Der Libysche Rote Halbmond hat Leichen von 74 Flüchtlingen geborgen

Von unserem Reporter
24. Februar 2017

Der Libysche Rote Halbmond hat die Leichen von 74 Flüchtlingen geborgen. Sie waren am frühen Mittwochmorgen im Nordwesten Libyens in der Nähe der Stadt Zawiya (zirka 50 km westlich von Tripolis) angespült worden. Der Rote Halbmond hat darauf hingewiesen, dass es weitaus mehr Opfer gibt. Der hohe Seegang habe jedoch die Bergung der restlichen Leichen verhindert.

Vertreter des Roten Halbmonds schätzen, dass etwa 150 Flüchtlinge an Bord des Schiffs waren. Sie gehen davon aus, dass es Richtung Europa unterwegs war, als es wegen eines Schadens kenterte. Der einzige Überlebende, ein afrikanischer Mann mittleren Alters, wurde bewusstlos in einem kaputten Schlauchboot aus dem Meer gerettet.

Der Sprecher der Hilfsorganisation, Taha K. Sultan Elbarghathi, erklärte gegenüber CNN, dass alle Ertrunkenen afrikanische Männer unterschiedlichen Alters seien. Er gab an, dass zurzeit mehr Flüchtlinge versuchten auf der gefährlichen zentralen Mittelmeerroute, ausgehend von der libyschen Küste, nach Europa zu kommen.

Laut Elbarghathi hat das Team von Zawiya noch nie so viele Leichen auf einmal geborgen. Er glaubt, dass die Männer Opfer der gefährlichen Bedingungen auf dem Meer am letzten Wochenende geworden seien. Elbarghathi erklärte gegenüber CNN: „Wir wissen nicht, wann genau das Boot gekentert ist, aber es ist nicht vollständig gesunken. Es hat auf einer Seite Luft verloren.“

Die Internationale Organisation für Migration (IOM) glaubt nicht, dass hoher Seegang das Schiff zum Sinken gebracht hat. Die IOM erklärt, dass laut Flüchtlingen, die ähnliche Katastrophen überlebt haben, Schleuser oft den Motor von den überladenen Booten entfernen und den Bootsinsassen erklären, sie würden gerettet werden. Sie können den Motor dann an anderen Booten einsetzen, die genauso mit Menschen, die hohe Preise für die Überfahrt bezahlt haben, überladen sind. So können sie noch mehr Profit machen, indem sie Flüchtlinge in Richtung Europa auf den Weg bringen. Leonard Doyle, Sprecher der IOM, sagt, dass man in diesem Fall die Flüchtlinge auf dem Meer habe treiben lassen, die erwartete Rettung sei jedoch nicht gekommen. Er erklärt: „Die Menschen die hier gestorben sind, scheinen tagelang dehydriert gewesen zu sein.“

Laut der IOM sind seit dem 1. Januar 13.170 Flüchtlinge über das Meer nach Europa gekommen. 75 Prozent von ihnen sind über Italien gekommen und der Rest über Griechenland und Spanien. Die IOM in Rom berichtet, dass die mehr als 10.000 in diesem Jahr in Italien angekommenen Migranten, eine Steigerung von 2.000 gegenüber demselben Zeitraum im letzten Jahr bedeuten.

Die Internationale Rotkreuz- und Rothalbmond-Bewegung hat erklärt, die Zahl der Flüchtlinge, die versuchen, auf der östlichen Mittelmeerroute nach Europa zu kommen, habe deutlich abgenommen. Die Zahl der Menschen hingegen, die es auf zentralen Routen von Libyen nach Italien versuchen, habe zugenommen. So ist auch die Gesamtzahl derjenigen, die es auf diesen Routen erfolgreich nach Europa geschafft haben, gestiegen. Im letzten Jahr ist über die zentralen Mittelmeerrouten eine außergewöhnlich hohe Zahl von 181.000 Flüchtlingen auf den europäischen Kontinent gelangt.

Überall in Europa sind die Flüchtlinge zur Zielscheibe für rechte nationalistische Bewegungen geworden, die den Flüchtlingen die Schuld für die verheerenden sozialen Verhältnisse geben. Selbst in Ländern, in denen die Flüchtlinge angeblich willkommen geheißen wurden, wie z. B. Deutschland, wurden sie von Politikern zu Sündenböcken gemacht, um Grenzschließungen und strengere Polizeimaßnahmen zu begründen.

Anfang Februar haben die Länder der Europäischen Union einstimmig einen Plan verabschiedet, um den Zustrom von Flüchtlingen über das Mittelmeer zu stoppen. Die Europäische Union entwickelte diesen Plan, um ein schon bestehendes Abkommen zwischen Italien und Libyen wirksamer zu machen. Libyen wurden eine erhebliche Mittelaufstockung und mehr Rettungseinsätze als Gegenleistung für seine Zusammenarbeit bei der Eindämmung des Flüchtlingszustroms an seinen Grenzen versprochen. Die Erklärung schließt mit dem Versprechen „das Geschäftsmodell der Schleuser zu zerstören“ und gleichzeitig die östlichen Mittelmeerrouten mit brutaleren Maßnahmen zu kontrollieren.

Diese Versprechen bauen mehr auf das zerrüttete Libyen als auf die humanitäre Hilfe Europas. Libyens Premierminister Fayyez al-Sarraj hat nur einen schwachen Einfluss auf die Hauptstadt Tripolis. Er hat bereits erklärt, dass die von der EU versprochenen Gelder nicht ausreichen würden, um den gegenwärtigen Strom von Flüchtlingen durch Libyen zu kontrollieren und zu verwalten. Die Europäische Union ist sich darüber hinaus zwar darin einig, die durchlässigen Grenzen Afrikas und der Levante dicht zu machen, sie wird aber selber ebenfalls von hartnäckigen, nationalistischen Spannungen geplagt. Einige Mitgliedsländer haben bereits begonnen abzuschätzen, welche anderen Routen die Einwanderer nehmen könnten.

Drei Wochen nach der gemeinsamen Erklärung der EU wird klar, dass diese Vereinbarung nur dann erfolgreich ist, wenn das Leben der Flüchtlinge brutal missachtet wird. Am 17. Februar hat die libysche IOM von einem Vorfall berichtet, bei dem 125 Flüchtlinge, darunter vier Kinder, auf dem Meer in der Nähe von Zuwara gerettet wurden. Am 18. Februar wurden weitere 187 Migranten nahe Zawiya gerettet. Diese Flüchtlinge werden zurzeit im Internierungslager Al Nasr festgehalten, das für seine brutale Behandlung von Immigranten bekannt ist.

Das „Missing Migrants Project“ der IOM, das tote und vermisste Flüchtlinge überall auf der Welt dokumentiert, hat geschätzt, dass in diesem Jahr bis zum 22. Februar 362 Flüchtlinge auf dem Mittelmeer umgekommen sind. Darin sind die fast 100 Migranten noch nicht enthalten, die nach dem Schiffbruch bei Zawiya vermisst werden.

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