USA wollen weitere 5000 Soldaten nach Afghanistan schicken

Von Jordan Shilton
19. Juni 2017

US-Verteidigungsminister James „Mad Dog“ Mattis will die Truppenstärke in Afghanistan erhöhen. In den nächsten Wochen will er offenbar bis zu 5000 zusätzliche US-Soldaten nach Afghanistan schicken.

Dieser Schritt, dem Präsident Donald Trump ausdrücklich zugestimmt hat, bedeutet eine dramatische Eskalation des bisher längsten Kriegs in der Geschichte der USA. Im Afghanistankrieg sind bisher schon tausende US-Soldaten und hunderttausende afghanische Zivilisten gestorben. Mehr und mehr wird die ganze Region mit hineingezogen.

Das krisenhafte amerikanische Marionettenregime in Kabul braucht die zusätzlichen Truppen dringend als Verstärkung im Kampf gegen die wachsende Aufstandsbewegung unter Führung der Taliban. Diese islamistische Gruppe, die laut konservativen Schätzungen etwa 40 Prozent des afghanischen Staatsgebiets kontrolliert, hat eine neue Offensive begonnen.

Wie Mattis letzte Woche bei einer Anhörung vor dem Militärausschuss des Senats zugab, sieht die Lage in Afghanistan für den US-Imperialismus nicht gut aus. Mattis erklärte: „Momentan bewegen wir uns in Afghanistan nicht auf einen Sieg zu“, allerdings versprach er, dies „so schnell wie möglich zu ändern“. Und weiter: „Wir werden deutlich von unsrer Methode in den letzten Jahren abrücken müssen.“ Letztere Aussage war eine klare Kritik an der Entscheidung der Obama-Regierung, die Truppenstärke in Afghanistan auf derzeit 9800 zu verringern.

Die Regierung in Washington wird vermutlich nicht nur selbst zusätzliche Truppen schicken, sondern auch ihre Nato-Verbündeten drängen, ihre Präsenz zu verstärken. Momentan befinden sich etwa 5000 Soldaten der Nato-Mächte in Afghanistan.

Die korrupte Regierung von Präsident Ashraf Ghani ist allgemein verhasst. Ihre Autorität reicht kaum über die Hauptstadt hinaus, und selbst dort kommt es regelmäßig zu Selbstmordanschlägen und anderen bewaffneten Angriffen. Ende Mai wurden bei einem schweren Selbstmordanschlag im Botschaftsviertel von Kabul mindestens 90 Menschen getötet.

Am 15. Juni ereignete sich ein Selbstmordanschlag auf eine schiitische Moschee in der Hauptstadt mit mindestens sechs weiteren Todesopfern.

Die afghanischen Streitkräfte, die für Milliarden Dollar ausgebildet und ausgerüstet wurden, können den Aufstand nur mit großer Mühe eindämmen. Letztes Wochenende starben drei amerikanische Soldaten, als ein Taliban-Sympathisant, der sich ins Militär eingeschlichen hatte, während einer Übung das Feuer auf sie eröffnete.

Die afghanischen Truppen müssen hohe Verluste hinnehmen. Alleine für die ersten zwei Monate des Jahres 2017 sind über 800 Todesopfer dokumentiert. Der bisher blutigste Angriff der Taliban seit Beginn des Kriegs ereignete sich im April: Beim Angriff auf eine Militärbasis im Norden des Landes wurden etwa 200 afghanische Soldaten getötet.

Die zusätzlichen US-Soldaten sollen offiziell bei den afghanischen Einheiten als „Berater“ eingesetzt werden. Allerdings ist schon jetzt klar, dass sie zunehmend auch an Kampfeinsätzen teilnehmen werden. Laut einem Bericht der New York Times vom Dienstag hoffen die Befürworter der Stationierung, dass die geplante Verstärkung den amerikanischen Soldaten ermöglicht, ihre afghanischen Mitkämpfer näher im Frontbereich zu „beraten“. Auch fordern sie mehr Luftschläge gegen afghanische Ziele.

Im Irak und in Syrien führen Spezialeinheiten schon heute ähnliche „Beratermissionen“ bei den Kämpfen durch und setzen Artillerie gegen zivile Wohngebiete in Rakka und Mossul ein. Sie verwenden dabei völkerrechtswidrige Waffen, zum Beispiel weißen Phosphor, was schon tausende unschuldige Todesopfer gefordert hat. Präsident Trump hatte Anfang des Jahres beschlossen, den Kommandanten vor Ort mehr Freiheiten bei der Durchführung von Operationen zu lassen. Dass er diese Entscheidung jetzt auch auf Afghanistan ausdehnt, wird ähnliche Ergebnisse nach sich ziehen.

Die Ausweitung der Luftangriffe wird zu weiteren Todesopfern führen. Vor nur zwei Monaten setzten die USA in einer abgelegenen Bergregion im Osten des Landes, kurz vor Beginn der Friedensverhandlungen mit den Taliban unter russischer Vermittlung, ihre größte nicht-nukleare Bombe ein. Dieser Einsatz sollte eindeutig eine Warnung an ihre geopolitischen Rivalen und ein Zeichen ihrer Entschlossenheit sein, ihre Vorherrschaft über Afghanistan mit allen Mitteln aufrechtzuhalten.

Laut Statistiken der US Air Force hat sich die Zahl der Luftangriff bereits erhöht. In den letzten vier Monaten flogen amerikanische Luftstreitkräfte so viele Einsätze wie zuletzt im Sommer 2014.

Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 diente Washingtons Intervention in Afghanistan unter dem Vorwand des „Kriegs gegen den Terror“ vor allem dazu, die geostrategische Hegemonie der USA in der wichtigen Region Zentralasien zu festigen. Durch ihre Kontrolle über Afghanistan befinden sich die USA in unmittelbarer Nähe zu den rohstoffreichen ehemaligen Sowjetrepubliken nördlich des Landes und in Reichweite zu China, Russland und dem Iran, ihren wichtigsten Rivalen im Kampf um die Vorherrschaft in der Region.

Der ehemalige General und Oberbefehlshaber der US-Truppen in Afghanistan und im Irak, David Petraeus, gab dem Fernsehsender PBS vor kurzem ein Interview, in dem er auf diese Erwägungen einging. Er bezeichnete die jüngste Truppenstationierung als „ermutigend“ und betonte, die USA müssten sich an den Grund ihrer Intervention erinnern. „Das ist der Kampf einer ganzen Generation“, sagte Petraeus. „Es wird nicht in ein paar Jahren zu gewinnen sein.“ Er verglich den Einsatz in Afghanistan mit der US-Präsenz in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg und in Südkorea nach dem Koreakrieg.

Die New York Times brachte einen Leitartikel, in dem sie ihre typische Kriegshetze verbreitet und Trump dazu auffordert, die Verantwortung für den sechzehnjährigen Konflikt zu übernehmen: „Mr. Trump, Afghanistan ist jetzt Ihr Krieg.“

Die drohende Eskalation des Kriegs in Afghanistan wird die Krise des US-Imperialismus noch verschärfen. Selbst entschiedene Kriegsbefürworter wie der Republikanische Senator John McCain mussten während Mattis‘ Aussage vor dem Senat zugeben, dass die Trump-Regierung noch keinen strategischen Plan für Afghanistan vorgelegt hat.

Mattis kündigte an, er werde bis Mitte Juli eine Strategie vorlegen. Für die Zwischenzeit versprach er jedoch Übergangsmaßnahmen wie eine mögliche Truppenverlegung, um das „Vordringen“ der Taliban aufzuhalten.

Die Times wies darauf hin, dass die Entwicklung einer Strategie für Afghanistan durch die Ausweitung der Diskussionen in Washington zusätzlich erschwert wird. Bei diesen Diskussionen geht es mittlerweile auch um die Haltung der USA gegenüber Pakistan, das lange Zeit eine sichere Zuflucht für die Taliban und andere islamistische Kämpfer darstellte.

Die Beziehungen zwischen Pakistan und Afghanistan sind angespannt. Im Mai starben mindestens zwölf Menschen bei Zusammenstößen an der umstrittenen Grenze dieser zwei Länder. Afghanische Regierungsvertreter gaben Pakistan eine Mitverantwortung für den Selbstmordanschlag mit 90 Todesopfern in Kabul Ende Mai, legten aber keine Beweise dafür vor. Afghanistan behauptet zudem, Pakistan unterstütze das Taliban-nahe Hakani-Netzwerk. Islamabad wiederum behauptet, sein Nachbarstaat würde die pakistanischen Taliban unterstützen.

Gleichzeitig haben sich die amerikanischen Beziehungen zu Pakistan verschlechtert. Im Kalten Krieg hatten die beiden Länder eng zusammengearbeitet, doch seit einigen Jahren umwirbt die US-Regierung Indien als strategischen Partner im Versuch, China einzukreisen und zu isolieren. Das indische und das US-Militär haben Partnerschaftsabkommen ausgehandelt, und Washington hat Neu-Delhi dazu ermutigt, seine Autorität in der Region zu behaupten. Pakistan reagierte darauf mit wachsender Besorgnis und setzte zunehmend auf Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zu China. In den letzten Monaten haben sich die Spannungen zwischen Indien und Pakistan so stark verschärft, dass ein Krieg zwischen den beiden rivalisierenden südasiatischen Atommächten droht.

Laut der Times muss die Trump-Regierung bei der Überarbeitung ihrer Strategie also auch berücksichtigen, wie der Konflikt zwischen Islamabad und Neu-Delhi beschwichtigt werden kann. Somit hat sich die kritische Prüfung der Afghanistan-Strategie „in eine kritische Prüfung der amerikanischen Südwestasienpolitik verwandelt“.

Dies zeigt einmal mehr, wie verantwortungslos der US-Imperialismus vorgeht. Während er den Konflikt in Afghanistan verschärft, sind die Pläne zur Behauptung seiner unangefochtenen Hegemonie in Zentral- und Südasien bereits weit fortgeschritten. Diese Strategie birgt das Risiko eines allgemeinen militärischen Flächenbrands, möglicherweise sogar eines Konflikts zwischen Atommächten.