Irakische Truppen ziehen die Schlinge um Mossul enger

Von James Cogan
19. Oktober 2016

Die ersten 24 Stunden des von den USA gelenkten Angriffs auf die vom Islamischen Staat (IS) besetzte irakische Stadt Mossul haben deutlich gemacht, wie mörderisch und kalkuliert diese Operation ist. Zehntausende kurdische Kämpfer und irakische Truppen haben begonnen, die Stadt allmählich einzukreisen und die Schlinge um die schätzungsweise 5000 IS-Kämpfer und bis zu eineinhalb Millionen Zivilisten einschließlich ihrer 600.000 Kinder fester zu ziehen, die darin in der Falle sitzen.

Der Kommandeur der US-Truppen und ihrer Verbündeten, der amerikanische Generalleutnant Stephen Townsend, der de facto das Oberkommando über die ganze Operation hat, erklärte am Montag, dass die Belagerung Mossuls „voraussichtlich mehrere Wochen und vielleicht auch länger“ dauern könne. Die Kommandeure der kurdischen Milizen rechnen mit einem Zeitrahmen von bis zu drei Monaten. Dadurch wird immer klarer, dass beabsichtigt ist durch Luftschläge, Hunger und Verzweiflung die dem IS noch verbliebene Kampfkraft zu schwächen. Die Folgen für die Zivilbevölkerung werden sicherlich katastrophal sein. Sie wird kein sicheres Trinkwasser und keine ausreichende Lebensmittelversorgung und keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben, aber andauerndem Bombardement ausgesetzt sein,

Genaueres wird bereits durch das ganze Ausmaß der Streitkräfte deutlich, die gegen Mossul vorrücken.

Die Kurdische Regionalregierung (KGR) hat bis zu 10.000 ihrer Peschmergamilizen in einem Bogen um den Norden und Osten der Stadt stationiert. 4000 von ihnen waren am Montag bereits an der Eröffnung der Offensive beteiligt. An ihrer Seite kämpfen christliche und jesidische Milizen gegen den IS. Am ersten Tag nahmen die Peschmerga neun Dörfer in etwa 30 Kilometern Entfernung vom Zentrum Mossuls ein sowie ein Gebiet von 200 Quadratkilometern. Der IS leistete einen gewissen Widerstand. Er schickte Selbstmordattentäter in mit Sprengstoff bestückten Fahrzeugen gegen die kurdischen Streitkräfte und setzte Ölquellen in Brand gesetzt, um seinen Rückzug abzudecken.

Die irakische Armee hat 50.000 Soldaten im Einsatz. Eine große Truppe stößt vom Süden her auf Mossul vor, ist jedoch noch mehr als 30 Kilometer entfernt. Andere Einheiten sind auf dem Weg, um sich den kurdischen Truppen anzuschließen und von Norden her vorzurücken. Etwa 9000 lokale Anti-IS-Polizeieinheiten werden in Reserve gehalten, um in der Stadt nach ihrem Fall die „Ordnung“ aufrecht zu erhalten.

Schiitische Milizen der sogenannten Volksmobilisierungseinheiten, wurden aus der gegenwärtigen Offensive herausgehalten. Sie werden beschuldigt, in Falludscha Massaker an Sunniten verübt zu haben, nachdem die Stadt vom IS zurückerobert worden war. Sie wurden westlich von Mossul stationiert, um Fluchtrouten in Richtung Syrien abzuschneiden.

Türkische Armeeeinheiten mit Panzern und schwerer Artillerie besetzen die Höhen von Baschika im Nordosten von Mossul. Sie widersetzen sich damit den Forderungen der irakischen Regierung, sich zurückzuziehen. Die Türkei hat 1500 Turkmenen bewaffnet und ausgebildet, um ihre Streitkräfte zu unterstützen.

Sowohl die irakische Armee als auch die kurdischen Einheiten werden von Spezialeinheiten und Beratern der imperialistischen Mächte begleitet. General Townsend gab am Montag zu, dass sich Hunderte von Amerikanern an der Front befinden und als „Gemeinsame Kontrolleure des Luftraums“ agieren, um dabei zu helfen, die Ziele von Angriffen aus der Luft zu bestimmen. Britische und australische Berater befinden sich ebenfalls bei den irakischen Truppen. Kanadische, deutsche und italienische Einheiten sollen Berichten zufolge zusammen mit den kurdischen Milizen operieren. Die US-Marine und französische Artilleriebatterien nehmen ebenfalls an der Offensive teil.

Mindestens 100 amerikanische, britische, französische, australische, kanadische, jordanische und irakische Flugzeuge sichern die Luftunterstützung. Die USA haben schwere B1-Bomber, A-10 Kampfflugzeuge zur Unterstützung von Bodenkämpfen und Predator-Drohnen zur Verfügung gestellt. Die „Gemeinsame Eingreiftruppe“ behauptete am Montag, dass in Mossul durch Luftangriffe Tunneleingänge, Radiosendestationen und Antennen, Generatoren für Solarenergie, Fahrzeuge, Mörserstellungen sowie eine Bücke über den Tigris, die die westlichen und östlichen Stadtteile verband, zerstört worden seien. Vorgestern wurden sieben Luftangriffe zur Unterstützung des kurdischen Vormarschs durchgeführt.

Seit Wochen beschuldigen die Regierung Obama, ihre europäischen Verbündeten und buchstäblich alle westlichen Medien Russland und die syrische Regierung, Kriegsverbrechen zu begehen und für die verzweifelte Lage der Zivilisten in Aleppo verantwortlich zu sein, weil sie eine Offensive gegen die islamistischen Rebellen durchführen, die den Osten der Stadt kontrollieren.

Was in Mossul begonnen wurde, ist ein Kriegsverbrechen noch größeren Ausmaßes. Die im Westen des Iraks gelegenen Städte Falludscha und Ramadi wurden verwüstet, als sie durch die von den USA gelenkten Angriffe der irakischen Regierung vom IS zurückerobert wurden. Mossul ist eine viel größere Stadt, deren Geschichte 3.500 Jahre bis in das Reich der Assyrer zurückreicht. Ihr steht jetzt das gleiche Schicksal bevor. Die Vereinten Nationen und Hilfsorganisationen warnen beständig vor der Notlage der in der Stadt gefangenen Zivilisten und fordern größere Anstrengungen, um sich auf den angekündigten Exodus hunderttausender hungernder und kranker Menschen vorzubereiten.

Der UN-Vertreter für humanitäre Angelegenheiten und Nothilfe Stephen O’Brien gab am 16. Oktober eine Presserklärung heraus, in der er „alle Konfliktparteien“ aufrief, „ihren Verpflichtungen nach den internationalen Menschenrechten nachzukommen, um Zivilisten zu schützen und sicherzustellen, dass sie Zugang zu der Hilfe haben, die ihnen zusteht und zukommt“. Nach seiner Warnung, dass „im schlimmsten Fall bis zu eine Million Menschen gezwungen sein könnten, aus ihren Häusern zu fliehen“, bemerkte O’Brien, dass im Augenblick nur Unterkünfte für 60.000 in Lagern bereit stünden und weitere 250.000 sich noch im Aufbau befänden. „Die Finanzierung“, so erklärte er, „ist nicht ausreichend, um sich angemessen auf den schlimmsten Fall vorzubereiten.“

Die gleichen Medien – die New York Times, die Washington Post, das Wall Street Journal, CNN und die großen britischen, französischen, deutschen, kanadischen Sender und Zeitungen – die lang und breit Russland und Syrien verurteilt haben, verbreiten über Mossul nur die offizielle irakische und amerikanische Propaganda. Dass es zu zahlreichen Opfern kommen wird, wird fast überall, auch von den UN-Hilfsagenturen, dem IS angelastet. Dieser missbrauche Menschen als „humanitäre Schutzschilde“, habe in der Stadt Sprengstoff angebracht und Minenfelder angelegt und sich darauf vorbereitet, einen fanatischen „Kampf bis zum Tod“ zu führen.

Die pro-imperialistischen Medien unternehmen nicht einmal den Versuch zu erörtern, wie der IS überhaupt dazu kam, die zweitgrößte Stadt des Irak einzunehmen. Die Ursache dafür war die brutale Unterdrückung der sunnitischen Minderheit im Land zunächst durch die amerikanische Besatzung und dann durch die Truppen der von Schiiten dominierten Regierung in Bagdad. Zunächst erstarkte der IS in Syrien durch die von der CIA unterstützte Kampagne, islamistische Milizen zu bewaffnen, um das von Russland unterstützte Assad-Regime zu bekämpfen. 2014 war er dann in der Lage, in den Irak vorzurücken und sich als Befreier der sunnitischen Bevölkerung zu präsentieren.

Der IS, der bis dahin als Stellvertreter der USA in Syrien operiert hatte, wurde erst dann als Hindernis für die strategischen Interessen der USA betrachtet, als er zu einer Bedrohung sowohl für die irakische Regierung als auch für die US-freundliche kurdische Region geworden war. Im Juni 2014 waren gerade einmal 1000 IS-Kämpfer in der Lage, 30.000 Mann starke irakische Regierungstruppen in die Flucht zu schlagen, Mossul einzunehmen und riesige Mengen an Fahrzeugen und Munition, sowie an Bargeld und Gold im Wert von 500 Millionen Dollar zu erobern.

Was der Zivilbevölkerung von Mossul nach der Rückeroberung der Stadt durch die US-gestützte Marionettenregierung wirklich bevorsteht, ist klar. Mit dem IS sind keine Fluchtrouten ausgehandelt worden. Jeder männliche Bewohner von 14 Jahren oder älter, der die Stadt verlässt, wird festgenommen und befragt, ob er dem IS angehört oder Sympathie für ihn habe. In Mossul ist bekannt, dass in Falludscha, hunderte von Männern abgeschlachtet oder von den Milizen oder Streitkräften der mehrheitlich schiitischen Regierung in Bagdad brutal misshandelt wurden. Es ist bemerkenswert, dass die kurdische Regionalregierung berichtete, dass keine „Binnenflüchtlinge“ aus den Dörfern, die ihre Truppen am Montag erobert hätten, in Lagern angekommen seien. Zivilisten scheinen in die Stadt geflohen zu sein und nicht aus ihr heraus in Richtung der kurdischen Frontlinie.

Der Kontrast zwischen der Darstellung der Belagerung von Aleppo und der Offensive gegen Mossul wird in die Annalen der imperialistischen Heuchelei und Desinformation eingehen. Das Blutbad, das sich im Nordirak abzeichnet, ist eines der letzten Vermächtnisse der Obama-Regierung, die im November 2008 vor allem wegen der Anti-Kriegsstimmung in der amerikanischen Bevölkerung gewählt worden war und dennoch seit ihrer Amtsübernahme ununterbrochen Krieg führt.