„Das ist pure Sklaverei“

Bericht eines Arbeiters über die Ausbeuterbedingungen bei Amazon Manchester, UK

Von unseren Korrespondenten
25. Mai 2017

Wir veröffentlichen hier den Bericht eines Lageristen, der in einem britischen Amazon-Versandlager in der Gewerbezone Airport City Manchester arbeitet. Weitere Artikel zur Lage bei Amazon in Deutschland und weltweit sind hier zu finden.

Amazon wächst weiter, und seine Versandhäuser breiten sich weltweit aus wie Pilze nach dem Regen. Der Börsenwert des Konzerns steigt und liegt momentan bei 430 Milliarden US-Dollar (385 Mrd. EUR). In Großbritannien wird der Konzern bis zum Ende dieses Jahres vier neue Häuser und im Ganzen dann sechzehn betreiben. Zurzeit gibt es neun in England, zwei in Schottland und eins in Wales.

Der Begriff Amazon Versandhandel ist auf der ganzen Welt zum Synonym für extreme Ausbeutermethoden geworden. Die Belegschaften leisten harte Knochenarbeit für minimale Löhne.

Die World Socialist Web Site sprach darüber mit einem Arbeiter bei Amazon in Manchester. Seinen Namen können wir nicht nennen, da er sonst Repressalien von Seiten des Amazon-Managements befürchten muss.

„Die Bezahlung ist erbärmlich: Man bekommt £7.65 [8,87 EUR] die Stunde, und wer länger als ein Jahr durchhält, kriegt 10 Pence Lohnerhöhung. Bei den enormen Profiten, die Amazon macht, könnten sie leicht halbwegs vernünftige Löhne bezahlen. Der Vorstandvorsitzende [Jeff] Bezos streicht Milliarden ein. Wozu benötigt irgendein Mensch Milliarden? Es ist die Art Ausbeutung, wie man sie schon seit Jahrzehnten aus den Sweatshops von Nike und Adidas in Thailand kennt.“

Neues Amazon-Lager in Dunfermline (Schottland) mit über 90.000 Quadratmetern Fläche (Foto: Chris Watt)

Ende letzten Jahres sorgte die Amazon-Tochter im Vereinigten Königreich für allgemeine Empörung, als bekannt wurde, dass Amazon-Arbeiter in Dunfermline (Schottland) in Zelten neben dem Versandlager schliefen. Wie sie den Journalisten sagten, waren sie nicht in der Lage, die Fahrtkosten von Zuhause zur Arbeit zu bezahlen.

Das Auslieferungszentrum in Dunfermline ist mit einer Fläche von über 90.000 Quadratmetern (das sind etwa vierzehn Fußballfelder) die bisher größte Amazon-Anlage in Großbritannien. Das ganze Jahr über arbeiten dort 1.500 Beschäftigte bis zu 60 Stunden die Woche zu Mindestlöhnen. Und in der Hochsaison, vor allem im Vorweihnachtsgeschäft bis über Neujahr, werden 4.000 Zeitarbeiter zusätzlich eingestellt.

Der Amazon-Arbeiter sagte: „In den Stoßzeiten, vor allem von Mitte November bis Januar, sind Überstunden Pflicht, was bedeutet, dass man elfeinhalb Stunden täglich, fünf Tage die Woche arbeitet.

In der Hochsaison verschwinden dann immer einige arme Teufel, die es einfach nicht schaffen, hart genug ranzuklotzen. Der Job ist extrem ermüdend, ich schlafe meist schon auf dem Nachhauseweg ein. Durch die ständig gleiche Belastung während der Arbeit habe ich eine Sehnenscheidenentzündung an der Hand bekommen. Wir erledigen die Arbeit, die die Roboter nicht machen können – das ist pure Sklaverei.

Der Arbeiter schilderte die diktatorischen Verhältnisse, die im Verteilzentrum herrschen: „Es herrscht sehr strenge Disziplin. Wenn man krank ist und nicht anruft, bekommt man drei Strafpunkte, aber wenn man frei hat und sich krankmeldet, kriegt man auch einen Strafpunkt. Bei Krankheit muss man jeden Tag anrufen, und wenn man zu spät kommt, wird man ebenfalls bestraft.“

Im September 2016 eröffnete Amazon ein neues „Auslieferungszentrum“, ebenfalls mehr als 90.000 qm groß, mit drei Stockwerken, in der Nähe des Flughafens von Manchester. Das Versandhaus steht in einer kürzlich eingerichteten Gewerbezone namens Airport City. Diese Zone bietet auf einer Fläche von einer halben Million qm Platz für neue Unternehmen, zum Beispiel im „Cluster für moderne Fertigungstechnologie“. Konzerne wie Amazon, DHL und andere beschäftigen dort mehr als 20.000 Arbeiter.

Airport City wurde 2012 gegründet und vor allem mit Hilfe einer chinesischen Investition über 800 Millionen Pfund (928 Mio. Euro) aufgebaut. Dafür war eine Entscheidung der konservativen Regierung nötig, neue Gewerbezonen einzurichten. Die chinesische Gruppe Beijing Construction Engineering Group (BCEG) betreibt in Airport City ein Joint Venture. Hinter BCEG steht die staatliche Industrie- und Handelsbank Chinas, die größte Bank der Welt.

An diesem Joint Venture sind außerdem Carillion PLC und der Greater Manchester Pension Fund beteiligt, der 2014 über 13 Milliarden Pfund verfügte. Manchester Airport Group ist ein weiterer Investor. Er gehört zum Teil dem Stadtrat von Manchester, in dem die Labour Party regiert.

Der Stadtrat lobt diese Entwicklung in den höchsten Tönen: „Airport City ist attraktiv für nationale und internationale Unternehmen, die von der Lage im Zentrum von Nordwestengland und von Großbritannien profitieren und die internationalen Verbindungen des Flughafens nutzen können.“

Der chinesische Präsident Xi Jinping, der 2015 auf Staatsbesuch in Großbritannien weilte, erklärte: „Airport City Manchester ist als erstes Projekt verwirklicht worden, seit unsere beiden Länder 2011 ein MoU [Memorandum of understanding] über die Zusammenarbeit in der Infrastrukturentwicklung unterzeichnet haben. Es ist auch das erste große Infrastrukturprojekt in Großbritannien, das ein chinesischer Konzern in der Form eines Equity Investments abschließt.“

Website von Airport City Manchester mit Eröffnungsfoto. Es zeigt den chinesischen Präsidenten Xi Xinping mit dem früheren konservativen Premierminister David Cameron.

Heute gibt es im Vereinigten Königreich 24 solche Gewerbezonen, und im Ganzen sollen es 48 werden. Wie ihre Vorbilder in Indien und China bieten sie Konzernen maximale Konzessionen, einschließlich Steuer-vergünstigungen. Sie bieten auch die Möglichkeit, Arbeiter zum Mindestlohn von £7.65 die Stunde auszubeuten.

Die Gewerbezone von Manchester lockt Investoren mit attraktiven Bedingungen an. Zum Beispiel mit einem „beschleunigten Planungssystem, um schnellere Prozesse zu ermöglichen. Wenn Sie in der Airport City Manchester ihr Business entwickeln, können Sie in fünf Jahren bis zu 100% (bis zu £275,000) ihrer Unternehmenskosten im Wert von 275.000 Pfund abschreiben.“

Für Amazon arbeiten etwa 1.500 Beschäftigte in Airport City, und in der Hochsaison wird die Belegschaft auf bis zu 3.000 Köpfe aufgestockt. Die Arbeit ist schwierig, wird penibel überwacht und die Arbeitszeit ist lang. „Ich habe eine Zehneinhalb-Stunden-Schicht“, erklärte der Arbeiter der WSWS. „Darin sind zwei bezahlte 15-Minuten-Pausen und eine unbezahlte halbe Stunde für das Essen enthalten. Es kann aber vier Minuten dauern, bis ich in der Kantine ankomme.“

Er fuhr fort: „Heute arbeite ich an einem anderen Arbeitsplatz, in einem Verschlag, wo die Regalboxen heranfahren und man das Gewünschte heraus-‚pickt‘. Mit meinem Kollegen gegenüber kann ich mich nicht unterhalten: Der Lärm ist zu groß, so dass wir schreien müssten. Und es ist nicht erlaubt, sich hinzusetzen. Um das Ziel von 300 Picks in der Stunde zu erreichen, muss man den ganzen Tag schnell arbeiten und kann nicht träumen. Man hat zwei Sekunden für den Blick auf das Sichtfenster, dann muss man das Objekt scannen und herausholen – und alles in neun Sekunden.“

Für den geringsten Verstoß müssen die Arbeiter ein demütigendes Disziplinarverfahren durchmachen. „Wenn man sein Ziel nicht erreicht, setzen Disziplinarmaßnahmen in fünf Stufen ein“, sagte der Arbeiter. „Das geht von der ‚hilfreichen Aussprache‘ über die Ermahnung bis zu den Warnungen – worauf die Entlassung folgt.“

Bei dem ganzen diktatorischen Regime behandelt der Konzern die Arbeiter insgesamt wie Tiere. Er verlangt von ihnen, in monatelanger befristeter Arbeit erst zu beweisen, dass sie einer festen Anstellung würdig sind. „Wenn man bei Amazon anfängt, dann wird man von einer der zwei hauseigenen Agenturen als Zeitarbeiter eingestellt. Um die Stelle überhaupt zu bekommen, muss man Alkohol- und Drogen-Tests über sich ergehen lassen.

Die Agentur ist absolut inkompetent – diese Leute sind nicht in der Lage, den richtigen Lohn auszurechnen. Ich habe von einem Zeitarbeiter gehört, der im November einen Tag zu wenig Lohn erhalten hatte, und es hat einen ganzen Monat gedauert, bis das geklärt war. Er musste erst seinen Schichtführer und die Personalabteilung einschalten, ehe er sein Geld bekam.

Nach drei Monaten Probezeit kann man eine Festanstellung bekommen, aber wenn die Agentur sich verrechnet und fälschlicherweise zum Schluss kommt, man habe einen Tag gefehlt, weil sie diesen Tag nicht bezahlt haben, dann muss man wieder warten bis zur nächsten Gelegenheit.“

Der Arbeiter machte sich über die Expansionspläne von Amazon Gedanken: „Amazon will jetzt ein Versandhaus in London eröffnen, aber wie sollen die Arbeiter dort mit den Löhnen zurechtkommen – bei den dortigen hohen Mieten und Fahrtkosten?“

„Was unternimmt eigentlich [Labour-Führer Jeremy] Corbyn in dieser Sache?“ fragte der Arbeiter. „Ich habe ihn einmal über existenzsichernde Löhne reden hören, aber das war wohl nicht ernst gemeint.“

Bedingungen, wie sie dieser Amazon-Arbeiter schilderte, sind weit verbreitet. Weltweit schuften Hunderttausende unter der Amazon-Diktatur: in den USA, in China, Brasilien, Indien, Deutschland, Japan, Mexiko, Frankreich und in andern Ländern. In Großbritannien können Amazon und sehr viele Großkonzerne solche Bedingungen nur durchsetzen, weil die Gewerkschaften und die Labour Party sich zusammentun und die Rechte der Arbeiter zerstören.

Gleichzeitig gewähren alle Regierung den großen Konzernen massive Steuervergünstigungen und andere Vorteile. Amazon hat von der schottischen Regierung der Scottish National Party seit 2007 etwa 3.6 Millionen Pfund an Vergünstigungen erhalten. Es hat sein Versandhaus in Schottland erst eröffnet, als ihm Scottish Enterprise, die größte schottische Agentur für Wirtschaftsentwicklung, eine steuerfinanzierte Subvention garantierte.

Amazon operiert im Vereinigten Königreich in jeder Hinsicht als sein eigener Gesetzgeber. Im Jahr 2014 hat es für seine britischen Profite weniger als zehn Millionen Pfund Steuern bezahlt – obwohl es in Großbritannien Waren für 6,3 Milliarden Pfund verkauft hat.