Verdient Bob Dylan den Nobelpreis für Literatur?

Von David Walsh
12. Dezember 2016

War es richtig, dem jetzt 75 Jahre alten amerikanischen Sänger und Songschreiber Bob Dylan den Nobelpreis zu verleihen?

Um die Frage beantworten zu können, gilt es Einiges zu entwirren, und das könnte möglicherweise mehr als einen Artikel erfordern.

Zuerst einmal ist da der Nobelpreis selbst. Niemand ist verpflichtet, diese Preisverleihung für ganz und gar objektiv oder uneigennützig zu halten. Der Preis wird von der Schwedischen Akademie verliehen, deren 18 Mitglieder seit 1901 jeweils auf Lebenszeit gewählt werden. Die Gewinner waren meist Europäer und besonders häufig waren in den ersten Jahrzehnten, seit es den Preis gibt, schwedische Autoren darunter.

Die Nobelpreisverleihung 2015

Nicht jeder würde allen Preisträgern und ihrem Werk einzigartige Bedeutung zubilligen. Dennoch umfasst die Liste der 113 Preisträger zweifellos viele ernsthafte Autoren, darunter Harold Pinter, Günter Grass, Doris Lessing, Gabriel García Márquez, Alice Munro, Isaac Bashevis Singer, Heinrich Böll, Samuel Beckett, Jean-Paul Sartre (der den Preis nicht annahm), Ernest Hemingway, William Faulkner, T. S. Eliot, André Gide, Eugene O’Neill, Luigi Pirandello, Sinclair Lewis, Thomas Mann, George Bernard Shaw, W. B. Yeats, Anatole France, Knut Hamsun, Gerhard Hauptmann, Rudyard Kipling, Pablo Neruda und Alexander Solschenizyn.

Allerdings waren auch etliche höchst mittelmäßige Schriftsteller oder geringer einzuschätzende unter den Preisträgern. Und einige Male wurde der Preis vollkommen unangemessen vergeben, wie z. B. 1953 an den ehemaligen britischen Premierminister Winston Churchill, der ihn „für seine meisterhaften historischen und biographischen Schriften wie auch seine brillanten Reden zur Verteidigung großer menschlicher Werte“ erhielt.

Auf der Liste der Nobelpreisträger fehlen Leo Tolstoi, August Strindberg, Anton Tschechow, Mark Twain, Henry James, Marcel Proust, James Joyce, Bertolt Brecht, Alfred Döblin. Sean O’Casey, Isaac Babel, Theodore Dreiser, F. Scott Fitzgerald, Franz Kafka, Robert Musil, Richard Wright, Virginia Woolf, W. H. Auden, George Orwell, Ignazio Silone, B. Traven, Jaroslav Hašek, André Breton, Pier Paolo Pasolini, Mariano Azuela, James Baldwin, Philip Roth und etliche andere faszinierende und wichtige Schriftsteller.

Dass im ersten Jahrzehnt der Existenz des Nobelpreises für Literatur Tolstoi und Tschechow keinen Preis erhielten (die 1910 bzw. 1904 starben) ist auf die antirussischen Ressentiments der herrschen Kreise in Schweden zurückzuführen. Soviel zum Thema der olympischen Objektivität der Akademie!

Zweifellos spielten 2016 auch politische Rücksichten der einen oder anderen Art bei der Wahl eine Rolle. Die Akademie versuchte offenbar ihre Definition von Literatur zu erweitern und vielleicht ihre „Relevanz“ für das 21. Jahrhundert zu prüfen. Darüber hinaus lässt sich vermuten, dass sich die Spannungen zwischen den USA und Europa noch verschlimmern können. Daher wollten angesichts des beispiellosen, tumultartigen amerikanischen Wahlkampfs offenbar einige Teile der gehobenen Mittelklasse und der Bourgeoisie in Europa ihren amerikanischen Pendants im Umkreis Obamas ein Signal der Unterstützung senden und ihnen „freundschaftlich die Hand reichen“.

Bob Dylan, November 1963

Auch ein „politisch-psychologischer“ Aspekt spielt bei dieser Ehrung eine Rolle. Das Durchschnittsalter der Mitglieder der Schwedischen Akademie – Akademiker, Linguisten, Dichter, Kritiker – ist 69 (das jüngste Mitglied ist 44, das älteste 92). Es mag sein, dass ihre Wahl auf den amerikanischen Sänger fiel, der mehr oder weniger ihrer Generation angehört, weil sie damit etwas künstlerisch Innovatives und irgendwie auch sozial Oppositionelles ausdrücken wollten. Vielleicht wollten sie sich selbst vergewissern, dass sie immer noch dem folgen, was (bei einigen von ihnen) aus ihrer radikalen Jugendzeit noch schwach in ihrem Gedächtnis herumgeistert. Offen gesagt, der Preis wurde von wohlhabenden 60- bis 70-jährigen, verliehen, die wie Dylan selbst, vollständig ins Establishment integriert sind und seit Jahrzehnten nichts politisch Interessantes oder Ernsthaftes, geschweige denn Rebellisches mehr zu sagen hatten.

Wie auch immer, wenn man die Schwedische Akademie und die diversen politischen Betrachtungen beiseite lässt, stellt sich unvermeidbar die Frage: Hat Bob Dylan einen großen Literaturpreis verdient?

Dylan ist ein Sänger und beliebter Songschreiber. Vor Jahrzehnten haben Englischlehrer in Amerika (und wohl auch anderswo) versucht, ihre Schüler gegen die angeblichen Gefahren des Rock and Roll zu impfen und ihnen gern Songlyrik vorgelesen, um auf deren Albernheit hinzuweisen. Man muss bezweifeln, dass das etwas gebracht hat. Es war doch viel mehr die Energie, der „Beat“, das vage subversive Gefühl der Musik, auf das die Jugendlichen reagierten.

Bob Dylan hat weniger „Hits“ komponiert, sondern eher populäre Lieder und diese haben ihre Besonderheiten und Beschränkungen. Songs zu schreiben oder Gedichte zu verfassen, das ist nicht das Gleiche. Rhythmus und Wiederholung spielen bei der Kreation und Produktion von Popsongs eine viel größere und unabhängige oder sogar entscheidende Rolle. Das erkannten die Heranwachsenden von damals instinktiv. Auch tiefste und klügste Lyrik stirbt darin ab, wenn sie nicht von der entsprechenden Musik unterstützt und begleitet oder zu ihr in Gegensatz gesetzt wird. In einem populären Lied, das einem wirklich im Gedächtnis bleibt, erzeugen die Worte und die Musik gemeinsam die große emotionale Wirkung.

Mindestens bis Ende der 1960er Jahre wurden beliebte Melodien von Duos geschrieben, von denen sich der eine Teil auf die Musik und der andere auf die Lyrik konzentrierte. Es ist unfair Dylan gegenüber, sein Werk als „Literatur“ zu behandeln, weil man ihn dann nur auf der Grundlage seiner lyrischen Texte beurteilen muss, d. h. nach dem, was kalt und tot auf dem Papier steht. Selbst unter günstigsten Bedingungen erscheinen die Texte fast immer unangemessen oder es fehlen der Gesang oder die theatralische Vorstellung, denn sie sind für die Darbietung geschrieben.

Deshalb müssen wir die Frage jetzt anders stellen: Hat Bob Dylan in seinen populären Songs Lyrik geschrieben, die es wert ist, einen bedeutenden Literaturpreis zu erhalten?

Zu diesem Punkt wurden jetzt eine Menge alberne Behauptungen aufgestellt. Einige davon lieferte Dwight Garner in der New York Times vom 13. Oktober. „Dieser Nobel[preis]“, schreibt Garner, „erkennt als wahr an, was wir schon lange geahnt haben, dass Mr. Dylan zu den authentischsten Stimmen Amerikas gehört, dass er Bilder erschafft, die kühn und nachhallend sind wie Werke von Walt Whitman oder Emily Dickinson.“

Der Journalist der Times fährt dann fort und zitiert den „verehrten“ britischen Kritiker und Gelehrten Christopher Ricks, der „Dylan für einen höchst komplizierten und hermetischen Dichter“ hält. In seinem Buch von 2003 Dylan’s Visions of Sin [Dylans Visionen der Sünde] vergleiche Ricks den Sänger und Songwriter „einleuchtend“ mit so „unterschiedlichen Persönlichkeiten wie Yeats, Thomas Hardy, John Keats, Andrew Marvell und Alfred Lord Tennyson“.

In einem Interview nach der Ankündigung der Preisverleihung stellte Sara Danius, Mitglied der Schwedischen Akademie und des Auswahlgremiums für den Literatur-Nobelpreis Dylan an die Seite Homers, der zu den größten Dichtern der griechischen Antike zählt und Sapphos, eine der größten Lyrikerinnen.

Der Historiker Sean Wilentz war in seinem Bob Dylan in America etwas vorsichtiger. Er meint, Dylan stehe in der „Tradition“ von „Whitman, [Herman] Melville, und [Edgar Allan] Poe“, er sehe „den Alltag in amerikanischen Symbolen und das Symbolische im Alltag“ und erzähle dann „Geschichten darüber“.

Derartige Vergleiche sind fehl am Platz und unnötig. (Sie sagen mehr als alles Andere über den haltlosen Zustand der derzeitigen Kritik und ihrer Kommentatoren) Am Ende wird es Bob Dylan nicht gerecht, ihn in solche Nachbarschaft zu rücken.

Anders als Garner in der Times meint, hat der Sänger und Songschreiber keine derart „kühnen und nachhallenden“ Bilder erschaffen, wie Whitman (1819-1892) oder Dickinson (1830-1886), die beiden bedeutenden Persönlichkeiten der „Amerikanischen Renaissance“, der Zeit der herannahenden zweiten amerikanischen Revolution, des Bürgerkriegs.

Der Literaturhistoriker F. O. Matthiessen bemerkte: „In dem halben Jahrzehnt von 1850 bis 1855 erschienen die Bücher Repräsentanten der Menschheit (1850) [von Ralph Waldo Emerson], der Scharlachrote Buchstabe (1850), Das Haus mit den sieben Giebeln (1851) [beide von Nathaniel Hawthorne], Moby-Dick (1851), Pierre oder die Doppeldeutigkeiten (1852) [beide von Herman Melville], Walden (1854) [von Henry David Thoreau], Grashalme (1855) [von Whitman].“ Matthiessen fügte hinzu: „Man könnte den gesamten Rest der amerikanischen Literatur durchsuchen ohne dass man in der Lage wäre, eine Anzahl von Büchern zu finden, die diesen an erfindungsreicher Lebendigkeit gleichen.“

Walt Whitman im Jahr 1854

In seiner Einführung zur Erstausgabe seiner Grashalme schrieb Whitman: „Von allen Nationen benötigen die Vereinigten Staaten, in deren Adern viel Poesie fließt, dringend Poeten, und ihnen werden die größten zuteilwerden und diese werden ihnen den größten Nutzen bringen. Mit ihren Präsidenten werden sie nicht soviel gemeinsam haben wie mit ihren Poeten.“ Diese Einsicht wurde innerhalb weniger Jahre bestätigt, indem mit Abraham Lincoln, ein Dichter ins Weiße Haus kam, der dann Amerikas größter Präsident wurde. Whitman fuhr fort mit der Versicherung, dass der Dichter: „mehr oder weniger jedem Gegenstand oder jeder Eigenschaft ihre angemessenen Proportionen verleiht. Er ist der Vermittler des Verschiedenartigen und er ist der Schlüssel. Er schafft in seinem Zeitalter und seinem Land den Ausgleich … er stellt das Nötige zur Verfügung und prüft, was geprüft werden muss.“

Weiter schrieb er: Wenn die Zeiten träge und schwer werden, dann weiß er [der Dichter] wie er sie wachrütteln kann … er kann mit jedem Wort, das er ausspricht, eine Wunde schlagen. Wenn alles in schal gewordenen Gewohnheiten, im Gehorsam oder in Gesetzen verharrt, dann bleibt er nicht stehen. Nicht der Gehorsam gebietet über ihn, er gebietet über den Gehorsam…“

Und weiter: “Die großen Dichter ermutigen mit ihrer Haltung Sklaven und versetzen Despoten in Schrecken. Die Wendung ihres Kopfes, der Klang ihrer Schritte, das Kratzen ihrer Feder künden von Gefahren für die einen und Hoffnung für die anderen.“

Kommt so etwas in Bob Dylans Werk zum Ausdruck? Würde er selbst das für sich beanspruchen, wenn er ehrlich zu sich ist?

Natürlich muss man fair sein. Nicht jeder Dichter kann es mit Walt Whitmans Visionen aufnehmen. In Wirklichkeit konnten das nur wenige. Denn dessen großer Ehrgeiz zielte auf die Komplexität und die Ansprüche der Poesie, in denen die Sprache konzentriert und mit der größtmöglichen Bedeutung aufgeladen ist. Whitmans Lebenswerk ist beispielhaft dafür. Er verbrachte fast vier Jahrzehnte damit, seine Sammlung Grashalme zu schreiben und zu vervollständigen. So wuchs diese von einem schmalen Bändchen mit zwölf Gedichten aus dem Jahr 1855 in der letzten Ausgabe zu seiner Lebenszeit 1892 zu einem Werk mit nahezu 400 Gedichten.

Es wäre falsch und irreführend Bob Dylan zu unterstellen, dass er ein „Dichter“ im wörtlichen Sinne wie Whitman oder Dickinson wäre. Er hat etwas anderes geschaffen.

Wenn man die Sammlung Bob Dylan––Lyrics: 1962-2001 durchschaut, so spürt man darin zumindest in den ersten sechs Jahren und darüber hinaus eine lebhafte Fantasie und auch tiefe Gefühle. Dylan kann geistreich, satirisch, einfühlsam und oft auch ehrlich empört sein über die Ungerechtigkeiten in der amerikanischen Gesellschaft. Lyrik ist in der Lage, physische und psychische Bedürfnisse sowohl für „Geliebte“ auszudrücken wie auch allgemein den Wunsch nach Anerkennung durch die Gesellschaft.

In den Songs von 1963 bis 1966 gibt es viele berührende Momente, aber kaum einen der nicht darunter litte, wenn man ihn nach rein literarischen Standards beurteilen würde: schludrige Bilder, Langatmigkeit, sowie überspannte und obskure verbale Aneinanderreihungen (mit meist unglücklichem Ergebnis dem Beat entlehnt oder vielleicht surrealistischen und anderen Vorbildern). In einem einzigen Lied wechselt er manchmal zwischen ehrlicher Spontaneität zu Ungezwungenheit und verfällt dann wieder in Nachlässigkeiten.

Natürlich strebt er ganz bewusst das Gegenteil von rigoroser Selbstdisziplin an. Das macht zum Teil den Charme (und die gesellschaftliche Unbotmäßigkeit) seiner frühen musikalischen Stücke aus. Bevor bei ihm Mitte der 60er Jahre eine Art Mitleid mit sich selbst und Paranoia einsetzen, waren sie oft voller Selbstironie, frischem Wind und unbändigem Gefühl. Das war, muss man sagen, kraftvoll, sogar in den zornigsten und gesellschaftskritischsten Stücken nicht geschrieben oder im Hinblick auf die künftige Verleihung von Literaturpreisen dargestellt. Und das ist beileibe keine Beleidigung. Es ist ein weiterer Grund, weshalb der Nobelpreis so falsch und unangemessen erscheint.

Joan Baez und Bob Dylan während des Marschs auf Washington im August 1963

Man muss Dylan zugutehalten, dass er im Mai 1963 einen Auftritt in einer geplanten „Ed-Sullivan- Show“ im Fernsehsender CBS absagte, obwohl damals ein Auftritt dort zu den gefragtesten Wegen gehörte, um ein Star zu werden. CBS hatte sich geweigert, ihn sein Lied „Talkin’ John Birch Paranoid Blues,” singen zu lassen, einer Satire auf die hysterische Kommunistenhetze in den USA. Hätte sich der Bob Dylan jener Tage so passiv und gehorsam resigniert gegenüber der Zeremonie in Stockholm verhalten?

Wie bereits bemerkt, wird die grandios gemeinte Geste der Schwedischen Akademie paradoxerweise nur dazu führen, Dylans Ansehen bei vielen Menschen zu schaden. Das wäre bedauerlich. Ich glaube, es ist ein Irrtum, der dem Besten, was er gemacht hat, nicht gerecht wird. Sein Werk bedeutete einer bestimmten Generation und etlichen weiteren auch noch sehr viel, und das mit gutem Grund.

Anfang bis Mitte der 1960er Jahre, aber auch nur in dieser Zeit, repräsentierte Bob Dylan, soweit ich sehen kann, eine Lebenseinstellung, die sehr stark mit der vieler junger Menschen, besonders aus den Mittelschichten, übereinstimmte.

In dieser Zeit herrschte unter diesen jungen Leuten plötzlich ein starkes Bedürfnis nach Aufrichtigkeit und Authentizität. Das offizielle Amerika log damals über Alles und Jedes. Es log über Demokratie und Freiheit, es log über den „Kommunismus“ und hatte seit Jahren darüber gelogen. Es herrschte eine grässliche Heuchelei, die kaum jemand in Frage stellte. Die offiziellen Moralvorstellungen, einschließlich der Regeln im Verhältnis zwischen den Geschlechtern, entsprachen noch nicht einmal den menschlichen Grundbedürfnissen und Gefühlen. Es herrschte eine schreckliche Beklommenheit. Im Oktober 1962, auf dem Höhepunkt der Kubakrise wegen der dortigen Raketenstationierung hatten viele Menschen Angst, dass die Welt untergehen könnte.

Im Nachhinein können wir verstehen, dass die wachsende Skepsis über das, was Regierung, Unternehmen und das Militär überall verkündeten, etwas zu tun hatte mit den ungelösten und sich kumulierenden Problemen der kapitalistischen Gesellschaft Amerikas. Die jungen Menschen damals verstanden das nicht, aber sie fühlten, dass sie ersticken würden, wenn die Dinge so blieben, wie sie damals waren.

Da war es unvermeidlich, dass jemand einigen dieser ernsthaften, aber verwirrten Gefühle in einer populären Kunst Ausdruck verleihen musste.

Hier ist nicht der Ort, den soziologischen Hintergrund der „Wiederbelebung der Folk-Music“ in den 1960er Jahren und das Ausmaß zu erforschen, in dem sie den ideologischen Einfluss der stalinistischen Volksfrontpolitik widerspiegelte. Der Modus Operandi der Stalinisten bestand darin,“fortschrittliche” Tendenzen in allen nationalen Bourgeoisien und ihren kulturellen Traditionen aufzuspüren. Das sollte die Zusammenarbeit der Arbeiterklasse mit den angeblich liberalen, demokratischen Teilen der herrschenden Klasse rechtfertigen. In Wirklichkeit aber bedeutete es die Unterordnung unter sie.

Es wäre aber falsch, das Aufblühen des “Folk” allein als etwas künstlich Herbeigeführtes oder Erfundenes zu betrachten. Dennoch bedeutet es in der Welt der Folk-Musik oder in der Karriere eines bestimmten Künstlers nicht selten eine Herausforderung, zwischen dem Authentischen und dem Nicht-Authentischen zu unterscheiden.

Es ist aber keine Frage, dass diese Musik, insofern sie Anfang der 1960er Jahre die Anti-Establishment-Stimmung oder sogar den gesellschaftlichen Widerstand ausdrückte, eine Reihe hervorragend begabter und sensibler Künstler in ihren Bann zog. Zu ihnen gehörten neben Dylan Dave Van Ronk, Joan Baez, Phil Ochs, Tom Paxton, Joni Mitchell, Odetta, Judy Collins, Fred Neil, Eric Andersen, Gordon Lightfoot, Donovan, Tim Hardin, Carolyn Hester, Ian und Sylvia und viele, viele andere.

Der Wunsch nach größerer Ehrlichkeit in der Popmusik, der für diese Generation bezeichnend war, bedeutete die Ablehnung von allzu Glattem und leicht Konsumierbarem. Er äußerte sich in einer gewissen „Schärfe“ und „Rauheit“ oder bewusster Unvollkommenheit sowie größerer sozialer und persönlicher Eindringlichkeit.

Woody Guthrie

Bob Dylan brachte einige dieser Elemente davon zur Wirkung. Zweifellos gab es in seinen ersten musikalischen Arbeiten viele irritierende Züge wie das Auslassen des „g“ am Ende von Wörtern (wie „goin’“, „freewheelin’“, „travelin’“, usw.). Dazu kamen andere scheinbar zur Folk-Musik gehörende Elemente wie nicht sehr überzeugende Anleihen bei Woody Guthrie (wobei schon die Musik von Guthrie bereits nicht ganz überzeugende Folk-Elemente enthielt) oder die bewusst raue Stimme und so fort.

Einige seiner ersten “Protest-Songs” sind wirkungsvoll oder enthalten eindrucksvolle Passagen wie „Masters of War“, „A Hard Rain’s a-Gonna Fall“, „With God on Our Side“, „The Lonesome Death of Hattie Carroll“ und „Chimes of Freedom“.

Im zuletzt erwähnten Song plädiert der Sänger leidenschaftlich für die “zahllosen Verwirrten, Angeklagten, Missbrauchten. Gestressten und noch schlimmer Betroffenen und für jede ausgegrenzte Person im weiten Universum“.

Aber es finden sich auf Dylans ersten Platten auch unbeholfene und rührselige „sozialkritische“ Songs.

Es ist sicher nicht falsch anzunehmen, dass Bob Dylans Love-Songs zu seinen stärksten und bleibenden Liedern gehören. Letztere drücken, wie auch immer man sie einschätzt, einige seiner stärksten Gefühle des Widerstands und des Protests aus, obwohl sie natürlich bohèmehaft und „individualistisch“ gestimmt sind.

Aus seiner Musik der Jahre 1963 bis 1964 bleibt vor allem der Eindruck eines Künstlers haften, der kraft- und gefühlvoll eine Frau (oder Frauen) anbetet, die von der offiziellen Gesellschaft verachtet werden oder deren Feindschaft ausgesetzt sind. In seinen allerersten Liedern gewinnt man den Eindruck, die diversen Kriegstreiber, Rassisten und „John Birchers“ (Rechtsextreme Anhänger der ultrareaktionären John Birch Society), erregen mehr als alles Andere den Zorn des Sängers, weil sie drohen, ihm das Leben mit dem Objekt seiner Zuneigung zu rauben. Etwas später, als alles komplizierter wird, scheinen familiäre Verpflichtungen, die gängigen Überzeugungen und die „öffentliche Meinung“ die wichtigsten Beeinträchtigungen für ihn zu sein

Es liegt außerhalb des Rahmens dieses Artikels, auch noch ausführlich zu diskutieren warum Bob Dylan 1967 so abrupt „von Bord ging“.

Es mag genügen, festzustellen, dass Dylan angesichts der Dürftigkeit seines Engagements und seiner Auffassungen unweigerlich die Rolle eines „Neuen Troubadours des Volkes“ ablehnte, die ihm von der „linken“ Folk-Musik-Gemeinde angedient wurde. Es war nicht falsch, dass er das tat. Denn der „Offene Brief“ des Stalinisten Irwin Silber, der im November 1964 im Magazin Sing Out! erschien, in dem Dylans „nach innen gerichteten … selbstquälerischen, selbstbewussten Themen“ kritisiert wurden, hatte unmissverständlich repressive oder sogar bedrohliche Untertöne. Silber, ein langjähriges Mitglied der Kommunistischen Partei, machte später in politischen und pseudokulturellen Kreisen eine unrühmliche Karriere als Maoist.

Es war unmöglich den lyrisch-musikalischen Status quo aufrecht zu erhalten. Man konnte nicht weitermachen mit den „Hobos“ und „freight trains“ den „Walkin’ Down the Line“ usw. Der Sänger selbst erkannte das, indem er seinem neuen Album den Titel Highway 61 Revisited gab. Es kam damals zu Unruhen in den Großstädten New York und Los Angeles. Ein Demokratischer Präsident hatte versprochen, „unsere Jungs“ nicht nach Südostasien zu schicken, hat sie dann aber in großer Anzahl losgeschickt. Es lag etwas Neues und Gespanntes in der Luft.

Dylan und die Obamas im Weißen Haus (2010)

Dylan war immer weniger überzeugt von radikaler Politik (wenn er es denn je war). Mehr und mehr war er angezogen vom Sirenengesang des kommerziellen Erfolgs. Neidisch beäugte er die, die Erfolg hatten. Auch war er nicht immun gegen den guten alten amerikanischen Antikommunismus. Dylan nutzte Silber & Co und ihre rüden Versuche, ihn zurechtzuweisen, als Vorwand, sich von jeglichem sozialen Engagement oder gesellschaftlichen Themen abzuwenden. Wie es in der Zeit üblich war, schüttete er das Kind mit dem Bade aus.

Dass er jemals ein „Führer” oder „Protestler” gewesen sei, sei ein furchtbares Missverständnis gewesen und er bereue jetzt sein leeres Gerede über „Gleichheit“. „Ach, ich war damals so viel älter / und bin jetzt so viel jünger“) Seine Wandlung war rasch und beschämend. In den letzten 45 oder mehr Jahren gab es wenig Vorzeigenswertes.

Bob Dylan war nicht der erste und nicht der letzte populäre amerikanische Sänger oder Künstler dieser Art, der gedacht hat, er könne den historischen und sozialen Prozessen entkommen, die drohten, seinen Aufstieg zu „verlangsamen“ oder ganz aufzuhalten, indem er den brennendsten Fragen und Problemen auswich. Was er nicht begriff, war, dass er sich selbst von den Wurzeln der künstlerischen Inspiration abschnitt, indem er dem Leben der Gesellschaft den Rücken kehrte und seine Haltung zur herrschenden Ordnung abmilderte, womit er für immer das Beste begrub, was in ihm steckte.

Links:

https://www.youtube.com/watch?v=OeP4FFr88SQ

https://www.youtube.com/watch?v=9fB9xqA3eUY

Andere Künstler, die Dylans Lieder singen:

https://www.youtube.com/watch?v=ZJ94iDhF7Cc

https://www.youtube.com/watch?v=Y89rmBlNAx4

https://www.youtube.com/watch?v=8nHwILs8bdo

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