Ford will weltweit 20.000 Stellen streichen

Von Jerry White
18. Mai 2017

Nur wenige Tage nachdem Aktionäre und Investoren die Führungskräfte der Ford Motor Company für das „klägliche Abschneiden“ der Aktienkurse kritisiert hatten, berichtete das Wall Street Journal, dass Ford seine weltweite Belegschaft um zehn Prozent reduzieren will. Das Jobmassaker, das vor allem auf Angestellte abzielt, könnte bis zu 20.000 der 201.000 Beschäftigten der Firma weltweit betreffen.

Die Nummer zwei der amerikanischen Autohersteller hat sieben Jahre hintereinander stabile Gewinne gemeldet. In den letzten zwei Jahren waren es sogar Rekordgewinne und Rekordmargen, und im ersten Quartal 2017 waren es 1,6 Milliarden Dollar Gewinn. Dennoch hat die Wall Street das in Dearborn (Michigan) beheimatete Unternehmen abgestraft und seine Kurse seit Mitte 2014 um 40 Prozent gedrückt.

Die Investoren, die ein Ende des langen Booms bei den amerikanischen Fahrzeugverkäufen erwarten, wollen erreichen, dass die Autohersteller die Zahl der Angestellten und der Produktionsarbeiter kurzfristig reduzieren. Sie haben zuletzt wieder eingestellt, um die seit 2010 wachsende Nachfrage zu bedienen.

Von 2004 bis 2010 hat der Autobauer die Zahl seiner amerikanischen Bandarbeiter von 88.386 auf 40.398 mehr als halbiert. In den letzten sieben Jahren hat Ford jedoch zirka 15.000 zumeist schlecht bezahlte Produktionsarbeiter wieder eingestellt. In den Vereinigten Staaten arbeiten außerdem 30.000 Angestellte für Ford. Die Streichung von zehn Prozent der Stellen würde dort 3000 Jobs vernichten.

Ford-Werk in Chicago

Brancheninsider haben im Gespräch mit dem Wall Street Journal erklärt, Ford werde seine Stellenstreichungspläne bereits in dieser Woche bekanntgeben. Sie erklärten, es sei unklar, ob der Arbeitsplatzabbau auch die Produktionsarbeiter in den USA und im Ausland betreffe. Das Journal stellte fest: „Ford hat erklärt, es erwarte, dass seine Profite 2017 sinken, und hat auf die nachlassenden Verkäufe in den USA und China hingewiesen, zwei der größten Automärkte der Welt.“

General Motors (GM) hat schon darauf reagiert, dass immer mehr unverkaufte Autos auf Halde stehen, indem es tausende Arbeitsplätze vernichtet und Schichten in Michigan (Ohio) und anderen Staaten gestrichen hat. Außerdem hat es seine Töchter in Deutschland und Großbritannien, Opel und Vauxhall, an Peugeot-Citroën abgestoßen und damit 90 Jahre GM-Autoproduktion in Europa beendet.

Die Stellenstreichungen zerstören die Mär von der „Vollbeschäftigung“ in den USA, die das Trump-Regime und die Medien verbreiten. Trump hat die volle Unterstützung der Autogewerkschaft United Auto Workers (UAW) und anderer Gewerkschaften, wenn er behauptet, sein „America First“-Nationalismus, seine Handelskriegsdrohungen gegen China und Mexiko und sein neoliberales Programm würden sich zum Wohl amerikanischer Arbeiter auswirken.

Der Boom an den Aktienmärkten hat die Krise der Realwirtschaft in den USA nur verdeckt. Der weltweite Wirtschaftsrückgang und der jahrzehntelange Verfall der US-Industrie haben tiefgreifende Auswirkungen. Der Rückgang der Autoverkäufe hängt eng damit zusammen, dass das Zinsniveau steigt, die Autokredite massenhaft ausfallen und sehr viele Amerikaner sich heute nur gebrauchte oder geleaste Autos leisten können. So könnte der spürbare Rückgang der Autoverkäufe ein Anzeichen für einen umfassenden Wirtschaftsabschwung sein.

Wie Reuters berichtet, plant Ford „großzügige Vorruhestandsregelungen“, um die Zahl seiner Angestellten bis zum 1. Oktober zu reduzieren. Dagegen seien keine Pläne bekannt, die Produktionsarbeitsplätze abzubauen oder die Produktion einzuschränken.

Ford ist jedoch schon dabei, die Zahl seiner Arbeiter in Europa zu reduzieren. In Deutschland, wo die Firma 24.000 Arbeiter beschäftigt, hat Ford laut IG Metall „einer begrenzten Zahl von Mitarbeitern in den letzten Monaten Abfindungsangebote gemacht“. Die IG Metall behauptet, über umfangreichere Stellenstreichungen sei sie nicht informiert worden.

Gesamtbetriebsratschef Martin Hennig wies gegenüber der Zeitschrift Automobilwoche Berichte über zehnprozentige Stellenstreichungen zurück: „Ich bin schon seit 42 Jahren bei Ford. Solche Berichte über drastische Jobkürzungen hat es immer wieder einmal gegeben. Richtig ist daran nur, dass die Unternehmensführung unter Druck steht, weil sie hohe Investitionen in Zukunftstechnologien finanzieren muss, und gleichzeitig neigt sich der Boom in Amerika dem Ende zu.“

Während es bisher keine Anzeichen für massive Entlassungen in Deutschland gibt, steigen der Druck und der Arbeitsstress für die deutsche Belegschaft. Aufgrund zahlreicher Zugeständnisse des Betriebsrats ist sie schon heute eine der „effektivsten“ Belegschaften weltweit. Wie das Handelsblatt berichtet, hat sich die „Fabrik im Kölner Norden den Ruf erworben, weltweit zu den produktivsten Automobilfabriken zu gehören. Würde es diese Effizienz bei den Kölner Ford-Werken nicht geben, wäre der Kleinwagen schon längst an einen Standort mit deutlich niedrigeren Löhnen abgewandert.“ Vor drei Jahren sei tatsächlich bereits nach einem Alternativ-Standort für die Fiesta-Produktion gesucht worden. „Ein Ford-Werk in Rumänien war im Gespräch.“

Die Belegschaft in Köln zahlt den Preis dafür mit Arbeitshetze und hoher „Flexibilität“. Das bedeutet, dass immer wieder Schichten verlängert werden, und auch Samstagarbeit ist kein Tabu. Wurden früher 600 Autos pro Schicht gebaut, sind es heute 700.

In Großbritannien hat Ford bereits Stellenstreichungen mit der Gewerkschaft Unite diskutiert. Das Unternehmen plant, 1.160 Stellen im Werk Bridgend bis zum Jahr 2021 zu streichen. Dadurch verbleiben nur noch 600 Arbeiter in dem walisischen Autowerk, was Zweifel an seiner Zukunft aufkommen lässt. Das Werk produziert kleine Motoren für Ford sowie leistungsstärkere V6- und V8-Motoren für Jaguar und Land Rover.

Zum Börsenschluss am Dienstag wurden Ford und GM mit 10,94 beziehungsweise 33,42 Dollar pro Aktie gehandelt. Das ist nur ein Bruchteil des Aktienpreises von Tesla (317,01 Dollar pro Aktie). Dabei hat Tesla, ein Hersteller von Spezialmodellen, bisher noch keine Gewinne gemacht.

Dass die Aktienkurse des Detroiter Autoherstellers trotz seiner Rekordprofite sinken, ist Teil eines schon länger anhaltenden Trends. Das Finanzparasitentum hat die Industrieproduktion überholt und ist heute für die herrschende US-Elite das wichtigste Instrument, um riesige Vermögen anzuhäufen.

Die Stellenstreichungen bei Ford wurden am selben Tag verkündet, an dem die New York Times berichtete, der Hedgefond-Manager Ray Dalio habe letztes Jahr 1,4 Milliarden Dollar eingenommen. Dalio hatte vor einiger Zeit die ganze Verachtung der herrschenden Elite für die arbeitende Klasse auf den Punkt gebracht, als er sagte: „Das Geld, das in der Produktion verdient wird, ist nur ein Almosen verglichen mit den Summen, die durch das Hin- und Herschieben von Geld gemacht werden.“

Das Wall Street Journal schrieb über den Ford-Vorstandschef: „Mr. Fields, ein seit 28 Jahren erprobter Veteran des Unternehmens, leitet Fords zentrale Werke in Nordamerika seit mehreren Jahren und war schon an vielen Personalabbau-Projekten führend beteiligt. Er hat mit den Gewerkschaftsvertretern der United Auto Workers viele harte Verhandlungen geführt. Er hat außerdem die europäischen Aktivitäten des Unternehmens Anfang des letzten Jahrzehnts zurückgefahren und sich den Ruf eines hartgesottenen Sanierers verdient, der bereit ist, die sperrige Kostenstruktur des Unternehmens in Angriff zu nehmen, die Detroits Autofirmen so lange belastet haben.“

Ford hat sich keineswegs „harte Verhandlungen“ mit der UAW geliefert. Die Firma kann sich vielmehr immer auf den Gewerkschaftsapparat verlassen, der die Opposition gegen seine Personalabbau-Pläne unterdrückt.

Nach der Unterzeichnung des Tarifvertrags zwischen der UAW und Ford im Jahr 2015 lobten Ford-Manager ihre Gewerkschafts-„Partner“ dafür, dass sie einen perfekten Deal über die Bühne gebracht hätten. Damit bleibe die Steigerung der Arbeitskosten unterhalb der Inflationsrate, und die Zahl der Teilzeit- und Leiharbeiter, die man schnell entlassen kann, wenn die Verkaufszahlen zurückgehen, sei gestiegen.

Die Arbeiter hatten damals darauf gedrängt, nach jahrzehntelang stagnierenden Löhnen verlorenes Einkommen wieder wettzumachen. Sie sagen heute, dass die UAW den Vertrag damals nur durch Wahlfälschung über die Bühne gebracht habe.

Zu den Einstellungen billiger Leiharbeiter, die schnell wieder entlassen werden, sagte James, ein Arbeiter in Chicago, gegenüber der World Socialist Web Site: „Es wurde gerade ein Haufen neuer Leute eingestellt. Kannst du dir vorstellen, was das bedeutet, wenn man gerade begonnen hat, seine Finanzen in Ordnung zu bringen, und dann wieder davor steht, den Job zu verlieren?“

James selbst arbeitet seit fünf Jahren im Ford-Montagewerk in Chicago. Er kommentiert: „Im Endeffekt haben die Investoren mit ihren Dividenden alle Rekorde gebrochen. Sie haben jede Menge Geld. Die Firma und wir haben völlig verschiedene Interessen: Sie kümmern sich nur um die Gewinne der Investoren. Das ist das ganze Problem mit dem Kapitalismus, der gesamten Firma und mit denen, die an der Macht sind.“