf gegen Krieg existiere.

Die Veröffentlichung der deutschen Ausgabe Ein Vierteljahrhundert Krieg. Amerikas Griff nach der Weltherrschaft 1990–2016 wird derzeit vorbereitet. Die englische Ausgabe A Quarter Century of War: The US Drive for Global Hegemony, 1990 – 2016 ist bei Mehring Books erhältlich.

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