Erster Mai 2017

Der Kampf für sozialistischen Internationalismus in Lateinamerika

Von Bill Van Auken
6. Mai 2017

Diese Kundgebung zum Ersten Mai ist in erster Linie auf die Entwicklung einer internationalen Massenbewegung von Arbeitern und Jugendlichen gegen Krieg ausgerichtet. Das ist eine lebenswichtige Aufgabe, die untrennbar mit dem Aufbau des Internationalen Komitees der Vierten Internationale als Weltpartei der sozialistischen Revolution verbunden ist.

Wie jede andere Weltregion bliebe auch Lateinamerika von den katastrophalen Auswirkungen eines dritten Weltkriegs nicht verschont. Der US-Imperialismus betrachtet es schon heute als Schlachtfeld im Kampf zur Verteidigung der amerikanischen Vorherrschaft gegen die aufstrebende Macht China.

An diesem Ersten Mai feiern wir den einhundertsten Jahrestag der Russischen Revolution, die uns vor allem eine bleibende Lehre hinterlassen hat: Es gibt keinen Ersatz für eine revolutionäre Arbeiterpartei, die mit dem Programm des sozialistischen Internationalismus ausgestattet ist.

Allein die trotzkistische Bewegung, verkörpert im Internationalen Komitee der Vierten Internationale, hat diese Perspektive gegen alle Versuche des pablistischen Revisionismus verteidigt, die Vierte Internationale zu liquidieren und die Arbeiterklasse dem Stalinismus, der Sozialdemokratie und dem bürgerlichen Nationalismus unterzuordnen.

Bill Van Auken zum Ersten Mai 2017

Nirgendwo wurde vehementer versucht, solche Theorien durchzusetzen, als in Lateinamerika. Es ging darum, einen Ersatz für den Aufbau der revolutionären Partei zu finden, die durch einen unermüdlichen politischen Kampf in der Arbeiterklasse und den theoretischen Kampf gegen den Opportunismus geschaffen wird.

Im letzten Jahr kamen die politischen Zielsetzungen, die den revisionistischen Angriffen auf die Vierte Internationale zugrunde lagen, an einer Reihe historischer Meilensteine zur vollen Entfaltung. Der Tod Fidel Castros im Alter von neunzig Jahren fiel mit den Bemühungen der herrschenden Schicht Kubas um eine Annäherung an Washington zusammen. Auf diese Weise will sie ihre Macht und ihre Privilegien durch den Zufluss von amerikanischem Kapital auf Kosten der kubanischen Arbeiterklasse retten.

Obwohl das kubanische Volk der US-Aggression heroisch Widerstand geleistet hatte, geriet diese Revolution, wie jede andere bürgerlich-nationalistische Bewegung und jeder nationale Befreiungskampf, schließlich in eine Sackgasse, da es ihr nicht gelungen war, die eigentlichen Probleme, die in der imperialistischen Unterdrückung Kubas wurzelten, zu lösen.

Man darf das Erbe des Castroismus aber nicht allein durch das Prisma von Kuba betrachten. In Lateinamerika hat diese Ideologie eine noch katastrophalere Rolle gespielt. Dort vertraten mehrere linke Nationalisten, die von kleinbürgerlichen Radikalen in Europa und Nordamerika unterstützt wurden, die Theorie, dass die kubanische Revolution einen neuen Weg zum Sozialismus eröffnet habe. Künftig seien weder die bewusste und unabhängige Intervention der Arbeiterklasse noch der Aufbau revolutionärer marxistischer Parteien nötig. Vielmehr habe Castros Machtübernahme bewiesen, dass bewaffnete Guerillas unter Führung kleinbürgerlicher Nationalisten, die sich auf die Bauern stützten, unter dem Druck objektiver Ereignisse zu „natürlichen Marxisten“ werden und die sozialistische Revolution vollbringen könnten. Diese Vorstellung reduzierte die Arbeiterklasse auf die Rolle eines passiven Zuschauers.

Diese falsche und letztlich verheerende Perspektive wurde mit besonderem Enthusiasmus vom pablistisch-revisionistischen Flügel vertreten, der unter Ernest Mandel in Europa und Joseph Hansen in den Vereinigten Staaten in der Vierten Internationale entstanden war und sich in Argentinien mit Nahuel Moreno verbündet hatte.

Das Internationale Komitee der Vierten Internationale (IKVI) kämpfte unbeugsam gegen die pablistische Perspektive und betonte, dass der Castroismus keineswegs ein neuer Weg zum Sozialismus war. Warnend wies es darauf hin, dass die Verherrlichung Castros eine Zurückweisung des gesamten historischen und theoretischen Konzepts der sozialistischen Revolution darstelle, das auf Marx zurückgeht und besagt, dass die Befreiung der Arbeiterklasse das Werk der Arbeiter selbst sein muss.

Diese Warnungen haben sich in Lateinamerika auf tragische Weise bestätigt. Die Theorien, die die Pablisten verbreiteten, trugen dazu bei, eine ganze Schicht radikalisierter Studenten und junger Arbeiter vom Kampf, die Arbeiterklasse gegen den Kapitalismus zu mobilisieren, abzubringen und in selbstmörderische bewaffnete Konflikte zu führen, die Tausende das Leben kosteten, die Arbeiterbewegung desorientierten und mithalfen, faschistischen Militärdiktaturen den Weg zu bereiten.

Durch den Castroismus und vor allem durch die revisionistischen Tendenzen, die ihn unterstützten, wurde die sozialistische Revolution in der ganzen Hemisphäre verhindert.

In Venezuela erleben wir zurzeit die Todeskrise des Chavismus und des so genannten Sozialismus des 21. Jahrhunderts. Sie äußert sich in immer heftigeren Konfrontationen zwischen zwei rivalisierenden Schichten der nationalen Bourgeoisie. Beide fürchten vor allem einen revolutionären Ausbruch der Arbeiterklasse.

Dieselben Schichten, die den Castroismus verbreiteten, schürten auch Illusionen in die „bolivarische Revolution“, eine bürgerlich-nationalistische Bewegung, die sich auf das Militär stützt. In Venezuela verteidigt sie seit fast zwanzig Jahren das Privateigentum und vor allem die Interessen des Finanzkapitals. Das tut sie auch heute noch, während die Arbeiter in wachsendem Maß unter Arbeitslosigkeit und Hunger leiden.

Schließlich erleben wir dieses Jahr den Zusammenbruch der Partido dos Trabalhadores (PT, Arbeiterpartei) in Brasilien. Ein Amtsenthebungsverfahren gegen Präsidentin Dilma Rousseff von der PT und das Zusammengehen ihrer früheren Partner brachte die rechteste Regierung an die Macht, die das Land seit Ende der Militärdiktatur je erlebt hat.

Während die PT für die heutige Situation verantwortlich ist, muss auch auf die politische Verantwortung der pseudolinken Organisationen hingewiesen werden, die die PT mit gegründet und unterstützt hatten. Sie sind mitverantwortlich für die ernsten Gefahren, vor denen die brasilianische Arbeiterklasse heute steht.

Die führende Rolle in diesem Projekt spielten dieselben Organisationen, die in den 1960er Jahren mit der trotzkistischen Bewegung gebrochen hatten und sich dem Castroismus zuwendeten.

In den letzten Tagen des brasilianischen Militärregimes gründeten diese Elemente vor dem Hintergrund massiver Kämpfe und militanter Studentenstreiks gemeinsam mit einem Teil der Gewerkschaftsführung, der katholischen Kirche und linken Akademikern die Partido dos Trabalhadores (PT, Arbeiterpartei). Sie glaubten einmal mehr, einen Ersatz für den Aufbau einer revolutionären Partei und den Kampf für sozialistisches Bewusstsein in der Arbeiterklasse gefunden zu haben. Die PT sollte in Brasilien angeblich einen einmaligen parlamentarischen Weg zum Sozialismus ermöglichen. Heute ist das Ende dieser Sackgasse erreicht.

Da die PT vollkommen diskreditiert ist, bewegen sich alle diese pablistischen und morenoistischen Gruppen jetzt nach rechts und widmen sich dem Aufbau einer neuen politischen Falle für die Arbeiterklasse, die der Linie so „linker“ bürgerlicher Parteien wie Syriza in Griechenland oder Podemos in Spanien entspricht.

Allen ihren Bemühungen zum Trotz entwickeln sich zurzeit in Brasilien und in ganz Lateinamerika explosive Klassenkämpfe.

In Brasilien, Mexiko, Argentinien, Venezuela und auf dem ganzen Kontinent erfordert ein erfolgreicher Kampf gegen die Angriffe des einheimischen und internationalen Kapitals heute eine unabhängige politische Mobilisierung der Arbeiterklasse in ganz Lateinamerika und auf der ganzen Welt. Diese kann nur durch eine vereinte Massenbewegung der lateinamerikanischen Arbeiterklasse mit den Arbeitern Nordamerikas im gemeinsamen Kampf gegen das Finanzkapital und die transnationalen Konzerne erreicht werden, die sie alle ausbeuten.

Die vordringliche Aufgabe ist die Entwicklung einer revolutionären Führung und politischen Perspektive. Das erfordert das Studium der langen Geschichte des Kampfs für den Trotzkismus, wie er im Internationalen Komitee der Vierten Internationale verkörpert ist, und den Aufbau seiner Sektionen in jedem Land.