Weshalb die Russische Revolution studieren?

Von David North
22. März 2017

Dies ist der erste von fünf Vorträgen, die das Internationale Komitee der Vierten Internationale aus Anlass des einhundertsten Jahrestags der Russischen Revolution von 1917 präsentiert. Sein Titel lautet: „Weshalb die Russische Revolution studieren?“ Auch wenn es auf Kosten der Spannung geht, möchte ich diese Frage nicht zum Schluss, sondern gleich zu Beginn meines Vortrags beantworten.

Zehn Gründe, die Russische Revolution zu studieren

Grund 1: Die Russische Revolution war das wichtigste, folgenreichste und progressivste politische Ereignis des 20. Jahrhunderts. Ungeachtet des tragischen Schicksals der Sowjetunion, die durch die Verrätereien und Verbrechen der stalinistischen Bürokratie zerstört wurde, hatte kein anderes Ereignis des letzten Jahrhunderts ähnlich weitreichende Auswirkungen auf das Leben Hunderter Millionen Menschen in aller Welt.

Grund 2: Die Russische Revolution, die in der Eroberung der politischen Macht durch die Bolschewistische Partei im Oktober 1917 gipfelte, markierte ein neues Stadium der Weltgeschichte. Mit dem Sturz der bürgerlichen Provisorischen Regierung wurde der Beweis erbracht, dass eine Alternative zum Kapitalismus kein utopischer Traum ist, sondern eine reale Möglichkeit, die durch den bewussten politischen Kampf der Arbeiterklasse verwirklicht werden kann.

Grund 3: Die Oktoberrevolution war der praktische Beweis für die materialistische Geschichtsauffassung, die Marx und Engels im Kommunistischen Manifest formuliert hatten. Die Errichtung der Sowjetmacht unter der Führung der Bolschewistischen Partei bestätigte ein wesentliches Element der Geschichtstheorie von Marx: „dass der Klassenkampf notwendig zur Diktatur des Proletariats führt“. [1]

Grund 4: Die objektive Entwicklung der Russischen Revolution bestätigte die strategische Perspektive, die zwischen 1906 und 1907 von Leo Trotzki entwickelt und als Theorie der permanenten Revolution bekannt wurde. Trotzki sah voraus, dass die demokratische Revolution in Russland – der Sturz der zaristischen Autokratie, die Zerstörung aller halbfeudalen Überbleibsel in den wirtschaftlichen und politischen Beziehungen und die Abschaffung nationaler Unterdrückung – nur durch die Machteroberung der Arbeiterklasse verwirklicht werden konnte. Die demokratische Revolution, in welcher der Arbeiterklasse in Opposition zur Kapitalistenklasse die führende Rolle zukam, werde rasch in eine sozialistische Revolution übergehen.

Grund 5: Die Machteroberung der Bolschewistischen Partei im Oktober 1917 und die erstmalige Errichtung eines Arbeiterstaats beflügelten das Klassenbewusstsein und das politische Bewusstsein der Arbeiterklasse und der unterdrückten Massen auf der ganzen Welt. Die Russische Revolution war der Anfang vom Ende des alten Systems der Kolonialherrschaft, das der Imperialismus im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert geschaffen hatte. Sie radikalisierte die internationale Arbeiterklasse und setzte eine weltweite revolutionäre Bewegung der unterdrückten Massen in Gang. Die bedeutenden sozialen Errungenschaften der internationalen Arbeiterklasse – die Gründung von Industriegewerkschaften in den USA in den 1930er Jahren, die Niederlage Nazideutschlands im Zweiten Weltkrieg, die Sozialstaatspolitik in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg und die schrittweise Entkolonialisierung – waren Ergebnisse der Russischen Revolution.

Grund 6: Im Kampf gegen den imperialistischen Krieg erbrachte die Bolschewistische Partei in Theorie und Praxis den Beweis, dass der sozialistische Internationalismus die wesentliche Grundlage für die revolutionäre Strategie und den praktischen Kampf um die Macht darstellt. Da die Russische Revolution ein Ergebnis der globalen Widersprüche des Kapitalismus war, hing ihr Schicksal von der Entwicklung der sozialistischen Weltrevolution ab. Wie Trotzki erklärte:

„Der Abschluss einer sozialistischen Revolution ist im nationalen Rahmen undenkbar. Eine grundlegende Ursache für die Krisis der bürgerlichen Gesellschaft besteht darin, dass die von dieser Gesellschaft geschaffenen Produktivkräfte sich mit dem Rahmen des nationalen Staates nicht vertragen. Daraus ergeben sich einerseits die imperialistischen Kriege, andererseits die Utopie der bürgerlichen Vereinigten Staaten von Europa. Die sozialistische Revolution beginnt auf nationalem Boden, entwickelt sich international und wird vollendet in der Weltarena. Folglich wird die sozialistische Revolution in einem neuen, breiteren Sinne des Wortes zu einer permanenten Revolution: Sie findet ihren Abschluss nicht vor dem endgültigen Sieg der neuen Gesellschaft auf unserem ganzen Planeten.“ [2]

Es fällt schwer zu glauben, dass diese Sätze vor 88 Jahren geschrieben wurden. Vor dem Hintergrund der zunehmenden geopolitischen Spannungen weltweit und dem Chaos, in dem die Europäische Union versinkt, könnte man meinen, Trotzkis Bemerkungen über „imperialistische Kriege“ und „die Utopie der bürgerlichen Vereinigten Staaten von Europa“ seien in der heutigen Online-Ausgabe der Le Monde oder der Financial Times erschienen. Die bleibende Bedeutung und Aktualität von Trotzkis Feststellungen zeigt, dass die historischen Probleme, mit denen er sich in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts auseinandersetzte, einhundert Jahre später noch immer nicht gelöst sind.

Grund 7: Die Russische Revolution verdient ein gründliches Studium als entscheidendes Stadium in der Entwicklung der wissenschaftlichen Gesellschaftstheorie. Mit der historischen Leistung der Bolschewiki von 1917 wurde der innere Zusammenhang zwischen der Philosophie des wissenschaftlichen Materialismus und der revolutionären Praxis sowohl bewiesen als auch auf eine neue Stufe gehoben.

Die Entwicklung der Bolschewistischen Partei bewies die Aussage, die Lenin in „Was Tun?“ getroffen hatte: „Ohne revolutionäre Theorie kann es auch keine revolutionäre Bewegung geben.“ [3] Wie Lenin unablässig betonte, ist der Marxismus die höchste Form des philosophischen Materialismus, der die Errungenschaften des klassischen deutschen Idealismus, insbesondere Hegels, kritisch überarbeitete und aufhob (d.h. die dialektische Logik und die Erkenntnis, dass die historisch entwickelte gesellschaftliche Praxis einen aktiven Beitrag zur Erkenntnis der objektiven Wirklichkeit leistet).

In Lenins unnachgiebiger Verteidigung des philosophischen Materialismus und der materialistischen Geschichtsauffassung, die in seinen nahezu dreißig Jahre (1895 bis 1922) umspannenden veröffentlichten Schriften dokumentiert ist, zeigt sich seine tiefe theoretische Überzeugung, dass es die höchste Aufgabe der Menschheit sei, die „objektive Logik der wirtschaftlichen Evolution (der Evolution des gesellschaftlichen Seins) in den allgemeinen Grundzügen zu erfassen, um derselben ihr gesellschaftliches Bewusstsein und das der fortgeschrittenen Klassen aller kapitalistischen Länder so deutlich, so klar, so kritisch als möglich anzupassen“. [4] Die Machteroberung der Arbeiterklasse im Oktober 1917 war der bislang unübertroffene Höhepunkt des Strebens der Menschheit, sich in ihrem Bewusstsein, ausgedrückt im politischen Handeln der Arbeiterklasse, auf die Höhe der „objektiven Logik der wirtschaftlichen Evolution“ zu erheben.

Grund 8: Die Entwicklung des Bolschewismus als politische Tendenz und seine herausragende Rolle in den stürmischen Ereignissen des Jahres 1917 bestätigten die wesentliche Bedeutung des Kampfs der Marxisten gegen den Opportunismus und seinen politischen Zwilling, den Zentrismus. Lenins Kampf gegen den politischen Opportunismus der Menschewiki in Russland und gegen den Verrat, den die Zweite Internationale beim Ausbruch des imperialistischen Kriegs 1914 am sozialistischen Internationalismus begangen hatte, war bestimmend für die politische Identität der Partei, die 1917 den Kampf um die Macht führte.

Gestützt auf die materialistische Geschichtsauffassung deckte Lenin die gesellschaftlichen und politischen Interessen auf, die im Kampf unterschiedlicher politischer Strömungen zum Ausdruck kamen. Auf dieser Grundlage erkannte er, dass der Opportunismus – insbesondere der Zweiten Internationale – die materiellen Interessen einer privilegierten Arbeiterschicht und bestimmter Teile der Mittelklasse zum Ausdruck brachte, die mit dem Imperialismus im Bunde standen.

Grund 9: Die Bolschewiki haben der Arbeiterklasse vor Augen geführt, was eine wirklich revolutionäre Partei ausmacht und weshalb sie für den Sieg der sozialistischen Revolution eine unverzichtbare Rolle spielt. Ein sorgfältiges Studium des Verlaufs der Revolution 1917 beweist ohne jeden Zweifel, dass das Bestehen der Bolschewistischen Partei, mit Lenin und Trotzki an der Spitze, den Ausschlag für den Sieg der sozialistischen Revolution gab. Die Bewegung der russischen Arbeiterklasse, die von einem revolutionären Aufstand der Bauernschaft unterstützt wurde, nahm 1917 gigantische Dimensionen an. Und doch erweist es sich bei realistischer Betrachtung der Ereignisse jenes Jahres als ausgeschlossen, dass es der Arbeiterklasse ohne die Führung der Bolschewistischen Partei möglich gewesen wäre, die Macht zu erobern. Als wesentliche Bilanz aus dieser Erfahrung erklärte Trotzki später: „Die Rolle und die Verantwortung der Führung in einer revolutionären Epoche ist enorm.“ [5] Diese Schlussfolgerung ist in der heutigen historischen Situation ebenso gültig wie 1917.

Grund 10: Der Verlauf der Ereignisse von Februar/März bis Oktober/November 1917 ist nicht nur von historischem Interesse. Die Erfahrung dieser entscheidenden Monate birgt außerordentlich wertvolle und bleibende Erkenntnisse über strategische und taktische Probleme, die sich der Arbeiterklasse bei einem abermaligen, unvermeidbaren Aufschwung revolutionärer Kämpfe stellen werden. Wie Trotzki 1924 schrieb: „Zum Studium der Gesetze und Methoden der proletarischen Revolution gibt es bis heute keine wichtigere und tiefere Quelle als unser Oktober-Experiment.“ [6]

Die Verbrechen des Stalinismus – einer antimarxistischen, nationalistischen bürokratischen Reaktion gegen Programm und Prinzipien des Bolschewismus – entwerten nicht die Oktoberrevolution und ihre echten Errungenschaften, einschließlich der Erfolge des Sowjetstaats in den 74 Jahren seines Bestehens. In der heutigen, neuen Periode einer globalen Krise des kapitalistischen Systems ist ein abermaliges Studium der Russischen Revolution und ihrer Lehren eine unabdingbare Voraussetzung dafür, einen Ausweg aus der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Sackgasse unserer Zeit zu finden.

Die Katastrophe des Ersten Weltkriegs

Dies ist der erste von fünf Vorträgen. Ich gehe davon aus, dass die weiteren Vorträge in den nächsten zwei Monaten die Gründe, die ich für ein sorgfältiges Studium der Russischen Revolution genannt habe, weiter ausführen und bestätigen werden.

Diese Woche vor genau einhundert Jahren, am 8. März 1917, wurden in Petrograd, der Hauptstadt des russischen Reichs, aus Anlass des internationalen Frauentags Versammlungen und Demonstrationen abgehalten. Da in Russland noch der Julianische Kalender in Kraft war, der 13 Tage hinter dem in fast allen anderen Ländern verwendeten Gregorianischen Kalender zurückblieb, war das Datum aus heutiger Sicht der 23. Februar 1917. (In diesem Vortrag werde ich mich, wenn von Ereignissen innerhalb Russlands die Rede ist, nach dem damals dort verwendeten Kalender richten.)

Als die Proteste begannen, dauerte der Krieg zwischen den europäischen Großmächten – Deutschland und Österreich-Ungarn auf der einen und Frankreich, Großbritannien und Russland auf der anderen Seite – bereits zwei Jahre und sieben Monate.

Von August 1914 bis Anfang März 1917 hatten die Regierungen aller kriegführenden Länder, ob sie nun von Parlamenten oder Monarchien regiert wurden, mit kaltblütiger Grausamkeit Menschenleben vergeudet. Das gesamte Jahr 1916 hindurch wurden die Schlachtfelder Europas mit Blut getränkt. In der Schlacht von Verdun, die 303 Tage dauerte (vom 21. Februar bis um 18. Dezember 1916), wurden rund 715.000 französische und deutsche Soldaten verwundet oder getötet. Das waren 70.000 Gefallene jeden Monat. Insgesamt starben bei Verdun 300.000 Soldaten.

Zur gleichen Zeit fand in Frankreich an der Somme eine weitere furchtbare Schlacht statt. An ihrem ersten Tag, dem 1. Juli 1916, verlor die britische Armee mehr als 57.000 Soldaten. Zum Ende der Schlächterei am 18. November 1916 waren mehr als eine Million britische, französische und deutsche Soldaten gefallen oder verwundet.

An der Ostfront standen sich russische Verbände auf der einen und deutsche und österreichische Truppen auf der anderen Seite gegenüber. Im Juni 1916 eröffnete das Zarenregime eine Offensive, die von General Brussilow befehligt wurde. Als sie im September vorbei war, hatte die russische Armee 500.000 bis eine Million Gefallene zu verzeichnen. Unzählige Historiker haben in den letzten einhundert Jahren die Gewalttätigkeit der Russischen Revolution und die angebliche Unmenschlichkeit der Bolschewiki angeprangert. Diese Moralisten sehen in ihrem Elfenbeinturm geflissentlich darüber hinweg, dass, noch bevor die Revolution ein einziges Opfer gefordert hatte, nahezu zwei Millionen russische Soldaten in dem Krieg gestorben waren, den die zaristische Selbstherrschaft mit glühender Unterstützung der russischen Bourgeoisie vom Zaun gebrochen hatte.

Niemand konnte vorhersehen, dass sich die Proteste, die für den 23. Februar geplant waren, als Auftakt zur Revolution erweisen würden. Aber dass der Krieg zur Revolution führen würde, war durchaus vorausgesagt worden. Schon 1915 hatte Trotzki geschrieben: „Das Proletariat, das durch die Schule des Krieges gegangen ist, wird beim ersten ernsten Hindernis innerhalb des eigenen Landes das Bedürfnis empfinden, die Sprache der Gewalt zu brauchen.“ [7] Lenin war bei der Antikriegspolitik der Bolschewiki davon ausgegangen, dass die Widersprüche des imperialistischen Weltsystems, die den Krieg hervorgerufen hatten, auch zur sozialistischen Revolution führen würden.

In einem Vortrag, den er am 22. Januar 1917 in Zürich hielt – zum 12. Jahrestag des Blutsonntags in St. Petersburg, an dem sich die Revolution von 1905 entzündet hatte – ermahnte Lenin seine kleine Zuhörerschaft:

„Wir dürfen uns nicht durch die jetzige Kirchhofruhe in Europa täuschen lassen. Europa ist schwanger mit der Revolution. Die furchtbaren Gräuel des imperialistischen Krieges, die Schrecknisse der Teuerung erzeugen überall revolutionäre Stimmung, und die herrschenden Klassen, die Bourgeoisie, und ihre Vertrauensleute, die Regierungen, sie geraten immer mehr und mehr in eine Sackgasse, aus der sie überhaupt ohne größte Erschütterungen keinen Ausweg finden können.“ [8]

Und doch, wie so häufig zu Beginn großer historischer Ereignisse, sahen die namenlosen Teilnehmer, die am 23. Februar zu Demonstrationen zusammenkamen, die Folgen ihres Handelns nicht voraus. Wie sollten sie auch auf die Idee kommen, dass sie an jedem Donnerstagmorgen der Menschheitsgeschichte eine neue Wendung geben würden?

In diesem Stadium des Kriegs hatte sich die gesellschaftliche Krise in Russland derart zugespitzt, dass Arbeiterstreiks und andere Proteste nichts Ungewöhnliches waren. Erst am 9. Januar war Petrograd von einem gewaltigen Streik erschüttert worden, an dem sich 140.000 Arbeiter aus mehr als 100 Fabriken beteiligten. Am 14. Februar gab es einen weiteren großen Streik von 84.000 Arbeitern. Aber es war immer noch nicht absehbar, dass sich die Spannungen rapide bis zum Ausbruch einer echten Revolution aufbauen würden. Nikolaj Suchanow, ein linker Menschewik und Autor hoch interessanter Memoiren über die Ereignisse von 1917, berichtet von zwei jungen Sekretärinnen, die sich in seinem Büro über die wachsenden Unruhen unterhielten. Er war verblüfft, als sich folgendes Gespräch entspann: „‚Wissen Sie was‘, erklärte plötzlich eine der jungen Damen, ,ich meine, das ist doch der Beginn der Revolution!‘...“ Diese jungen Damen hatten keine Ahnung von Revolutionen, dachte Suchanow. „Revolution! – das war doch zu unwahrscheinlich. Jeder wusste, dass das fern der Wirklichkeit war, nur ein Traum. Der Traum von Generationen. Der Traum langer, schwerer Jahrzehnte … Und ohne den jungen Damen zu glauben, wiederholte ich mechanisch laut: – Ja, das ist der Beginn der Revolution.“ [9]

Der Beginn der Februarrevolution

Wie sich herausstellte, hatten diese politisch ungeschulten jungen Frauen mehr Realitätssinn als der erfahrene, aber zutiefst skeptische Menschewik. Am 22. Februar sperrte die Geschäftsleitung der riesigen Putilow-Werke 30.000 Arbeiter aus. Vor dem Hintergrund brodelnder Klassenspannungen und dem grauenhaften Krieg begannen am nächsten Tag die Proteste zum internationalen Frauentag.

Sie wurden nicht im Namen der „99 Prozent“ ausgerufen, wie die heutige kleinbürgerliche Pseudo-Linke ihre wohlsituierte Basis definiert – und damit die völlig Verarmten mit denen in einen Topf wirft, deren Vermögen in die Millionen geht.

Die Menschen, die im Februar 1917 in Petrograd auf die Straße gingen, entstammten der Arbeiterklasse der Hauptstadt und vertraten deren Interessen. Ihnen ging es in der Politik nicht um Fragen des individuellen Lifestyles, sondern um die Probleme ihrer Klasse. Sie riefen: „Nieder mit dem Krieg! Nieder mit den hohen Preisen! Nieder mit dem Hunger! Brot für die Arbeiter!“ [10] Die Frauen marschierten vor die Fabriktore und riefen die Arbeiter auf, sie zu unterstützen. Am Abend befanden sich mehr als 100.000 Arbeiter im Ausstand.

Als sich die Proteste in den nächsten Tagen ausweiteten, zeichnete sich allmählich ab, dass die Zarenherrschaft ins Wanken geriet. Auch zunehmende Polizeigewalt hatte die Demonstrationen nicht aufhalten können. Die Arbeiterklasse spürte, dass die Soldaten, die zur Wiederherstellung der Ordnung herbeigeholt worden waren, immer mehr Sympathie für die Proteste zeigten und zögerten, den Befehlen ihrer Kommandeure zu gehorchen. Am vierten Tag hatte sich die Arbeiterklasse den Sturz des Regimes auf die Fahnen geschrieben. Die mörderische Gewalt der Polizei, die mit Maschinengewehren auf die Demonstranten schoss und Hunderte niedermähte, stieß auf unversöhnlichen Widerstand.

Das Ergebnis dieses Kampfs hing nun von den Regimentern ab, die in Petrograd stationiert waren. Trotzkis Schilderung der Verbrüderung zwischen Arbeitern und Soldaten wird von heutigen Historikern bestätigt. Professor Rex Wade schreibt über die Februarrevolution:

„Die Soldaten von 1917 waren nicht dieselben, die die Revolution von 1905 niedergeschlagen hatten. Es handelte sich zumeist um neue Rekruten, die nur teilweise an militärische Disziplin gewöhnt waren. Viele stammten aus der Gegend von Petrograd ... Vom 23. bis 26. Februar fanden Hunderte Gespräche zwischen diesen Soldaten und den Menschenmengen statt, in denen erstere von letzteren an ihre gemeinsamen Interessen erinnert wurden, an die allgemeine Ungerechtigkeit, an das Leiden der Bevölkerung (einschließlich der Familien der Soldaten) und an den gemeinsamen Wunsch nach einem Ende des Kriegs. Die Erfahrung, auf die Menge zu schießen, hatte sie schwer getroffen. In vielen Einheiten wurde hitzig über die Ereignisse diskutiert.“ [11]

Die Verbrüderung blieb nicht ohne Folgen für die militärische Disziplin. Um Max Eastmans brillanten Kommentar zum Dokumentarfilm „Vom Zar zu Lenin“ zu zitieren: „Und zum ersten Mal in der Geschichte ließen die Soldaten den Zaren im Stich. Anstatt die Ordnung mit Waffengewalt wiederherzustellen, schlossen sie sich dem Volk an und steigerten die Unordnung.“

„Spontaneität“, Marxismus und Klassenbewusstsein

In späteren Darstellungen der Revolution haben Memoirenschreiber, Journalisten und Historiker den Massenaufstand vom Februar in Gegensatz zum Oktoberaufstand unter der Führung der Bolschewiki gestellt. Allzu oft zielte diese Gegenüberstellung darauf ab, die Bedeutung der bewussten Führung herabzumindern und die Schlussfolgerung zu suggerieren oder zu vertreten, dass eine politisch bewusste Führung die Moral des revolutionären Handelns verdirbt. Das Vorhandensein einer Führung wird mit einer politischen Verschwörung gleichgesetzt, die den normalen und legitimen Lauf der Ereignisse zerstört.

Mit dem Wort „spontan“ wird das Fehlen von politischem Bewusstsein als segensreich für das Handeln der Massen empfohlen, die lediglich ihren unbestimmten revolutionären Instinkten folgen sollen. Historische Tatsache ist jedoch, dass die Februarrevolution 1917 durch diese Vorstellung einer unbewussten „Spontaneität“ mystifiziert, verzerrt und verfälscht wird. Natürlich haben die russische Arbeiterklasse und die Masse der Soldaten, die oftmals aus der Bauernschaft stammten, die Folgen ihres Handelns nicht klar vorausgesehen und ließen sich nicht von einer ausgearbeiteten revolutionären Strategie leiten.

Und doch besaßen die arbeitenden Massen ein hinreichendes Maß an gesellschaftlichem und politischem Bewusstsein, das sich in vielen Jahrzehnten direkter und vermittelter Erfahrungen herausgebildet hatte und sie befähigte, die Ereignisse vom Februar einzuschätzen, Schlussfolgerungen aus ihnen zu ziehen und Entscheidungen zu treffen.

Ihr Denken war stark geprägt von einer Kultur, die sich unter der Last einer viehischen Unterdrückung herausgebildet hatte und ebenso viele soziale und persönliche Tragödien wie bewundernswerte Beispiele heroischer Selbstaufopferung kannte.

Als Lenin 1920 die Ursprünge des Bolschewismus rekapitulierte, verwies er auf den langen Kampf, in der Arbeiterklasse eine sozialistische politische Kultur und Bewegung zu verwurzeln, die die breite Masse der unterdrückten Bevölkerung erreichen konnte.

„Etwa ein halbes Jahrhundert lang – von den 1840er bis zu den 1890er Jahren – hatten fortschrittliche Denker in Russland unter dem Joch der brutalen und reaktionären Zarenherrschaft begierig nach einer richtigen revolutionären Theorie gesucht und jedes ‚letzte Wort‘ aus Europa und Amerika zu diesem Thema mit gründlichem Eifer aufgesogen. Der Weg Russlands zum Marxismus – der einzig richtigen revolutionären Theorie – führte über den schmerzhaften Weg eines halben Jahrhunderts beispielloser Qualen und Opfer, unerreichten revolutionären Heroismus, bewundernswerter Energie, hingebungsvollen Suchens, Studierens, praktischen Ausprobierens, der Enttäuschung, der Bestätigung und des Vergleichens mit den Erfahrungen in Europa. Dank der politischen Emigration infolge des Zarismus knüpfte Russland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Fülle an internationalen Beziehungen und war über die Formen und Theorien der weltweiten revolutionären Bewegung besser informiert als jedes andere Land der Welt.“ [12]

In den 35 Jahren, die der Februarrevolution vorangingen, entwickelte sich die Arbeiterbewegung Russlands in enger und ständiger Interaktion mit den sozialistischen Organisationen. Diese Organisationen mit ihren Flugblättern, Zeitungen, Vorträgen, Schulungen, ihren legalen und illegalen Aktivitäten spielten im gesellschaftlichen, kulturellen und theoretischen Leben der Arbeiterklasse eine enorme Rolle.

Die Entwicklung der russischen Arbeiterklasse von den frühen 1880er Jahren über den Aufstand von 1905 bis hin zum Ausbruch der Februarrevolution ist undenkbar ohne diese allgegenwärtige Präsenz von Sozialismus und Marxismus. Die Pionierarbeit Plechanows, Axelrods und Potresows war nicht vergebens. Gerade die sich über viele Jahrzehnte erstreckende Wechselwirkung zwischen der gesellschaftlichen Erfahrung der Arbeiterklasse und der marxistischen Theorie, verkörpert im unnachgiebigen Bemühen der Kader der revolutionären Bewegung, schuf und nährte das hohe theoretische und politische Niveau des sogenannten „spontanen“ Bewusstseins der Massen im Februar 1917.

Die direkte und entscheidende Rolle klassenbewusster Arbeiter bei der Organisation und Führung der Februarbewegung bis zum Sturz der Autokratie wurde durch sorgfältige historische Forschungen bestätigt. Trotzkis Antwort auf die Frage: „Wer leitete den Februaraufstand?“ hat sich als völlig richtig erwiesen: „die aufgeklärten und gestählten Arbeiter, die hauptsächlich von der Partei Lenins erzogen worden waren.“ Doch Trotzki fügte sofort hinzu: „... diese Leitung genügte, um dem Aufstande den Sieg zu sichern, doch reichte sie nicht aus, um die Führung der Revolution von Anfang an in die Hände der proletarischen Avantgarde zu legen.“ [13]

Die Entstehung der „Doppelherrschaft“

Am Nachmittag des 27. Februar, einem Montag, war die Dynastie der Romanows, die Russland seit 1613 regiert hatte, von der Massenbewegung der Arbeiter und Soldaten hinweggefegt worden. Mit der Zerstörung der alten Staatsmacht stellte sich sofort die Frage, welches politische System die Autokratie ersetzen sollte. Die Vertreter der russischen Bourgeoisie, verwirrt und verängstigt, kamen im Taurischen Palais zusammen. Sie gründeten einen vorläufigen Duma-Ausschuss, der sich kurz darauf als Provisorische Regierung konstituierte. Die Bourgeoisie, die über die Massenbewegung zu Tode erschrocken war, wollte vor allem die Revolution so schnell wie möglich unter Kontrolle bekommen, die materiellen Interessen der Reichen und der Besitzer von Privateigentum möglichst schützen und den imperialistischen Krieg fortsetzen.

Zur gleichen Zeit traten im selben Gebäude die gewählten Vertreter des Volkes in einem Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten zusammen, um die Interessen der revolutionären Massen zu verteidigen und zu vertreten. Mit diesem Instrument der realen und potenziellen Arbeitermacht zog die russische Arbeiterklasse die Lehren aus der Revolution von 1905. Während der St. Petersburger Sowjet von 1905 – unter seinem Vorsitzenden Leo Trotzki – erst in den letzten Wochen der Arbeitermassenbewegung auf deren Höhepunkt entstand, wurde der Petrograder Sowjet schon in der ersten Woche der Revolution von 1917 gebildet.

Die Klassenspaltung der russischen Gesellschaft, die durch den Sturz der autokratischen Zarenherrschaft noch nicht überwunden war, brachte eine Doppelherrschaft hervor. Die Existenz zweier rivalisierender Regierungen, die für unversöhnliche Klasseninteressen einstanden, schuf eine instabile Situation. Trotzki erklärte dieses eigenartige Phänomen mit den Worten: „Die Spaltung der Macht kündet nichts anderes an als den Bürgerkrieg.“ [14]

In den nächsten acht Monaten entwickelte sich die Revolution in Form eines Konflikts zwischen der bürgerlichen Provisorischen Regierung und dem Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten. Hätte der Ausgang dieses Kampfs nur von der arithmetischen Berechnung der gegnerischen Kräfte abgehangen, dann hätte es keine acht Monate gebraucht, um eine Entscheidung herbeizuführen.

Die Provisorische Regierung war von Anfang an praktisch machtlos. Ihre Autorität hing nahezu vollständig von der Unterstützung ab, die ihr die politischen Führer des Sowjets gewährten – in erster Linie Menschewiki und Sozialrevolutionäre. Sie beharrten darauf, dass es sich bei dem Umsturz in Russland um eine rein bürgerlich-demokratische Revolution handelte, dass ein sozialistischer Sturz des Kapitalismus nicht auf der Tagesordnung stand und dass daher der Sowjet – als Vertreter der Arbeiterklasse und der armen Bauernschaft – die Macht nicht in die eigenen Hände nehmen konnte.

In den ersten Wochen nach der siegreichen Februarrevolution gab es keine Opposition gegen diese fügsame Haltung, die das Exekutivkomitee des Sowjets einnahm. Selbst die Bolschewistische Partei beugte sich – da sich Lenin noch im Exil befand und die Führung in den Händen von Kamenew und Stalin lag – der Unterstützung der Provisorischen Regierung und damit der fortgesetzten Kriegsbeteiligung Russlands. Diese politische Anpassung wurde fortgesetzt, bis Lenin am 4. April nach Russland zurückkehrte.

Lenins Rückkehr nach Petrograd

Lenins Rückkehr nach Russland und seine Ankunft am Finnländischen Bahnhof in Petrograd gehört zu den dramatischsten Ereignissen der Weltgeschichte. Als die Revolution ausbrach, befand er sich in der Schweiz, wo er in der Ziegelgasse in der Altstadt von Zürich eine kleine Wohnung gemietet hatte. Die Umstände der Reise Lenins vom Züricher Hauptbahnhof nach Petrograd sollten sich für den Verlauf der Revolution als maßgeblich erweisen. Unter den Bedingungen des Kriegs konnte er nur nach Russland gelangen, wenn er durch Deutschland fuhr. Lenin war völlig klar, dass reaktionäre Chauvinisten ein Geschrei anstimmen würden, wenn er durch ein Land reisen würde, das sich im Krieg mit Russland befand. Doch die Zeit drängte. In seiner Abwesenheit ließ sich die Bolschewistische Partei in den Dunstkreis der menschewistischen Sowjetführer hineinziehen, die eine kompromisslerische Politik gegenüber der Provisorischen Regierung vertraten. Lenin handelte aus, dass er in einem „plombierten Zug“ durch Deutschland fahren durfte, sodass jeder Kontakt zwischen ihm und Vertretern der deutschen Staatsmacht ausgeschlossen war.

Kaum hatte Lenin vom Ausbruch der Revolution in Russland erfahren, begann er mit der Ausarbeitung einer unversöhnlichen revolutionären Opposition gegen die Provisorische Regierung. Seine erste Reaktion auf die Revolution ist in einer Reihe detaillierter Stellungnahmen dokumentiert, die als „Briefe aus der Ferne“ bekannt wurden.

Die Politik, die Lenin in den ersten Tagen der Revolution vertrat, basierte auf seiner Analyse des imperialistischen Kriegs und war die Fortsetzung des revolutionären Antikriegsprogramms, für das er auf der Zimmerwalder Konferenz vom September 1915 gekämpft hatte. Dort hatte er darauf beharrt, dass der imperialistische Krieg zu einer sozialistischen Revolution führen werde. Seine Parole, dass der imperialistische Krieg in einen Bürgerkrieg verwandelt werden müsse, war die programmatische Konkretisierung dieser Perspektive. Durch den Sturz der zaristischen Autokratie sah Lenin seine Analyse bestätigt. Der Aufstand in Russland war kein isoliertes nationales Ereignis, sondern das erste Stadium des Aufstands der europäischen Arbeiterklasse gegen den imperialistischen Krieg und damit der Auftakt zur sozialistischen Weltrevolution.

Mit seiner Analyse der russischen Ereignisse im internationalen Kontext des Weltkriegs stellte sich Lenin in Gegensatz nicht nur zu den menschewistischen Führern des Sowjets, sondern auch zu großen Teilen der bolschewistischen Parteiführung in Petrograd. Die Führer der Menschewiki argumentierten, dass die russische Kriegsführung durch den Sturz des Zaren einen anderen Charakter angenommen habe. Es handele sich nun um demokratisch legitimierte Landesverteidigung.

Die erste Reaktion der Bolschewistischen Partei, die von untergeordneten Führern ihrer Petrograder Organisation formuliert wurde, bestand in einer Bekräftigung der unversöhnlichen Ablehnung des Kriegs, für die Lenin in Zimmerwald gekämpft hatte. Erneut forderten sie die Verwandlung des imperialistischen Kriegs in einen Bürgerkrieg. Doch als hochrangige Führer aus dem sibirischen Exil in Petrograd eintrafen, änderte sich die politische Linie der Partei.

Die Ankunft Kamenews und Stalins Mitte März hatte nahezu sofort eine dramatische politische Wende zur Folge. Kamenew trat für die Landesverteidigung ein, die den Krieg rechtfertigte, und veröffentlichte mit Stalins Unterstützung in der Prawda, dem Organ der Bolschewiki, am 15. März eine Erklärung, in der es hieß: „Wenn Armeen einander gegenüberstehen, wäre es die größte politische Blindheit, eine von ihnen aufzufordern, die Waffen niederzulegen und nach Hause zu gehen ... Ein freies Volk bleibt unerschütterlich auf seinem Posten und beantwortet Kugel um Kugel.” [15]

Die „Aprilthesen“

Suchanow hat Lenins Rückkehr nach Russland lebhaft beschrieben. Die Bolschewistische Partei bereitete ihrem heimkehrenden Führer einen rauschenden Empfang. Die Führer des Sowjets, die wussten, dass Lenins jahrelange revolutionäre Arbeit sein Ansehen unter den fortgeschrittenen Arbeitern Petrograds enorm gesteigert hatte, sahen sich gezwungen, an der offiziellen Willkommensfeier teilzunehmen. Als Lenin aus dem Zug stieg, wurde ihm ein wunderschöner Strauß roter Rosen überreicht, der wenig mit seiner Erscheinung harmonierte. Offensichtlich froh, in der Hauptstadt der Revolution angekommen zu sein, begab sich Lenin schnell in die Wartehalle des Finnländischen Bahnhofs. Dort traf er auf eine mürrische Delegation von Sowjetvertretern, angeführt vom Sowjetvorsitzenden, dem aus Georgien stammenden Nikolaj Tschcheïdse. Dessen mit steifem Lächeln vorgetragene Willkommensrede konzentrierte sich darauf, Lenin aufzufordern, die Einheit der Linken nicht zu stören. Lenin beachtete die Rede kaum, als betreffe sie ihn nicht, berichtet Suchanow. Er starrte an die Decke, suchte im Publikum nach bekannten Gesichtern und ordnete die Blumen des Straußes, den er immer noch in den Händen hielt. Kaum hatte Tschcheïdse seine düsteren Bemerkungen abgeschlossen, donnerte Lenin los:

„Liebe Genossen, Soldaten, Matrosen und Arbeiter! Ich bin glücklich, in eurer Person die siegreiche Russische Revolution zu begrüßen, euch als die Avantgarde der proletarischen Weltarmee zu begrüßen… Der imperialistische Raubkrieg ist der Beginn eines Bürgerkriegs in ganz Europa ... Die Stunde ist nicht fern, wo auf den Ruf unseres Genossen Karl Liebknecht die Völker die Waffen gegen ihre Ausbeuter, die Kapitalisten, richten werden… Die Morgenröte der sozialistischen Weltrevolution hat schon begonnen… In Deutschland brodelt es… Der gesamte europäische Kapitalismus kann jederzeit zusammenbrechen. Die Russische Revolution, von euch vollbracht, hat eine neue Epoche eingeleitet. Es lebe die sozialistische Weltrevolution!“ [16]

Suchanow schildert den überwältigenden Eindruck von Lenins Worten:

„Das war äußerst interessant! Uns, die wir gänzlich in der undank­baren Routinearbeit der Revolution versunken waren, … erschien vor unseren Augen plötzlich ein strahlendes, blendendes, fremdartiges Licht, das uns für alles blind machte, was bis dahin unser Leben ausgemacht hatte... Lenins Stimme, die uns unmittelbar aus dem Eisenbahnwagen entgegenschallte, war eine Stimme ‚von außen her‘. Zu uns in die Revolution drang ein zwar ihrem ‚Kontext‘ nicht widersprechender, auch nicht dissonan­ter, aber doch ein neuer, scharfer, etwas betäubender Ton.“ [17]

Sich seiner eigenen Reaktion auf Lenins Worte entsinnend, gesteht Suchanow ein, „dass Lenin im Kern der Sache tausendmal recht hatte“, als er „den Beginn der sozialistischen Weltrevolution konstatierte“ und „die unlösbaren Bande zwischen dem Weltkrieg und dem Zusammenbruch des imperia­listischen Systems aufzeigte…“. [18] Suchanow, dessen ambivalente politische Haltung selbst die am weitesten links stehenden Elemente unter den Menschewiki teilten, hielt es jedoch nicht für möglich, Lenins Perspektive, so richtig sie auch sein mochte, zur Grundlage des praktischen revolutionären Handelns zu machen.

Lenin begab sich vom Empfang am Finnländischen Bahnhof zu einem kurzen Mittagessen mit seinen alten Genossen und dann zu einer Versammlung. Dort skizzierte er in einem informellen, etwa zweistündigen Vortrag die Grundzüge dessen, was in ausgearbeiteter Form als „Aprilthesen“ in die Geschichte eingehen sollte. Lenin erklärte, dass die demokratische Revolution nur auf der Grundlage einer sozialistischen Revolution verteidigt und vollendet werden könne. Voraussetzung sei die Ablehnung des imperialistischen Kriegs, den Sturz der bürgerlichen Provisorischen Regierung und die Übergabe der Staatsmacht an die Sowjets.

Suchanow, dem es gelungen war, als Nichtparteimitglied Zugang zur Versammlung zu bekommen, schrieb über den Vortrag:

„Ich denke, dass Lenin nicht damit rechnete, sein ganzes Credo und sein gesamtes Programm für die sozialistische Weltrevolution in seiner Antwort darlegen zu müssen. Die Rede war wahrscheinlich in erheblichem Maße eine Improvisation und zeichnete sich darum weder durch sonderliche Kompaktheit noch durch einen ausgearbeiteten Plan aus. Man spürte jedoch, dass Lenin von all den Ideen seit langem beherrscht wur­de und dass er sie schon mehr als einmal vertreten hatte…

Lenin setzte natürlich bei der ‚sozialistischen Weltrevolution‘ an, die als Ergebnis des Weltkrieges auszubrechen im Begriff sei. Die Krise des Imperialismus, die sich im Krieg äußerte, könne nur durch den Sozialismus beendet werden. Der imperialistische Krieg werde zwangs­läufig in einen Bürgerkrieg umschlagen; er könne nur durch einen Bür­gerkrieg, nur durch eine sozialistische Weltrevolution beendet werden.“ [19]

Lenins Strategie stand nun im Einklang mit Trotzkis Theorie der permanenten Revolution. Sein politisches Programm stützte sich nicht vorrangig auf eine Einschätzung der nationalen Bedingungen und Möglichkeiten, wie sie sich in Russland darboten. Die entscheidende Frage für die Arbeiterklasse war nicht, ob sich der Kapitalismus im Rahmen des russischen Nationalstaats weit genug entwickelt habe, um den Übergang zum Sozialismus zu ermöglichen. Sondern die russische Arbeiterklasse befand sich in einer historischen Lage, in der ihr eigenes Schicksal untrennbar mit den Kämpfen der europäischen Arbeiterklasse gegen den imperialistischen Krieg und seine Ursache, das kapitalistische System, verbunden war.

Trotzkis Rückkehr nach Russland

Nachdem Lenin den Widerstand in seiner eigenen Partei überwunden hatte, waren die Bolschewiki in der Lage, den Kampf gegen den politischen Einfluss der Menschewiki und der Sozialrevolutionäre aufzunehmen. Diese Bemühungen erhielten durch Trotzkis Rückkehr im Mai starke Unterstützung. Trotzkis Ankunft in Petrograd war verzögert worden, weil ihn die britischen Behörden im kanadischen Halifax an Bord des Schiffes, das von New York nach Russland fuhr, verhaftet und einen Monat lang in ein Kriegsgefangenenlager gesperrt hatten. Aufgrund der Proteste, die sich in Russland gegen Trotzkis illegale Verhaftung erhoben, sah sich die Provisorische Regierung gezwungen, von den Briten seine Freilassung zu verlangen.

Doch weder die Provisorische Regierung noch die Sowjetführer waren über Trotzkis Ankunft erfreut. Sie erwarteten nicht, dass er beruhigend auf die sich radikalisierenden Arbeiter einwirken würde. Suchanow erinnert sich: „Als er noch außerhalb der Bolschewistischen Partei stand, zirkulierten unzählige Gerüchte über ihn, er sei noch ‚schlimmer als Lenin‘.“ [20]

Die früheren Meinungsverschiedenheiten mit Lenin waren nun überwunden, und Trotzki wurde Mitglied der Bolschewistischen Partei. Er übernahm sofort eine führende Rolle unmittelbar hinter Lenin. Viele der engsten Verbündeten Trotzkis, die in der Petrograder Interdistrikt-Gruppe (Meschrajonzi) aktiv waren, folgten seinem Beispiel, traten den Bolschewiki bei und sollten in der Oktoberrevolution, dem Bürgerkrieg und der Sowjetregierung eine führende Rolle spielen. Stalin sollte schließlich die meisten herausragenden Vertreter der Meschrajonzi ermorden, die in den 1930er Jahren noch lebten.

Die Provisorische Regierung konnte keine der Hoffnungen erfüllen, die die Februarrevolution geweckt hatte. Nicht bereit, ihre eigenen imperialistischen Ziele aufzugeben, und abhängig vom britischen, französischen und amerikanischen Imperialismus, weigerte sich die Provisorische Regierung, den Krieg zu beenden. Unter Missachtung der Stimmungen der Massen begann die Kerenski-Regierung im Juni eine militärische Offensive, die in einem Desaster endete. Die Agitation der Bolschewistischen Partei, die die Sowjetführer aufforderte, mit der Provisorischen Regierung zu brechen und die Macht in die eigenen Hände zu nehmen, stieß auf wachsende Unterstützung. Je mehr das Prestige der Bolschewistischen Partei wuchs, desto fieberhafter versuchten die Provisorische Regierung, die kapitalistische Presse und die führenden Menschewiki und Sozialrevolutionäre, Lenin zu verleumden und zu diskreditieren.

Auf die Unterdrückung von Demonstrationen gegen die Regierung in den „Julitagen“ folgte eine wütende Kampagne gegen die Bolschewistische Partei und insbesondere gegen Lenin. Der Umstand, dass er auf dem Rückweg nach Russland durch Deutschland gereist war, diente als Grundlage für eine Verleumdungskampagne, die die politischen Voraussetzungen für Lenins Ermordung schaffen sollte.

Staat und Revolution

Am 7. Juli ordnete die Provisorische Regierung Lenins Verhaftung an. Lenin, der sehr genau wusste, dass ihn seine Häscher bereits vor der Einlieferung ins Gefängnis ermorden würden, tauchte ab. In den folgenden beiden Monaten, während seiner erzwungenen Abwesenheit aus Petrograd, schrieb er „Staat und Revolution“. Im Vorwort des Buches erklärte er:

„Die Frage des Staates gewinnt gegenwärtig besondere Bedeutung sowohl in theoretischer als auch in praktisch-politischer Hinsicht. Der imperialistische Krieg hat den Prozess der Umwandlung des monopolistischen Kapitalismus in staatsmonopolistischen Kapitalismus außerordentlich beschleunigt und verschärft… Die unerhörten Gräuel und Unbilden des sich in die Länge ziehenden Krieges machen die Lage der Massen unerträglich und steigern ihre Empörung. Sichtbar reift die internationale proletarische Revolution heran. Die Frage nach ihrem Verhältnis zum Staat gewinnt praktische Bedeutung.“ [21]

In diesem bemerkenswerten Werk führt Lenin, wie er es nannte, historische „Ausgrabungen“ durch, um die wahre Lehre von Marx und Engels vom Staat wieder herzustellen – vom Staat als Organ der Klassenherrschaft, als Organ zur Unterdrückung der einen Klasse durch die andere. Der Staat existiert nur, weil es Klassengegensätze gibt und weil diese unversöhnlich sind. Lenin wendet sich gegen bürgerliche und kleinbürgerliche Ideologen, die „Marx in einer Weise ‚verbessern‘, dass der Staat sich als ein Organ der Klassenversöhnung erweist“. [22]

Lenin betrachtete „Staat und Revolution“ als äußerst wichtiges Werk. Er erließ Anweisungen, dass seine Veröffentlichung im Falle seines frühzeitigen Tod höchste Priorität habe.

Doch Lenin blieb am Leben. Ab September wandte sich die politische Lage scharf nach links. Bedroht durch einen konterrevolutionären Putsch des Generals Kornilow sahen sich die Sowjetführer gezwungen, die Massen zu mobilisieren und zu bewaffnen. Trotzki, der seit Juli im Gefängnis saß, wurde freigelassen. Angesichts des massenhaften Widerstands der Arbeiterklasse, bei dessen Organisierung die Bolschewiki eine entscheidende Rolle spielten, desertierten Kornilows Soldaten und der Putschversuch scheiterte.

„Alle Macht den Sowjets“

Kerenski, der vor dem Putsch heimlich mit Kornilow zusammengearbeitet hatte, war politisch diskreditiert. Während sich Lenin weiterhin versteckte, wuchs die Unterstützung für die Bolschewistische Partei rasch an, die die Parole „Alle Macht den Sowjets“ ausgab. Große Teile der Arbeiterklasse wandten den Menschewiki den Rücken zu, die sich weiterhin weigerten, mit der Provisorischen Regierung zu brechen und der Übergabe der Staatsmacht an die Sowjets zuzustimmen.

Als sich die wirtschaftliche und politische Krise im September weiter verschärfte und sich ein allgemeiner Bauernaufstand über Russland ausbreitete, rief Lenin das Zentralkomitee der Bolschewistischen Partei auf, konkrete organisatorische Vorbereitungen für einen Aufstand zur Eroberung der Macht zu treffen. Am 10. Oktober kam Lenin heimlich nach Petrograd und nahm an einem Treffen des Zentralkomitees teil, das eine Resolution zugunsten eines Aufstands verabschiedete. Es gab jedoch innerhalb der Partei weiterhin beträchtlichen Widerstand gegen den Versuch, die Provisorische Regierung zu stürzen, und auch über die Ausarbeitung eines strategischen Plans für den Aufstand.

Es ist nicht möglich, im Rahmen dieses Vortrags im Einzelnen auf den Aufstand der Bolschewiki einzugehen. Dazu wäre eine sorgfältige Untersuchung der schwerwiegenden Meinungsverschiedenheiten erforderlich, die in den Tagen vor der Machteroberung innerhalb der bolschewistischen Führung aufkamen. Trotzkis „Lehren des Oktober“ und seine „Geschichte der Russischen Revolution“ stellen die Konflikte innerhalb der Bolschewistischen Partei und deren politische und historische Bedeutung in einer Weise dar, die in ihrem Verständnis des Wechselspiels zwischen objektiven und subjektiven Faktoren im revolutionären Prozess bis heute unübertroffen ist.

Eine wichtige Frage zur Oktoberrevolution muss jedoch hier angesprochen werden. Die Behauptung, der Sturz der Provisorischen Regierung im Oktober sei ein Putsch von Verschwörern gewesen, die keine nennenswerte Unterstützung unter den Massen gehabt hätten, ist von politischen Gegnern der Bolschewiki und reaktionären Historikern ein ganzes Jahrhundert lang endlos wiederholt und in unzähligen Varianten neu aufbereitet worden. Kein geringerer als Kerenski, der bis 1970 lebte und sich sozusagen selbst um ein halbes Jahrhundert überlebte, beharrte bis zu seinem Tod im Alter von 89 Jahren darauf, dass seine Regierung das Opfer einer ruchlosen, kriminellen Verschwörung geworden sei.

Weshalb die Bolschewiki siegten

Die Verunglimpfung der Oktoberrevolution als Putsch, der keinerlei Massenunterstützung gehabt habe, ist von zahlreichen wissenschaftlichen Untersuchungen widerlegt worden. Besonders umfassend und beeindruckend sind in dieser Hinsicht die Werke des amerikanischen Historikers Alexander Rabinowitch, der sein Lebenswerk der Erforschung der Russischen Revolution widmete. Im Vorwort zu „Die Sowjetmacht. Das erste Jahr“, seinem 2007 veröffentlichten dritten Buch zu diesem Thema, schreibt Professor Rabinowitch über die beiden vorangehenden Bände:

The Bolsheviks Come to Power und Prelude to Revolution widersprachen gängigen Vorstellungen von der Oktoberrevolution, sah man doch im Westen die Oktoberrevolution gemeinhin als eine Art Militärputsch, den eine kleine, verschworene Bande revolutionärer Fanatiker unter der genialen Führung Lenins angezettelt hatte. Demgegenüber ergaben meine Nachforschungen, dass die Bolschewistische Partei in Petrograd 1917 zu einer Massenpartei herangewachsen war und keineswegs eine monolithische Bewegung darstellte, die sich im Gleichschritt hinter Lenin eingereiht hätte. Ihre Führung bestand vielmehr aus einem linken, einem zentristischen und einem gemäßigten Flügel, die alle dazu beitrugen, eine revolutionäre Strategie und Taktik zu entwickeln. Weiter zeigte sich, dass der Erfolg, der der Partei nach dem Sturz des Zaren im Februar 1917 im Kampf um die Macht beschieden war, folgenden ausschlaggebenden Faktoren zuzuschreiben war: der organisatorischen Flexibilität der Partei, ihrer Offenheit und Aufgeschlossenheit für die Anliegen der Bevölkerung sowie ihren engen und sorgsam gepflegten Verbindungen zu Fabrikarbeitern, Soldaten der Petrograder Garnison und den Matrosen der baltischen Flotte. Ich kam zu dem Ergebnis, dass die Oktoberrevolution in Petrograd weniger eine militärische Operation war, sondern eher ein allmählicher Prozess auf dem Boden einer in der Bevölkerung tief verwurzelten politischen Kultur sowie einer weit verbreiteten Unzufriedenheit mit den Ergebnissen der Februarrevolution, kombiniert mit der unwiderstehlichen Anziehungskraft der Versprechen der Bolschewiki – sofortiger Friede, Brot, Land für die Bauern und Basisdemokratie durch Mehrparteiensowjets.“ [23]

Professor Rabinowitch wuchs in einer Familie auf, die enge persönliche Beziehungen zu führenden Menschewiki pflegte. Er selbst kannte Irakli Zereteli, den Führer der menschewistischen Fraktion im Petrograder Sowjet, persönlich. Er hatte die menschewistische Version der Geschichte viele Male gehört. Aber seine eigenen wissenschaftlichen Forschungen führten Professor Rabinowitch zu Schlussfolgerungen, die den Erklärungen der Menschewiki für ihre Niederlage im Jahr 1917 widersprachen.

Die kapitalistisch-imperialistische Reaktion auf die Oktoberrevolution

Unmittelbar nach der Oktoberrevolution verstand weder die russische noch die internationale Bourgeoisie das volle Ausmaß der Ereignisse in Petrograd. Die herrschenden Eliten reagierten, als wäre der bolschewistische Sieg ein Alptraum, aus dem sie bald wieder erwachen würden. Am 9. November (Washingtoner Zeit), weniger als 48 Stunden nach dem Sturz der Provisorischen Regierung, meldete die New York Times: „Washington und Botschaftsvertreter erwarten, dass die Herrschaft der Bolschewiki kurz sein wird“. Die Times versicherte ihren Lesern:

„Man ist hier der Meinung, die russische Lage sei nicht so düster, wie in Meldungen aus Petrograd dargestellt. Vertreter des Außenministeriums und der russischen Botschaft sind übereinstimmend der Meinung, die gegenwärtige Kontrolle der Petrograder Regierung durch das revolutionäre Militärkomitee der Bolschewiki könne nicht lange dauern … Ein hoher Beamter sagte heute, seiner Meinung nach werde das Ergebnis eher positiv als negativ sein, weil es einem starken Mann die Möglichkeit biete, aufzusteigen und die Lage unter seine Kontrolle zu bringen.“

Aber der starke Mann, den die Regierung von Präsident Woodrow Wilson erwartet hatte, trat nicht auf, und nach einer Woche wich das optimistische Vertrauen, die Revolution werde bald im Blut ertränkt, empörter Wut. Am 16. November veröffentlichte die Times unter dem Titel „Die Bolschewiki“ einen Leitartikel, der Kerenski vorwarf, er „spiele“ mit den Revolutionären und sei von dem Kornilow-Putsch zurückgeschreckt. Hasserfüllt fuhr der Leitartikel fort:

„Auch wenn Kerenski versagt hat, könnte bald jemand anderes auftreten, der stark genug ist, den destruktiven Bolschewiki die Macht aus den Händen zu reißen. Sie werden sie nicht auf Dauer halten können, weil sie erbärmlich ignorant und oberflächlich sind, politische Kinder, ohne das geringste Verständnis für die gewaltigen Kräfte, mit denen sie spielen. Es sind Männer, die, außer dass sie nicht auf den Mund gefallen sind, keine Befähigung für ihre herausgehobene Stellung haben. Überließe man sie lange genug sich selbst, würde ihre bloße Inkompetenz sie vernichten, auch wenn sie dann vielleicht durch andere abgelöst würden, die genauso schlecht sind. So geschah es während der französischen Revolution, einem Kaleidoskop, in dem eine Riege von redegewandten Stümpern und Ignoranten die andere an der Regierung ablöste, eine schlimmer als die andere, bis Inkompetenz und Ignoranz zur völligen Zerstörung führten.“

Und was hatten die Bolschewiki in den Stunden und Tagen nach dem Sturz der Provisorischen Regierung getan, um den Zorn der New York Times und der Vertreter des internationalen kapitalistischen Imperialismus zu entfachen, für den sie spricht? Als Erstes beschlossen die Bolschewiki ein Dekret über den Frieden, das alle kriegsführenden Parteien aufforderte, Verhandlungen über ein Ende des Kriegs ohne Annexionen und Kontributionen aufzunehmen. Zweitens verabschiedete die neue Sowjetregierung ein Dekret über Grund und Boden, in dem es heißt: „Das Recht auf Privateigentum an Grund und Boden wird für immer aufgehoben, der Boden darf weder verkauft noch gekauft, verpachtet, verpfändet oder auf irgendeine andere Weise veräußert werden.“ [24]

Die Stellung der Oktoberrevolution in der Weltgeschichte

So begann die größte soziale Revolution der Weltgeschichte. Es hatte andere Revolutionen gegeben: die englische Revolution von 1640-1649, die amerikanische Revolution von 1776-1783, die französische Revolution von 1789-1794 und die zweite amerikanische Revolution von 1861-1865. Dass keine von ihnen die Ideale verwirklichte, die sie verkündet hatte, oder auch nur in die Nähe kam, sie zu verwirklichen, tut ihrer Bedeutung als Meilensteine der historischen Entwicklung der Menschheit keinen Abbruch. Nichts ist derart abstoßend wie das Bemühen der Vertreter der Postmoderne, die Opfer zu diskreditieren, die vergangene Generationen im Bemühen um eine bessere Welt gebracht haben. Marxistische Sozialisten haben nicht die geringste Sympathie für diese Art von kleinbürgerlichem Zynismus. Während wir die historischen Schranken der Bemühungen von Revolutionären früherer Epochen verstehen, zollen wir ihnen Respekt.

Welthistorisch betrachtet verkörpert die Russische Revolution die höchste und bisher unübertroffene Anstrengung der Menschheit, die Ursachen von Ungerechtigkeit und menschlichem Elend zu identifizieren und zu beenden. Die Oktoberrevolution erreichte eine Übereinstimmung des menschlichen Bewusstseins mit der objektiven Notwendigkeit, wie es sie bisher nicht gegeben hatte. Das fand nicht nur in den Entscheidungen und im Handeln ihrer politischen Führung Ausdruck. Wenn man die Oktoberereignisse nur vom Standpunkt des Handelns ihrer Führer, selbst der größten unter ihnen, wahrnimmt, missversteht man die Bedeutung der Revolution. In einer Revolution machen die Massen Geschichte.

Als die Arbeiterklasse die Provisorische Regierung stürzte, tat sie dies aufgrund eines weitgehenden Verständnisses der Gesetze der sozioökonomischen Entwicklung. „Die Wissenschaftlichkeit des Gedankens besteht darin“, schrieb Trotzki, „dass er den objektiven Prozessen entspricht und diese Prozesse zu beeinflussen und zu lenken fähig ist.“ [25] In diesem grundlegenden Sinne erreichten Denken und Praxis von Millionen Menschen ein wissenschaftliches Niveau. Die wissenschaftliche Theorie erfasste die Massen und wurde zur materiellen Kraft. Die Arbeiterklasse machte sich daran, ein archaisches sozioökonomisches System abzuschaffen, die Anarchie des kapitalistischen Marktes zu beenden und bewusste Planung in die Organisation des Wirtschaftslebens einzuführen. In den 1920er und 1930er Jahren, als es in Amerika noch Intellektuelle gab, die demokratische Grundsätze verteidigten und eine kritische Haltung gegenüber der kapitalistischen Gesellschaft einnahmen, wurde die historische Bedeutung des „sowjetischen Experiments“, wie es damals genannt, wurde, weitgehend anerkannt.

1931 besprach der liberale amerikanische Philosoph John Dewey in der New Republic mehrere Bücher über die Sowjetunion. Dewey bemerkte: „Russland ist eine Herausforderung für Amerika, nicht aufgrund der einen oder anderen Eigenschaft, sondern weil wir keinen gesellschaftliche Mechanismus haben, um die technologischen Mechanismen zu kontrollieren, denen wir unser Schicksal anvertraut haben.“ Er äußerte Sympathie für die marxistische Aussage, dass „es möglich ist, gesellschaftliche Erscheinungen zu kontrollieren, so dass die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft dem menschlichen Willen untergeordnet werden kann“. Dann zitierte er zustimmend eine Kritik des Kapitalismus, die der damals prominente Liberale George S. Counts in seinem Buch „The Soviet Challenge to America“ formuliert hatte:

„In ihrer gegenwärtigen Form ist die Industriegesellschaft ein Ungeheuer ohne Seele und innere Bedeutung. Es ist ihr gelungen, die einfacheren Kulturen der Vergangenheit zu zerstören, aber nicht, eine eigene Kultur zu entwickeln, die des Namens wert wäre … Ob dieser Zustand des moralischen Chaos die zeitweilige Fehlentwicklung einer Übergangsepoche ist oder das unvermeidliche Produkt einer Gesellschaft, deren Organisationsprinzip der private Gewinn ist, zählt zu den wichtigsten Fragen unserer Zeit.“ [26]

Das Schicksal der Russischen Revolution – von der Oktoberrevolution 1917 bis zur Auflösung der Sowjetunion – ist die wichtigste und komplexeste historische Erfahrung des 20. Jahrhunderts. Die Probleme, mit denen sie kämpfte, bestehen nicht nur fort, sie sind größer denn je zuvor. Hundert Jahre nach der Russischen Revolution von 1917 bewegt sich der Kapitalismus auf eine Katastrophe zu. Es ist offensichtlich, dass die Krise der kapitalistischen Gesellschaft nicht nur, wie Professor Counts es ausdrückt, „die zeitweilige Fehlentwicklung einer Übergangsepoche“ ist. Das Weiterbestehen dieser historisch überkommenen wirtschaftlichen Organisationsform – basierend auf dem Privateigentum an den Produktionsmitteln und Rohstoffen und auf der brutalen Ausbeutung der großen Masse der Menschheit im Interesse von Unternehmensprofiten und privatem Reichtum – ist nicht nur das Haupthindernis für den menschlichen Fortschritt. Ihr Weiterbestehen wird rasch unvereinbar mit dem Fortbestehen des menschlichen Lebens. Kein einziges bedeutendes gesellschaftliches Problem kann im Rahmen des Kapitalismus gelöst werden. Ja, die Logik des Kapitalismus und des Nationalstaatensystems, das die Grundlage der imperialistischen Geopolitik darstellt, führt unweigerlich zu einem weiteren globalen Krieg, der diesmal mit Nuklearwaffen ausgefochten wird. Nichts kann die Katastrophe verhindern, außer der bewusste Kampf für den Weltsozialismus. Das ist der Hauptgrund, weshalb es notwendig ist, die Russische Revolution zu studieren.

Anmerkungen

Die Tonaufnahme des Originalvortrags kann hier abgehört werden.

1. Marx/Engels: Werke, Band 28, Berlin 1963, S. 508

2. Leo Trotzki, Die permanente Revolution, Essen 1993, S. 185-186

3. W.I. Lenin: Werke, Band 5, Berlin 1955, S. 379

4. W.I. Lenin: Werke, Band 14, Berlin 1955, S. 328-329

5. Leo Trotzki, „Klasse, Partei und Führung“, in: Revolution und Bürgerkrieg in Spanien, Band 2, Frankfurt 1976, S. 342

6. Leo Trotzki, Die Lehren des Oktober, Dortmund 1978, S. 17

7. Leo Trotzki, „Der Krieg und die Internationale“, in Leo Trotzki, Europa im Krieg, Essen 1998, S. 451]

8. W.I. Lenin: Werke, Band 23, Berlin 1975, S. 261

9. Nikolaj Nikolajewitsch Suchanow, 1917: Tagebuch der russischen Revolution, München 1967, S. 15, 18

10. Rex A. Wade, The Russian Revolution 1917, Cambridge 2000, S. 31 (aus dem Englischen)

11. Ebd., S. 39 (aus dem Englischen)

12. W.I. Lenin: Werke, Band 31, Berlin 1966, S. 10

13. Leo Trotzki, Geschichte der Russischen Revolution, Frankfurt am Main 1960, S. 137–138

14. Ebd., S. 181

15. R. Craig Nation, War Against War, Durham und London 1989, S. 175 (aus dem Englischen)

16. Zitiert in Leo Trotzki, Geschichte der Russischen Revolution, Frankfurt am Main 1960, S. 251, und Nikolaj Nikolajewitsch Suchanow,1917: Tagebuch der russischen Revolution, München 1967, S. 281

17. N.N. Suchanow, op.cit., S. 281-282

18. Ebd. S. 282

19. Ebd. S. 288

20. N.N. Sukhanov, The Russian Revolution 1917, New York 1962, Volume II, S. 360 (aus dem Englischen)

21. W.I. Lenin: Werke, Band 25, Berlin 1972, S. 395

22. Ebd. S. 399

23. Alexander Rabinowitch, Die Sowjetmacht. Das erste Jahr, Essen 2010, S. x. (The Bolsheviks Come to Power ist 2012 unter dem Titel Die Sowjetmacht. Die Revolution der Bolschewiki 1917 ebenfalls in deutscher Sprache beim Mehring Verlag erschienen.)

24. „100 Schlüsseldokumente zur russischen und sowjetischen Geschichte

25. Leo Trotzki, Geschichte der Russischen Revolution, Frankfurt am Main 1960, S. 137

26. Zitiert in John Dewey, Volume 6: 1931-1932, Essays, Reviews and Miscellany, Carbondale and Edwardsville, 1989, p. 266 (aus dem Englischen)