67. Berlinale – Teil 3

Die Abwesenheit der großen Welt – deutsche Filme auf der Berlinale

Von Bernd Reinhardt
11. März 2017

Eine Anzahl deutscher Filme auf der diesjährigen Berlinale schilderte Menschen, die innerhalb ihrer eng umrissenen persönlichen Umfelder sich mit Alltagsroutine und quälenden Beziehungsproblemen herumschlagen. Die große Welt, wenn angedeutet, verstärkt eher individuelle Gefühle von Verlassenheit und Isolation.

Die dramatischen Entwicklungen der letzten Jahre, das beschleunigte Zersplittern der EU, die Rückkehr des Nationalismus, verbunden mit militärischer Aufrüstung und autoritärem Staat, fanden in Filmen keinen Niederschlag. Die Frage gesellschaftlicher Alternativen tauchte in Form von Utopien auf oder als Rückzug von der Politik in die Kunst.

Beuys

Andres Veiel ist mehrmals mit interessanten Filmen zu gesellschaftlichen Fragen hervorgetreten, wie über den Terror der RAF („Blackbox BRD“, 2001) oder Rechtsradikalismus („Der Kick“, 2006).

Mit der Dokumentar-Collage „Beuys“ richtet er nun seine Aufmerksamkeit auf den umstrittenen Aktionskünstler Joseph Beuys (1921 - 1986), der Sozialismus und marxistische Klassenanalyse vehement zugunsten einer Theorie ablehnte, die angeblich über „Kapitalismus und Kommunismus“ hinausgehe. Beuys letzte politische Station waren die Grünen. Der Film wird ausführlicher besprochen, wenn er ins Kino kommt.

Volker Schlöndorff (geb. 1939) gehört seit Jahrzehnten zu den führenden deutschen Filmemachern. Er war zusammen mit R. W. Fassbinder, Werner Herzog, Wim Wenders und seiner ehemaligen Frau Margarethe von Trotta eine der prominentesten Figuren der Neuen Deutschen Kino-Bewegung der späten 60er Jahre.

Rückkehr nach Montauk

Schlöndorff hat eine Reihe von ernsthaften Filmen gedreht, darunter „Der junge Törless“ (1966), „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1975), „Der Fangschuss“ (1976), „Die Blechtrommel“ (1979) oder „Die Stille nach dem Schuss“ (2000). Sein neuer Film „Rückkehr nach Montauk“ nach Motiven von Max Frisch („Montauk“) hat mit den früheren Bemühungen wenig zu tun.

Der alternde Berliner Schriftsteller Max Zorn (Stellan Skarsgård) zieht eine ernüchternde Lebensbilanz. In vielerlei Hinsicht lebte er wie ein Blatt im Wind. Etwas wie Reue erfasst ihn, als er während einer Buchlesung im New Yorker Upperclass-Milieu der verlorenen Liebe Rebecca (Nina Hoss) wiederbegegnet. Sie hat Karriere gemacht. Nach dem Zusammenbruch der DDR siedelte sie in die USA über, studierte Jura, wurde Staatsanwältin. Jetzt verteidigt sie Wirtschaftsunternehmen und ist reich geworden.

Vor Journalisten prahlt der ex-linke, später konservative und dann grüne Max mit seiner politischen Wurzellosigkeit. Er sei ein flexibles, wildes Tier. Angesichts der europäischen Krise hat er Phrasen parat wie: „Der Geist von Europa wird überleben.“ Schlöndorff hat hier insoweit Autobiografisches einfließen lassen, als er selbst lange Zeit der SPD nahestand und dann 2005 und 2009 die Wahl von Angela Merkel (CDU) unterstützte.

Alles in der Welt ist flüchtig, lässt sich das Résumé des Films zusammenfassen. Das verkörpert sehr gut die tagtraumhafte Erscheinung Rebeccas als Geist aus der Vergangenheit. Das Bewusstsein, sie wirklich verloren zu haben schmerzt Max, eröffnet ihm aber eine letzte Chance. Bereits in seinem neuesten Roman schrieb er, das Wesentliche im Leben bestehe aus dem, was man tut und bereut, und aus dem, was man nicht getan hat und bereut.

Max will jetzt alles daransetzen, seiner jetzigen Frau die Verletzung zu ersparen, die er einst Rebecca durch seine oberflächliche Liebe zufügte. Der symbolhafte Nachname der Hauptfigur, Zorn, legt einen Verweis auf die einst zornige Generation nahe, der Generation Volker Schlöndorffs. Es fällt schwer, für die beiden Hauptfiguren irgendwelche Sympathien aufzubringen.

Mikel

Der einzige deutsche Film über die katastrophale Flüchtlingskrise war der 30-minütige Film „Mikel“ des Regie-Absolventen Cavo Kernich (Regie, Buch), der sich mit einem in Berlin gestrandeten nigerianischen Flüchtling befasst.

Der etwa 20-jährige Mikel (Jonathan Aikins) ist ein sogenannter „Illegaler“. Mit Schwarzarbeit für eine kleine Baufirma, die runtergekommene Wohnungen wieder flott für den Wohnungsmarkt macht, kann er gerade so überleben. Er ist obdachlos und schläft in den Wohnungen, die er mit seinem afrikanischen Kollegen Jonathan (Para Kiala) renoviert. Mikel ist völlig abhängig von Norbert, dem Chef (Frank Leo Schröder), der ihm legale Papiere versprochen hat, ihn aber immer wieder hinhält.

Die positive Wirkung des Films beruht auf der nüchtern-unprätentiöse Erzählweise. Hier ist der Einfluss Thomas Arslans spürbar, einem von Kernichs Dozenten. (Kernich war auch Regieassistent bei Arslans Wettbewerbsfilm „Helle Nächte“.)

Nachdrücklich ist die kleine Szene, in der Mikel in die Wohnungsbesichtigung einer von ihm renovierten Wohnung hineinplatzt. Sie sagt alles über seine Situation. Befremdet schauen die Bewerber, gutsituierte Neu-Berliner, auf den störenden Eindringling Irgendwo im Film fällt der Satz: „Du bist immer noch auf dem Meer.“

Wird Mikel nun in Berlin untergehen? In der Stadt hörte er die schwachen Protest-Stimmen einer Demo gegen Mietervertreibung. Aber was hat das mit seiner aussichtslosen Lage zu tun? Irgendwann geht er nicht mehr zur Arbeit, weil er die erniedrigende Sklavenexistenz nicht mehr aushält. Er kauft eine Postkarte, um das erste Mal, seit er in Deutschland ist, wieder Kontakt zur Familie in Nigeria aufzunehmen, von wo er einst voller Hoffnung (und Illusionen) aufgebrochen war.

Helle Nächte

Thomas Arslans eigener Film im Wettbewerb, „Helle Nächte“, war eine Enttäuschung. In letzter Zeit hatte sich Arslan, einer der führenden Vertreter der sogenannten Berliner Schule, auf das Drehen von Genre-Filmen ohne genretypische Mythen konzentriert.

Der Western „Gold“ (2013) und der Thriller „Im Schatten“ (2010) betonten so stark die Banalität des Alltags, dass den Figuren selbst etwas trostlos Mechanisches anhaftete. Im neuen Film „Helle Nächte“ reist ein Vater (Georg Friedrich) mit dem etwa 15-jährigen Sohn Luis (Tristan Göbel), der bei der geschiedenen Frau aufwuchs, durch die Weite Norwegens. Die Auseinandersetzungen zwischen ihnen bestehen oft nur aus quälendem Schweigen. Die mächtige Landschaft ist im Film der eigentliche Hauptdarsteller. Was ist der Mensch dagegen mit seinen ewig kleinlich emotionalen Verwicklungen?

Die beste aller Welten

Mit Recht bekam der deutsch-österreichische Film „Die beste aller Welten“ von Adrian Goiginger, von dem auch das Drehbuch stammt, den Preis der Reihe Perspektive Deutsches Kino.

Der Film begibt sich in die Welt des siebenjährigen Adrian. Die Mutter arbeitet tagsüber in einem Salzburger Imbiss. Sie liebt den Sohn sehr, ist voller Wärme und zeigt generell Fantasie und pädagogisches Geschick im Umgang mit Kindern. Wären da die Drogen nicht, zumal ihr Freund, die Freunde und Bekannten, die immer auftauchen, ebenfalls drogensüchtig sind.

Dem Jungen versucht die Mutter mit Märchen abzulenken und eine Normalität vorzutäuschen. Aus den Süchtigen wird eine Gruppe Rebellen. Ein Zaubertrank hilft ihnen beim Kampf gegen das Böse. Streng trennt die Mutter den „Zaubertrank“ für Erwachsene von dem für Adrian. Doch der Sog der Drogen ist unerbittlich. Als sich die eigentlich atheistische Mutter von allen alleingelassen sieht, auch von den staatlichen Instanzen, die nur Druck ausüben, wendet sie sich an Gott. Tatsächlich findet sie die Kraft, sich in ein religiöses Anti-Drogen Projekt zu begeben, wo sie und später ihr Freund den Ausstieg schaffen. Die Eigendynamik innerhalb der Notgemeinschaft beschreibt der Regisseur sehr eindringlich und kenntnisreich. Er beschreibt hier seine eigene Kindheit.

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