Diese Woche in der Russischen Revolution

15.–21. Mai: Trotzki trifft in Petrograd ein

17. Mai 2017

Nach seiner Ankunft nimmt Trotzki im Petrograder Sowjet rasch eine führende Stellung ein – hatte er doch schon 1905 den Sowjet geleitet. Trotzkis Ankunft wirkt elektrisierend und verleiht dem Kampf Lenins und der Bolschewiki gegen die Sowjetmehrheit aus Kollaborateuren, Vaterlandsverteidigern und Opportunisten einen starken neuen Impuls. Menschewiki, Sozialrevolutionäre und Volkssozialisten gehen eine „Koalition“ mit der Bourgeoisie ein, um die Provisorische Regierung zu retten und den imperialistischen Krieg fortzusetzen.

Petrograd, 15. Mai (2. Mai): Miljukow tritt zurück

Pawel Miljukow (1859–1943)

Nach dem Abflauen der Aprilkrise reicht Pawel Miljukow seinen Rücktritt als Außenminister der Provisorischen Regierung ein. In der Vorwoche waren schon der Kriegsminister, General Gutschkow, und der Kommandant der Petrograder Garnison, General Kornilow, zurückgetreten. Miljukow, der den Konstitutionellen Demokraten (Kadetten) angehört, schlägt ein Angebot aus, in das Ministerium für Volksbildung zu wechseln.

Miljukow ist der Autor der berüchtigten Note vom 1. Mai (18. April), die „das Bestreben des ganzen Volkes [ausdrückt], den Weltkrieg bis zum endgültigen Sieg weiterzuführen“, und die zusichert, dass „die Provisorische Regierung … die Verpflichtungen genau einhalten [wird], die unseren Verbündeten gegenüber übernommen wurden“. Dieses Telegramm löste die Antikriegsdemonstrationen in Petrograd aus, die die Provisorische Regierung an den Rand des Zusammenbruchs brachten.

Petrograd, 17. Mai (4. Mai): Trotzki trifft in Russland ein

Leo Trotzkis Ankunft in Petrograd

Nach seiner Atlantiküberquerung und einer Zugreise durch Schweden und Finnland trifft Leo Trotzki mit seiner Familie in Petrograd ein. Er wird von einer Delegation der Bolschewiki und der Vereinigten Internationalisten begrüßt. Von den Menschewiki ist indessen niemand gekommen. Am Finnländischen Bahnhof hält Trotzki eine Rede, in der er zur Vorbereitung auf eine zweite Revolution aufruft. Darauf begibt er sich sofort zur Sitzung des Exekutivkomitees des Petrograder Sowjets. Die Bolschewiki bewirken, dass er als einstiger Sowjet-Vorsitzender der Revolution von 1905 in das Komitee aufgenommen wird.

In seiner Autobiographie „Mein Leben“ wird Trotzki später die enthusiastische Begrüßung, die er erfuhr, mit jener von Vandervelde vergleichen, einer Führungsfigur der Zweiten Internationale, der 1914 zum unerbittlichen Kriegsbefürworter wurde. Vandervelde ist mit demselben Zug wie Trotzki in Petrograd eingetroffen. Trotzki schreibt:

Hinter uns, am Ende des Bahnsteigs, bemerkte ich Vandervelde und [Henri] de Man. Sie blieben absichtlich zurück, sie riskierten es wohl nicht, sich unter die Menge zu mischen. Die neuen Minister-Sozialisten hatten ihrem belgischen Kollegen keinen Empfang bereitet. Zu frisch in aller Erinnerung war noch die gestrige Rolle Vanderveldes.

In einer Rede im Petrograder Sowjet verurteilt Trotzki am nächsten Tag den Eintritt der Menschewiki und Sozialrevolutionäre in die bürgerliche Regierung mit scharfen Worten. Er erklärt, die Revolution könne erst dann erfolgreich sein, wenn die Macht auf die Sowjets der Arbeiter- und Soldatendeputierten übergegangen sei. Dann formuliert er „drei revolutionäre Gebote: der Bourgeoisie misstrauen; die Führer kontrollieren; nur auf die eigene Kraft bauen“.

Petrograd 17. Mai (4. Mai): Gesamtrussischer Kongress der Bauerndeputierten beginnt

Der Gesamtrussische Kongress der Bauerndeputierten, der heute beginnt, wird bis zum 10. Juni (28. Mai) dauern. Die Bolschewiki verfolgen das Bemühen um diesen Kongress mit großer Aufmerksamkeit, und Lenin fördert die Organisierung der Bauern in Sowjets nach Kräften. Schon am 29. April (16. April) hat er in einem Artikel geschrieben:

Zweifellos werden alle Mitglieder unserer Partei, alle klassenbewussten Arbeiter die Organisierung der Sowjets der Bauerndeputierten mit allen Kräften unterstützen; sie werden bemüht sein, ihre Zahl zu erhöhen, sie zu stärken und ihrerseits alle Anstrengungen machen, um innerhalb dieser Sowjets in konsequent und streng proletarischem Klassensinne zu arbeiten.

… Um die Bewegung voranzutreiben, muss man sie vom Einfluss der Bourgeoisie befreien, muss man sich bemühen, diese Bewegung von den unvermeidlichen Schwächen, Schwankungen, Fehlern des Kleinbürgertums zu säubern.

Die beim Kongress am stärksten vertretenen Parteien sind die Volkssozialisten, die Trudowiki und die Sozialrevolutionäre.

Lenin setzt Kampf gegen Krieg und Provisorische Regierung fort

Lenin liest die Prawda, Zeitung der Bolschewiki (1918)

Langsam aber sicher gelingt es Lenin, die bolschewistische Partei entlang der Linie seiner Aprilthesen, in denen er im Wesentlichen Trotzkis Theorie der Permanenten Revolution übernommen hat, neu zu orientieren. Im bolschewistischen Parteiprogramm für die Lokalwahlen, der von Lenin autorisierten „Kommunalplattform der Partei des Proletariats“, besteht die Partei auf der bedingungslosen Opposition gegen den Krieg und gegen jede kapitalistische Regierung. Dort heißt es:

1. Keine Unterstützung des imperialistischen Krieges (weder in Form einer Unterstützung der Anleihe noch überhaupt in irgendeiner Form).

2. Keine Unterstützung der Regierung der Kapitalisten.

3. Verhinderung der Wiederherstellung der Polizei. Ihre Ersetzung durch eine allgemeine Volksmiliz.

In einem „Auftrag“ vom 20. Mai an die in den Betrieben und Regimentern zu wählenden bolschewistischen Abgeordneten insistiert Lenin erneut:

1. Unser Deputierter muss unbedingter Gegner des jetzigen imperialistischen Eroberungskrieges sein. Diesen Krieg führen die Kapitalisten aller Länder – sowohl Russlands wie Deutschlands, Englands usw. – um ihrer Profite, um der Versklavung schwacher Völker willen.

2. Solange an der Spitze des russischen Volkes eine Kapitalistenregierung steht – keine Unterstützung, keine Kopeke dieser Regierung, die einen Eroberungskrieg führt! …

Während der rechte Parteiflügel Lenins Positionen bekämpft, gewinnen diese jedoch an der Parteibasis immer mehr Unterstützung.

Washington, 18. Mai: Wilson führt Wehrpflicht ein

Karikatur von Robert Minor in The Masses vom Juli 1916. Armeearzt bei der Musterung: „Endlich ein perfekter Soldat!“

US-Präsident Woodrow Wilson unterzeichnet das Wehrdienstgesetz, das Männer im Alter von 21 bis 30 Jahren für den Krieg gegen Deutschland verpflichtet. Die Spanne wird später auf 18 bis 45 Jahre ausgeweitet. Wilson hoffte zuerst, dass patriotische Begeisterung die Wehrpflicht unnötig machen werde. Aber trotz der „Bereitschaftskampagne“ von 1916 umfasst die US-Armee nur 100.000 Mann. In den sechs Wochen seit der Kriegserklärung gegen Deutschland konnten trotz einer beispiellosen Propagandakampagne gerade einmal 73.000 Männer zusätzlich gemustert werden.

Das ist wenig, selbst im Vergleich zu kleinen europäischen Ländern. Die amerikanischen Alliierten in dem Großen Krieg (Großbritannien, Frankreich, Russland und Italien) benötigen viele Millionen weitere Soldaten, um die Generation europäischer Männer zu ersetzen, die in dem interimperialistischen Blutbad schon getötet und verstümmelt worden sind.

Die amerikanischen Arbeitermassen lehnen Krieg und Wehrdienst zutiefst ab. Unter ihren Vorfahren gab es Dutzende Millionen, die ihre Herkunftsländer gerade deshalb verlassen hatten und in den USA zu Arbeitern und Bauern wurden, um den Armeen ihrer gekrönten Häupter, Kaiser und Zaren zu entkommen. Die größten Einwanderergruppen sind einerseits die Deutschen – die jetzt gegen ihr ehemaliges Land kämpfen sollen – und die Iren, deren früheres Land von Großbritannien unterdrückt wird. In den USA, die von sich selbst behaupten, den „Kampf für Demokratie“ zu führen, werden die Afroamerikaner (mehr als zehn Prozent der amerikanischen Bevölkerung) brutal unterdrückt. Sie werden zu Hunderten in die Einheiten des „demokratischen“ amerikanischen Militärs gepresst, in denen es Rassentrennung gibt.

Um dem Wehrdienstgesetz und der Wehrpflicht Schwung zu verleihen und den Widerstand zu isolieren, mobilisiert die Wilson-Regierung das erst im April gegründete Propagandabüro Committee on Public Information (CPI) unter der Leitung von George Creel. Das CPI lässt ab dem 12. Mai 75.000 Redner zehn Tage lang im ganzen Land ausschwärmen; in 5000 Städten und Ortschaften halten sie 750.000 Vier-Minuten Reden.

Unter dem Wehrdienstgesetz werden schließlich 24 Millionen Männer gemustert, von denen 2,4 bis 2,8 Millionen gemäß der Wehrpflicht aufgeboten werden. Die ersten US-Truppen unter dem Kommando von General John J. Pershing treffen allerdings erst im Juni in Frankreich ein. Die Ankunft von Millionen ausgebildeten und gut ausgerüsteten amerikanischen Soldaten wird sich noch viel länger hinziehen; sie werden erst im Sommer 1918 ankommen.

Ottawa, 18. Mai: Der kanadische Premierminister gibt die Einführung der Wehrpflicht bekannt

Premierminister Borden bei einer Kundgebung für Siegesanleihen in Toronto 1915

In einer Rede vor dem Unterhaus gibt der konservative Premierminister Robert Borden nach seiner Rückkehr aus Großbritannien die Entscheidung seiner Regierung bekannt, die Wehrpflicht einzuführen. In Großbritannien hat er an Treffen des Kriegskabinetts teilgenommen.

Zu Beginn des Kriegs hat Kanada eine Bevölkerung von gerade einmal acht Millionen Einwohnern. Zum Ende des Krieges haben 420.000 Männer im Ausland gedient und mehr als 60.000 sind gestorben. Die Entschlossenheit der kanadischen herrschenden Elite, den Krieg trotz zunehmender Verluste weiterzuführen, widerspiegelt ihre immer stärkeren imperialistischen Ambitionen. Einige Vertreter der Bourgeoisie argumentieren schon seit Beginn des Jahrhunderts, dass Kanada einmal Großbritannien als Sitz des britischen Empire ersetzen könnte.

Borden spricht die kanadischen Forderungen nach größerem Einfluss auf die künftige Außenpolitik offen an. Über die Zukunft des britischen Empire sagt er. „Der Vorschlag ist nicht, dass die Regierung des Vereinigten Königreichs in der Außenpolitik zuerst handelt und uns danach konsultiert. Es wurde eindeutig und endgültig das Prinzip festgelegt, dass die Dominions in diesen Fragen konsultiert werden müssen, bevor das Empire auf wichtige politische Standpunkte festgelegt wird, bei denen es zum Beispiel um Krieg oder Frieden geht.“

Berlin, 18. Mai: SPD-Vorstand entzieht Clara Zetkin die Redaktion der Gleichheit

Clara Zetkin um 1920

Clara Zetkin erhält einen Brief vom Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, unterschrieben von Friedrich Ebert, der sie darüber in Kenntnis setzt, dass ihr die Herausgabe der Zeitschrift Die Gleichheit.Zeitschrift für die Interessen der Arbeiterinnen ab sofort entzogen wird, die sie schon seit ihrer Gründung 1892 innehat. Sie ist gerade mitten in der Vorbereitung der 18. Ausgabe des 27. Jahrgangs. Der Grund für den Entzug ist, dass Zetkin sich der USPD angeschlossen hat. Sie darf künftig nur noch eine Beilage zur Leipziger Volkszeitung herausgeben, die schärfster Zensur unterworfen ist.

Zusammen mit ihrer Genossin und engen Kampfgefährtin Rosa Luxemburg und mit Franz Mehring stellt sich Clara Zetkin entschieden hinter Karl Liebknecht in seinem Kampf gegen den Krieg. In der neutralen Schweiz organisierte sie schon 1915 eine Friedenskonferenz der Frauen. Zetkin, die der Lektüre von Trotzkis Broschüre „Der Krieg und die Internationale“ große Bedeutung beimisst, betont gegenüber den Frauen immer wieder, dass dieser Krieg eine „Weltumwälzung“ sein müsse, und dass „der jetzige Weltkrieg … seine Ursache in dem kapitalistischen Imperialismus“ habe.

In einem offenen Brief an die sozialistischen Frauen aller Länder schreibt Zetkin:

Der wahre Grund meiner Maßregel ist die grundsätzliche Haltung der Zeitschrift. Sie der Auffassung der Mehrheitler anzupassen, Kriegskreditbewilligung und burgfriedliche Regierungspolitik der Sozialdemokratie gutzuheißen, ja als geschichtliche Großtat zu preisen: Das dünkt mich ein Verrat an den Forderungen des internationalen Sozialismus. Zu dieser Politik zu schweigen, wäre unwürdige Feigheit gewesen.

Petrograd, 18. Mai (5. Mai): Neue bürgerliche „Koalitionsregierung“

Alexander Kerenski, 1917

Da die Provisorische Regierung wegen Miljukows Note zutiefst diskreditiert ist und bereits massenhafte Demonstrationen gegen sie stattfinden, appellieren die bürgerlichen Minister an die Führer des Petrograder Sojwets, in eine neue Koalitionsregierung einzutreten.

Im Petrograder Sowjet haben die Vaterlandsverteidiger, Kollaborateure und kleinbürgerlichen Opportunisten zurzeit noch eine Mehrheit, welche Menschewiki, Sozialrevolutionäre und Volkssozialisten umfasst. Gegen den Widerstand der Bolschewiki beschließt der Sowjet, Minister in die neue Koalitionsregierung zu entsenden.

Diese Minister sind: Alexander Kerenski (Trudowiki) als Kriegsminister, Viktor Tschernow (Sozialrevolutionäre) als Ackerbauminister, Irakli Zereteli (Menschewiki) als Minister für das Post- und Telegrafenwesen und Matwei Skobeljew (Menschewiki) als Arbeitsminister. Da Kerenski jetzt als Kriegs- und Marineminister amtiert, übernehmen die demagogischen Populisten und „Sozialisten“ direkt die Verantwortung für die Fortsetzung des andauernden Gemetzels.

Die Bolschewiki weigern sich, in einer kapitalistischen Regierung mitzuarbeiten, die einen imperialistischen Krieg führt, und Lenin beschuldigt Tschernow, Tschcheїdse, Zereteli, sie seien „endgültig zur Verteidigung des russischen Imperialismus hinabgesunken“. Am 19. Mai schreibt Lenin in einem Artikel mit dem Titel: „Klassenzusammenarbeit mit dem Kapital oder Klassenkampf gegen das Kapital?“ das Folgende:

„Wir werden – im Bunde mit den Kapitalisten – dazu beitragen, das Land aus der Krise herauszuführen, es vor dem Zusammenbruch zu retten und vom Kriege zu erlösen“ – das ist der reale Sinn des Eintritts der Führer des Kleinbürgertums, der Tschernow und Zeretelli, in das Kabinett. Unsere Antwort lautet: Euer Beitrag genügt nicht. Die Krise ist sehr viel weiter fortgeschritten, als ihr es euch vorstellt. Das Land retten – und dabei nicht nur unser Land allein –, das kann nur die revolutionäre Klasse, indem sie revolutionäre Maßnahmen gegen das Kapital ergreift.

Die Krise ist so tiefgehend, so weit verzweigt, so weltumspannend, ist so eng mit dem Kapital verknüpft, dass der Klassenkampf gegen das Kapital unvermeidlich die Form der politischen Herrschaft des Proletariats und der Halbproletarier annehmen muss. Einen anderen Ausweg gibt es nicht …

Das Experiment der Klassenzusammenarbeit mit dem Kapital wird jetzt von den Bürgern Tschernow und Zeretelli, von gewissen Schichten des Kleinbürgertums in einem neuen, gewaltigen, ganz Russland, den ganzen Staat umfassenden Maßstab durchgeführt.

Umso nützlicher werden die Lehren für das Volk sein, wenn es sich – und das wird allem Anschein nach bald sein – davon überzeugen wird, dass eine solche Zusammenarbeit ein unhaltbares, hoffnungsloses Beginnen ist.

Wien, 18./19. Mai: Prozess gegen Friedrich Adler

Friedrich Adler um 1917

Am 18. Mai 1917 beginnt in Wien der Prozess gegen den österreichischen Sozialdemokraten Dr. Friedrich Adler, der am 21. Oktober 1916 den österreichischen Ministerpräsidenten Karl Graf Stürgkh erschossen hat. Das Gericht verurteilt ihn zum Tode. Kaiser Karl verwandelt das Urteil jedoch in eine 18-jährige Haftstrafe, die Adler allerdings wegen einer 1918 gewährten Amnestie auch nicht absitzen muss.

Friedrich Adler ist der Sohn Victor Adlers, des Vorsitzenden und Gründers der österreichischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Aus Protest gegen die Verherrlichung des Kriegs durch die deutsche und österreichische Sozialdemokratie hat er den Posten des Parteisekretärs niedergelegt und ist aus der Redaktion der Parteizeitung Der Kampf ausgetreten. Seine eigene Zeitung Das Volk ist seit Ausbruch des Krieges verboten.

In dem Prozess beklagt Adler, dass in der Sozialdemokratie Österreichs „der bürokratische Apparat die Oberhand über die Zukunftsinteressen des Proletariats gewonnen“ und die Partei sich immer mehr zu einer „konterrevolutionären Instanz“ entwickelt habe. Er erklärt vor Gericht, er sei zu der Überzeugung gelangt, dass nur eine aufrüttelnde Tat den Krieg beenden könne, und dass er mit seinem Mord „dem revolutionären Geist in Österreich wieder eine Stätte schaffen“ wolle. Es sei „ein Bekenntnis zur Gewalt“ gewesen, aber auch „eine symbolische Handlung, ein Gleichnis“.

Im Gegensatz zu seiner Partei, die alles versucht, um seine Tat als die eines Wahnsinnigen hinzustellen, wird sie von einem Teil der kriegsmüden Arbeitermassen begrüßt. Sie kommt jedoch eher einem „Aufbäumen des verzweifelten Opportunismus“ gleich, wie Trotzki später in „Mein Leben“ schreiben wird: „Nachdem er seiner Verzweiflung einen Ausweg gegeben hatte, kehrte Adler auf sein altes Gleise zurück.“ In der Tat wird Adler 1918, nach dem Kriegsende, dazu beitragen, den revolutionären Aufschwung in Österreich aufzuhalten, und 1919 wird er als Parlamentsabgeordneter in die Arme der Zweiten Internationale zurückkehren.

Schweizer Jura, 19./20. Mai 1917: „Bastillesturm“ von La Chaux-de-Fonds

Ernest-Paul Graber (Bild: Bibliothèque de la Ville de La Chaux-de-Fonds, fonds spéciaux, fonds Ernest-Paul Graber)

Ernest-Paul Graber (1875–1956), Westschweizer Sozialist und Herausgeber der Zeitung La Sentinelle, wird durch eine tausendköpfige Menge aus dem Gefängnis von La Chaux-de-Fonds befreit. Die Stadt, ein Zentrum der Uhrenindustrie, ist eine Hochburg der Sozialisten in der französischsprachigen Schweiz.

Ein Militärgericht hat Graber wegen Beleidigung der Schweizer Armee zu einer achttägigen Gefängnisstrafe verurteilt. Stein des Anstoßes ist ein Bericht in La Sentinelle über einen brutalen Fall von Soldatenschinderei, bei dem ein Soldat während eines Wintermarschs beinahe zu Tode kam. Zwei Offiziere, die den herzkranken Mann als „Simulanten“ beschimpften, hatten ihn zwischen ihren Reitpferden festgebunden und so lange zum Weitermarschieren gezwungen, bis er zusammenbrach.

Am Abend des 19. Mai zieht eine Demonstration von über tausend Sozialisten und Arbeitern, angeführt von einer Musikkapelle, vor das Gefängnis, in dem Graber am Vorabend seine Strafe angetreten hat. Während der Reden, die gehalten werden, wird der Vorschlag laut, man solle es „machen wie in Russland“. Nach mehreren Stunden gelingt es der Menge, die Tore aufzubrechen und das Gefängnis zu besetzen. Im Triumph wird Graber entführt und in ein Versteck gebracht. Am nächsten Tag lässt der Regierungsrat ein Regiment von drei Bataillonen und einer Kavallerieeinheit in La Chaux-de-Fonds einmarschieren, um die Stadt mehrere Tage lang militärisch zu besetzen.

Wie der Vorfall zeigt, ist auch in der „neutralen“ Schweiz die soziale Lage explosiv. Die Familien der mobilisierten Soldaten erhalten keinen Ersatz für deren Lohnausfall und müssen allein mit dem Sold des Familienvaters über die Runden kommen. Der Krieg und ein ungewöhnlich harter Kältewinter führen zu starker Teuerung und Verknappung der Lebensmittel, die ab 1916 rationiert sind.

Graber gehört der „Zimmerwalder Linken“ und dem Flügel der Schweizer Sozialdemokraten an, der die bewaffnete Landesverteidigung ablehnt. Nach dem Landesstreik vom November 1918 wird sich Graber allerdings von der revolutionären Politik der Dritten Internationale distanzieren und dem Führer der Sozialdemokraten, Robert Grimm, beim Übergang in das „gemäßigte“, d.h. sozialpatriotische Lager folgen. Zwei Monate vor diesem „Bastillesturm“ besuchte Lenin am 18. März 1917 auf Einladung Ernest-Paul Grabers La Chaux-de-Fonds.

Paris, 18. Mai: Uraufführung eines Balletts von Erik Satie und Jean Cocteau, Gestaltung: Pablo Picasso

Video von einer Wiederaufnahme des Balletts „Parade“

Eine bemerkenswerte Künstlergruppe bringt gemeinsam „Parade“ auf die Bühne, ein Ballett in einem Akt, das im Théâtre du Châtelet in Paris uraufgeführt wird und einen Skandal auslöst. Erik Satie komponierte die Musik, der Inhalt folgt einem Thema von Jean Cocteau, und Pablo Picasso gestaltete das Bühnenbild und die Kostüme (wobei ihm der italienische Futurist Giacomo Balla assistierte). Getanzt wird das Stück von den legendären Ballets Russes nach einer Choreographie von Léonide Massine (der selbst als Tänzer auftritt). Der Schweizer Ernest Ansermet dirigiert das Orchester.

„Parade“ wird im Untertitel ein „realistisches Ballett“ genannt, weil es die zeitgenössische urbane Wirklichkeit auf die Bühne bringt. Der Dichter Guillaume Appollinaire nennt es „eine Art von Über-Realismus [sur-réalisme]“ und führt damit den bisher noch unbekannten Terminus „Surrealismus“ ein. Das Stück von Satie/Cocteau weist Bezüge zu verschiedenen Formen der populären Unterhaltung wie Variété und Stummfilm auf.

Das Ballett handelt von den erfolglosen Versuchen einer Schaustellertruppe, die Aufmerksamkeit des Publikums für sich zu gewinnen. Von Picasso stammt auch der Vorhang für die Aufführung. Für einige Tänzer hat er dreimeterhohe Kostüme entworfen, bestehend aus Holz, Metall, Tuch, Papiermaché und anderem Material. Laut einem Kommentator sollen die schwerfälligen, unbequemen Kostüme – in der geometrischen Form von Gebäuden und Wolkenkratzern gebaut – „absichtlich plump wirken, wobei die Tänzer wie Roboter auf der Bühne umherstapfen, um die mechanisierten, entmenschlichten modernen Zeiten darzustellen“.

Ein Teil des Publikums im Théâtre du Châtelet buht und trampelt und verursacht beinahe einen ernsten Tumult.