Sanofi streicht 480 Arbeitsplätze in Frankfurt-Höchst

Von Marianne Arens
17. März 2017

Der französische Pharmakonzern Sanofi will in Frankfurt-Höchst 480 Arbeitsplätze streichen. Die Gewerkschaft IG BCE und der Betriebsrat sind von Anfang an mit einbezogen. Wie Sanofi wissen ließ, soll der Stellenabbau „in enger Abstimmung mit den Arbeitnehmervertretern“ geschehen.

Schon in diesem Jahr soll der Arbeitsplatzabbau beginnen. Die Belegschaft erfuhr davon aus der Presse. Betroffen sind besonders viele befristete Beschäftigte, und erstmals werden ausdrücklich auch betriebsbedingte Kündigungen nicht ausgeschlossen.

Sanofi gehört mit weltweit 110.000 Beschäftigten und einem Umsatz von knapp 34 Milliarden Euro (2016) zu den weltgrößten Pharmakonzernen. 2014 stand das Unternehmen nach Novartis, Pfizer und Hoffmann-La Roche an vierter Stelle.

In Deutschland ist Sanofi vor dreizehn Jahren aus der Übernahme von Aventis durch Sanofi entstanden. Aventis war seinerseits um die Jahrtausendwende aus der Fusion des Chemiemulti Hoechst AG mit dem französischen Rhône-Poulenc-Konzern hervorgegangen. Vor 25 Jahren hatte die Hoechst AG im Frankfurter Westen noch fast dreißigtausend Beschäftigte.

Heute gibt es im Industriepark Höchst noch 22.000 Beschäftigte, die sich auf nicht weniger als neunzig verschiedene Unternehmen verteilen. Das größte von ihnen ist Sanofi mit 7300 Beschäftigten und dem konzerngrößten Standort für Forschung und Entwicklung.

In der Insulinproduktion sind allein 3000 Arbeiter beschäftigt. Erst vor zwei Jahren wurde über einen Bedarf von tausend Neueinstellungen gesprochen, und 500 Leute wurden neu eingestellt. Allerdings erhielten 250 von ihnen nur einen befristeten Vertrag, der auch seither immer nur für ein Jahr verlängert wurde. Sie müssen heute fürchten, dass er ausläuft und sie auf der Straße stehen werden.

Das Insulin, das Sanofi hier produziert, gilt als wichtigstes Medikament gegen Diabetes. Unter der Zuckerkrankheit leiden nach Schätzungen von 2014 weltweit über vierhundert Millionen Menschen, und fast dreißig Prozent von ihnen nehmen Insulin in irgendeiner Form. Jüngste Sanofi-Spezialität ist die Entwicklung von Langzeitinsulin, das genutzt werden kann, um die gefährliche Unterzuckerung während der Nacht zu verringern.

In diesem Produktionsbereich sollen nun bis zum Jahr 2019 vierhundert Stellen gestrichen werden, und weitere achtzig in der Distribution und im IT-Bereich. Auch erhalten die Auszubildenden keine Übernahmegarantie mehr.

Dabei ist die Auslastung praktisch hundert Prozent und der Arbeitsdruck sehr hoch. Das berichteten mehrere Beschäftigte den Pressevertretern, die vor einer Betriebsversammlung am 8. März mit ihnen sprachen. Der Leistungsdruck und die Arbeitsverdichtung seien heute schon extrem hoch, sagte eine Mitarbeiterin namens Sylvia H. der Hessenschau. „Wenn jemand ausfällt, kommen wir schnell an unsere Grenzen“, so eine Verpackungsarbeiterin zur Frankfurter Rundschau.

Auch erzielt Sanofi seit Jahren hohe Gewinne, so im letzten Jahr ein Gewinn von 7,3 Milliarden Euro. In Frankreich hatte Sanofi da bereits mit dem Personalabbau begonnen. Fast genau vor einem Jahr hatte der Konzern die Streichung von 600 französischen Stellen angekündigt und gleichzeitig an die Aktionäre 3,8 Milliarden Euro ausgeschüttet.

Arrogant erklärte Konzernsprecherin Miriam Henn am 7. März der Presse in Frankfurt, Sanofi sei gerade dabei, am Standort Höchst die Hochtechnologie noch stärker auszubauen. Dabei sinke der Personalbedarf. Klarer könnte man nicht ausdrücken, dass der technische Fortschritt für die Arbeiter keinen Nutzen bringt, solange die Produktion sich im Schraubstock des kapitalistischen Profitsystems befindet.

Hinzu kommt, dass sich die Konzernseite der Unterstützung durch die sogenannten „Arbeitnehmervertreter“ vollkommen sicher ist. Nur deshalb kann sie so arrogant auftreten. In der Tat ist die enge Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat und der IG BCE in Höchst seit Jahrzehnten sprichwörtlich.

Letztere behaupten jetzt, sie seien von den Stellenabbauplänen überrascht worden. Der Betriebsratsvorsitzende Michael Klippel erklärte, es sei das offizielle Ziel der Gewerkschaft, „betriebsbedingte Kündigungen zu verhindern“. Dafür will der Betriebsrat der Konzernspitze eigene Vorschläge in Form eines „Standortsicherungspakts“ vorlegen. Man hoffe auf „konstruktive Gespräche“, so Klippel.

Der Bezirksleiter der IG BCE Rhein-Main, Ralf Erkens, zückte sofort die nationalistische Standort-Karte und behauptete, in Deutschland sei die Auslastung viel höher als in den französischen Sanofi-Werken. Der Hessenschau sagte Erkens: „Wenn man die Frage stellen würde: Wo laufen die Werke gut? Dann muss man gerade hier in Deutschland das Personal an Bord halten und nicht wegschicken.“

Diese ersten Kommentare zeigen schon deutlich, dass ein gemeinsamer Kampf der Sanofi-Mitarbeiter um alle Arbeitsplätze mit der IG BCE nicht zu machen ist. Sie hat seit vierzig Jahren jede Umstrukturierung mitorganisiert und sich als loyaler Berater und Partner der Kapitalseite erwiesen.

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