Eine verpasste Gelegenheit

Zürcher Landesmuseum zeigt: „1917 Revolution. Russland und die Schweiz“

Von Marianne Arens
12. Juni 2017

Im Zentrum von Zürich läuft noch bis zum 24. Juni die Ausstellung „1917 Revolution. Russland und die Schweiz“. Das Gemeinschaftsprojekt des Zürcher Landesmuseums mit dem Deutschen Historischen Museum wird in abgewandelter Form ab Oktober auch in Berlin zu sehen sein.

Das Landesmuseum Zürich

Die Ausstellung ist interessant, jedoch äußerst widersprüchlich. Zahlreiche sehenswerte Objekte, Fotografien, Dokumente und Kunstwerke aus der Periode von 1900 bis 1933 werden leider in einem von antikommunistischen Vorurteilen geprägten Rahmen präsentiert. Dem zufolge habe die bolschewistische Revolution zwangsläufig den stalinistischen Totalitarismus hervorgerufen. Eine Alternative habe es nicht gegeben, und deshalb sei das kommunistische Experiment ein für alle Mal zum Scheitern verurteilt.

Von der „Verheißung“ zur „Jahrhundert-Mitternacht“

Der Besucher durchwandert nacheinander sieben Räume. Die erste Station heißt „Verheißung“; sie soll Aufbruch und Hoffnung zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts darstellen: Hier sind Karl Marx‘ „Kapital“ und das „Kommunistische Manifest“ – auch in russischer Fassung – neben Kunstwerken der russischen Avantgarde ausgestellt, darunter Bilder von Chagall über Malewitsch bis zu Liubow Popowa, Konterreliefs von Tatlin und Kostümentwürfe für Djagilews Ballets Russes in Paris.

Ausschnitt aus „Verheißung“ (Foto: Schweizerisches Nationalmuseum)

Darauf folgt „das Zarenreich“ – ein dunkel gehaltener Raum, von dem sich die Preziosen der Romanows in gleißendem Gold abheben. Neben Ikonen, Fabergé-Eiern und Uhren des Schweizer Emigranten Heinrich Moser wird auch ein Ausschnitt aus dem Film „Tsar to Lenin“ (Mehring-Verlag) über das abgehobene Leben der Zarenfamilie gezeigt. Umrahmt wird der zaristische Prunk von einer Darstellung des riesigen Vielvölkerstaats und seiner Armut. Es gibt Fotos der Bauern und von antisemitischen Pogromen und ein Bild („Die Erschießung“ von Sergej Iwanow), das die blutige Unterdrückung der Revolution von 1905 darstellt.

Als Kontrast dazu begegnet uns im nächsten Raum das offenbar heile „Exilland Schweiz“ vor hundert Jahren: Es wird als kleine, weltoffene und landschaftlich schöne Republik dargestellt, als Sehnsuchtsort für Touristen und als Zuflucht für russische politische Flüchtlinge, jüdische Emigranten und Studentinnen, die im Zarenreich nicht studieren durften, in Zürich aber schon.

Hier begegnen wir Lenin und Trotzki, die uns kurz auf persönlichen Fotosäulen vorgestellt werden. Gleiche Säulen sind auch den Schweizer Sozialisten Robert Grimm und Fritz Platten gewidmet. Ein Räumchen erinnert an die internationale sozialistische Konferenz von Zimmerwald (1915), mit Postkarten des damaligen Kurorts und einer Präsenzliste der Teilnehmer. Vor einem zweiten solchen Räumchen steht ein Schreibtisch, an dem Lenin angeblich in Zürich gearbeitet haben soll. In der Kemenate dahinter sind Reminiszenzen an Lenin aus seiner Zeit an der Spiegelgasse 14 aufgereiht: Seine Ausleihscheine für Bücher aus den Schweizer Bibliotheken, eine Ausgabe der Iskra von 1902, ein russisches Teeglas …

Aus dem „Exilland Schweiz“ wird der Besucher an einem hundertjährigen Maschinengewehr vorbei durch einen Korridor hindurchgeführt, der in Form von Fotografien sowohl den ersten Weltkrieg als auch den Auftakt der russischen Revolution abhandelt. Und schon landet man im Herzstück der Ausstellung: der Russischen Revolution von 1917.

Zur Einleitung steht im Text an der Wand der Satz geschrieben: „Gegen große Widerstände errichten die Bolschewiki einen bürokratisch-autoritären Staat.“ Und das „Bürokratisch-Autoritäre“ wird durch eine neue Ausstellungsform in diesem Saal verdeutlicht: Sämtliche Ausstellungsobjekte sind auf etwa zwanzig grauen, in Reih und Glied stehenden Schreibtischen verteilt, die der Form nach „Lenins Schreibtisch“ in Zürich ähneln, nur kleiner. Grelles Neonlicht leuchtet den Saal aus, der konisch auf eine überlebensgroße schwarze Lenin-Statue zuläuft.

In Lenins „bürokratisch-autoritärem Staat“ (Foto: Schweizerisches Nationalmuseum)

Im Widerspruch zu dieser eintönigen Formensprache stehen die Ausstellungsobjekte und Dokumente; sie verdienen es, genauer studiert zu werden. Hier ist das Originalmanuskript von Lenins „Aprilthesen“ ausgestellt, dort kann man Originalaufnahmen einer Rede Lenins hören. Auch das „Dekret über den Frieden“ der Oktoberrevolution vom 26. Oktober 1917 und viele weitere Dokumente sind hier zu sehen.

Ein interessantes Bild zeigt die Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk: Auf der einen Seite die deutsche Generalität in Uniform, Dekor und Rangabzeichen. Auf der andern – Arbeiter, die ganz offensichtlich einer völlig andern Klasse angehören als ihr Gegenüber. Der Verhandlungsführer von Brest-Litowsk (Leo Trotzki) ist jedoch abwesend, wie er überhaupt ab jetzt kaum noch vorkommt. An der Wand hängen zwei große Ölbilder von Isaak Brodski, eins von Lenin (1925) und das andere von Stalin (1926).

Darum herum, teilweise in besonderen Räumlichkeiten, sind herausragende Objekte der Sowjetkultur zu betrachten: eine Serie von Schwarzweißaufnahmen Alexander Rodtschenkos, daneben sein berühmtes Plakat einer Frau, die mit der Hand am Mund ausruft: „Knigi“ (Bücher), oder eine Fotomontage von Gustav Klucis. In den Kästen Kleinskulpturen und Porzellan mit Sowjetdekor. Auch ein Teller mit einem Trotzki-Portrait ist zu sehen; es ist durch Überklebung verdeckt und halb wieder sichtbar gemacht. Wir treffen auf Architekturmodelle, darunter das Modell von Wladimir Tatlins Denkmal der III. Internationale (1919-1920), sowie Filmausschnitte berühmter sowjetischer Kinofilme. Auf großer Leinwand läuft die Treppensequenz von Odessa aus Sergej Eisensteins „Panzerkreuzer Potemkin“.

Modell von Wladimir Tatlins Denkmal der III. Internationale (Foto: Schweizerisches Nationalmuseum)

Der zweitletzte Raum bringt uns wieder in die Schweiz zurück, wo wir in der unmittelbaren Nachrevolutionszeit landen. Eine Wand ist dem Landesstreik vom November 1918 gewidmet: Wir erfahren, dass sich eine Viertelmillion Menschen an dem Generalstreik beteiligt hatten und dass die Schweizer Armee Maschinengewehre in den Stadtzentren postierte. Auslöser war eine Kundgebung zum Jahrestag der Oktoberrevolution in Zürich, an der sich 7000 Personen beteiligt hatten.

Eine Fotoreihe dokumentiert die Ausweisung der russischen Botschafter durch die Schweizer Regierung: Eine Dragonerschwadron begleitet einen offenen Wagen, in dem Angelica Balabanowa sitzt. Von jetzt ab bestimmt offener Antikommunismus die Beziehungen der Schweizer Regierung zur Sowjetunion. An einer Wand prangen die Wahlplakate der Freisinnigen Partei, die den Bolschewismus als bluttriefendes, teuflisches Monster ins Bild setzen. Gegenüber die Plakate der neu gegründeten KPS mit dem Aufruf, Lenins Weg zu folgen.

Den Epilog bildet schließlich im letzten Raum eine Sammlung von Büchern enttäuschter ehemaliger Kommunisten, beispielsweise Arthur Köstlers „Mitternacht im Jahrhundert“, deren Schlüsselpassagen man sich anhören kann. Das Fazit dazu im Ausstellungskatalog lautet: „Die Revolution steht nicht mehr auf der Tagesordnung – weder in der Theorie noch in der Politik noch in der Kunst.“

Falsche und ahistorische Aussage

Die Aussage dieser Ausstellung lautet, dass die Oktoberrevolution, dieser bolschewistische „Staatsstreich“, offenbar einer bürokratischen und autoritären Diktatur zum Durchbruch verholfen und einer hoffnungsvollen Avantgarde den Garaus gemacht habe. Von der Ankunft Lenins in Petrograd führe demnach eine direkte Linie zum totalitären Stalinismus.

Diese falsche und ahistorische Auffassung dringt immer wieder durch, zum Beispiel bei der Vorstellung Fritz Plattens, des Schweizer Kommunisten, der im April 1917 Lenins Reise durch Deutschland organisierte. Im Katalog heißt es über Platten: „1923 wandert er in die Sowjetunion aus und wird 1942 im Zuge der Stalinistischen Säuberungen ermordet.“

Fritz Platten (Bild: Universitätsbibliothek Basel, Handschriften und Alte Drucke)

Der Zürcher Tagesanzeiger schreibt, Plattens Schicksal sei exemplarisch dafür, dass „das Feuer und die Begeisterung für die vermeintlich gute Sache … auch dann noch an[hielten], als neue Formen der Ungerechtigkeit und Ausbeutung Programm wurden“. War also Plattens Kampf für die russische Revolution und die soziale Weltrevolution ein entsetzliches Missverständnis, und war er selbst ein naiver, irregeleiteter Idealist?

In Wirklichkeit ist Plattens Engagement für die internationale Arbeiterklasse bis heute beispielhaft. Er nahm in Zimmerwald für die revolutionäre Minderheit Partei, er organisierte im April 1917 Lenins Reise durch Deutschland und rettete diesem ein Jahr später bei einem Attentatsversuch das Leben. Platten gründete und organisierte in Russland mehrere landwirtschaftliche Musterkommunen, die in ihrer Art neu und einzigartig waren. Wie so viele Kommunisten, aber auch zahlreiche Künstler und Arbeiter, geriet er in den 1930er Jahren in das Räderwerk der stalinistischen Säuberungen.

Ähnlich erging es den meisten Vertretern der in der Ausstellung erwähnten Avantgarde. Malewitsch, Majakowski, Tatlin und viele andere mehr stellten sich ohne zu zögern auf die Seite der Russischen Revolution. Ihre beste und produktivste Schaffensphase hatten sie in der Zeit kurz vor und nach der Gründung der Sowjetunion, als sie sich mit Leib und Seele für den ersten Arbeiterstaat der Welt einsetzten. Was sie an Neuem schufen, ist bis heute richtungsweisend.

Alexander Rodtschenko, „Knigi“ (Bücher), 1925. (Bild: Russische Staatsbibliothek, Moskau. © A. Rodchenko & V. Stepanova Archive / 2017, ProLitteris, Zurich)

Diese Entwicklung schlug erst in ihr Gegenteil um, als die Weltrevolution als Ganzes zu einem Halt gekommen war – nicht in Petrograd oder Moskau, sondern in Berlin, wo die deutsche Revolution an der Schwäche der revolutionären Partei scheiterte und ihre Führer Luxemburg und Liebknecht ermordet wurden. In der Folge dieser Niederlage und nach Lenins Tod 1924 wurden die revolutionären Marxisten in Russland Schritt für Schritt von der Macht verdrängt. An ihre Stelle trat eine nationalistische Bürokratie unter Stalin, die die Arbeiter unterdrückte. In dem durch Krieg und Bürgerkrieg geschwächten Land konnte Stalin auf der Grundlage von Isolation, Armut und Rückständigkeit die Arbeitermacht usurpieren. Zehn Jahre später liquidierte er seine Gegner in den Moskauer Prozessen und vernichtete eine ganze Generation sozialistischer Internationalisten durch die stalinistischen Säuberungen. Leo Trotzki, die Verkörperung der Alternative zum Stalinismus, wurde 1940 in Mexiko ermordet.

Die Ausstellung zeigt selbst mehrere Beispiele für den schroffen Gegensatz der Stalinzeit zur Anfangszeit unter Lenin und Trotzki: Da steht zum Beispiel das Modell, das der Schweizer Architekt Le Corbusier beim Wettbewerb für den Bau eines Sowjetpalastes in Moskau 1930 einreichte. Gewonnen hat aber der Entwurf Boris Iofans: ein monumentaler, historisierender Riesenbau mit gigantischer Leninstatue auf dem Dach. Wir erfahren, dass Le Corbusier und der Congrès international d’architecture moderne (CIAM) gegen das Siegerprojekt in einem offenen Brief an Stalin protestierten.

Wie haben die Architekten ihren Protest gegen Stalins monströsen Siegerentwurf begründet? Im Brief heißt es, Iofans Projekt sei „eine Beleidigung des Geists der Russischen Revolution“. Also brachten um 1930 herum die jungen, aufgeschlossenen Architekten Europas den „Geist der Russischen Revolution“ ohne Zögern mit einem Geist in Verbindung, der sich am Modernen, Zweckdienlichen und Menschlichen orientierte, und den Stalin verletzte. Waren das auch alles naive Träumer?

Boris Iofan, Entwurf für den Sowjetpalast, 1933–1934. Kohle auf Papier, 186 x 203 cm. (Bild: Tchoban Foundation, Berlin)

Solche Fragen werden zwar auf der Ausstellung provoziert, aber niemals weiter entwickelt. Die ideologischen Vorbehalte sind zu stark, als dass die Frage einer möglichen Alternative zum Stalinismus hier laut werden könnte. Sie wird übertüncht durch eine eklektische Ansammlung sehr verschiedenartiger Themen und Objekte, die im Grunde völlig oberflächlich nebeneinander gestellt werden.

Dies kommt am deutlichsten in den Abteilungen über die Schweiz zum Ausdruck. Wer hier erwartet hat, Näheres über Lenin in Zürich zu erfahren oder einen Einblick in die historischen internationalen Versammlungen in Zimmerwald und Kiental zu gewinnen, wird schwer enttäuscht. Einige Fotos, ein alter Schreibtisch, mehrere Postkarten, russische Publikationen und ein Teeglas – die Ausbeute kann wirklich nur als ärmlich bezeichnet werden.

In dieser Hinsicht ist die Ausstellung eine verpasste Gelegenheit. Sie fällt auch gegenüber andern Ausstellungen – zum Beispiel 2015 in Schwarzenburg zur Zimmerwalder Konferenz, oder auch 2012 in Basel zu Tatlins Werk – stark ab. Die Zürcher Ausstellung verzichtet darauf, das legendäre Café Eintracht in Szene zu setzen, in dem die Emigranten so viele schicksalshafte Diskussionen geführt hatten, und sie geht nicht einmal auf die historische Versammlung im Volkshaus ein, wo Lenin im Januar 1917 den Vortrag über die Revolution von 1905 gehalten hatte. Sie präsentiert keine einzige der Aufnahmen, die das Schweizer Radio 1967 mit Zeitzeugen gemacht hatte, die fünfzig Jahre zuvor junge Sozialisten waren und Lenin in Zürich kennengelernt hatten. Es gibt in der Schweiz eine Fülle an Dokumenten, doch die Ausstellung hat sie ignoriert.

Dieses bewusste Wegschauen ist ideologisch motiviert. Das macht auch der Begleitband zur Ausstellung deutlich, der unter dem Titel „Russland und die Folgen“ eine Reihe von Historiker-Essays präsentiert. An erster Stelle steht dort Jörg Baberowski, der rechtsradikale Geschichtsprofessor von der Humboldt-Universität, der gerade mit seiner Klage gegen den Bremer Asta gescheitert ist (der Baberowskis Behauptung, „Hitler war nicht grausam“, kritisiert hatte). In seinem Essay „Die Russische Revolution und die Neuordnung der Welt“ stellt Baberowski Behauptungen wie diese auf: „Im Ausnahmezustand, im Raum der Gewalt, den die Revolution eröffnet hatte, konnten die Bolschewiki ihre Vision von der neuen Welt mit äußerster Brutalität ins Werk setzen“; „Russland verging im Strudel der Gewalt“; „So gesehen war die Russische Revolution die Geburtsstunde der totalitären Diktatur, die dem 20. Jahrhundert ihr eigentliches Signum gab“, etc., etc.

„So gesehen“ gibt es, folgt man Baberowski, eigentlich gar keinen Grund, warum man der Russischen Revolution eine Ausstellung widmen sollte. Diese Meinung teilen sicherlich nicht alle an der Ausstellung beteiligten Historiker. Doch ihr Pessimismus und die Zweideutigkeit und Oberflächlichkeit der Ausstellungsmacher erlauben es derart antikommunistischen Hetzern, mit ihrer Version durchzudringen.

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