Russischer Botschafter in Ankara ermordet

Von Bill Van Auken
21. Dezember 2016

Am Montag erschoss ein türkischer Polizist, der nicht im Dienst war, den russischen Botschafter in der Türkei, Andrej Karlow. Das Ganze ereignete sich vor den Augen des entsetzten Publikums einer Fotoausstellung in Ankara.

Der Schütze war der 22 jährige Angehörige der Bereitschaftspolizei von Ankara, Mevlüt Mert Altintaş. Er trug einen schwarzen Anzug und hatte seinen Dienstausweis bei sich. Damit kam er in die Kunstgalerie, wo Karlow eine Ausstellung mit dem Titel „Russland mit türkischen Augen“ eröffnete. Er zog eine Pistole und schoss dem Botschafter mehrfach in den Rücken. Dann schrie er auf türkisch und arabisch in die Menge: „Vergesst Aleppo nicht, vergesst Syrien nicht“ sowie andere islamistische Parolen.

Schwer bewaffnete türkische Polizisten stürmten daraufhin die Galerie und erschossen den Bewaffneten. Mindestens drei weitere Menschen wurden bei dem Zwischenfall verletzt.

Die erschreckenden Bilder vom Mord an dem Botschafter und die anschließenden wütenden Tiraden seines Mörders wurden auf Video festgehalten und fanden dann große Verbreitung.

Das Attentat ereignete sich im Zusammenhang mit einer erbitterten antirussischen Kampagne der Regierung Obama und der US-Medien. Diese Kampagne richtete sich gegen die militärische Unterstützung Russlands für die syrische Regierung von Präsident Baschar al-Assad bei der Wiedereroberung der Stadt Aleppo von den vom Westen gestützten islamistischen Milizen.

Die Ermordung des Botschafters geschah noch dazu am Vorabend eines Treffens zwischen dem türkischen Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu und seinen russischen und iranischen Amtskollegen, Sergej Lawrow und Mohammad Javad Zarif, in Moskau. Auf dem Treffen wurden am Dienstag die aktuelle Waffenruhe und die Evakuierung des zuvor von der Opposition gehaltenen Ostaleppo sowie Vorschläge für eine Beilegung des fünfeinhalb Jahre andauernden Kriegs in Syrien diskutiert.

Die Verärgerung im Westen über den Verlust der letzten städtischen Bastion der al-Qaida nahen Milizen wurde durch die Zusammenarbeit zwischen Ankara, Moskau und Teheran noch verstärkt. Diese Entwicklung bedeutet eine strategische Niederlage in dem von den USA inszenierten Krieg für einen Regimewechsel. Washington war bei den Gesprächen von Dienstag ausgeklammert.

Die Operation für einen Regimewechsel in Syrien hatte Russland und die Türkei im November 2015 an den Rand eines Kriegs gebracht, als die türkische Luftwaffe ein russisches Kampfflugzeug abschoss. Der Vorfall führte dazu, dass die Beziehungen zwischen Moskau und Ankara eingefroren wurden und Russland Wirtschaftssanktionen gegen die Türkei verhängte.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan suchte im Juni eine Wiederannäherung an Moskau, als er sich für den Abschuss des russischen Flugzeugs entschuldigte. Dem folgte einen Monat später der gescheiterte Militärputsch, für den die Anhänger von Erdogan die USA und die Bewegung unter Führung des oppositionellen Geistlichen Fethullah Gülen verantwortlich machten, der in Pennsylvania in den USA lebt. Nach dem Putsch wurden die Beziehungen zwischen Ankara und Moskau enger und führten zu der neuerlichen Zusammenarbeit bei der Evakuierung von Ostaleppo.

Die russische und die türkische Regierung haben die Ermordung von Karlow als „Provokation“ verurteilt, die die Beziehungen zwischen den beiden Ländern stören soll. Beide Länder nannten das Attentat gleichlautend eine terroristische Tat. Sie unterschieden sich jedoch in der Einschätzung, wer dafür verantwortlich ist.

Der russische Präsident Wladimir Putin erklärte bei einem vom Fernsehen übertragenen Treffen im Kreml: „Hier wurde ein Verbrechen verübt. Und es war ohne Zweifel eine Provokation, die zum Ziel hatte, den syrischen Friedensprozess zu vereiteln, der von Russland, der Türkei, dem Iran und anderen aktiv vorangebracht wird.“ Putin fügte hinzu: „Wir müssen wissen, wer die Hand des Mörders geführt hat.“ Damit wandte er sich an Außenminister Sergej Lawrow, Sergej Naryschkin, den Leiter der Auslandsaufklärung SWR, und Alexander Bortnikow, den Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB, die ebenfalls anwesend waren.

Der türkische Präsident Erdoğan beschrieb den Mord in einer Fernsehansprache von Montag als „Provokation wegen unserer Kooperation in Bezug auf Aleppo“. Er fügte hinzu, dass er mit Putin gesprochen habe, und betonte: „Wir sind entschlossen, unsere Beziehungen zu Russland nicht stören zu lassen.“

Die Erklärungen des Mordschützen zu Aleppo und Syrien und seine laut gerufenen arabischen Parolen über den Dschihad legen dringend den Eindruck nahe, dass er entweder in Absprache mit oder zur Unterstützung der islamistischen Milizen gehandelt hat, die in Aleppo in den letzten Wochen einen überwältigenden Rückschlag erlitten haben.

Einigen Berichten zufolge hat der Islamische Staat (IS) jede Verbindung zu dem Anschlag geleugnet. Gleichzeitig haben Internetseiten mit Verbindungen zur Al-Nusra-Front den Anschlag begrüßt. Die Al-Nusra-Front ist der syrische Ableger von Al-Quaida und war das Rückgrat der US-gestützten Kräfte in Aleppo.

Türkische Regierungsvertreter haben gleichwohl angegeben, dass sie eine Untersuchung durchführen, die beweisen soll, dass der Bereitschaftspolizist eigentlich ein Mitglied der Gülen-Bewegung war. Die Regierung wirft dieser vor, hinter dem Putschversuch vom letzten Juli gestanden zu haben. In den letzten Monaten ist die türkische Regierung in einer Säuberungsaktion gegen Tausende von Beamten, Lehrern, Polizisten und Mitgliedern des Militärs vorgegangen, die Beziehungen zur Gülen-Bewegung haben sollen.

Regierungsvertreter haben behauptet, dass die Parolen, die der Attentäter nach den Schüssen gerufen hatte, nur eine Ablenkung seien, um seine wirklichen Verbindungen zu vertuschen. Ein Sprecher Gülens erklärte, der Geistliche habe das Attentat verurteilt und die Anspielungen, er sei verantwortlich, als „lächerlich“ abgetan.

Die türkische Regierung hat gute Gründe dafür, die Tatsache zu leugnen, dass ein Angehöriger einer Elite-Polizeieinheit Sympathisant oder Agent des syrischen Al-Qaida-Ablegers war. Ankara hat der Al-Nusra-Front und ähnlichen islamistischen Milizen in der Vergangenheit insgeheim umfangreiche Unterstützung zukommen lassen. Seine Sicherheitskräfte haben mitgeholfen, Waffen und ausländische Kämpfer nach Syrien zu schleusen.

Ungeachtet der Meinungsverschiedenheiten darüber, wer den Anschlag ausgeführt hat, haben führende Politiker in Moskau und Ankara die USA und den Westen für den Mord verantwortlich gemacht.

Ilnur Cevik, der oberste Präsidentenberater von Erdogan, erklärte am Montag: „Die wachsenden Beziehungen und die intensive Zusammenarbeit zwischen der Türkei und Russland auf allen Gebieten haben im Westen Verärgerung ausgelöst, speziell in den Vereinigten Staaten und Deutschland. Das letzte Beispiel waren die gemeinsamen Anstrengungen der beiden Länder, die Zivilisten in Aleppo zu retten. Es war unvermeidlich, dass der Westen versuchen würde, diese Beziehungen zu sabotieren. Es ist traurig, dass sie einen Polizisten mit Beziehungen zur terroristischen Organisation von Fethullah Gülen benutzt haben, um den Botschafter umzubringen.“

In Moskau hat Alexej Puschkow, Mitglied der Duma und ehemaliger Vorsitzender ihres Ausschusses für außenpolitische Angelegenheiten, den Vorwurf erhoben, dass die westliche Propaganda, Russland organisiere ein „Massaker“ und einen „Völkermord“ in Aleppo, den Ausschlag für das Attentat gegeben habe.

Puschkow erklärte gegenüber dem russischen Fernsehen: „Die Hysterie, die die westlichen Medien wegen Aleppo entfesselt haben, hat Folgen. Dieser Mord ist die direkte Folge der Versuche, Russland für alle Sünden und Verbrechen verantwortlich zu machen, die es nicht begangen hat. Sie ignorieren die Verbrechen der Kämpfer in Aleppo vollkommen. Dadurch wird ein verzerrtes und falsches Bild von dem gezeichnet, was in dieser Stadt passiert. Das hat zu dieser terroristischen Tat beigetragen.“

Senator Frants Klintsevich, stellvertretender Vorsitzender des russischen Gebietsabgeordnetenrats für Verteidigung und Sicherheit, ging noch einen Schritt weiter und erhob den Vorwurf, der Mord sei eine „geplante Aktion“ gewesen.

Er erklärte: „Jeder wusste, dass der Botschafter diese Fotoausstellung besuchen würde. Es könnte der IS oder die kurdische Armee gewesen sein, die versuchen, Erdoğan zu schaden. [Es] könnte aber auch sein, und das ist sehr wahrscheinlich, dass Vertreter ausländischer Geheimdienste der Nato dahinter stecken.“

Unabhängig davon, wer wirklich hinter dem Anschlag steht, ist es wahrscheinlich, dass er die Beziehungen zwischen Russland und der Türkei weiter festigt. Das kann die Spannungen mit Washington nur erhöhen. Trotz des bevorstehenden Regierungswechsels wird Washington auch weiterhin daran arbeiten, die imperialistische Vorherrschaft der USA über den Nahen Osten mit Nachdruck zu behaupten.

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