Opel-Chef Neumann zurückgetreten

Von Dietmar Henning
16. Juni 2017

Der Rücktritt von Opel-Chef Karl-Thomas Neumann und die Ernennung des bisherigen Finanzchefs Michael Lohscheller zu seinem Nachfolger lässt nichts Gutes für die 38.000 Opel- und Vauxhall-Arbeiter erwarten. Sie müssen mit Arbeitsplatzabbau und Lohnkürzungen rechnen. Denn der Wechsel an der Opelspitze steht offenbar mit der Forderung des französischen PSA-Konzerns (Peugeot/Citroën) nach Milliarden-Einsparungen in Verbindung.

Neumann trat am Montag als Vorsitzender der Geschäftsführung von Opel zurück, nachdem die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung tags zuvor über seinen bevorstehenden Rücktritt berichtet hatte. Neumann schrieb über Twitter, dass er Mitglied der Geschäftsführung bleibe, bis der Verkauf der General-Motors-Tochter an PSA abgeschlossen sei. Das wird in der zweiten Jahreshälfte erwartet.

Der Elektroingenieur Neumann leitete die europäische Tochter von GM seit 2013. Durch aufwendige Werbekampagnen stabilisierte er die Verkaufszahlen von Opel, konnte aber dennoch keine Gewinne erwirtschaften. Nachdem der Verkauf an PSA beschlossen war – er selbst soll lange Zeit nicht eingeweiht gewesen sein –, hatte er vor, Opel komplett neu zu positionieren. Die neue PSA-Tochter sollte sich vollständig auf die zukunftsträchtige Elektromobiliät konzentrieren. Neumann hatte schon vor seiner Zeit bei Opel für Volkswagen Elektroantriebe entwickelt.

Doch offensichtlich hat PSA-Chef Carlos Tavares nicht vor, bei Opel die dafür notwendigen Milliardeninvestitionen zu tätigen. Vielmehr machte er erneut deutlich, dass Opel spätestens 2020 wieder Gewinne erzielen müsse. Der Frankfurter Allgemeinen Zeitung sagte er: „Da muss man offen und ehrlich sein: Das Einzige, was Mitarbeiter schützt, ist Gewinn.“

Tavares fordert, dass bereits 100 Tage nach der Übernahme ein ausgearbeiteter Plan vorliegt, wie jährlich rund 1,7 Milliarden Euro eingespart werden können, um bis 2020 wieder Profite zu erzielen. „Es sind alle Führungskräfte eingeladen, mit mir den Weg zu gehen. Sie müssen nur wissen, dass es so wie bisher nicht bleiben kann“, sagte er laut F.A.Z.

Dass der bisherige Finanzchef Lohscheller nun Neumann ablöst, zeigt, dass PSA bei Opel nicht auf kostspielige „Zukunftsvisionen“ setzt, sondern einzig und allein auf schnellen Profit. Insofern ist der neue Opel-Chef Lohscheller der Richtige. Der Diplom-Kaufmann gehört dem Opel-Vorstand seit 2012 an, seit Juli 2014 ist er Finanzchef. Schon vor 2012 hatte er jahrelang in der Automobilbranche gearbeitet, bei Daimler, Mitsubishi und Volkswagen. Bei VW war er unter anderem Finanz-Chef in den USA, „just übrigens zu der Zeit, als die VW-Ingenieure die Dieselmotoren mit Betrugssoftware ausstatteten“, schreibt die Süddeutsche Zeitung.

Tavares ließ mitteilen: „Meine persönliche Zusammenarbeit mit Michael Lohscheller ist sehr positiv und vertrauensvoll.“ Dieser besitze ein umfangreiches Wissen über die Marken Opel und Vauxhall sowie den Automarkt. Entsprechend freue er sich, gemeinsam mit Lohscheller „an der Neuausrichtung von Opel als eine werthaltige Marke mit deutschen Wurzeln innerhalb der Groupe PSA zu arbeiten“. Tavares fordert von den Opel- und Vauxhall-Werken eine Umsatzrendite von sechs Prozent.

IG Metall und Betriebsrat arbeiten bereits daran, die Sparvorgaben umzusetzen. Die IG Metall schreibt auf ihrer Website, eine Schlüsselfunktion für die Zukunft sehe „der Betriebsrat in Skaleneffekten durch die Nutzung von gleichen Teilen und gemeinsamen Plattformen“ im Konzernverbund. „Dadurch können Autos profitabler produziert werden.“

Die Arbeiter werden mit der Behauptung beruhigt, die Berichte über Jobabbau und Werksschließungen seien von den Medien erfundene „Horrorszenarien“. In Wirklichkeit sicherten die Tarifverträge der IG Metall Arbeitsplätze und Werke ab: „Keine betriebsbedingten Kündigungen bis 2018.“ Die Standorte hätten eine Garantie bis 2020.

Mit anderen Worten: Das „Horrorszenario“ Werksschließung ist in drei bis vier Jahren möglich, der Jobabbau beginnt spätestens in eineinhalb Jahren. Aus Betriebsratskreisen erfuhr die WSWS, dass man schon in diesem Jahr mit einem Jobabbau über Abfindungsangebote rechne. Demnach sei ein „gewaltiger Stellenabbau“ unvermeidlich, wenn PSA jedes Jahr 1,7 Milliarden Euro einsparen wolle.

Gewerkschaft und Betriebsrat haben sich seit Jahren als verlässliche Partner des Vorstands und der Kapitalinteressen erwiesen. Der scheidende Neumann wird vom ehemaligen Opel-Gesamtbetriebsratschef Klaus Franz als „äußerst fähiger Automanager“ bezeichnet, der den direkten Draht zu den Mitarbeitern suche. „Er hatte den vollen Rückhalt der Opelaner.“ Gemeint sind der Betriebsrat und die IG Metall.

Den gleichen Rückhalt wird auch Neumanns Nachfolger Lohscheller von den Betriebsräten und der Gewerkschaft erhalten. Anfang des Monats haben sie ihren Segen zum Zusammenschluss mit PSA gegeben. Alle Tarifverträge lägen unterschrieben vor, teilte der Opel-Gesamtbetriebsratsvorsitzende Wolfgang Schäfer-Klug mit. Dem Betriebsübergang stehe „aus unserer Sicht nichts entgegen“.

Tavares hatte vor einigen Monaten bei der Bekanntgabe der Übernahme „die Zusammenarbeit und das gute Verhältnis zu den Arbeitnehmervertretern“ als „Wettbewerbsvorteil“ gelobt. Und Betriebsratschef Schäfer-Klug hatte zusammen mit IG Metall-Chef Jörg Hofmann eine Erklärung verfasst, in der die Gewerkschafter ihrerseits die „vertrauensvolle Zusammenarbeit“ mit dem neuen Vorstand preisen. Ihr Ziel ist das gleiche wie das von Tavares, Autos profitabler zu produzieren. Sie unterstützen die Opel-Übernahme durch den PSA-Konzern.

Das wird sie allerdings nicht daran hindern, lautstark auf „die Franzosen“ zu schimpfen, wenn sich Widerstand gegen den Arbeitsplatzabbau regt, und zu fordern, dass die Peugeot-Werke in Frankreich geschlossen werden. Arbeiter sollten sich nicht in diese nationalistische Falle locken lassen. Sie dient einzig dazu, die deutschen Arbeiter von ihren französischen Kollegen zu spalten, um die Angriffe besser durchführen zu können.

Der Zusammenschluss von PSA und Opel ist Teil eines gewaltigen Umbruchs auf dem europäischen Automarkt. Die Konzerne rüsten sich für den von US-Präsident Donald Trump ausgerufenen Handelskrieg mit Fusionen und Übernahmen, die zehntausende „Überkapazitäten“ abbauen sollen. Hinzu kommt der Arbeitsplatzabbau, den die bevorstehende Umstellung auf Elektromotoren mit sich bringen wird.

In Deutschland ist jeder siebte Arbeitsplatz von der Autoindustrie abhängig. Mit der Übernahme Opels wird PSA mit weltweit 180.000 Beschäftigten zum zweitgrößten Autokonzern Europas nach Volkswagen aufsteigen. Opel/Vauxhall beschäftigt noch etwa 38.000 Arbeiter in sieben europäischen Ländern, etwa die Hälfte davon in Deutschland. Hier hat Opel aktuell Produktionsstandorte in Eisenach, Kaiserslautern und Rüsselsheim, wo auch das Forschungszentrum mit über 7000 Mitarbeitern steht.

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