„Hitlers Professoren“: Eine Dokumentation der Kriegsverbrechen deutscher Wissenschaftler von Max Weinreich

Von Clara Weiss
4. Januar 2017

Max Weinreich: Hitler’s Professors, Yale University Press 1999. Wenn nicht anders angegeben, beziehen sich Seitenzahlen auf dieses Werk. Alle Übersetzungen aus dem Englischen stammen von der Autorin.

Angesichts des Rechtsschwenks von Akademikern und ihrer Unterstützung für die Rückkehr des deutschen Militarismus ist es wert, sich zu vergegenwärtigen, welche Rolle hochrangige deutsche Wissenschaftler im Dritten Reich gespielt haben.

Max Weinreichs klassische Studie „Hitler’s Professors“, die 1946 erschien und 1999 von Yale University Press neu herausgegeben wurde, bietet eine gründliche Dokumentation der Beteiligung führender deutscher Wissenschaftler an der Vorbereitung, ideologischen Abdeckung und teilweise auch Umsetzung der Ermordung der europäischen Juden unter den Nazis. Gerade Professoren der Berliner Universität, der Vorläuferin der Humboldt-Universität, die heute ein ideologisches Zentrum der Rückkehr des deutschen Militarismus geworden ist, haben im Dritten Reich eine wichtige Rolle gespielt.

Max Weinreich, 1894 im heutigen Lettland geboren, hatte selbst im Deutschland der Weimarer Republik studiert und war wie viele seiner Altersgenossen zutiefst schockiert über die „Gleichschaltung“ im Jahr 1933. Große Teile der akademischen Welt warfen sich damals freiwillig den Nazis in die Arme und stellten ihre Arbeit in den Dienst des Nationalsozialismus. Hunderte Intellektuelle und Wissenschaftler, die jüdischer Herkunft waren oder sich dem Nationalsozialismus nicht anpassten, mussten Deutschland verlassen.

Weinreich wurde vor allem als Historiker und Linguist der jiddischen Sprache bekannt. Er verfasste seine Studie unmittelbar nach dem Krieg auf Jiddisch, gestützt auf tausende Dokumente und Veröffentlichungen, die das YIVO-Institut für jüdische Forschung in New York sammelte. Auf diese Weise dokumentierte Weinreich ausführlich die Komplizenschaft von berühmten und einflussreichen deutschen Akademikern verschiedenster Disziplinen bei der Ermordung der europäischen Juden und deren Vorbereitung. Weinreichs Studie zeigt, dass eine ganze Schicht von Intellektuellen ihre Arbeit in den Dienst des deutschen Imperialismus stellte und dabei an den größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte mitschuldig wurde.

Weinreich betont, dass praktisch alle wissenschaftlichen Disziplinen involviert waren: „die physische Anthropologie und Biologie, alle Bereiche der Sozialwissenschaften und Geisteswissenschaften – bis hin zu den Ingenieuren, die die Gaskammern und Krematorien bauten.“ (6-7) Die meisten Wissenschaftler, die Weinreich behandelt, waren „Menschen, mit langem und gutem Ruf, Universitätsprofessoren und Akademie-Mitglieder, einige von ihnen weltberühmt, Autoren mit bekannte Namen und Gastprofessuren im Ausland...“ (7)

Zu Beginn seiner Studie arbeitet Weinreich heraus, dass die Integration dieser Wissenschaftler in den Nazi-Apparat kein Zufall war: viele von ihnen waren schon in der Weimarer Republik rechtsnational und konservativ eingestellt. In dieser Periode spielte die deutsche Wissenschaft, in Weinreichs Worten, „genau dieselbe Rolle in der Unterstützung des deutschen Dranges nach Weltherrschaft wie in den Tagen des Kaisers“. (11)

Als Beispiel nennt Weinreich einige der bekanntesten Forscher mit rechtsnationalen Sympathien und nationalsozialistischen Parteibüchern:

• Der Nobelpreisträger für Physik, Philipp Lenard, der schon 1923 den gescheiterten Putsch der Nazis in München unterstützt hatte und im Dritten Reich einer der bekanntentesten Vertreter der so genannten „Deutschen Physik“ wurde, die sich militant gegen jüdische Naturforscher stellte und unter anderem die Relativitätstheorie und Quantenphysik als „jüdisch“ abtat.

Der Physiker Johannes Stark

• Johannes Stark, ebenfalls Nobelpreisträger für Physik und Vertreter der „Deutschen Physik“, war seit 1930 Mitglied der NSDAP und beteiligte sich im Dritten Reich an den Forschungen zur Entwicklung einer Atombombe.

• Der Philosoph und Soziologe Erich Rothacker war in der Weimarer Republik erst Mitglied der Deutschen Volkspartei (DVP), bevor er sich 1930 den Nationalsozialisten anschloss.

• Karl Alexander von Müller, Geschichtsprofessor an der Münchener Ludwigs-Maximilians-Universität von 1928 bis 1945, war seit den 1920er Jahren Anhänger der Nazis und unterrichtete mehrere der übelsten Nazis und rechten Ideologen, darunter, Hermann Göring, den Chef der Hitler-Jugend Baldur von Schirach und den späteren Stellvertreter des Führers Rudolf Heß, sowie die Nazi-Historiker Walter Frank und Wilhelm Grau.

An der Berliner Universität gab es besonders viele bekannte Akademiker, die eng mit den Nationalsozialisten zusammenarbeiteten. Dazu gehörten u.a.

• Eugen Fischer, Rektor der Berliner Universität, der wohl berühmteste Pseudo-Theoretiker der so genannten „Rassenhygiene“ und Befürworter der Nürnberger Rassengesetze.

• Viktor Bruns, ebenfalls von der Berliner Universität, war einer der bekanntesten Völkerrechtsexperten der Weimarer Republik. Er vertrat die Nazi-Regierung vor dem Ständigen Internationalen Gerichtshof in Den Haag.

• Theodor Vahlen, Mathematiker an der Universität Greifswald, war schon seit Mitte der 1920er Jahre ein Nationalsozialist und gilt als Mitbegründer der so genannten „Deutschen Mathematik“. Unter den Nazis stieg er schließlich zum Präsidenten der Preußischen Akademie der Wissenschaften auf und war ebenfalls an der Berliner Universität angestellt. Später trat er auch der SS bei.

• Konrad Meyer, Professor für Agrarwissenschaft an der Berliner Universität, zählte zu den federführenden Autoren des Generalplans Ost, der dem Angriff auf die Sowjetunion und der Nazi-Besatzungspolitik im Osten zugrunde lag.

Konrad Meyer von der Berliner Universität (ganz rechts) als Vortragender bei der Ausstellung "Planung und Aufbau im Osten", 1941, © Bundesarchiv, Bild 183-B01718 / CC-BY-SA 3.0

Forscher der physischen Anthropologie und Biologie sowie Juristen waren laut Weinreich dem Nationalsozialismus besonders aufgeschlossen. Das wohl bekannteste Beispiel unter den Juristen ist Carl Schmitt. Als Rechtstheoretiker lieferte er nicht nur die ideologischen Grundlagen für die Legitimierung der nationalsozialistischen Gesetzgebung, sondern er beteiligte sich auch an zahlreichen Nazi-Konferenzen zur „Judenfrage“ und rechtfertigte in seinen Werken während des Weltkriegs den Anspruch des nationalsozialistischen Deutschlands auf Weltherrschaft.

Die „Forschung zur Judenfrage“

Weinreich führt auf einigen Seiten detailliert aus, wie der Anti-Bolschewismus der Nationalsozialisten bewusst mit der anti-jüdischen Propaganda und Pseudo-Forschung verknüpft wurde. Dabei stützten sich die Nationalsozialisten nicht zuletzt auf anti-kommunistische russische Emigranten, die nach der Oktoberrevolution nach Deutschland geflüchtet waren und hier enge Verbindungen zu rechtsnationalen und antisemitischen Kreisen unterhielten.

Er zitiert ein geheimes Memorandum des Juristen Dr. Eberhard Taubert vom Februar 1934, in dem Taubert die Grundlinien der anti-bolschewistischen Propaganda skizziert. Demnach solle der Bolschewismus als größte Gefahr für die Sicherheit und Kultur der Welt und die Nationalsozialisten in diesem Sinne als Retter der Welt dargestellt werden. Die Verteidigung gegen den Kommunismus müsse, so Taubert, „auch gegen das Judentum“ gerichtet werden, weil dieses mit dem Kommunismus verbündet sei. Eine solche Propaganda würde, so Taubert, Verständnis schaffen für die autoritären Maßnahmen des Nazi-Regimes, die Konzentrationslager und die „Regulierung der jüdischen Frage“. (113-14)

Taubert, NSDAP-Mitglied seit 1931, war der Ideen-Geber des berüchtigten Nazi-Propagandafilms „Der ewige Jude“ und hatte eine hochrangige Stellung in Goebbels Propagandaministerium inne. In der Nachkriegszeit war er Mitarbeiter und Berater des CSU-Politikers Franz Josef Strauß.

Weinreich dokumentiert in seiner Studie auch die zahlreichen Institute zur „Erforschung der Judenfrage“, die unter den Nationalsozialisten gegründet wurden und die den Holocaust ideologisch mit vorbereiteten. Neben Berlin und München war insbesondere Frankfurt am Main ein Zentrum dieser ideologischen Vorbereitung auf Krieg und Genozid.

Die einflussreichsten – und teilweise miteinander konkurrierenden – Institute waren:

• Das Reichsinstitut für Geschichte des neuen Deutschlands mit Sitz in Berlin betrieb und förderte systematisch pseudo-historische Forschung, um den Antisemitismus der Nazis ideologisch zu untermauern. An der Arbeit des Instituts und verschiedenen Konferenzen beteiligten sich u.a. der Nobelpreisträger für Physik Johannes Stark und Rudolf Mentzel, Direktor der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Konferenzen des Instituts wurden von Nazi-Größen wie Julius Streicher, dem Herausgeber des berüchtigten Stürmers, und Hans Frank, dem späteren Generalgouverneur des besetzten Polen, besucht. Das Reichsinstitut gab u.a. die berüchtigten Forschungen zur Judenfrage heraus.

• Alfred Rosenbergs Institut zur Erforschung der Judenfrage, kurz vor Kriegsbeginn im Jahr 1939 mit Sitz in Frankfurt am Main gegründet, entwickelte sich rasch zum führenden anti-jüdischen Institut der Nazis. Seine Bibliothek mit anti-jüdischer Literatur umfasste mehrere zehntausend Bände. Von der Stadt Frankfurt erhielt das Institut selbst in Kriegszeiten mindestens 160.000 Reichsmark, um den Bestand zu erweitern. Mitglieder des Instituts, allen voran der „Osteuropa-Experte“ Peter-Heinz Seraphim, spielten eine zentrale Rolle bei der Entwicklung der Nazi-Politik gegenüber den Juden im besetzten Osteuropa und in der Sowjetunion. Auf einer Konferenz im Mai 1941 forderten Akademiker wie Seraphim und Walter Grau eine „definitive Lösung der Judenfrage“, noch bevor diese auf der Wannsee-Konferenz im Januar 1942 im Detail geplant wurde.

Alfred Rosenbergs Zeitschrift Der Weltkampf, seit 1925 eines der wichtigsten ideologischen Organe der NSDAP, veröffentlichte bis zu seiner letzten Publikation im Jahr 1944 Beiträge von nicht weniger als 13 Professoren und 26 Doktoren der Philosophie. Zu ihnen gehörte neben Dr. Klaus Schickert, der mit einer Arbeit über die „Judenfrage in Ungarn“ promovierte, auch Peter-Heinz Seraphim, der die Schriftleitung des Organs übernahm. Seraphims Arbeiten zu den Juden in Osteuropa und ihrer Ghettoisierung hatten, wie neuere Forschungen gezeigt haben, großen Einfluss auf die Nazi-Planungen in der Besatzungszeit, insbesondere auf die Gründung und Einrichtung der berüchtigten Ghettos.

Später eröffneten die Nazis auch im besetzten Europa verschiedene anti-jüdische Institute. So wurde im Mai 1941 im Vichy-Frankreich das Institut d’Etudes des Questions Juives gegründet, das von Dr. Georges Montandon geleitet wurde und ab 1942 eine zweiwöchentliche Publikation herausgab, La Question Juive en France et dans le Monde. An der berühmten Sorbonne-Universität in Paris wurde im November 1942 ein Lehrstuhl für „jüdische Geschichte“ eingerichtet, der vom rechten Historiker Prof. Henri Labroue geleitet wurde. Weitere Institute entstanden unter anderem in Litauen, Ungarn, Kroatien, Rumänien und in Dänemark.

Gestützt auf die Pseudo-Forschung dieser Institute und Akademiker wurden Richtlinien für Lehrer an den Schulen im Reich und Literatur für die Soldaten der Wehrmacht ausgearbeitet, die sie auf die Massaker an der Ostfront vorbereitete.

Kriegsvorbereitungen und Entwicklung der NS-Besatzungspolitik

Eine besonders einflussreiche Rolle bei der Planung des Kriegs in Europa und gegen die Sowjetunion spielte der Geopolitiker Karl Haushofer, der seit den frühen 1920er Jahren mit dem späteren Stellvertreter des Führers, Rudolf Heß, befreundet war und seit Mitte der 1920er Jahre auch Adolf Hitler persönlich kannte. Haushofer war von 1934 bis 1937 Präsident der Deutschen Akademie. Haushofer distanzierte sich zwar ab 1939 von dem Regime und zog sich zurück. Doch seine grundlegende strategische Konzeption, wonach die östliche Kolonisierung durch das Deutsche Reich notwendig sei, um anschließend Kolonien in Übersee zu erobern, wurde mit dem Generalplan Ost im Wesentlichen übernommen.

Karl Haushofer (links) und Rudolf Heß um 1920

An den Universitäten wurde die so genannte „Wehrwissenschaft“ massiv ausgebaut, die in Wahrheit nichts anderes als „Kriegswissenschaft“ war. Die Hochschule für Politik in Berlin – die Vorgängerin des heutigen Otto-Suhr-Instituts der Freien Universität Berlin – spielte dabei eine besonders wichtige Rolle für die Kriegsvorbereitungen. Nachdem ein Großteil ihrer Dozenten 1933 in die Emigration gezwungen worden war, wandelte sie die Regierung im Jahr 1937 in ein Reichsinstitut um. Nach Kriegsbeginn wurde sie schließlich direkt der Berliner Universität angegliedert, wo sie nun als Schule für Auslandswissenschaft für die Kriegspolitik der Nazis arbeitete. Geleitet wurde sie von Franz Alfred Six, der im Reichssicherheitshauptamt Vorgesetzter von Adolf Eichmann und eine der zentralen Figuren bei der Organisation des Holocaust war.

Ebenfalls in Berlin tätig war die Gesellschaft für Europäische Wirtschaftsplanung und Großraumwirtschaft. Sie wurde im Januar 1941 gegründet, um die Besatzungspolitik der Nazis in Europa theoretisch auszuarbeiten und zu legitimieren. An ihr beteiligten sich unter anderem der Staatsrechtler Carl Schmitt, der Mathematiker Theodor Vahlen und der Rektor des Geschichtsseminars der Berliner Universität Dr. Fritz Rörig.

Die Gesellschaft war über den so genannten „Führerring“ mit verschiedenen Reichsministerien verbunden. Dem „Führerring“ gehörte neben anderen Hermann Backe an, der Autor des berüchtigten Hungerplans für die Sowjetunion, der die Ermordung und Deportation von rund 30 Millionen Slawen vorsah.

Der Präsident der Gesellschaft, Werner Daitz, schrieb in der ersten Publikation des Instituts, heute sei es die zentrale Aufgabe, „die mentalen und physischen Prinzipien der letzten zwei Jahrtausende“ zu überkommen und den europäischen Kontinent „als teutonisch-germanischen Kontinent“ zu „revolutionieren“. (zitiert S. 126)

Weinreichs Studie ist bis heute ein Standardwerk, das verstehen hilft, welche Rolle deutsche Universitäten bei den größten Verbrechen in der Geschichte der Menschheit gespielt haben. Es ist bemerkenswert, dass sie bis heute nicht in deutscher Sprache erhältlich ist, obwohl sie englisch bereits 1946 erschien und 1999 neu aufgelegt wurde.

Weinreich hatte die Dokumentation während der Nürnberger Prozesse verfasst, in der Hoffnung, das Beweismaterial werde bei der Verfolgung auch dieser Nazi-Verbrecher helfen. Es kam jedoch nie zu einer Abrechnung mit der braunen Vergangenheit deutscher Professoren und Doktoren. Nur in wenigen Fällen mussten „Hitlers Professoren“ – vorübergehend – ihre Stelle aufgeben oder wechseln. Einige überzeugte Nazis, wie der Historiker Walter Frank, begingen 1945 Selbstmord. In den meisten Fällen geschah jedoch nichts. Hochrangige Nazi-Akademiker wie Johannes Stark konnten ihren Lebensabend ungestört im Ruhestand verbringen. Einige der übelsten ideologischen Verbrecher setzten ihre Karriere in der Bundesrepublik fort.

Peter-Heinz Seraphim wurde wie viele Mitarbeiter von Rosenbergs Institut mit der Organisation Gehlen in den neu gegründeten Bundesnachrichtendienst (BND) aufgenommen. Bis ans Ende seines Lebens konnte er – nun im Zeichen des Kalten Kriegs gegen die Sowjetunion – anti-kommunistische Pamphlete verfassen. Ab 1954 war er Leiter der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie in Bochum, einer Kaderschmiede für die deutsche Wirtschaft.

Eberhard Taubert wurde, wie oben erwähnt, zu einem wichtigen Mitstreiter des CSU-Politikers Franz-Joseph Strauß und wirkte so bis in die 1970er Jahre auf höchster Eben in der deutschen Politik.

Alexander Müller wurde nach einer kurzen Zwangsemeritierung Anfang der 1950er Jahre wieder Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und erhielt 1961 den Bayerischen Verdienstorden.

Konrad Meyer wurde in den 1950er Jahren Mitglied der Akademie für Raumforschung und Landesplanung und bei seiner Arbeit – wie schon im Nationalsozialismus – mit Mitteln der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.