Professor Sandkühlers Antwort auf die IYSSE: ein intellektuelles Armutszeugnis

Von der Hochschulgruppe der IYSSE an der Humboldt-Universität
22. November 2016

Am 12. November protestierte die Hochschulgruppe der International Youth and Students for Social Equality (IYSSE) an der Humboldt-Universität Berlin in einem offenen Brief an Prof. Thomas Sandkühler gegen Unterstellungen und Angriffe, die dieser auf den offiziellen Moodle-Seiten für die Veranstaltung „Einführung in die Geschichtsdidaktik“ veröffentlicht hatte. Sie erhielt folgende Antwort:

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich habe die von Ihnen monierte Stellungnahme nicht nur in der Einführung in die Geschichtsdidaktik, sondern auch in meinem [sic] weiteren Kursen platziert. Meine Studenten sind keine Kinder, die man mit solchen Briefen „einschüchtern“ kann.

Ich habe keine Veranlassung, Ihrem Verlangen zu folgen, meine Stellungnahme zu tilgen. Dass Sie die als „schäbig“ empfinden, ist Ihr Problem. Ihre Kampagne ist mir widerwärtig; Ihr Vorgehen ist unverschämt, Punkt.

In einem Rechtsstaat steht jedem, der sich verleumdet sieht, der Rechtsweg offen. Sie können mich ja verklagen. Zurückzunehmen oder zu ändern habe ich nichts.

Mit freundlichen Grüßen

Th. Sandkühler

Zu dieser Antwort erklärt die Hochschulgruppe der IYSSE an der Humboldt-Universität:

Die Antwort von Prof. Sandkühler ist ein intellektuelles Armutszeugnis und spricht Bände über den Zustand des Instituts für Geschichtswissenschaften an der Humboldt-Universität. Als Studierende des Instituts und gewählte Studierendenvertreter haben wir gegen einen beleidigenden Aufruf protestiert, haarsträubende Lügen über die IYSSE widerlegt und vor allem sehr ernste historische und politische Fragen aufgeworfen. Auf sechs Seiten haben wir ausführlich dargelegt und dokumentiert, wie Herr Baberowski Nazi-Verbrechen verharmlost und gegen Flüchtlinge hetzt.

Herr Sandkühler sah sich außerstande, auch nur auf eine dieser Fragen inhaltlich einzugehen, auch nur eines unserer Argumente zu entkräften. Er hielt es nicht einmal für nötig, sich für seine offensichtlichen Lügen zu entschuldigen. Das ist nicht nur erbärmlich, sondern zeugt auch von einer autoritären Gesinnung.

Der Brief offenbart eine tiefe Verachtung für demokratische Grundsätze und eine freie Universität. Herr Sandkühler nimmt sich als Professor das Recht heraus, die offizielle Lernplattform der Universität für Beleidigungen und Lügen gegen kritische Studierende des eigenen Instituts zu nutzen. Wenn diese Studierenden ihn deshalb zur Rede stellen und ihre Kritik ausführlich begründen, bezeichnet er dieses „Vorgehen“ als „unverschämt, Punkt.“ Ist es jetzt wieder „unverschämt“, extrem rechte Positionen von Professoren zu kritisieren? Reicht als Antwort auf Studierende wieder ein „Punkt“?

Es ist bemerkenswert, dass dies nun das dritte Statement gegen die IYSSE ist, an dem sich Herr Sandkühler beteiligt. Aber nie wurden die Vorwürfe gegen die IYSSE in irgendeiner Weise belegt. Wenn es sich bei unserer Kritik um Verleumdung gehandelt hat, sollte es für einen Geschichtsprofessor ein Leichtes sein, aufzuzeigen, welches Zitat wir verfälscht, welchen Zusammenhang wir missachtet oder welche Fakten wir ausgelassen haben. Stattdessen hat Herr Sandkühler immer wieder versucht, seine Autorität als Professor zu nutzen, um uns administrativ zum Schweigen zu bringen.

Solch eine obrigkeitshörige Haltung hat die Integration der Universitäten in die Maschinerie des Ersten Weltkriegs und schließlich auch des Nationalsozialismus ermöglicht. Sandkühler ist ein Beispiel dafür, wie die gleiche autoritäre Persönlichkeit, die nach oben buckelt und umso heftiger nach unten tritt, erneut extrem rechten Entwicklungen den Weg bereitet. Man fühlt sich bei „Professor Punkt“ unweigerlich an die Karikaturen von George Grosz oder an Heinrich Manns Untertan erinnert, der sich selbst vor dem Militärdienst drückte, aber umso heftiger für Krieg trommelte.

Das sind keine bloß historischen Fragen. Sie sind hoch aktuell. In den USA übernimmt gerade ein Halb-Faschist das Amt des Präsidenten. Er hat unter anderem angekündigt, Millionen Einwanderer zu deportieren und eine Mauer an der Grenze zu Mexiko zu bauen. Gerade hat Trump den Rechtsextremisten Stephen Bannon zu seinem Chef-Strategen ernannt. Bannon war von 2012 bis 2016 verantwortlicher Redakteur von Breitbart News, der rechtsradikalen Webseite, die Baberowski wegen seiner Flüchtlingshetze auf den Schild hob [1] und die jetzt auch nach Deutschland expandieren will. Umgekehrt lobte Baberowski nur wenige Wochen vor der US-Wahl die autoritären Polizeistaatsmaßnahmen Rudolph Giulianis als „großartig“. [2] Der ehemalige New Yorker Bürgermeister war Wahlkämpfer Trumps und ist nun Teil seines Übergangsteams.

Es kann kein Zweifel mehr daran bestehen, dass Baberowski für ein ähnliches Regime in Deutschland eintritt. Und trotzdem hat es kein Professor gewagt, Baberowski auch nur öffentlich zu kritisieren. Nicht als er die Nazi-Verbrechen verharmlost hat, nicht als er gegen Flüchtlinge gehetzt hat, und auch nicht, als er forderte, dass kritische Studierende von der Uni geworfen werden. Stattdessen hat sich die Professorenschaft hinter Baberowski gestellt und jede Kritik an ihm verurteilt.

Ein solches Verhalten sollte es an der Humboldt-Universität nie wieder geben. Ihr offizielles Leitbild distanziert sich deshalb ausdrücklich von „Obrigkeitshörigkeit“ und „ständischem Dünkel“. Die Universität sei eine Institution, „die sich für kritische Distanz gegenüber politischer und gesellschaftlicher Macht entschieden hat. Sie wendet sich gegen jede Form von Diskriminierung, Intoleranz und kultureller Selbstüberhöhung“, heißt es darin. [3]

Eben dagegen verstößt Baberowski mit seiner extrem rechten Agenda. Herr Sandkühler hat sich mit seinem Aufruf dahinter gestellt. Dass es gegen Baberowskis Standpunkte und Sandkühlers autoritäres Verhalten innerhalb der Professorenschaft keinen Protest gibt, zeigt nur, wie wichtig die Arbeit der IYSSE ist. Wir rufen deshalb alle Studierenden auf, zu unseren Treffen zu kommen und unsere Arbeit zu unterstützen.

Anmerkungen

[1] Raheem Kassam, "Left Historian: 'Christian Germany... Everything dear to us... will disappear because of Mass Migration'", Breitbart News, 07.12.2015, http://www.breitbart.com/london/2015/12/07/left-historian-christian-germany-everything-dear-to-us-will-disappear-because-of-mass-migration/ (19.11.2016).

[2] Joachim Steinhöfel trifft Prof. Dr. Jörg Baberowski, 04.11.2016, Min. 3:00, https://www.youtube.com/watch?v=0QPFV4QxupE (19.11.2016).

[3] Leitbild der Humboldt-Universität zu Berlin, beschlossen 13.02.2002, https://www.hu-berlin.de/de/ueberblick/humboldt-universitaet-zu-berlin/leitbild/standardseite (19.11.2016).

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Wer nicht bereit ist, die Wiederbelebung des deutschen Militarismus und die Verwandlung der Universitäten in staatlich gelenkte Kaderschmieden für rechte und militaristische Ideologien hinzunehmen, muss dieses Buch lesen. 

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