Syrien: US-Stellvertretertruppen erobern Rakka

Von Bill Van Auken
8. Juni 2017

Am Dienstag drang eine Militäreinheit unter Führung der kurdischen Miliz YPG (Volksverteidigungseinheiten), mit Unterstützung verstärkter Kontingente amerikanischer Spezialeinheiten und schwerer US-Luftangriffe, in den Ostteil der syrischen Stadt Rakka ein.

Die Offensive gegen die sogenannte „Hauptstadt“ des Islamischen Staats im Irak und Syrien (IS) bedeutet eine deutliche Eskalation der US-Militärintervention in Syrien. Obwohl ihr vorgebliches Ziel die Zerschlagung des IS und der Kampf gegen Terrorismus ist, steht diese Eskalation in Zusammenhang mit den allgemeinen strategischen Zielen des US-Imperialismus, vor allem der Konfrontation mit dem Iran, der als Hindernis für die Hegemonie der USA über den ölreichen Nahen Osten gilt.

Das Pentagon will keine genauen Zahlen darüber bekanntgeben, wie viele US-Soldaten sich momentan in Syrien im Bodeneinsatz befinden. Allerdings hat es zugegeben, dass sich die Zahl der amerikanischen „Berater“ bei den YPG deutlich erhöht hat, seit die Trump-Regierung letzten Monat beschlossen hat, die kurdische Miliz direkt mit Waffen zu beliefern.

Die YPG haben bereits Tausende von Sturmgewehren, schweren Maschinengewehren und Panzerabwehrwaffen sowie gepanzerte Fahrzeuge erhalten. Ein Sprecher des Pentagon erklärte der US-Militärzeitung „Stars and Stripes“, die Mission der Spezialeinheiten bei der kurdischen Miliz umfasse auch die „aufmerksame Kontrolle der Ausrüstung, die an syrische Kurden geliefert wird“. Auf diese Weise soll „sichergestellt werden“, dass sie „gegen niemand anderen als gegen den IS gerichtet wird“.

Washingtons Nato-Verbündeter Türkei hat scharfe Kritik an den Waffenlieferungen an die kurdische Miliz geübt. Ankara bezeichnet sie als „terroristische“ Organisation und Ableger der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK), mit der die Regierung seit Jahrzehnten einen bewaffneten Konflikt austrägt.

Die türkische Regierung hat mit einer Intervention in Syrien gedroht, falls sie die kurdische Offensive in Rakka als Bedrohung ihrer Interessen empfinden sollte. Gleichzeitig erklärte Ministerpräsident Binali Yildirim, Washington habe Ankara versichert, es werde seine Unterstützung für die YPG einstellen, sobald die Offensive auf Rakka beendet sei. Vor Kurzem bezeichnete ein hochrangiger Beamter des US-Außenministeriums die Beziehungen der USA zu den syrischen Kurden als „vorübergehend, geschäftlich und taktisch“. Das bedeutet, Washington wird die Kurden verraten, sobald sie ihren Zweck erfüllt haben.

Obwohl die Zahl der US-Soldaten in Syrien offiziell auf 500 begrenzt ist, befinden sich vermutlich deutlich über 1.000 im Land. Neben den Spezialeinheiten, die an der Seite der YPG kämpfen, wird die belagerte Stadt auch von einer Artillerieeinheit der US-Marines beschossen, während Apache-Kampfhubschrauber der USA für Luftunterstützung sorgen.

Dass die YPG jedoch stetig auf Rakka vorrücken konnte, verdankt sie den heftigen Bombenangriffen der USA, denen immer mehr Zivilisten zum Opfer fallen. Laut einer konservativen Schätzung der Beobachtergruppe Airwars kamen seit Beginn der US-Luftangriffe auf den Irak und Syrien im Jahr 2014 über 3.800 Menschen um. Mehr als 60 Prozent davon wurden seit Beginn dieses Jahres getötet.

Flugzeuge der USA und ihrer Verbündeten haben Flugblätter über Rakka abgeworfen, auf denen die Bewohner aufgefordert werden, ihre Häuser zu verlassen. Wer dies tut, könnte jedoch von US-Kampfflugzeugen getötet, von IS-Kämpfern erschossen oder von Minen getötet werden, die rund um die Stadt ausgelegt wurden.

Am Dienstag sollen laut syrischen Staatsmedien und oppositionellen Quellen mindestens zwölf Zivilisten bei einem US-Luftangriff ums Leben gekommen sein, darunter Frauen und Kinder, die mit Booten über den Euphrat aus der Stadt fliehen wollten. Am Montagabend wurden laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte in London insgesamt 21 Zivilisten bei Luftangriffen auf Rakka getötet.

Außerdem wurde am Dienstag eine Schule in Mashlab, im Ostteil von Rakka, von amerikanischen Bomben getroffen. Dort waren Zivilisten untergebracht, die vor den Kämpfen geflohen sind. Die Zahl der zivilen Todesopfer ist noch unbekannt.

Letzten Samstag wurden bei einem US-Luftangriff auf ein Wohngebäude in Rakka 43 Zivilisten getötet, die meisten davon Frauen und Kinder. Auch das städtische Krankenhaus al-Mawasah soll von Flugzeugen der US-Koalition bombardiert worden sein, wobei mehrere Zivilisten getötet oder verwundet wurden, darunter auch Frauen und Kinder.

Kaum eine Woche vor dem Angriff auf Rakka hatte US-Verteidigungsminister James Mattis gegenüber den Medien erklärt, das Pentagon setze im Kampf gegen den IS auf eine „Vernichtungstaktik“. Das Kernstück dieser Taktik ist die gleichzeitige Belagerung der syrischen 300.000-Einwohner-Stadt und der irakischen Stadt Mossul, etwa 360 Kilometer östlich, die früher 1,6 Millionen Einwohner hatte. Der ehemalige General der Marines erklärte über die derzeitige Offensive unter Führung der USA: „Zivile Todesopfer sind in dieser Lage eine Tatsache, die man hinnehmen muss.“ Mittlerweile ist unbestreitbar, dass diese Aussage ein Freibrief für US-Befehlshaber ist, Massenmorde zu verüben.

Laut Medienberichten und Stellungnahmen des Pentagon und der YPG wird Rakka von Norden, Osten und Westen belagert. Berichte russischer und iranischer Medien deuten jedoch an, dass die USA und ihre Stellvertretertruppen Richtung Süden bewusst eine Fluchtroute für IS-Kämpfer offen gelassen haben, sodass sie in die etwa 130 Kilometer entfernte Stadt Deir al-Zour am Euphrat fliehen können. Von dort aus hat die islamistische Miliz eine Offensive gegen die syrische Armee begonnen. Die umliegende Provinz Deir al-Zour wird fast völlig von den islamistischen Milizen kontrolliert, die seit sechs Jahren als Stellvertretertruppen für die USA kämpfen, um die syrische Regierung von Präsident Baschar al-Asssad zu stürzen. Auch um die antike Stadt Palmyra, 160 Kilometer südlich von Rakka, kam es zu schweren Kämpfen zwischen dem IS und Regierungstruppen.

Noch während Regierungstruppen in Deir al-Zour und Palmyra gegen den IS kämpften, flogen die USA weiter südlich im Gebiet al-Tanf nahe der Grenze zum Irak und Jordanien einen Angriff auf regierungstreue Kräfte. Sie griffen eine Kolonne an, zu der laut Pentagon ein Panzer, Artillerie, Flugabwehrwaffen, Fahrzeuge und mehr als 60 Soldaten gehörten. Unklar ist, wie viele von ihnen durch den amerikanischen Angriff getötet und verwundet wurden. Das US-Militär hat illegalerweise einen Stützpunkt auf syrischem Gebiet errichtet, um angeblich für den Kampf gegen den IS so genannte „Rebellen“ auszubilden. Letzten Monat hat das US-Militär in demselben Gebiet einen ähnlichen Angriff auf regierungstreue Milizen durchgeführt.

In Wirklichkeit bildet das Pentagon diese Kräfte als Teil der Regimewechsel-Operation gegen Damaskus aus, die Washington seit 2011 betreibt. Al-Qaida-nahe islamistische Milizen dienen ihm dabei als Stellvertreterkräfte.

Die parallel laufenden Kämpfe in Deir al-Zour, Palmyra und al-Tanf machen deutlich, dass Washington faktisch mit dem IS verbündet ist, solange sich seine Angriffe gegen syrische Regierungstruppen richten.

Dem US-Militär geht es in Syrien nicht darum, den IS zu zerstören, der selbst ein Produkt der US-Interventionen in der Region und der Unterstützung der CIA für islamistische Milizen in Libyen und Syrien ist. Vielmehr geht es ihm darum, das syrische Regime zu stürzen und gegen seinen wichtigsten Rivalen in der Region, den Iran, militärisch vorzugehen.

Die aktuelle Krise im Persischen Golf zwischen Saudi-Arabien und Katar verdeutlicht die Doppelzüngigkeit der amerikanischen Politik in der Region. Saudi-Arabien und seine Verbündeten haben eine Blockade gegen Katar verhängt, die nicht weit von einer Kriegserklärung entfernt ist. Am Dienstag hat US-Präsident Trump Riad per Twitter seine Unterstützung signalisiert. Er stellte das Vorgehen gegen Katar so dar, als sei es von der Sorge um die Finanzierung „radikaler Ideologie“ durch das katarische Regime getrieben.

Das ist offenkundiger Unsinn. Das saudische Regime ist selbst der wichtigste ideologische Förderer von Gruppen wie Al-Qaida und dem IS. Saudi-Arabien und Katar haben die islamistischen Milizen, die Syrien zerstört haben, mit Milliarden Dollar unterstützt.

In Katar befinden sich zudem das vorgeschobene operative Hauptquartier des US Central Command, mehr als 8.000 US-Soldaten und der wichtigste US-Luftwaffenstützpunkt in der Region, von dem aus die meisten amerikanischen Luftangriffe geflogen werden.

Die treibende Kraft hinter Trumps demonstrativer Unterstützung für die Kampagne gegen Katar ist die zentrale Bedeutung der Kriegsvorbereitungen gegen den Iran, welche das katarische Regime nicht eindeutig genug unterstützt hat.

Der Vorfall verdeutlicht die Gefahr, dass die US-Interventionen im Irak und Syrien schnell zu einem regionalen Krieg eskalieren könnten, in den nicht nur der Iran hineingezogen wird, sondern auch die Atommacht Russland.

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