Diese Woche in der Russischen Revolution

1.–7. Mai: Ausbruch der Aprilkrise in Petrograd

3. Mai 2017

Die Petrograder Zeitungen veröffentlichen ein geheimes Telegramm des Außenministers der Provisorischen Regierung, worin Russland verspricht, die Geheimverträge des Zaren einzuhalten und „den Weltkrieg bis zum endgültigen Sieg weiterzuführen“. Arbeiter und Soldaten in Petrograd reagieren darauf mit riesigen Demonstrationen gegen die Regierung, die in die Aprilkrise münden.

Die Menschewiki, Sozialrevolutionäre, Volkstümler und andere politische Tendenzen im Umfeld der Provisorischen Regierung sind zutiefst diskreditiert. Die Provisorische Regierung weiß nicht weiter, verliert ihre Massenunterstützung und steht am Rande des Zusammenbruchs.

Die Bolschewiki erfreuen sich wachsender Popularität. Dabei sind sie intern weiterhin zerstritten. Ein radikaler Flügel fordert den sofortigen bewaffneten Aufstand, und ein rechter Flügel der „alten Bolschewiki“ orientiert sich am Status quo. Lenin hat im Wesentlichen Trotzkis Perspektive der permanenten Revolution übernommen. Auf der Petrograder Stadtkonferenz der Bolschewiki kämpft er für eine klare Klassenlinie und eine strategische Orientierung auf die Machteroberung.

Derweil sind in ganz Europa die Auswirkungen der russischen Februarrevolution zu spüren. Überall kommt es zu Massendemonstrationen, Aufständen und Meutereien in der Armee.

Petrograd, 3. Mai (20. April): Miljukows Geheimtelegramm wird veröffentlicht

Pawel Miljukow

Die Petrograder Zeitungen veröffentlichen ein geheimes Telegramm Pawel Miljukows, des Außenministers der Provisorischen Regierung, an die alliierten imperialistischen Regierungen. Die Note mit Datum vom 1. Mai (18. April) drückt „das Bestreben des ganzen Volkes [aus], den Weltkrieg bis zum endgültigen Sieg weiterzuführen“.

„Selbstverständlich“, heißt es darin weiter, „wird die Provisorische Regierung … die Verpflichtungen genau einhalten, die unseren Verbündeten gegenüber übernommen wurden.“ Dieses Telegramm, das hinter dem Rücken der russischen Arbeiter und Soldaten abgeschickt wurde, enthält nicht nur das Versprechen, den verhassten Krieg fortzusetzen. Die „Verpflichtungen gegenüber unseren Verbündeten“ bedeuten darüber hinaus, dass die Provisorische Regierung an den geheimen Abmachungen festhalten will, die der abgesetzte Zar mit den anderen imperialistischen Mächten getroffen hatte. Es sind Verträge, die auf die Zerstückelung und Annexion der eroberten Gebiete hinauslaufen.

„Die Karten sind aufgedeckt“, schreibt Lenin in einer scharfen Erklärung, die am selben Tag in der Prawda erscheint. „Wir haben allen Grund, den Herren Gutschkow und Miljukow für ihre Note, die heute in allen Zeitungen veröffentlicht ist, zu danken. Die Mehrheit des Exekutivkomitees des [Petrograder] Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten, die Volkstümler, die Menschewiki, alle jene, die bisher dazu aufgefordert haben, der Provisorischen Regierung zu vertrauen, sind zur Genüge gestraft.“

Denjenigen, die in Miljukow einen „unaufrichtigen Menschen“ sehen, antwortet Lenin: „Nicht darum handelt es sich. Es handelt sich darum, dass Gutschkow, Miljukow, Tereschtschenko, Konowalow Vertreter der Kapitalisten sind. Für die Kapitalisten aber ist die Eroberung fremder Länder eine Notwendigkeit. Sie bekommen dadurch neue Märkte, neue Gebiete für die Kapitalausfuhr, neue Möglichkeiten, Zehntausenden ihrer Söhnchen einträgliche Stellen zu beschaffen, usw. Es handelt sich darum, dass heute die Interessen der russischen Kapitalisten die gleichen sind wie die der englischen und der französischen Kapitalisten. Darum und nur darum liegen die Verträge des Zaren mit den englisch-französischen Kapitalisten der Provisorischen Regierung der russischen Kapitalisten so sehr am Herzen.“

„Arbeiter, Soldaten!“ schließt Lenin. „Erklärt jetzt, dass alle es hören: Wir fordern, dass bei uns eine einzige Staatsmacht bestehe – die Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten. Die provisorische Regierung, die Regierung einer Handvoll Kapitalisten, muss diesen Sowjets den Platz räumen.“ (Lenin Werke, Bd. 24, Berlin 1959, S. 177–179)

Mit der Losung „Nieder mit Miljukow!“ und der Forderung nach dem Rücktritt der „kapitalistischen Minister“ marschieren in Petrograd Tausende Soldaten zum Sitz der Provisorischen Regierung im Mariinski-Palais. Die Soldaten machen deutlich, dass sie nicht bereit sind, in einem imperialistischen Krieg für die Erfüllung der Geheimverträge des Zaren zu kämpfen. An der Demonstration beteiligen sich massenhaft Soldaten und Matrosen des Finnländischen und Moskauer Regiments, des 180. Reserveregiments und der Zweiten Baltischen Flotte.

In den Arbeitervierteln von Petrograd werden die Bolschewiki sehr aktiv, und die Ideen, die mit Lenins Aprilthesen verbunden sind, gewinnen immer mehr Anziehungskraft. Zum Beispiel nimmt das Petrograder Komitee des Elektrotechnischen Reservebataillons am gleichen Tag eine Resolution an, in der es heißt: „Nach Erwägung der Note der Provisorischen Regierung an die alliierten Regierungen betrachten wir diese Note als Beweis dafür, dass die Provisorische Regierung der gehorsame Diener nicht nur der imperialistischen Länder der Allianz, sondern auch der deutschen und österreichischen Regierungen ist, weil sie ihnen hilft, den Kampf des deutschen Proletariats um Frieden zu erdrosseln.“

Westfront, Frankreich, 3. Mai: Meuterei unter französischen Soldaten

Exekution bei Verdun zur Zeit der Mai-Meuterei

Nach dem desaströsen Zusammenbruch der Nivelle-Offensive verweigern viele französische Soldaten an der Front den Gehorsam. Die 2. Division übernimmt dabei die Führung und weigert sich, im Sektor von Chemin des Dames weiter anzugreifen. Die Revolte breitet sich in den Schützengräben schnell aus und zwingt das französische Militärkommando, die Offensive frühzeitig abzubrechen. General Robert Nivelle, der versprochen hatte, den Krieg mit einem Durchbruch an der deutschen Front zu beenden, wird am 15. Mai seines Kommandos enthoben.

Bis Ende Mai breitet sich die Meuterei auf 21 Divisionen aus. Die Soldaten wählen eigene Sprecher und fordern ein Ende der Kriegshandlungen. Sie stellen auch weitergehende Forderungen auf. Bis Ende 1917 desertieren 27 000 Soldaten aus der französischen Armee.

Der Widerstand gegen die Fortsetzung des Kriegs ist eine Folge der Russischen Revolution, die ihrerseits der höchste Ausdruck der Forderung nach Frieden unter den Massen Europas ist. Zur Unterstützung der französischen Truppen sind zwei russische Divisionen eingesetzt, und unter diesen Soldaten ist die Antikriegsstimmung zuerst und am stärksten spürbar. An der Nivelle-Offensive nehmen sie nur noch zögerlich teil, nachdem ein großer Teil der russischen Soldaten sich für den Frieden erklärt hat. Die französischen Soldaten folgen ihrem Beispiel, singen revolutionäre Lieder wie die „Internationale“und hissen die rote Fahne.

Die Meutereien werden auch durch den abgrundtiefen Hass auf das Offizierskorps motiviert. Die französischen Soldaten machen das Korps für die blutige Schlächterei in den drei Kriegsjahren verantwortlich. Bis Anfang 1917 hat der Krieg fast eine Million französischer Soldaten aus einer Bevölkerung von zwanzig Millionen Männern im wehrfähigen Alter getötet. Im ersten Kriegsjahr 1914 sind 306 000 Soldaten gefallen; im zweiten Jahr 1915 waren es 337 000 Soldaten, 1916 dann 217 000, und 1917 sind es 121 000 Soldaten, die schon in den ersten Monaten des Jahres getötet wurden.

Auch unter den britischen Truppen steigen die Spannungen. Britische Deserteure werden häufig standrechtlich erschossen. Im letzten Kriegsjahr gibt es immer mehr Fälle von Befehlsverweigerung.

Die Militärbehörden legen gegenüber den Meuterern eine extreme Brutalität an den Tag. Parallel dazu stellen die zivilen Behörden sicher, dass Nachrichten darüber unterdrückt werden, aus Angst, dass sie zu breitem Widerstand gegen den Krieg führen könnte. Im Juni kommt es zu Massenverhaftungen und Prozessen. Es wird 3427 Kriegsgerichtsverfahren geben, in denen 2878 Soldaten zu Zwangsarbeit und zu 629 zum Tod verurteilt werden. 43 Todesurteile werden vollstreckt.

Nachrichten über die Meutereien werden so erfolgreich unterdrückt, dass das wahre Ausmaß der Rebellion erst fünfzig Jahre später bekannt wird. Erst 1967 werden die Archive geöffnet, so dass die Historiker Zugang zu den Dokumenten darüber erhalten.

Petrograd, 4. Mai (21. April): Ausbruch der „Aprilkrise“

Demonstrierende Soldaten im April 1917

Als Antwort auf die Note, in der Miljukow Russland zum imperialistischen Krieg verpflichtet, rufen die Bolschewiki zu Massendemonstrationen unter dem Slogan „Alle Macht den Räten!“ auf. Mehrere Hunderttausend Arbeiter und Soldaten nehmen an diesen Märschen teil – was unter den gegebenen Umständen einer eindrucksvollen Bestätigung für die Bolschewiki gleichkommt.

Die Menschewiki-Führer im Petrograder Sowjet sind eifrig damit beschäftigt, die Provisorische Regierung abzustützen. Am 4. Mai, nachdem sie für die Note Miljukows eine Erklärung verlangt haben, geben sich die menschewistischen Führer im Petrograder Sowjet mit der „Erläuterung“ der Note zufrieden und betrachten den „Zwischenfall“ als „erledigt“.

Lenin ist noch immer dabei, sich mit dem widerstrebenden rechten Flügel der Bolschewiki auseinanderzusetzen. Dieser neigt zur Anpassung an den Krieg und die Provisorische Regierung. Gleichzeitig muss sich Lenin gegen einen radikalen, zu Abenteuern neigenden Flügel behaupten, zu dem auch Mitglieder des Petrograder Parteikomitees gehören. Dieser Flügel, der sich auf die enorme Beteiligung an den bolschewistischen Demonstrationen stützt, ruft zum bewaffneten Aufstand auf und erhebt die Forderung: „Nieder mit der Provisorischen Regierung!“

Die Konstitutionellen Demokraten (Kadetten) organisieren Gegendemonstrationen unter der Losung: „Volles Vertrauen in die Provisorische Regierung!“ und „Nieder mit Lenin, dem Mietling des Kaisers!“ Es kommt zu Zusammenstößen mit Toten und Verwundeten. Die bürgerlichen Zeitungen beschuldigen die Bolschewiki, sie wollten einen Bürgerkrieg anzetteln.

Am 5. Mai (22. April) nimmt das bolschewistische Zentralkomitee eine Resolution an, die den Aufruf zum unmittelbaren bewaffneten Sturz der Regierung verurteilt. Die Bolschewiki sind intern gespalten und sind im Petrograder Sowjet trotz wachsender Unterstützung nach wie vor in der Minderheit.

Seattle, 5. Mai: IWW-Führer in Justizverschwörung wegen Everett-Massaker freigesprochen

Begräbnis für Felix Baran, Opfer der Polizeigewalt im Everett Massaker

Thomas Tracy, Führer der International Workers of the World (IWW), wird von der Jury in einem Berufungsprozess freigesprochen.

Der Prozess resultierte aus einer gefälschten Anklage nach dem Everett-Massaker vom 5. November 1916. Mindestens fünf IWW-Mitglieder wurden von einer marodierenden Bande von Hilfssheriffs und einer gewerkschaftsfeindlichen Bürgerwehr niedergeschossen. Die IWW war als militante Gewerkschaft entstanden, die für die Abschaffung des Kapitalismus eintrat. In Everett trat sie an der Seite streikender Arbeiter auf und verteidigte die Meinungsfreiheit. Schon zuvor hatten Ortspolizisten und Wachleute Gewerkschaftsmitglieder mit Axtstielen angegriffen, und in den Arbeitskämpfen, die im Sommer 2016 ausbrachen, war die IWW praktisch illegalisiert worden.

Nach dem Massaker wurden Tracy und 73 weitere IWW-Mitglieder verhaftet und beschuldigt, zwei Angehörige der Bürgerwehr getötet zu haben. Diese waren allerdings beim Massaker von ihrer eigenen Seite in den Rücken geschossen worden.

Nachdem Tracy freigesprochen wurde, werden auch die Anklagen gegen die übrigen IWW-Mitglieder fallengelassen, und sie werden aus dem Gefängnis entlassen.

Stockholm, 5. Mai: Brotunruhen in Schweden

Hungerrevolte in Schweden [Foto: Harper’s Pictorial Library of the World War]

Frauen in einem Arbeiterviertel von Stockholm protestieren, nachdem sie stundenlang für Kartoffeln Schlange gestanden haben, nur um zu erfahren, dass die Lager leer sind. Die Unruhen breiten sich den ganzen Tag über in der schwedischen Hauptstadt aus. Frauen werfen mit Steinen und verletzen Polizisten.

Am gleichen Tag brechen auch in Göteborg Unruhen aus, wo Frauen ohne Lebensmittelmarken die Bäckereien belagern. Als die Läden nichts verkaufen wollen, nehmen sich die Frauen selbst Brot und verwüsten die Läden. Die Requirierungen breiten sich auch auf Metzgerläden aus. In beiden Städten greifen berittene Polizisten protestierende Frauen mit Säbeln an. Dutzende werden verletzt oder festgenommen. Auch aus Norrköping werden Demonstrationen gegen die Versorgungsnot gemeldet.

Schweden kämpft nicht mit im großen Krieg, doch seine Kapitalisten machen damit enorme Geschäfte. Dadurch steigen die Preise für Waren des täglichen Bedarfs, auch für Lebensmittel. Die Klassenbeziehungen im „neutralen“ Skandinavien sind zum Zerreißen gespannt.

Petrograd, 6. Mai (23. April): Provisorische Regierung erlässt Gesetz, um Macht der Fabrikkomitees einzuschränken

Demonstration von Arbeitern in Moskau für den Achtstundentag

Unmittelbar nach dem Sturz des Zaren werden in ganz Russland in privaten und staatlichen Unternehmen Fabrikkomitees gebildet. Sie stehen an vorderster Front im Kampf für den Achtstundentag. In einigen Fabriken übernehmen sie das Management. Durch den Erlass eines Gesetzes zu den Fabrikkomitees versucht die Provisorische Regierung deren wachsenden Einfluss zurückzudrängen.

Der Historiker Steven A. Smith kommentiert in seinem Buch „Red Petrograd“:

„Das Ziel der Regierung war es, … [die Fabrikkomitees] zu institutionalisieren und ihren potentiellen Extremismus zu unterdrücken, indem sie als repräsentative Organe legitimiert und als Instrumente vereinnahmt werden sollten, um in den Fabriken zwischen Arbeitgebern und Arbeitern zu vermitteln … Die Arbeiter waren jedoch nicht bereit, sich die Hände durch das neue Gesetz binden zu lassen.“

Während die Fabrikkomitees oft wie Gewerkschaften funktionieren, geht ihre Macht in einigen Branchen weit darüber hinaus. Besonders in staatlichen Fabriken, die für die Rüstung produzieren, übernehmen die Fabrikkomitees das Management. In vielen Fabriken sorgen die Komitees für die Wiedereinstellung von Arbeitern, die wegen der Teilnahme an Streiks oder Antikriegsprotesten entlassen worden waren. Die Kontrolle über Entlassungen und Einstellungen ist eine der ersten und wichtigsten Forderungen revolutionärer Arbeiter nach der Februarrevolution.

Washington, 6. Mai: Gompers warnt Petrograder Sowjet vor „Agitatoren“

Schlagzeile in der New York Times zu Gompers Telegramm

Der Präsident der US-Gewerkschaft American Federation of Labour (AFL), Samuel Gompers, schickt – angeblich im Namen der amerikanischen Arbeiterklasse – ein Telegramm an den Petrograder Sowjet und ermahnt ihn, dass die Arbeiter beider Länder den Krieg gegen das „Kaisertum“ und die „Autokratie“ bis zum siegreichen Ende führen müssten.

Der Brief ist als Reaktion auf die Aprilkrise mit dem ausdrücklichen Ziel verfasst, den Widerstand in der Arbeiterklasse gegen den Krieg zu diffamieren. Nach dem Kriegseintritt der USA gelobt Gompers, Streiks und Lohnforderungen der amerikanischen Arbeiter zu unterdrücken. Er wirft „deutschen Sozialisten“ vor, dass sie „insgeheim einen nutzlosen Frieden im Interesse des Kaiserreichs und der herrschenden Klasse anstreben“. Er schwärzt Sozialisten, die gegen die neue bürgerliche Regierung in Russland kämpfen, als „Propagandisten für den Kaiser“ an. Die Provisorische Regierung und die Regierung der USA stellt er als „die beiden großen Demokratien der Welt“ dar.

Zwei Tage vor Gompers’ Telegramm haben die britischen Labour-Führer Will Thorne und James O’Grady den Petrograder Sowjet besucht. Sie haben die Menschewiki und Sozialrevolutionäre bekniet, den Krieg gegen die „Autokratie“ fortzusetzen.

Petrograd, 7. Mai (24. April): Beginn der Allrussischen Konferenz der Bolschewiki

Menschenmenge während der Februarrevolution in Moskau

Am 7. Mai beginnt in Petrograd die siebte Allrussische Konferenz der Bolschewiki. Es ist die erste gesamtrussische Konferenz, seitdem Wladimir Lenin mit seinen „Aprilthesen“ die bolschewistische Partei bis ins Mark erschüttert hat.

Der Konferenz liegen die Resolutionen der Petrograder Stadtkonferenz der Bolschewiki vor, die am 5. Mai zu Ende ging. In seinem Referat an die Stadtkonferenz („Zur politischen Lage“) ruft Lenin zum Bruch mit dem „alten“ Bolschewismus und zu einem bewussten Kampf auf, um die Arbeiterklasse auf die Machteroberung vorzubereiten. Er erläutert die Besonderheit der Situation wie folgt: Zwar hätten die Bolschewiki die „Triebkräfte der Revolution“ richtig vorausgesagt, aber:

In ihrer ersten Etappe entwickelte sich die Revolution so, wie es niemand erwartet hatte … Der Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten ist die Verwirklichung der Diktatur des Proletariats und der Soldaten; die Mehrheit der Soldaten besteht aus Bauern. Das eben ist die Diktatur des Proletariats und der Bauernschaft. Diese „Diktatur“ aber hat mit der Bourgeoisie ein Übereinkommen getroffen. Hier eben ist eine Revision des „alten“ Bolschewismus nötig … Eine erstaunlich eigenartige Lage. Es hat noch keine Revolution gegeben, in denen die Vertreter des revolutionären Proletariats und der Bauernschaft, im Besitz der Waffen, ein Bündnis mit der Bourgeoisie geschlossen, und, im Besitz der [Staats-] Macht, diese der Bourgeoisie abgetreten hätten.

Weiter besteht Lenin auf der Notwendigkeit, auf dem Land Sowjets der Landarbeiter zu schaffen. Dann erklärt er:

Unsere Aufgabe ist es, aus dem kleinbürgerlichen Sumpf die Klassenlinie herauszuheben; die Bourgeoisie macht ihre Sache ausgezeichnet, indem sie alle möglichen Versprechungen gibt, in Wirklichkeit aber ihre eigene Klassenpolitik betreibt. In den Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten ist die Situation so, dass die Macht der Provisorischen Regierung überlassen wird, die Sozialisten selber aber sich mit „Kontaktkommissionen“ begnügen.

Lenin verurteilt die revolutionäre Vaterlandsverteidigung, die (abgesehen von den Reihen der Bolschewiki) „in Russland durchweg herrscht“, und fordert die Partei auf, den Massen ihre eigenen Klasseninteressen bewusst zu machen, damit sie mit der Vaterlandsverteidigung brechen können.

Der springende Punkt der politischen Situation ist heute, dass man es verstehen muss, den Massen die Wahrheit klarzumachen. Wir können nicht sagen, dass wir uns auf die revolutionären Massen „stützen“ usw., wir können das nicht, solange wir nicht den Soldaten oder den unaufgeklärten Massen die Bedeutung der Losung „Nieder mit dem Krieg“ klargemacht haben … „Nieder mit dem Krieg“ bedeutet nicht, dass man die Gewehre wegwirft. Es bedeutet den Übergang der Macht in die Hände einer anderen Klasse. Das klarzumachen, darin liegt das Schwergewicht der ganzen gegenwärtigen Situation … Die weitere Stufe ist die Diktatur des Proletariats, dieses ist aber noch nicht genügend organisiert und aufgeklärt, es muss aufgeklärt werden. Im ganzen Land müssen solche Sowjets der Arbeiter- usw. Deputierten geschaffen werden – das fordert das Leben. Einen anderen Weg gibt es nicht.

(Lenin Werke, Bd. 24, Berlin 1959, S. 128–131)

In Erwägung des Verrats der Zweiten Internationale und führender Sozialdemokraten wie Georgi Plechanow schlägt Lenin vor, den Parteinamen von „sozialdemokratische“ in „kommunistische Partei“ umzuändern. Die Resolutionen der Stadtkonferenz werden der siebten Gesamtrussischen Konferenz der Bolschewiki vorgelegt, die zwei Tage später beginnt. Ein Bericht über die Gesamtrussische Konferenz der Bolschewiki vom 7.–12. Mai folgt in der nächsten Wochen-Chronologie.

Außerdem in diesem Monat: George Grosz verarbeitet Krieg in Bildern

Georg Grosz, „Explosion“, Mai 1917 [Foto: Museum of Modern Art, New York]

Der Maler Georg Ehrenfried Groß (1893-1959) hatte sich 1914 freiwillig gemeldet, um seiner Einberufung zum Militär zuvorzukommen.

Bereits 1915 wird er nach einer Operation wegen einer Stirnhöhlenvereiterung als dienstuntauglich entlassen. „Krieg war für mich Grauen, Verstümmelung und Vernichtung.“ 1916 angliziert er aus Protest gegen Hurrapatriotismus und Deutschtümelei seinen Namen in George Grosz. Im Januar 1917 wird er wieder eingezogen, erleidet jedoch schon zwei Tage später einen Nervenzusammenbruch. Er leidet unter Depressionen und Halluzinationen. Während seines Aufenthalts in einer Nervenheilanstalt greift er einen Sanitätsoffizier an. Aufgrund eines Gutachtens des berühmten Psychiaters Magnus Hirschfeld wird er schließlich wegen Dienstuntauglichkeit Ende April 1917 endgültig aus dem Militär entlassen. Kurze Zeit später, also vermutlich Anfang Mai malt er sein Bild Explosion als eine Allegorie der Zerstörung.

Er schließt sich der Dada-Bewegung an und veröffentlicht in der Zeitschrift Neue Jugend und ihrem Almanach Gedichte und Zeichnungen. Während der deutschen Revolution von 1918–1919 schließt sich Grosz dem marxistischen Spartakusbund an.

Grosz verarbeitet in seinen beißend scharfen Lithographien der Mappe „Gott mit uns“ (Motto des Kaiserreichs), die 1920 erscheint, seine Erfahrungen mit der Reichswehr. Darin stellt er sarkastisch deren menschenverachtende Brutalität gegen die eigenen Soldaten und Zivilisten dar. Grosz und sein Verleger Wieland Herzfelde werden ein Jahr später wegen Beleidigung der Reichswehr angeklagt und zu einer Geldstrafe von 300 Reichsmark verurteilt.