Krieg im Jemen eskaliert nach Bombardierung von Trauerfeier

Von Peter Symonds
12. Oktober 2016

Der Krieg im Jemen weitet sich aus. Hundertvierzig Menschen wurden getötet und über fünfhundert verletzt, als saudische Flugzeuge am 8. Oktober eine voll besetzte Beisetzungshalle angriffen.

Der Luftangriff hat in der Hauptstadt Sanaa breite Empörung hervorgerufen, und zwar nicht nur gegen Saudi-Arabien und seine Verbündeten in den Golfstaaten, die offensiv in den Bürgerkrieg des Landes eingreifen, sondern auch gegen deren Hintermänner in den Vereinigten Staaten, Großbritannien und Frankreich.

Die saudischen Flugzeuge griffen das Begräbnis von Scheich Ali al-Rawishan an, den Vater von Galal al-Rawishan, dem Innenminister der Huthi-Regierung in Sanaa. Al-Rawishan und weitere Politiker sind unter den Toten. Zehntausende gingen am Sonntag in Sanaa auf die Straße, um die Angriffe zu verurteilen.

Ferea al-Muslimi, ein Analyst am Zentrum für Strategische Studien in Sanaa, erklärte gegenüber Reuters: „Trotz aller Massaker, die in diesem Krieg schon verübt worden sind, ist der Angriff auf ein Begräbnis beispiellos und überschreitet eine wichtige rote Linie in der jemenitischen Kultur.

Durch die Luftangriffe sind bedeutende Persönlichkeiten ums Leben gekommen. Ihre Stämme und ihre Familien werden jetzt näher an die Huthis heranrücken, da sich alle rächen wollen.“

Saudi-Arabien bestreitet, für den Angriff verantwortlich zu sein. Das ist allerdings nicht glaubwürdig, da die Kampfflugzeuge der saudisch geführten Koalition als einzige über dem Jemen fliegen. Die saudische Luftwaffe hat Tausende von Einsätzen über dem Jemen geflogen, um die Huthi-Rebellen und ihren Verbündeten, den ehemaligen Präsidenten Ali Abdullah Saleh, aus Sanaa zu vertreiben. Sie ist für zahlreiche Gräueltaten verantwortlich. Im August haben saudische Flugzeuge ein Krankenhaus der Ärzte ohne Grenzen angegriffen und dreißig Menschen getötet oder verletzt.

Saudi-Arabien verschlimmert durch seine Angriffe nicht allein den Krieg im Jemen, sondern zieht mehr und mehr auch andere Länder, zum Beispiel die USA, noch direkter in die Auseinandersetzung hinein. In einer im Fernsehen übertragenen Erklärung sagte der Huthi-Führer Abdulmalek al-Houthi, er habe Beweise dafür, dass Saudi-Arabien für die Angriffe verantwortlich sei, und fügte hinzu: „Die saudischen Kriegsverbrechen im Jemen hatten grünes Licht aus Amerika.“

Am 10. Oktober erklärte ein Sprecher der US-Marine, zwei Raketen seien von „Huthi-kontrolliertem Gebiet“ aus in Richtung eines ihrer Kriegsschiffe abgefeuert worden, dem Lenkwaffenzerstörer USS Mason, der vor Jemen in der strategisch wichtigen Straße von Bab al-Mandab operiert. Die Raketen verfehlten den US-Zerstörer, und die Vertreter der Huthis wiesen die Verantwortung für den Angriff zurück. Die USS-Mason gehört zu einem Verband aus drei Schiffen, die mit Marschflugkörpern bestückt sind, und auf denen sich US-Spezialeinheiten befinden.

Vertreter Saudi-Arabiens behaupteten am selben Tag, ihre Streitkräfte hätten zwei ballistische Raketen zerstört, die von Huthi-Milizen abgefeuert worden seien: eine Rakete bei einem Militärstützpunkt in Taif in Zentral-Saudi-Arabien und die zweite bei Marib in Zentral-Jemen. Dieses Gebiet steht unter der Kontrolle der Huthi-Gegner, die Anhänger von Abdrabbuh Mansur Hadi sind.

Hadi war 2012 als Präsident eingesetzt worden. Das war Teil eines Abkommens, das von den USA und Saudi-Arabien unterstützt wurde, um die Unruhen zu beenden, die zum Rücktritt seines Vorgängers Saleh geführt hatten. Bei der Wahl Hadis gab es keinen Gegenkandidaten. Die Huthis, die diese Wahl boykottiert hatten, kämpften gegen Hadi und besetzten die Hauptstadt und einen Großteil von Jemens Norden. Hadi war gezwungen zu fliehen und hält sich zurzeit in Saudi-Arabien auf. Seit März 2015 führt Saudi-Arabien einen Luftkrieg, um ihn als ihre Marionette wieder einzusetzen. Saudi-Arabien bezichtigt die schiitischen Huthis, Handlanger seines regionalen Erzrivalen Iran zu sein.

Außer den Tausenden Luftangriffen, die Saudi-Arabien und seine Verbündeten fliegen, haben sie eine Seeblockade über den Jemen verhängt. Diese verstärkt noch die wirtschaftliche und soziale Not der Bevölkerung. Der Jemen ist das ärmste Land im Nahen Osten. Jeder fünfte Jemenit benötigt dringend Nahrungsmittelhilfe, und neun Provinzen stehen am Rande einer Hungersnot.

UNO-Generalsekretär Ban Ki-Moon hat am 9. Oktober die jüngsten saudischen Luftangriffe auf den Jemen verurteilt und eine internationale Untersuchung gefordert, um festzustellen, ob der Angriff ein Kriegsverbrechen darstelle. Er wies die saudischen Dementis zurück und erklärte: „Luftangriffe der von den Saudis geführten Koalition haben bereits ein enormes Blutbad angerichtet und einen Großteil der medizinischen Einrichtungen und andere lebenswichtige Teile der zivilen Infrastruktur zerstört. Angesichts der systematischen Gewalt in dem gesamten Konflikt klingen die Ausflüchte unglaubwürdig.“

Ban erklärte: „Alle Parteien begehen in diesem Konflikt Verbrechen. Man muss jedoch die Ergebnisse einer glaubwürdigen Untersuchung abwarten. Dieser letzte entsetzliche Vorfall verlangt nach vollständiger Aufklärung.“ Wie Ban sehr wohl weiß, wird es keine ernsthafte internationale Untersuchung geben, und das nicht zuletzt deswegen, weil eine Untersuchung der Rolle Saudi-Arabiens die Verwicklung der USA und ihrer Verbündeten aufdecken würde.

Die USA liefern nicht nur präzisionsgelenkte Bomben und andere militärische Ausrüstungen im Wert von Milliarden Dollar an Saudi-Arabien, sondern sie unterstützen deren Luftkrieg im Jemen auch mit Geheimdienstinformationen, Daten zu Angriffszielen und durch die Betankung saudischer Kampfjets in der Luft. Das Pentagon setzt Militärpersonal zur Koordination mit seinen saudischen Verbündeten ein und hat Spezialeinheiten in den Jemen geschickt, um die saudischen Operationen zu unterstützen. Mit sehr großer Wahrscheinlichkeit wussten die USA von den Luftangriffen auf Sanaa vom letzten Wochenende oder haben sie gar selbst geplant.

Offizielle amerikanische Stellen und die Medien spielen die neuesten Kriegsverbrechen der Saudis herunter und erwecken den Anschein, als habe Washington nichts damit zu tun. Laut dem US-State Department hat der amerikanische Außenminister John Kerry am 9. Oktober den stellvertretenden saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman und den Außenminister Adel al-Jubeir angerufen, um seine „tiefe Besorgnis“ über den Angriff auszudrücken. Er soll sie aufgefordert haben, „umgehend Maßnahmen zu ergreifen, damit sich so ein Vorfall nicht wiederholt“.

Diese Reaktion der US-Regierung auf die jüngsten saudischen Gräueltaten ist ein weiteres Beispiel für die Heuchelei der Vereinigten Staaten. In Wirklichkeit verschärfen die USA gleichzeitig ihre Kriegsrhetorik gegen Russland wegen dessen angeblicher Angriffe auf Zivilisten in Syrien. Erst letzten Freitag hatte Kerry in einer neuen Tirade eine „angemessene Untersuchung wegen Kriegsverbrechen“ Russlands gefordert. Er hatte erklärt: „Dies ist eine Strategie mit dem Ziel, vorsätzlich die Zivilbevölkerung zu terrorisieren und jeden zu töten, der den eigenen militärischen Zielen im Weg steht.“

Das rücksichtslose Vorgehen der USA in Syrien und im Jemen wie auch ihr erneuter Krieg im Irak heizen die Konflikte zischen den Regional- und Großmächten weiter an und drohen, den gesamten Nahen Osten zu entflammen.