„Bei einem amerikanisch-russischen Atomkrieg stirbt die gesamte Weltbevölkerung“

Atomwissenschaftler zur Gefahr eines Kriegs zwischen USA und Russland

Von Bryan Dyne und Barry Grey
15. Mai 2017

Seit die Trump-Regierung am 6. April einen syrischen Luftwaffenstützpunkt mit Marschflugkörpern angegriffen hat, sind die Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und den europäischen Mächten und Russland so angespannt wie seit dem Kalten Krieg nicht mehr. Die USA und ihre Alliierten rechtfertigen den unbegründeten Angriff, und Russland hat seine militärische Unterstützung für das syrische Regime unter Baschar al-Assad seither verstärkt.

Der Abwurf einer GBU-43/Massive Ordnance Air Blast Bomb über Afghanistan durch das US-Militär hat die Spannungen weiter verschärft. Die MOAB, umgangssprachlich auch „Mutter aller Bomben“ genannt, hat eine Sprengkraft von rund zehn Tonnen TNT. Es ist die stärkste konventionelle Waffe des US-Arsenals. Bisher wurde sie noch nie im Kampf eingesetzt.

Offiziell war ihr Ziel ein Höhlen- und Tunnelkomplex des IS in der Provinz Nangarhar. In Wirklichkeit ging es darum, dem Iran, Russland, Syrien, Nordkorea, China und jeder anderen Nation, die den globalen Interessen des amerikanischen Imperialismus im Wege steht oder stehen könnte, vor Augen zu führen, dass das US-Militär bereit ist, schrankenlose Gewalt gegen alle potenziellen Feinde anzuwenden.

Erschreckend an der Medienberichterstattung ist, dass in dieser akuten geopolitischen Krise niemand,

weder die New York Times, die Washington Post, Fox News, MSNBC noch CNN, je auf die Folgen eines atomaren Schlagabtauschs eingeht. Denn der nächste logische Schritt, nach dem Einsatz einer MOAB, wird der Einsatz einer taktischen Bombe mit einem kleinen atomaren Gefechtskopf sein. Deren Zerstörungskraft ist mindestens eine Größenordnung höher, das heißt mindestens zehnmal stärker. Den offiziellen Medien erscheint es nicht der Mühe wert, zu fragen: „Was würde passieren, wenn so eine Waffe in Syrien, Iran oder Nordkorea, ganz zu schweigen von Russland oder China eingesetzt würde?“

Diese Unterlassung wirft sofort weitere Fragen auf: Wie brenzlig ist die Situation zurzeit? Wird ein Zusammenstoß zwischen den USA und Russland zu einer weiteren militärischen Eskalation und schließlich zu einem Atomkrieg führen? Wie viele Menschen werden in einem solchen Konflikt sterben?

Um diese Fragen zu beleuchten, hat die WSWS Gespräche mit zwei Experten geführt, Steven Starr und Greg Mello, die die Gefahren eines Atomkrieges näher erläutern.

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Steven Starr

Steven Star ist ein angesehener Wissenschaftler der Organisation Ärzte für Soziale Verantwortung und Mitglied der Stiftung Frieden im Atomzeitalter. Seine Artikel, die die Umweltgefahren eines Atomkrieges beschreiben, erschienen im Bulletin der Atomwissenschaftler und den Publikationen des Zentrums für Waffenkontrolle, Energie und Umweltstudien des Moskauer Instituts für Physik und Technologie (MIPT).

WSWS: Wie real ist Ihrer Meinung nach die Gefahr eines militärischen Konflikts zwischen den USA und Russland wegen Syrien, oder mit China wegen Nordkorea?

Starr: Die Gefahr ist erheblich. Die Russen haben im Bündnis mit Assad den IS geschlagen. Sie haben Aleppo zurückerobert, und das hat die US-Medien und die Politiker in Rage versetzt, denn sie wollten einen anderen Ausgang dieses Kriegs. Trump warb zunächst für einen Ausgleich mit Russland und eine Politik der Nichteinmischung. Als [Außenminister Rex] Tillerson in der Türkei war, sagte er, dass Assad bleiben könne. Aber nur fünf Tage später feuerten die USA Marschflugkörper auf Syrien ab.

Der US-Angriff auf einen syrischen Fliegerhorst mit 59 Marschflugkörpern hat unsere Beziehungen zu Russland praktisch zerstört. Wir haben den Rubikon überschritten. Russland hat das Flugsicherheitsabkommen von 2015 ausgesetzt, das rund um die Uhr Kommunikationskanäle offenhielt, die gefährliche Begegnungen zwischen amerikanischen und russischen Flugzeugen verhindern sollten. Das gibt den Russen in Syrien das Recht zu entscheiden, ob sie auf US-Kampfflugzeuge schießen oder nicht. Die Russen haben schon die Lufthoheit über Syrien, und sie

haben mitgeteilt, dass sie die syrische Flugabwehr verstärken werden. Was passiert, wenn US-Kampfjets von den Russen abgeschossen werden?

WSWS: Bemerkenswert ist doch die total verlogene und falsche Berichterstattung durch die Medien einerseits und die Konsequenzen des eingeschlagenen Kurses andererseits. Es ist immer schlecht, nur Propaganda für die Interessen Amerikas zu machen, aber wenn diese Politik zur Zerstörung des Planeten führt, dann hat das eine ganz andere Dimension.

Starr: Aus meiner Sicht sind die internationalen „Nachrichten“, die die großen Zeitungen bringen, reine Propaganda. Das wurde seit 2014, seit den Ereignissen in der Ukraine und auf der Krim, immer schlimmer. Man muss natürlich immer und in jedem Land mit einer gewissen Parteilichkeit der Nachrichten rechnen. Doch die westlichen Medien fühlen sich inzwischen offenbar nicht mehr bemüßigt, harte Fakten zu liefern, um ihre Argumente und Anschuldigungen zu untermauern. Es gab keine Untersuchung des Chemiewaffenangriffs in Syrien – Trump ließ die Raketen abfeuern, bevor irgendeine Untersuchung durchgeführt werden konnte.

Die CIA ist tief in diese Entwicklung verstrickt. Es gibt nur sechs Megakonzerne, die neunzig Prozent der amerikanischen und westlichen Medien kontrollieren. Sie veröffentlichen nichts, was in Widerspruch zu Washingtons offizieller Parteilinie steht. Was wir heute zu hören bekommen, ist davon bestimmt, dass Zensur durch Unterlassung herrscht. Widerspruch wird nicht geduldet. Unter Berufung auf „offizielle Quellen“ und ohne handfeste Beweise wird eine falsche Geschichte erschaffen, die genutzt wird, um das Vorgehen des US-Militärs zu rechtfertigen.

Im Endergebnis herrscht eine ohrenbetäubende Stille in den Medien, was die Folgen eines Kriegs mit Russland betrifft. Haben Sie in den Medien je eine Diskussion über die Konsequenzen eines Atomkrieges mit Russland gehört?

WSWS: Was würde passieren, wenn die Vereinigten Staaten Syrien erneut angriffen, z. B. nach einem weiteren inszenierten Chemiewaffenangriff?

Starr: Die Situation könnte sehr schnell eskalieren, besonders, da sich die Beziehungen zwischen den USA und Moskau auf einem historischen Tiefpunkt befinden. Ich las einen Bericht, wonach geplant ist, 150 000 Mann nach Syrien zu schicken. Da dort auf Anfrage der syrischen Regierung schon russische und iranische Truppen operieren, wäre es eine unglaublich dumme Entscheidung der USA, eine derart große Streitmacht nach Syrien zu schicken. Es wäre dann sehr schwer, den dritten Weltkrieg noch zu verhindern.

Wenn die USA und Russland in einen direkten militärischen Konflikt geraten, wird die eine oder andere Seite irgendwann unterliegen. Dann müssen sie entweder die Niederlage eingestehen oder weiter eskalieren. Und wenn das passiert, steigt die Wahrscheinlichkeit des Einsatzes atomarer Waffen. Gehen erst einmal Atombomben hoch, dann könnte das rasch in einen totalen Atomkrieg ausarten.

WSWS: Wie katastrophal wäre ein totaler Atomkrieg?

Starr: Die USA und Russland besitzen rund 1000 strategische Atomwaffen mit mindestens 100 Kilotonnen, die alle innerhalb von 2 bis 15 Minuten abgeschossen werden können. Da es ungefähr neun Minuten dauert, bis eine von einem amerikanischen U-Boot abgefeuerte Rakete Moskau trifft, bedeutet das, dass der russischen Regierung genug Zeit bleibt, um einen vernichtenden Gegenschlag anzuordnen. Und das betrifft nur die Raketen, die in Alarmbereitschaft sind.

Die USA und Russland haben 3500 einsatzbereite strategische Atomwaffen (jede mit einer minimalen Sprengkraft von 100 000 Tonnen TNT), die sie in einer Stunde abschießen können. Sie haben weitere 4600 Atomwaffen in Reserve, bereit zum Abschuss. Es gibt rund 300 Städte in den USA und rund 200 in Russland mit mehr als 100 000 Einwohnern. Angesichts der Zahl der Atomwaffen ist die Chance groß, dass alle großen Städte ausgelöscht würden.

Wahrscheinlich würden dreißig Prozent der amerikanischen und russischen Bevölkerung innerhalb der ersten Stunde getötet. Ein paar Wochen nach dem Angriff würde der radioaktive Fallout mindestens weitere fünfzig Prozent hinwegraffen.

Der nukleare Winter, eine Langzeitfolge des Atomkrieges, würde innerhalb weniger Jahre nach einem amerikanisch-russischen Atomkrieg wahrscheinlich alle Menschen auf dem Planeten durch Hunger auslöschen. Die globale Rauchschicht des atomaren Feuersturms in der Stratosphäre schirmt den größten Teil des Sonnenlichts von der Erde ab und verursacht so eine neue Eiszeit, die mindestens zehn Jahre anhält.

Eine andere kaum diskutierte Folge des Atomkriegs ist der elektromagnetische Impuls in großer Höhe, kurz EMP. Wenn eine große Atombombe in großer Höhe (150 bis 300 km) detoniert, dann löst sie einen enormen Impuls elektrischer Energie aus, der elektronische Schaltkreise auf einer Fläche von zehntausenden Quadratkilometern unterhalb der Explosion zerstört. Eine einzige Detonation über der Ostküste der USA würde das gesamte Stromnetz zerstören, und jedes AKW, das vom EMP betroffen wäre, würde schmelzen. Stellen Sie sich 60 Fukushimas vor, die alle zur gleichen Zeit in den USA auftreten.

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Greg Mello

Greg Mello ist der Sekretär und Direktor der Studiengruppe Los Alamos, einer Organisation, die seit 1989 die Gefahren eines Atomkriegs untersucht und für Abrüstung plädiert. (Los Alamos ist die amerikanische Atomwaffenschmiede schlechthin.) Seine Forschungen und Analysen wurden in der New York Times, der Washington Post, dem Bulletin der Atomwissenschaftler und in Issues in Science and Technology veröffentlicht.

WSWS: Welche Rolle haben die Demokraten bei der Verschärfung der Spannungen zwischen den USA und Russland wegen Syrien gespielt?

Greg Mello: 2013, als es in Syrien schon einmal einen angeblichen Chemiewaffenangriff gab, standen die Demokraten noch nicht so hinter einem Krieg wie heute. Aber jetzt, infolge der Kandidatur Hillary Clintons, wurde die Dämonisierung Russlands im Stile McCarthys wirklich hochgefahren. Innerhalb der Partei wurden sogar diejenigen an den Rand gedrängt, die auch nur ein bisschen Skepsis bezüglich der offiziellen Lesart an den Tag legten, zum Beispiel die Kongressabgeordnete Tulsi Gabbard. Sie fuhr sogar nach Syrien, um herauszufinden, was wirklich vorging. Wie sie feststellte, will die Mehrheit der Menschen in Syrien, dass die USA aufhören, die Rebellen zu finanzieren. Und sie sind es zufrieden, dass die Assad-Regierung sich bemüht, Al Qaida und den IS zu besiegen. Aber Frau Gabbard wurde mundtot gemacht.

WSWS: Können sie etwas über die Interessen der beteiligten Konzerne sagen?

Greg Mello: 59 Marschflugkörper kosten eine Menge Geld. Ich schätze, dass jede Rakete mit 1 bis 1,6 Millionen Dollar zu Buche schlägt. Der Angriff hat also 60 bis 100 Millionen Dollar gekostet. Darin sind nicht die Kosten enthalten, die die Schiffe und anderes kosteten, was für den Angriff nötig war. Es ist wahrscheinlich alles in allem doppelt so viel. In Bezug auf die Marschflugkörper ist das natürlich Umsatz für die Lieferfirmen.

Die Firmen bekommen auch kostenlose Werbung durch so einen Angriff. Ich sah einen Spot auf MSNBC, in dem Brian William die Cruise Missiles mit einem Vers von Leonard Cohen pries: „I’m guided by the beauty of our weapons“ [etwa: Mich leitet die Schönheit unserer Waffen]. Das ist ein unbezahlbarer Werbespot, besonders, wenn die gleichen Bilder und Videos der Raketen in den Hauptnachrichtensendungen und im Internet gezeigt werden. Ihre Börsennotierungen sind sicher gestiegen, sowohl buchstäblich als auch im übertragenen Sinn.

Aber auch das sind nur Kleinigkeiten, verglichen mit den wirklich hohen Gewinnen, die sich aus den anhaltenden Spannungen mit Russland und dem Weltmachtstreben der US-Regierung schlagen lassen. Hier sprechen wir nicht über Millionen Dollars, sondern über Milliarden – nein, Billionen. Mit der Zielvorstellung, dass die USA wirklich in jedem Teil der Welt präsent sein sollen, wird für die gesamte nationale Verteidigung jährlich eine Billion Dollar ausgegeben. Da kommt schnell was zusammen.

Das US-Militär hat gerade eine Erhöhung seines Basisbudgets erhalten, die allein etwa so hoch ist, wie der gesamte Verteidigungsetat Russlands. In den USA geben wir weit mehr Geld für das Militär aus als alle unsere potentiellen Gegner zusammen. Dort ist wirklich das große Geld.

Wir zwingen die NATO, die neueste Version unserer Ausrüstung zu kaufen, die mit unserer kompatibel ist. All diese Waffenverkäufe, plus unsere eigenen Käufe, sind Billionen wert. Das ist es, was diesen Angriff antreibt. Militärausgaben auf kolossalem Niveau.

Es passt zu den geopolitischen Fragen, die Sie erwähnten.

WSWS: Könnten Sie diese geopolitischen Fragen erläutern?

Greg Mello: Trump sagte, wir gehen nicht nach Syrien hinein, aber er hat kein klares Konzept. Stellen Sie sich einen weiteren Angriff vor. Wird er russische Truppen betreffen? Werden Russen getötet? Was werden Putin oder auch andere hochrangige Politiker glauben, was sie tun müssen?

Wie Stephan Cohen, emeritierter Professor für Russlandstudien an der Princeton und der New York University, festgestellt hat, bezeichnet der russische Premierminister Dimitri Medwedew die amerikanisch-russischen Beziehungen mittlerweile als „ruiniert“. Medwedew ist kein Hardliner. Wenn er schon so etwas sagt, dann können Sie sich sicher vorstellen, was die Generale und richtige Hardliner in Putins anderes Ohr flüstern.

Sollten wir einen weiteren Angriff fliegen, mit einem Kampflugzeug der USA oder der Koalition, könnte es leicht von den modernen Flugabwehrbatterien, die Syrien und Russland zur Verfügung stehen, abgeschossen werden. Das würde zu einem Aufschrei amerikanischer Politiker führen, man müsse mehr tun – und unseren ersten Fehler durch einen noch größeren verstärken. Alles in allem ist es extrem unwahrscheinlich, dass ein Luftkrieg einen ausschlaggebenden Effekt auf den Syrienkrieg hat, ohne dass es zu einer Eskalation zwischen den USA und Russland führt.

Geopolitisch gesehen hat sich die Waage so weit zu Assads Gunsten und zur Vertreibung der Terroristen aus dem Land geneigt, dass ein massiver Angriff der USA auf Syrien entweder fehlschlagen oder Russlands Interessen wirklich schaden würde. Er würde Russland beschämen und neben Assads Soldaten auch russischen Soldaten das Leben kosten. Das wäre das Vorspiel zum dritten und letzten Weltkrieg.

Die Version der russischen Regierung, dass das Giftgas in Chan Scheichun freigesetzt wurde, weil chemische Waffen oder ihre Bestandteile bei einem Angriff mit konventionellen Waffen auf ein Al-Qaida-Waffendepot oder eine Fabrik getroffen wurden, ist sehr einleuchtend. Die Geschichte, dass Assad oder ein Schurkenelement in seiner Armee just in dem Moment chemische Waffen auf die eigene Bevölkerung abschießt, in dem er militärisch und politisch die Oberhand hat, ist absurd.

Dazu kommt, dass die USA nicht möchten, dass die Organisation für das Verbot chemischer Waffen [OPCW] an der Untersuchung des Angriffs beteiligt wird. Warum?

Die OPCW ist die Weltpolizei für Chemiewaffen. Sie wurde von den USA mitgegründet. Sie bekam 2013 den Friedensnobelpreis dafür, dass sie die Zerstörung aller syrischen Chemiewaffen überwachte. Sie zerstörte sie auf einem amerikanischen Schiff. In diesem Fall und in jedem anderen Fall würde die OPCW sehr sorgfältig alle Beweise sammeln und in einem akkreditierten Labor auswerten lassen, vor

allem, wenn Krieg und Frieden auf dem Spiel stehen. Es wäre genau das gleiche Prozedere, nach dem in einem wichtigen Mordfall Beweise gesammelt würden.

Aber nach dem letzten Chemiewaffenangriff geschah das nicht – und die USA wollen nicht, dass es geschieht. Stattdessen haben die USA kürzlich eine „Erklärung“ zu den „Fakten“ herausgegeben: ein Stück Papier, das von allen siebzehn Geheimdiensten verfasst worden sein soll, aber ohne Briefköpfe und Unterschriften. Es wimmelt von schwammigen Begriffen wie „wir gehen fest davon aus“. Es gibt keinerlei Anhaltspunkt, welche Geheimdienste das unterschrieben haben, oder welche tatsächlichen Beweise gesammelt wurden. Außerdem benötigt man für die Untersuchung eines solchen Angriffs mindestens ein paar Wochen und nicht nur Tage.

All das passiert, weil Syrien zwischen den für die europäischen Verbraucher wichtigen Öl- und Gasvorräten aus dem Nahen und Mittleren Osten liegt. Wenn man Öl und Gas aus Katar nach Europa bringen will, ohne den Iran zu durchqueren, dann muss man die Pipelines durch Syrien führen. Das ist besonders wichtig, wenn man nicht möchte, dass Europa von russischem Erdgas abhängig wird, und weil verhindern werden soll, dass Deutschland, Russland und der Rest von Asien wirtschaftlich weiter zusammenzuwachsen. Die US-Regierung möchte nicht, dass Europa von Öl und Gas aus Russland oder dem Iran abhängig ist.

In Wirklichkeit ist der Syrienkrieg also ein Stellvertreterkrieg zwischen den USA und regionalen Mächten, wie dem mit Russland verbündeten Iran, über die Kontrolle der Öl und Gasversorgung Europas. Zusätzlich will Israel die Kontrolle über die Golanhöhen behalten, um in der Region Manöver abzuhalten.

Man muss auch bedenken, dass Chinas Ölproduktion kürzlich ihren Zenit überschritten hat. Der weltweite Nettoölexport, also das Öl, das man auf dem freien Markt kaufen kann, geht – wenn auch langsam – zurück.

Da ein Fass Öl in Ländern wie China und Indien mehr Wert abwirft, weil die Arbeiter dort so schlecht bezahlt werden, wird China die USA und Europa im Kampf um Öl immer überbieten können. Auf dem freien Markt tut es das auch. Der Verbrauch von Öl und Gas in den öl- und gasproduzierenden Ländern selbst nimmt ebenfalls zu, da ihre Bevölkerung und ihre Volkswirtschaft wachsen. Darum steuern wir unausweichlich auf eine Krise zu, in der Öl und Gas nicht mehr in ausreichenden Mengen zu niedrigen Preisen zu haben sind. Diese Krise wird sich in den 2020er Jahren entwickeln. Damit sind Großmachtrivalitäten um diese Ressourcen absehbar.

Im Kalten Krieg war die Lage anders, weil die USA und Russland, wie auch unsere Alliierten, genug Reserven hatten. Aber nun geht uns das billige Öl aus, und es gibt keinen günstigen Ersatz. Damit steigt die Möglichkeit eines Konflikts, auch zwischen Staaten mit Kernwaffen.

WSWS: Wie viele Menschen würden am ersten Tag eines solchen Krieges sterben?

Greg Mello: Grob geschätzt kann man davon ausgehen, dass in einem Atomkrieg zwischen den USA und Russland die gesamte Weltbevölkerung sterben würde. Ein paar Menschen in der südlichen Hemisphäre überleben vielleicht, aber wahrscheinlich nicht einmal sie.

Schon wenige Atombomben könnten die USA als Staat und als Volkswirtschaft auslöschen. Es würde nicht viel brauchen, um die „just in time“-Lieferketten, die Finanzmärkte und das Internet zu zerstören. Das ganze System ist sehr anfällig, besonders, wenn man Atomwaffen in Betracht zieht. Auch in einem begrenzten Atomkrieg, sagen wir in einem Krieg, in dem nur die Atomraketensilos und die Fliegerhorste angegriffen werden, würde so viel radioaktiver Niederschlag entstehen, dass fast der ganze Mittlere Westen der USA ausgelöscht würde, Chicago eingeschlossen.

Dann gibt es das Problem der AKWs, die in ihren Reaktoren und ihren Abklingbecken und Lagerflächen hohe Mengen an Radioaktivität haben. Wenn ihre Stromversorgung unterbrochen wird, sind diese Anlagen verwundbar durch Feuer und Kernschmelzen, wie wir in Fukushima gesehen haben.

Machen Sie sich klar: Ein Atomkrieg bedeutet nicht nur eine oder zwei Hiroshimabomben. Unsere Vorstellungskraft reicht für einen Atomkrieg nicht wirklich aus. Atomkrieg bedeutet nuklearen Winter. Es bedeutet den Kollaps der sehr anfälligen Elektronik der Finanzmärkte, der Regierung und der Verwaltung, von der alle abhängig sind. Wenn wir Glück haben, dann fangen wir danach im frühen 19. Jahrhundert wieder an. Wenn genug Waffen eingesetzt werden, dann kollabiert die Ozonschicht. Das bedeutet, dass jedes Lebewesen, das Augen hat, erblindet. Der kombinierte Effekt eines amerikanisch-russischen Atomkrieges würde bedeuten, dass so ziemlich jedes terrestrische Säugetier und viele Pflanzen aussterben. Das biologische Leben würde dramatisch ausgedünnt.

Offenbar haben große Teile des US-Militärs das einfach nicht begriffen. Ich habe mit Vertretern des Nationalen Sicherheitsrates gesprochen, und sie klammern sich an die Vorstellung, dass Russland nachgeben werde. Ich bat sie schon vor achtzehn Monaten, ein paar alte Diplomaten der realistischen Schule aus dem Kalten Krieg zurückzuholen. Menschen wie den früheren Botschafter in Russland, Jack Matlock, der von Ronald Reagan berufen wurde. Er und seinesgleichen könnten versuchen, sie zu überzeugen, dass Russland nicht einfach tut, was wir wollen, dass es seine eigenen legitimen Interessen hat, und dass es gut wäre, diese zu verstehen und in Betracht zu ziehen.

WSWS: Was denken Sie, wie man an das Problem des Atomkriegs herangehen muss?

Greg Mello: Ich würde sagen, wenn man einen Atomkrieg vermeiden will, dann muss man unbedingt die Ungleichheit in der Welt verringern. Wir müssen den militärisch-industriellen-Finanzkomplex beseitigen. Wenn so viel Macht in so wenigen Händen konzentriert ist und ein so hohes Maß an Ungleichheit herrscht, dann werden die Menschen, die an der Macht sind, durch ihre Position geblendet. Sie sind von den Problemen der Gesellschaft isoliert. Die große Ungleichheit, ökonomisch wie politisch, führt zu einer Art politischer Verblödung. Sie kann in den Untergang führen. Das Problem ist nicht die Unwissenheit der Massen, sondern die Dummheit und der Größenwahn an der Spitze der Gesellschaft. Das war schon immer so.