General Motors kündigt Massenentlassungen in Amerika an

Von Jerry White
22. Dezember 2016

Im Montagewerk Detroit-Hamtramck wird eine von zwei Schichten gestrichen, und 1192 von 3000 Arbeitsplätzen werden abgebaut. Das gab ein General Motors-Sprecher am Montag bekannt. Der Stellenabbau ist für den 5. März geplant und kommt zusätzlich zu Tausenden anderen befristeten und dauerhaften Entlassungen, die der größte US-Autohersteller in letzter Zeit angekündigt hat.

Das Unternehmen verweist darauf, dass weniger rentable PKW-Verkäufe zurückgegangen seien. Am Montag gab ein GM-Sprecher bekannt, man werde im Januar fünf Montagewerke, darunter auch Detroit-Hamtramck, eine bis drei Wochen lang schließen, was Kurzarbeit für mehr als zehntausend Arbeiter bedeutet. Von Kurzarbeit betroffen sind das Montagewerk in Kansas City (Kansas) für drei Wochen, das Werk Lansing Grand River (Michigan) für zwei Wochen und die Werke in Lordstown (Ohio) und Bowling Green (Kentucky) für eine Woche.

Zusätzlich zur Streichung der Schicht in Detroit kündigte GM im letzten Monat an, ebenfalls im Januar die dritte Schicht in den Werken Lordstown und Lansing Grand River einzustellen, was zur Entlassung von weiteren zweitausend Arbeitern führt.

Andere große Unternehmen benutzen die Weihnachtszeit, um ihre Belegschaften drastisch zu reduzieren. Die Firma Boeing Commercial Airplanes hat allein in diesem Jahr im Staat Washington sechstausend Arbeitsplätze vernichtet. Der Geschäftsführer des Unternehmens, Kevin McAllister, drohte: „Wir haben zwar Fortschritte bei der Kostenreduzierung und bei den Preissenkungen gemacht, aber 2017 müssen wir noch mehr tun.“

Der Baumaschinenhersteller Caterpillar hat im letzten Herbst zehntausend Beschäftigte entlassen und gab letzte Woche weitere Entlassungspläne bekannt, ohne Zahlen zu nennen. Die Firma Xerox, die noch vor Jahresende in zwei Firmen aufgeteilt wird, drohte mit anstehenden Entlassungen, die wahrscheinlich die 39 000 Angestellten im Kopierer-„Altgeschäft“ treffen werden.

Nach den Ankündigungen stiegen die GM-Aktien an der Wall Street um ein Viertelprozent an, während die Kurse an der New Yorker Börse am Dienstag auf fast 20 000 Punkte anstiegen. Die Wirtschafts- und Finanzelite hat nicht vor, die Angriffe auf Arbeitsplätze, Löhne sowie Krankenversicherungs- und Rentenleistungen einzustellen. Die herrschende Klasse erwartet riesige Profite, weil die neue Trump-Regierung die Steuern und Regulierungen für Unternehmen drastisch reduzieren wird.

Trump hat die GM-Vorstandsvorsitzende Mary Barra für einen Sitz in seinem sechzehnköpfigen Team für Wirtschaftspolitik nominiert. Barra wird dort mit Stephen Schwarzman, dem Vorstandschef der Investmentfirma Blackstone, dem Vorstandschef von JPMorgan-Chase, Jamie Dimon, und dem ehemaligen Vorstandschef von General Electric, Jack Welch, zusammensitzen.

Die Hälfte der im Detroiter Montagewerk Betroffenen sind Zeitarbeitnehmer, wie einer Eingabe des GM-Konzerns bei den Behörden von Michigan zu entnehmen ist. GM musste diese Eingabe gemäß dem „Worker Adjustment and Retraining Notification“-Gesetz (WARN) einreichen. Demnach sind fast achtzig betroffene Zeitarbeiter bisher bei GM Manufacturing Subsystems LLC beschäftigt, einem Tochterunternehmen von GM. 32 Angestellte werden in andere Werke versetzt.

Der GM-Sprecher Tom Wickham gab in einer E-Mail lapidar bekannt: „GM ist dabei, die Produktionspläne seiner Fertigungswerke an die Marktlage anzupassen. Das ist ein ganz normaler Vorgang.“ Die Behauptung der Firma, dass sie die meisten Arbeiter an anderen Standorten beschäftigen werde, ist im besten Fall fragwürdig.

Im Oktober 2015 hatten GM und die Funktionäre der Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) lautstark verkündet, im 1,25 Millionen Quadratmeter großen Werk Detroit-Hamtramck werde eine zweite Schicht eingerichtet, um die fünfhundert Arbeiter aufzufangen, die im nahegelegenen GM-Werk Lake Orion entlassen wurden. Die Ankündigung war zeitlich so abgestimmt, dass die 53 000 GM-Beschäftigten nicht gegen einen neuen Tarifvertrag opponierten, den die Fiat-Chrysler-Arbeiter mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit abgelehnt hatten. Die UAW unterstützte diesen Vertrag.

Der UAW-Tarifvertrag lässt das verhasste Zweiklassen-Lohn- und Sozialleistungssystem unangetastet und hält den gesamten Anstieg der Arbeitskosten unterhalb der Inflationsrate. Darüber hinaus erleichtert er auch Entlassungen im Fall eines Wirtschaftsabschwungs. Er erweitert die Möglichkeiten für einen Einsatz schlecht bezahlter Zeitarbeiter, die seither willkürlich eingestellt und entlassen werden können, und akzeptiert die Pläne der Autobauer von Detroit, die Produktion von Mittelklasse- und Kleinwagen in den USA einzustellen.

Als Folge davon sind die Profite von GM auf Rekordhöhe gestiegen. Im dritten Quartal erzielte der Konzern einen 2,8-Milliarden-Dollar-Gewinn. Damit wurden die Erwartungen der Wall Street übertroffen und die Profite gegenüber dem Vorjahr verdoppelt. Das Unternehmen, das im September über Bargeld-Mittel in Höhe von 21,5 Milliarden Dollar verfügte, gab in diesem Jahr fünf Milliarden Dollar aus, um seine eigenen Aktien zurückzukaufen. Es plant bis Ende 2017, weitere vier Milliarden Dollar für Aktienrückkäufe auszugeben.

Während Arbeiter auf die Straße gesetzt werden, werden Milliarden vergeudet, um die Gewinne der reichsten Investoren zu erhöhen. Dazu gehört auch Barra, deren Gesamtvergütung im Jahr 2015 um 77 Prozent auf 28,6 Millionen Dollar gestiegen ist. Die Gewerkschaft UAW, deren ehemaliger Vizepräsident Joe Ashton im GM-Aufsichtsrat sitzt, war ebenfalls ein wichtiger Nutznießer. Die UAW besitzt durch ihre Kontrolle über den Milliarden-schweren Gesundheitsfonds für Rentner immer noch ein umfangreiches GM-Aktienpaket.

Weder die UAW-Zentrale noch die örtlichen Gewerkschaftsfunktionäre haben sich zu den Entlassungen geäußert, und sie reagierten auch nicht auf die telefonischen Nachfragen der World Socialist Web Site.

Die Arbeiter in der Fabrik jedoch nahmen die Ankündigung mit großer Wut auf.

Michelle, die seit achteinhalb Jahren im Werk Detroit-Hamtramck arbeitet, erklärte der WSWS: „Ich bin damit nicht zufrieden. Die Leute gestern auf der Betriebsversammlung waren wütend. Niemand hat verstanden, warum sie die Schicht vor acht Monaten eingerichtet haben, wenn sie sie acht Monate später wieder abschaffen. Auf dem Podium saß niemand von der Gewerkschaft. Es wurde sehr unangenehm. Einige Arbeiter hatten gerade erst Autos von GM gekauft, um die Firma zu unterstützen, und jetzt wird es ihnen so vergolten.“

Viele Arbeiter, die im letzten April angestellt wurden, werden jetzt wieder entlassen, noch ehe sie ein Beschäftigungsjahr erreichen. Damit will man verhindern, dass sie Anspruch auf das zusätzliche Arbeitslosengeld der Firma (Supplemental Unemployment Benefits, SUB) erhalten.

Michelle bestätigte: „Am 5. März werden sie entlassen, nur ein paar Wochen vor dem Stichtag im April.“

Sie fuhr fort: „Alle haben Angst wegen der Wirtschaft, und weil Trump gewählt wurde. Momentan werden große Autos verkauft, aber das wird irgendwann nachlassen, und dann verlieren wir vielleicht alle unsere Arbeitsplätze. Die Gewerkschaft hat einer Begrenzung unserer Gewinnbeteiligung zugestimmt, obwohl das Unternehmen Milliarden einnimmt.“

Die Autoarbeiterin Carddears wurde 2008 angestellt. Sie arbeitete sechs Monate und war dann drei Jahre lang arbeitslos, ehe sie im November 2011 einen Job im Werk Detroit-Hamtramck erhielt. „Es ist schlimm, was sie den Menschen antun“, sagte sie. „Es zeigt, dass die Wirtschaft auf einen Sturzflug zusteuert. Ich weiß nicht, was mir noch droht.“

„Wir machen die ganze harte Arbeit und bauen die Autos“, fuhr sie fort, „und sie können uns einfach so rausschmeißen. Als die Leute das hörten, sind sie wütend geworden, und siebzehn Arbeiter legten die Arbeit nieder. Wenn wir nicht kämpfen, werden wir alle unsere Arbeit verlieren.“

Eine junge Arbeiterin, die ihren Namen nicht nannte, erklärte: „Gestern hat man mir gesagt, dass ich entlassen bin, und das nach zwei Jahren. Die Gewerkschaften haben uns erzählt, wir hätten sichere Arbeitsplätze. Das war Betrug.“

Den Entlassungen bei GM gingen ähnliche Ankündigungen von Fiat Chrysler und Ford voraus. Grund dafür ist eine Abschwächung auf dem US-Automarkt, der drei aufeinanderfolgende Jahre Rekordverkäufe verzeichnet hatte. Die meisten Analysten sagen, dass der Mini-Boom bei den Fahrzeugverkäufen jetzt beendet sei. Er war vor allem durch die niedrigen Benzinpreise, die lockere Kreditvergabe und den Nachholbedarf nach der Rezession angekurbelt worden. Die Halden von GM sind laut Automotive News zwischen dem ersten August und dem ersten Dezember auf den höchsten Stand seit neun Jahren angewachsen.

In der Pizzeria Dan & Vi in der Chene Street gegenüber der Fabrik erklärte Samantha, eine junge Schweißerin aus einer nahegelegenen Fabrik: „Sie entlassen diese Arbeiter vor den Weihnachtsfeiertagen – das ist verrückt. Ich habe Angst, denn ich habe gerade erst im Metallgewerbe angefangen, und wir könnten unsere Arbeitsplätze verlieren.“ Ihr Freund Samuel fügte hinzu: „Die Regierung hat GM gerettet, und jetzt werfen sie 1200 Arbeiter raus.“

Akia, ein junger Chrysler-Arbeiter, sagte: „Laut dem Tarifvertrag mit vierjähriger Laufzeit, den die UAW abgeschlossen hat, braucht man sieben Jahre, um die höchste Lohnstufe zu erreichen. Ich soll sie 2019 bekommen – wenn ich solange bleiben kann.“

Bezeichnend für die Verwandlung der ehemaligen Autostadt in eine Niedriglohn-Oase ist die Bekanntmachung der Bezirksverwaltung einen Tag nach der Ankündigung der Entlassungen bei GM, dass der Onlinehändler Amazon im nahegelegenen Livonia nächstes Jahr ein Versandzentrum eröffnen und tausend Arbeiter einstellen werde. Dieses Zentrum soll auf dem ehemaligen Gelände der Delco-Chassis-Fabrik von GM gebaut werden, die in den 1990ern geschlossen und in den frühen 2000ern abgerissen wurde.