Stuttgart: Daimler- Arbeiter fordern Freilassung der verurteilten Kollegen von Maruti Suzuki in Indien

Von K. Nesan
4. April 2017

Vor dem Daimler-Werk in Stuttgart-Untertürkheim haben zahlreiche Arbeiter den Kampf des Internationalen Komitees der Vierten Internationale (IKVI) für 31 Arbeiter des indischen Autobauers Maruti Suzuki unterstützt. Viele Daimler-Arbeiter sagten zu, die Online-Petition zu unterschreiben, die die Freilassung ihrer zu Unrecht verurteilten Kollegen in Indien fordert.

Mercedes-Benz Werk Stuttgart-Untertürkheim

Ein Gericht hat dreizehn Arbeiter von Maruti Suzuki in Manesar, im nordindischen Bundesstaat Haryana, zu Unrecht wegen „Totschlags“ zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt. Weitere achtzehn Kollegen sind wegen minder schwerer Delikte zu jahrelangen Gefängnisstrafen verurteilt worden. In einem Statement weist das IKVI diese juristische Verschwörung zurück und ruft zur Verteidigung der Maruti-Suzuki-Arbeiter auf.

Am 29. März verteilten WSWS-Reporter dieses Statement als Handzettel vor dem Daimler-Werk. Darin heißt es: „Das IKVI hat eine internationale Verteidigungskampagne ins Leben gerufen. Ihr Ziel besteht darin, die Arbeiterklasse in Indien, Südasien und auf der ganzen Welt in den Betrieben und in der Politik als unabhängige Kraft zu mobilisieren, um die Verschwörung von Staat und Konzern gegen die Maruti-Suzuki-Arbeiter zurückzuschlagen. Die internationale Arbeiterklasse muss den Kampf für die sofortige Freilassung aller unschuldig angeklagten Arbeiter aufnehmen und fordern, dass alle Urteile aufgehoben und sämtliche Arbeiter, die 2012 entlassen wurden, wieder eingestellt werden.“

An diesem Morgen wurden über 250 Handzettel an die Kollegen verteilt, deren Schicht um sechs Uhr früh begann. Als sie hörten, um was für ein abgekartetes Spiel es sich handelt, nahmen praktisch alle einen Handzettel und erklärten ihre Unterstützung für die Kampagne. Viele stimmten zu, dass das Management von Maruti Suzuki und die indische Regierung die Arbeiter wohl deshalb so gnadenlos verfolgen, weil diese gegen Dumpinglöhne, prekäre Verträge und brutale Arbeitsbedingungen kämpfen, und weil dieser Kampf die Profitinteressen schmälert. Manche waren der Meinung, sobald sich in Deutschland ein ähnlicher Kampf entwickle, müsse man auch hierzulande mit solchen Methoden rechnen.

Nach Schichtende um 14:00 Uhr sprachen viele Arbeiter, die herauskamen, bereitwillig mit den WSWS-Reportern. Sie sagten, sie seien mit dem Inhalt des Statements einverstanden, und versprachen, die Online-Petition zu unterschreiben. Es sei wichtig, sagten einige, dass auch Arbeiter in Deutschland die verheerenden Arbeits- und Existenzbedingungen in Indien verurteilten: „Schließlich sind wir alle Arbeiter und haben die gleichen Interessen.“

WSWS Reporter diskutiert mit Arbeiter

Roland F.: „Diese Arbeiter sind offenbar zu Unrecht verurteilt worden. Ich kann mir die Arbeitsbedingungen in Indien lebhaft vorstellen, und ich denke, dass das Management sie bewusst so hart bestraft, um ein Exempel zu statuieren. Ich unterstütze diese Kampagne. Sie müssen alle freigelassen werden. Ich arbeite jetzt seit dreißig Jahren hier, und oft gerate ich mit meinem Vorgesetzten aneinander. Auch hier im Betrieb ist es schon vorgekommen, dass Kollegen schikaniert worden sind, weil sie angeblich Probleme machten. Ich sage nicht, die Bedingungen seien mit Indien vergleichbar, aber auch hier übt das Management jeden Tag mehr Druck aus.“

Sinisa N.: „Ich kann mir nicht vorstellen, dass die hunderte Arbeiter, die angeklagt wurden, wirklich Verbrechen begangen hätten. Meiner Meinung nach haben sie wohl gegen das Management aufbegehrt und sich für bessere Arbeitsbedingungen stark gemacht. Sie müssen aber das Recht haben, für ihre Forderungen zu kämpfen. Ich finde eure Kampagne gut, denn ihr habt angefangen, die Wahrheit bekannt zu machen. Hier weiß keiner, was mit seinem Arbeitsplatz in Zukunft passiert. Vom Management kommen nur lauter Lügen. In der Belegschaft wächst die Unruhe.“

Bassam H.: „Ich habe gehört, dass diese Arbeiter ohne handfeste Beweise verurteilt worden sind, und es kommt mir vor wie in einer Diktatur. Selbstverständlich muss ich meine Solidarität ausdrücken. Ich werde diesen Handzettel sorgfältig lesen und eure Petition unterschreiben. Bei Daimler sind die Arbeitsbedingungen nicht so gut, wie viele Leute denken. Ich arbeite jetzt dreißig Jahre hier. Der Bereich, in dem ich arbeite, soll aufgelöst werden. Keiner weiß, was sie mit den 400 Arbeitern vorhaben. Wie man hört, sollen einige in andere Abteilungen versetzt werden, und die andern werden wohl mit einer Abfindung nach Hause geschickt.

Ich bin zwar in der Gewerkschaft, aber ich finde nicht, dass sie eine gute Arbeit machen. Sie tun nichts für die Arbeiter, sondern setzten durch, was der Vorstand sagt. Wirklich, füruns kommen nur Nachteile dabei heraus.“

Frank W.: „Vor kurzem habe ich in einem Dokumentarfilm gesehen, wie Arbeiter in multinationalen Konzernen in Asien behandelt werden. In Pakistan zahlt man in einer Schuhfabrik den Arbeitern zwei Euro am Tag. Es ist legitim, dass die Arbeiter gegen solche Bedingungen kämpfen. Billiglohnarbeit bedeutet von Anfang an, dass man die menschliche Würde missachtet.

Ich habe euer Flugblatt noch nicht gelesen, aber aus dem, was ihr sagt, entnehme ich, dass die verurteilten Arbeiter Bauernopfer geworden sind. Für mehr Profit würden die Bosse doch alles tun. Ich könnte die Petition unterstützen, um die Freilassung dieser Arbeiter zu fordern.

Ich arbeite für einen Subunternehmer in der Instandhaltung und Produktion. Im Ganzen bin ich schon fast dreißig Jahre bei Daimler, mit einer Unterbrechung von zwei bis drei Jahren. In den letzten zwanzig Jahren habe ich starke Veränderungen erlebt, die sich negativ auf die Arbeiter auswirken. Man ist ständig unter Druck. Früher gab es Könige und Prinzen, und heute ist es das Management, das solche Methoden anwendet.“

Halim K.: „Das ist eine Schande. Ich unterstütze eure Kampagne. Arbeiter müssen auch hier die Kampagne unterstützen. Ich glaube, man schickt sie ins Gefängnis, um die andern abzuschrecken. Die Familien der verurteilten Arbeiter leiden, und das sollen die anderen Arbeiter sehen, damit sie alles akzeptieren, was das Management will. Wer Geld und Macht hat, kann alles erreichen. Das muss aufhören.

Ich arbeite jetzt alles in allem seit zehn Jahren bei Daimler. Letztes Jahr bin ich in dieses Werk versetzt worden. Den Bereich, in dem ich neun Jahre lang war, hat man aufgelöst, und mir wurde diese Arbeit hier angeboten. Hätte ich sie abgelehnt, hätten sie mich nachhause geschickt. Obwohl die Arbeit hier hart ist, habe ich keine Lohnerhöhung erhalten.“