67. Berlinale – Teil 2

Zwischen den Fronten – über den Film „Django“

Von Bernd Reinhardt
6. März 2017

Endlich ein Spielfilm über Django Reinhardt! Die zeitlos scheinende Musik lässt leicht vergessen, dass sie einer sehr realen, unruhigen Welt entsprang: die Amerika-Begeisterung der 20er und 30er Jahre, sozialistische Hoffnungen, französische Faschisten, Massenstreiks, Paris das Mekka amerikanischer Jazz-Musiker, die deutsche Besatzung, der Widerstand der Resistance, Flüchtlingsströme quer durch Europa.

Der Debütfilm von Etienne Comar, der relativ frei mit der Biografie umgeht, konzentriert sich im Wesentlichen auf das Jahr 1943, in dem sich die Nazis erfolglos bemühten, Django Reinhardt für eine Tournee durch das faschistische Deutschland zu gewinnen.

Reda Kateb in Django

Die Filmfigur Reinhardt (Reda Kateb) schwankt zunächst. Die versprochenen riesigen ausverkauften Säle locken. Auch ist er der Meinung, der Krieg, den die Gadjos (Nichtzigeuner) gegeneinander führen, gehe ihn nichts an. Für die letztliche Ablehnung überwiegen künstlerische Gründe. Die Nazis, die die Verbreitung des Jazz in Deutschland nicht verhindern konnten, verlangen von Django einen „sauberen“ Jazz, möglichst ohne Synkopen, ohne Blues, nur in optimistischem Dur und mit sehr kurzen Improvisationen. Kurz gesagt, eine völlig kastrierte Musik. Das ist für den Künstler nicht annehmbar.

Eine blonde Verehrerin (Cécile de France) rät ihm zur Flucht. Aber der eitle Musiker genießt es, in Paris der King of Swing zu sein, nachdem alle US-Musiker die Stadt verlassen mussten, und baut weiter auf den Schutz eines jazzliebenden Nazi-Offiziers. Erst als der Druck zunimmt und Manouche zu „Arbeitseinsätzen“ nach Deutschland geschickt werden, wie offiziell die Deportationen heißen, flüchtet Django mit der Familie Richtung Schweiz.

Cécile de France und Kateb in Django

Für die zahlreichen Manouche und Sinti im Film, die ausschließlich in ihrer Sprache Romanes zu hören sind, dürfte der Film eine Herzensangelegenheit gewesen sein. Comar zeigt die Rom weder klischeehaft als Anarchisten, die die bürgerliche Gesellschaft ablehnen, noch als Vertreter einer naturverbundenen, alternativen Lebensweise. Idyllisch im Wald musizierende Rom werden plötzlich aus einer Nazi-Pistole erschossen. Die nächste Szene zeigt Django Reinhardt, den gefeierten Gitarrenstar in einem prunkvollen Konzertsaal. Das ist die ständige Gratwanderung.

Geschickt wie genüsslich bewegt sich der Analphabet Django in der Glamour-Welt der Reichen und Schönen, indem er den Hollywood-Filmstar Clark Gable nachahmt. An der Schweizer Grenze ist der King of Swing plötzlich ein vogelfreier Flüchtling, dessen Mutter (Bim Bam Merstein) darum kämpft, dass er für ein paar Almosen in der Kneipe spielen darf, um nicht zu verhungern. Als er die französische Nationalhymne spielt, hellt sich die Miene des Wirts auf.

Mitunter zeigt Django eine generelle Verachtung für die „Gadjos“. Der Film bedient dabei kein Klischees über „andere Kultur“. Stattdessen wird die Perspektivlosigkeit einer unterdrückten Minderheit sichtbar, die ihre Existenz als Verfolgte und Flüchtende über Generationen verinnerlicht hat. Mehrmals weist der Film darauf hin, dass der französische Staat bei der Verfolgung der Rom den Nazis in nichts nachstand. Aber zu sehen sind auch Rom, die sich der Resistance anschließen.

Django Reinhardt 1946

Django selbst lebt mitten in Paris. Hat er Geld, leistet er sich eine normale Wohnung und fürchtet sich vor Fliegeralarm. Die künstlerische Anerkennung der „Gadjos“ ist ihm nicht egal, in seiner Band spielen nicht nur Manouche und jene blonde Schönheit im Film, die ihm hilft, scheint er (neben seiner Frau) wirklich zu lieben.

Was Django mit „Nichtzigeunern“ seiner Generation teilte, war vor allem die Amerika-Begeisterung. Die Ankunft des Jazz in Europa war ein kultureller Vulkanausbruch, Symbol von Freiheit. Schon der 13-jährige Banjo-Spieler Reinhardt lauschte begeistert den ersten amerikanischen Bands. Im Film wird leider kaum auf diese sehr prägende Zeit Bezug genommen, deren ganze Atmosphäre, voll gesellschaftlicher Hoffnungen und Debatten, dazu beigetragen haben dürfte, dass jemand wie Reinhardt, Vertreter einer stark unterdrückten Minderheit, aus sich heraus geht, was sich in seiner Einstellung zur Kunst äußert.

Während die Filmfigur Django einen stärkeren Bezug zur Tradition aufweist – gleich zu Beginn ertönt das bekannte „Zigeuner“-Lied „Schwarze Augen“ (wenn auch im Swing-Stil) –, war der reale Django Reinhardt künstlerisch sehr offen. Er interessierte sich für die Klangwelt von Bartok und Debussy (letzterer inspirierte viele Hollywood-Komponisten), ging ins Ballett, begann zu malen. Er swingte, im Gegensatz zu vielen europäischen Zeitgenossen, so unheimlich amerikanisch, dass sein Rhythmus (wie die Legende weiß) eine ganze Rhythmusgruppe ersetzen konnte und US-Musiker begeistert mit ihm jammten.

Reinhardts Musik, eingespielt durch das Stochelo Rosenberg Trio, ist mitreißend und als Mitmusiker Djangos agieren wirkliche Musiker. Reda Kateb spielt glaubwürdig den Gitarristen mit dem „Pokerface“, der einen ganzen Saal der „Herrenrasse“ nach der Pfeife seiner Musik tanzen lässt, wozu er sich „Narren“-Schellen ans Fußgelenk bindet.

Die Nazis, die eben noch gestelzt den deutschen Dichter Friedrich Rückert zitiert und auf ein "freies, ein deutsches Europa" angestoßen haben, erliegen Reinhardts Musik und verlieren für kurze Zeit die Kontrolle.

Stéphane Grappelli und Reinhardt

Reinhardt macht im Film zweifellos eine Entwicklung durch. Zu Beginn ist da der äußerst naive Django, der angeblich 1943 Hitler das erste Mal sieht, in einem Kino und über den „Clown“ lacht. Am Ende des Films wird Reinhardts Requiem aufgeführt, dass er allen Rom-Opfern des Zweiten Weltkriegs widmet. Seine Tonsprache ist anders geworden – universeller.

Auch wenn im Film nicht wirklich Django Reinhardts Messe zu hören ist – die Verarbeitung des überlieferten Fragments wurde in die Hände des australischen Musikers und Komponisten Warren Ellis gelegt –, berührt die Musik, spätestens, wenn der auf Romanes singende Chor einsetzt. Die Vorstellung, Django Reinhardt könnte etwas geschaffen haben, das neben seiner bekannten Musik noch ganz andere musikalische Türen öffnet, ist faszinierend und ermutigt vielleicht junge Manouche- und Sinti-Musiker, denen es auf die Nerven geht, in der Öffentlichkeit auf Gypsy-Swing begrenzt zu werden.

Als Würdigung der in der Nazi-Zeit verfolgten Rom ist der Film zu begrüßen. Comar zeigt dabei die Widersprüchlichkeit seiner Figur, die pragmatisch versucht, zwischen den Fronten zu überleben. Gerade die Kurzsichtigkeit, die Ignoranz gegenüber gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen, nicht zuletzt persönlicher Egoismus, machen Reinhardt im Film blind gegenüber der Katastrophe und treiben ihn immer mehr in die Enge. Frei ist er nur in der Musik. Im Film glückt ihm die Flucht. In der Realität war Reinhardts Lage aussichtsloser. Schweizer Beamte weisen ihn wieder aus, weil er „Zigeuner“ ist.